Archive für Dienstag, 23. Juni 2009

Sommersonnenwende

Die Tage werden kürzer, die Nächte wieder länger. Sommersonnenwende.

Ob das einen Unterschied macht, denkt er. Als ob meine Nächte nicht ohnehin schon lang genug sind! Nächte, die er vor seinem Rechner verbrachte, um zu arbeiten. Oder, wenn er davon langsam genug hatte, zu seinem Vergnügen. Oft bis morgens. Nun, dann halt kein Vogelgezwitscher beim Zubettgehen mehr.

Er beschließt den Pullover anzuziehen, es wurde langsam kühl. Es wurde ihm überhaupt schneller kalt. Früher konnte er mit Hitze und Kälte besser umgehen; sie machten ihm kaum etwas aus. Früher! Aber er war inzwischen nicht mehr der Jüngste …

Seit er und seine Frau sich trennten, war er alleine geblieben. Sicher, hier und da mal eine Liebschaft, eine Affäre, aber nie von Dauer. Sie wurden immer seltener, bis sich keine mehr einstellte. Über seiner Arbeit war er einsam geworden. Zunächst einfach zu oft allein war aus dem Alleinsein irgendwann Einsamkeit geworden. Wenn er sich früher vor Freunden und Bekannten kaum retten konnte, gab es nun kaum jemanden mehr.

Er setzt sich auf eine Bank, um eine Zigarette zu rauchen. Und um wieder zu Atem zu kommen. Ja, er wurde kurzatmiger. Seine Kondition ließ nach. Dass das auch an den Zigaretten lag, wusste er. Neben dem Bewegungsmangel. Sport würde ihm gut tun! Aber die Vorstellung, in irgendeinem Sportstudio Gewichte zu heben oder in dem Park, in dem er gerade saß, laufend seine Runden zu drehen, entlockte ihm selbst in Gedanken nur ein Kopfschütteln.

Genüsslich zieht er an seiner Zigarette, während wieder einer dieser Jogger dicht an ihm vorbeirennt. Zu dicht, wie er findet: Der Weg ist doch breit genug. Er hat nicht übel Lust, ihm beim nächsten Mal, wenn er wieder zu dicht an ihm passiert, eine volle Ladung Rauch ins Gesicht zu blasen. Oder dir ein Bein zu stellen, schimpft er in Gedanken. Geschieht ihm recht, wenn er mir mit seinem Ertüchtigungsdrang zu nahe kommt!

Ja, er war vereinsamt. Die körperliche Nähe anderer Menschen war ihm zuwider geworden. Sein Umgang beschränkte sich auf den wenigen mit Kollegen, private Einladungen nahm er nur sehr ungern an oder sprach sie aus. Sein früherer Charme, der nur noch in wenigen Augenblicken aufblitzte, war einem feinen Sarkasmus gewichen, seine Manien wurden immer augenfälliger. Selbst seine Kleidung, auf die er einst viel Wert legte, wurde nachlässiger. Nicht schmutzig oder gar zerrissen, nur nachlässiger. Man begann, ihn zu meiden. Und er mied die anderen.

Ein Steppenwolf, denkt er. Wie hatte er dieses Buch geliebt! Der Gedanke, den Harry Haller vor dem Spiegel hat, während er sich rasiert, hatte ihn nie mehr losgelassen. Beim Rasieren einfach „verunglücken“! Eine Option fürs Leben. Oder besser gesagt: Für den Tod, korrigiert er sich lächelnd.

Aber noch ist es nicht so weit. Andererseits: Was hat er noch zu erwarten? Gibt es da noch etwas? Eine unbestimmte Hoffnung? Und doch: Er glaubt nicht mehr daran, jemals wieder eine Frau für eine zeitweilige Liebschaft kennenzulernen, geschweige denn einer letzten großen Liebe zu begegnen. Liebespaare beobachtete er mit einem mitleidigen Lächeln und die vielen Schwangeren in seinem Wohnviertel mit Missvergnügen. Wie kann man nur, fragte er sich. Geht sowieso alles zu Ende. Und wieder irgendwelche Bengel öder Gören mehr, die ihn im Park durch ihren Lärm beim Lesen stören werden! Und dazu die wirtschaftliche Situation, die des Planeten … wie egoistisch! Können sich auch einen Hund zulegen, wenn sie unbedingt etwas zum Streicheln brauchen! Obwohl: Hunde kann er genauso wenig leiden. Diese Ausscheidungen überall, außerdem scheinen ihm alle Hundebesitzer eine Macke zu haben. Dieses Gedöns um die armen Tierchen, die doch nur spielen wollen … lächerlich!

Er zieht eine neue Zigarette aus seiner Packung und zündet sie an. Zusammen mit gutem Essen und teurem Wein eine seiner letzten Vergnügen. Die Schachtel hatte sich während all der Jahre nicht verändert, nur dieses unansehnliche weiße Rechteck mit Trauerrand und dem Satz über die mögliche Tödlichkeit des Rauchens stört die einst vollkommene Ästhetik. Als ob das Leben selbst nicht tödlich wäre, schüttelt er den Kopf, bevor er husten muss.

„Sie rauchen zu viel“, hört er eine weibliche Stimme. Sein Blick schwenkt auf die Frau, die auf der Nachbarbank sitzt und über ihrem Buch zu ihm herüberblickt. Er mustert sie: keine Schönheit, aber hübsch. „Und Sie sprechen zu viel“, gibt er ihr zur Antwort. „Vor allem, wenn Sie lesen! Lassen Sie sich in Ihrem Buch nicht stören …“

Er betrachtet das Gespräch als beendet, aber er kann nicht umhin zu versuchen, den Titel oder wenigstens den Autor des Buchs herauszufinden. Sie bemerkt sein Schielen und hält das Buch in die Höhe. „Der Steppenwolf“, liest er auf der Vorderseite, nachdem er seine Brille aufgesetzt hat. Er ist sprachlos, nicht nur, weil er wieder husten muss.

Es wird kühl, befindet er, und macht sich auf den Heimweg, während gerade die Sonne in einem herrlichen Rot untergeht, das einen sonnigen nächsten Tag ankündigt. Sommersonnenwende, geht es ihm nicht aus dem Kopf. Und: So, so, den „Steppenwolf“ liest sie also …

(unter anderem inspiriert von der Diskussion zu Hauptberuflich Optimist: „Heilmittel gegen andauernden Liebeshunger“; Fortsetzung: Der Steppenwolf)

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