Hallo!

Über den inflationär gewordenen Gebrauch eines Wortes

Seit einer ganzen Weile fällt dem Autor auf, dass er immer öfter mit einem Hallo begrüßt wird. Nein, nicht von engen Freunden oder guten Bekannten; das ist üblich und keine Notiz wert. Der inflationäre Gebrauch aus dem Munde von eigentlich Fremden aber schon!

Man betritt ein Geschäft und schon schallt uns ein mehr oder weniger fröhliches Hallo entgegen, ebenso an der Kasse eines Supermarkts (hier meist weniger fröhlich), der Marktleiter begrüßt uns als Stammkunde damit, in Kneipen ist es von Bedienungen genauso das Erste, was man hört, wie auch am Telefon von Fremden. In offiziellen, also nicht privaten E-Mails wird man damit angesprochen, begegne ich Nachbarn, höre ich nur noch ein Hallo anstatt wie früher ein „Guten Morgen/Tag/Abend“. Sogar am Arbeitsplatz ersetzt inzwischen anscheinend das Hallo sämtliche tageszeitlich abgestuften Begrüßungen wie etwa das gute alte „Mahlzeit“, dem ich allerdings immer etwas ratlos gegenüberstand: Meist habe ich mit „Danke, gleichfalls!“ geantwortet, aber das wäre eine andere Notiz wert …

Ist das höflich?

Moment mal, denke ich mir, habe ich da etwas nicht mitbekommen? Sind wir denn alle schon näher bekannt, gar intim? Haben oder hatten wir etwas miteinander? Ist das höflich? Zumindest der Wikipedia-Artikel sagt Nein: „Hallo ist im Deutschen ein mündlicher oder schriftlicher, nicht förmlicher Gruß, insbesondere unter Bekannten oder Freunden.“

Hallo, wir sitzen alle im selben Boot!

Soll dadurch also vielleicht eine Nähe provoziert werden nach dem Motto: Wir sitzen alle in einem Boot? Verkaufsfördernde Maßnahmen: Wenn wir uns nahe sind, kaufst du bestimmt etwas (mehr)? Mit einem Hallo als Anrede löschst du die E-Mail nicht sofort, selbst wenn es unerwünschte Werbung ist? Wenn ich dich am Telefon mit einem Hallo begrüße, legst du nicht gleich wieder auf, selbst wenn ich dir einen fiesen Vertrag unterjubeln will? (Hier springt sogar die Frankfurter Rundschau auf ihren Karriereseiten vom 30./31. Mai 2009 auf den Zug, indem sie in ihrem Artikel „Der erste Eindruck zählt“ empfiehlt, sich bei geschäftlichen Anrufen mit „Hallo Frau X, hier ist Frau Y“ zu melden!) Oder einfach nur zu faul, ein paar Silben mehr auszusprechen? (Zur Verwendung eines Kommas bei der schriftlichen Verwendung von Anredeformeln siehe übrigens den Duden-Newsletter vom 13. Januar 2012!)

Mir geht dieses Hallo auf die Nerven!

Mir geht dieses dauernde Hallo inzwischen fürchterlich auf die Nerven, und ich sehne mich zurück nach Zeiten, in denen am Morgen mit „Guten Morgen“, ab etwa mittags mit „Guten Tag“, abends mit „Guten Abend“ und eventuell noch nachts mit einem „Gute Nacht“ gegrüßt wurde, selbst wenn das erste Wort fast immer verschluckt wurde (auf „Morgen“ habe ich dann oft mit der Nennung des folgenden Wochentags geantwortet, aber auch das wäre …).

Begrüße ich Sie, eine wildfremde Person, etwa mit „Grüß‘ dich“, „Na, mein Bester“, „Ei Gude, wie?“ oder „Na, altes Haus“?

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Über Ronald

Kein Selbstdarsteller, aber auf Stellensuche, daher: Schriftsetzer, Korrektor/Lektor, Weiterbildungen zum Mediengestalter/Desktop-Publisher und zum Online-Redakteur. 11 Semester Germanistik, viele Jahre Erfahrung als Schauspieler und als Sprecher sowie als Perkussionist brasilianischer Musik und als Fußball-Torwart. Mehr? Seite „Zum Autor“!

Kommentare

Hallo! — 5 Kommentare

  1. Ja, selbst ich, die ich ja einige Jahre jünger bin, finde ein Hallo oft wirklich unangebracht und störend. Wobei ich es erschreckender finde, wenn ich schräg angeschaut werde, weil ich jemanden mit „Grüß Gott“ oder „Guten Tag“ begrüße…Naja, daran muss man sich wohl gewöhnen, aber es wirkt einfach…respektlos!

    • Die Zeiten ändern sich; heutzutage wirkt das „Guten Tag“ für viele, gerade jüngere Menschen antiquiert und (seltsamerweise!) unpersönlich. Ein „Hallo“, finde ich, ist aber keine Alternative dazu. Übrigens grüßte mich gerade vorhin der Verkäufer in meinem Stamm-Tabakladen wie üblich mit „Grüß Gott“. Selbst diese Möglichkeit finde ich akzeptabel, allerdings gefällt das dann Atheisten nicht. Man kann es halt niemandem recht machen …

  2. Ich habe mich bisher wenig über Pro & Contra des „Hallos“ auseinander gesetzt. Aber bis jetzt bin ich definitiv Anhänger des Hallos. Ich bin ein sehr offener Mensch und verabscheue ein kühles Auftreten gegenüber meinen Mitmenschen. Wobei ich denke, das Hallo kann hier nicht einfach so über einen Kamm geschoren werden.
    Es ist besonders situationsabhängig. Ich habe Kontakt mit Bürgern, welche meist Anliegen haben, also etwas von mir wollen. Ein freundliches Hallo finde ich hier viel angebrachter, als ein (meiner Meinung nach) kühl wirkendes Guten Tag. Allerdings bevorzuge auch ich das Guten Tag, wenn ich merke, mein Gegenüber ist weniger eingeschüchtert, verklemmt sondern macht eher den gegenteiligen Eindruck.
    Was das Verhalten zu Mitarbeitern angeht bin ich ganz klar für ein Hallo (Vorgesetzte vielleicht ausgeschlossen). Menschen in Supermärkten etc. begrüße ich auch meist mit einem freundlichen Hallo. Lediglich am Telefon nutze ich Floskeln wie Schönen guten Tag/Abend, meine Name ist …
    Ansonsten bin ich Anhänger des Hallos, weil es einen offenen, zugänglichen Eindruck vermittelt. Es wirkt nicht so steif, es wirkt locker, umgänglich. Das ist natürlich nicht immer angebracht. Dann sollte man wieder auf das gute Guten Tag/Abend zurückgreifen. Mahlzeit oder Grüß Gott hingegen mag ich absolut nicht (ebenso wie Auf Wiedersehen – nutze ich auch nur, wenn es angebracht ist).

  3. Selbst benutze ich das „Hallo“ eher selten, jedenfalls im normalen Sprachgebrauch. Allerdings empfinde ich es auch nicht als besonders persönlich. Ich würde nur deshalb keine Mail lesen und mich auch nicht von einem Verkäufer einfangen lassen.

    Im Übrigen kann ich mir das Hallo durchaus mit verschiedenen Betonungen vorstellen und dann kann es vielleicht sogar eine sehr persönliche, sogar anzügliche, Note bekommen.

    Im Nordwesten sagt man übrigens oft kurz „Moin“ oder auch „Moin, moin“ und sagt das den ganzen Tag, nicht nur morgens. Das ist wohl die mundartliche Variante von „Guten Morgen“.

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