Archive für Freitag, 1. Mai 2009

Verpasste Chance

Wer hat sich nicht wenigstens einmal noch nach Tagen, Wochen oder gar Jahren über verpasste Chancen geärgert? Situationen, in denen man es verpasst hat, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben? Gestern ist mir wieder eine solche passiert.

Beim Einfahren der U-Bahn fiel mir sogleich eine junge Frau am Fenster auf, die einen tollen Lackregenmantel trug. Sie saß alleine auf einer Bank, auch die Plätze ihr gegenüber waren frei, und die Türen waren gleich hinter ihr. Nach dem Einstieg setzte ich mich ihr vis-à-vis und warf einen Blick auf ihren Mantel, auf ihr Gesicht und wieder zurück.

Um ein Gespräch anzufangen, fragte ich sie, ob ich das Fenster schließen könne. Ich musste meine Frage wiederholen, denn ich sprach recht leise; es musste mich nicht der ganze Wagen hören. Nachdem sie mich verstanden hatte, lächelte sie und sagte: „Ja, natürlich.“

Ich schaute wieder auf ihren Mantel. Auf dem karamellfarbenen Material waren in Dunkelbraun viele kleine Logos eines bekannten Sportartikelherstellers in Form eines stilisierten Blatts gedruckt. Kaum zu glauben: ein Adidas-Regenmantel mit Kapuze! (Ich mache sonst nie Schleichwerbung, aber hier ist es unvermeidlich.)

Ich fragte sie: „Ist der tatsächlich von Adidas?“

„Ja. Aber er ist schon älter. Ich habe ihn vor sechs Jahren gekauft.“

„Ich wusste gar nicht, dass die so was herstellen!“

Wir lächelten uns an und schwiegen. Ich musterte sie, wenn sie gerade irgendwo anders hinschaute, und umgekehrt, wie ich aus meinen Augenwinkeln sah. Sie hatte ein hübsches rundes Gesicht, rötliche Haare, eine leicht füllige Figur und musste etwa Mitte zwanzig sein. Neben sich hatte sie eine große schwarze Tasche platziert, und schwarz waren auch ihre Strickweste, ihr Kleid, die Strumpfhose und die Ballerinas (welch ein Gegensatz, fiel mir auf, ein Regenmantel und Ballerinas: Oben bleibt sie trocken, wenn es regnet, ihre Füße klatschnass!). Als sich unsere Blicke wieder einmal trafen, lächelte sie mich an. Und welch ein sympathisches Lächeln!

Kurz, bevor ich aufstand, um auszusteigen, wünschte ich ihr einen schönen Tag und ein schönes Wochenende. Sie lächelte wieder und bedankte sich, bevor ich zur Tür ging. Dort sah ich auf sie hinunter: Sie hielt ihren Kopf ein wenig gesenkt (mir schien: irgendwie berührt) und nestelte an ihrem Mantel.

Nun sitze ich hier zu Hause und stelle fest, wie blöd ich doch war, in der U-Bahn nicht eine meiner Visitenkarten genommen, „Ich möchte Sie und Ihren Mantel noch einmal in ganz sehen!“ auf die Rückseite geschrieben und ihr gegeben zu haben. Wieder eine verpasste Chance!

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