Fünfundfünfzig

Fünfundfünfzig seit diesem Jahr:
Mir wird nicht angst und bange.
Und fehlt auch schon so manches Haar,
Braucht Tod, hoff ich, noch lange!

Ob Alter schützt vor Torheit nicht,
Ob alters wird man weise:
Ich weiß, ich bin nur kleines Licht,
Und wurde doch nicht leiser.

Ich wurd’ lediglich gelassen,
Reg nicht so oft mich auf.
Leben und leben lassen,
Das Leben folgt dem Lauf.

Bin als immer noch alleine,
Sehn oft mich nach ‘ner Frau.
Doch lebt sich’s auch mit keiner,
Denn meist ich mich nicht trau.

Fantasien noch und Träume,
Manch Ding noch will ich haben.
Doch trenn ich von dem Schäumen
Die solchen, die mich laben.

Andrerseits muss ich mich trennen
Ein Tags von alldem hier.
Manch Ding muss ich nicht kennen
Zu weitren Lebens Zier.

Auch ‘ne Arbeit wäre fein,
Nicht groß und nicht für lau.
Verkauft will ich nicht sein,
An Arbeit nicht noch Frau!

Gut Gesundheit wär mir recht.
Der Rauch mir trotzdem schmeckt,
Von Wein denk ich nicht schlecht
Und Bier wird nie versteckt.

Fünfundfünfzig seit diesem Jahr.
Wie viele noch dazu?
Doch eines wurd’ mir klar:
Der Deckel fällt wann zu!

Nein, nicht endlos ist mein Leben,
Das weiß ich jetzt bestimmt.
Benahm mich oft daneben
Und hoff, der Rest gelingt.

Nicht offenbarte Verliebtheit

Kein Feuer, keine Kohle
kann brennen so heiß
wie die heimliche Liebe,
von der niemand nichts weiß.

(aus Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky: Subkutan, erschienen in Die Weltbühne, Nr. 14, vom 5. April 1927)

Es gibt in der Liebe wenig Tragischeres als nicht offenbarte Verliebtheit! Vielleicht kennen Sie diese Möglichkeit ja auch aus eigener Erfahrung. Der Autor macht sich Gedanken darüber.

Es gibt in der Liebe wenig Tragischeres als gegenseitig nicht offenbarte Verliebtheit. Haben Sie schon einmal überlegt, dass jemand, in den Sie einmal wahnsinnig verliebt gewesen waren oder gerade sind, ihr oder ihm das aber nicht getraut haben zu gestehen, vielleicht auch umgekehrt in Sie selbst verliebt (gewesen) sein könnte?

Vor langer, langer Zeit hatte ich mich in eine Frau in einer Wohngemeinschaft in einem besetzten Haus im Kettenhofweg im Frankfurter Westend verliebt, damals ein beliebtes Stadtviertel für Grundstücksspekulationen, Altbausanierungen oder Abrisse. Ich konnte die Kellerräume für Proben für meine Theaterarbeit nutzen und half sonntags das Frühstück des sich im Haus befindlichen Cafés zu verkaufen. Wobei „verkaufen“ eigentlich nicht stimmt: Essen und Getränke wurden umsonst angeboten, Bezahlung war freiwillig. Aber alle, die am Einkauf, an der Vor- bzw. Zubereitung und am Ausschank beteiligt waren, kamen auf ihre Kosten. Egal, ob es sich um andere Hausbesetzer, Punks, Studenten oder Arbeitslose handelte, (fast) alle gaben vor dem Verlassen einen Obolus, oft sogar ausdrücklich noch einen zusätzlichen Beitrag als „Trinkgeld“, und darunter waren häufig genug Leute, von denen wir dies nie erwartet hätten!

Da ich in der Wohngemeinschaft gleich im Erdgeschoss die meisten Leute im Haus kannte, schaute ich nach meinen Proben gerne dort vorbei. Dabei lernte ich Sabine kennen, die hier ein Zimmer hatte, in die ich mich sofort verliebte und bald der eigentliche Grund für meine Besuche wurde. Ihr jedoch meine Verliebtheit zu offenbaren, hatte ich niemals Gelegenheit.

Sie saß dann auf ihrem Bett, das anfangs nur aus Matratzen bestand (erst später hatte sie sich ein solides besorgt oder sich bauen lassen) und ich auf dem Fußboden vor ihr. Wir unterhielten uns stundenlang, hörten Musik, tranken etwas. Eifersüchtig wurde ich immer, wenn jemand anderes aus der Wohngemeinschaft oder aus dem Haus vorbeischaute, und noch mehr, wenn es ein Besucher war, der vor meinen Augen mit ihr zu schäkern begann. Dann hätte ich mir manchmal gewünscht, dass sie den Besucher hinauskomplimentiert, ihm erklärt hätte, dass sie jetzt lieber mit mir allein wäre. Deshalb war ich mir unsicher. Nicht meiner Gefühle zu ihr, sondern ob eine Aussicht auf Gegenseitigkeit bestehen könne. Ich suchte nach Anhaltspunkten dafür, traute mich selbst aber nie in die Offensive.

Später überlegte ich mir oft, ob diese Besuche „bestellt“ waren, um umgekehrt mich aus der Reserve zu locken, ob sie umgekehrt, so wie ich aus ihren, sie aus meinen Reaktionen lesen wollte, wie ich für sie empfinde. Aber: Eindeutig hatte ich mich wohl selbst nie verhalten!

Zwei Menschen verharrten damals möglicherweise monatelang in nicht offenbarter Verliebtheit, bis sich ihre Wege trennten …

(Siehe hier auch „Verpasste Chance“!)

Faites vos jeux!

Eines Tages in Deutschland: Man stelle sich einmal vor, dass Angestellte einer Bankfiliale, denen gekündigt wurde, ihre Kasse leeren, indem sie Kunden mit Barschecks versorgen, Beschäftigte eines Supermarktes, der geschlossen werden soll, systematisch dessen Waren verbrauchen, Busfahrer an ihrem letzten Arbeitstag vor der Entlassung so lange durch die Stadt fahren, bis das Benzin zu Ende geht, arbeitslose Schauspieler eine Bühne besetzen und Texte aus sozialkritischen Stücken vortragen …

Alles nur geträumt? Nein, nicht ganz: vorhin im Radio gehört. Im Hörspiel „Faites vos jeux“ von Hannah Hofmann und Sven Lindholm, einer Produktion von Deutschlandradio Kultur 2009 unter der Regie der Autoren.

Wenn man die Meldung der Frankfurter Rundschau von 31. Juli 2009 liest, nach der amerikanische Banken, deren Rettung erst kürzlich durch staatliche Unterstützung gesichert wurde, schon wieder dazu übergegangen sind, Boni an ihre Manager auszuschütten (die teilweise die Summe der Unterstützung übertreffen!), stellt es doch eine echte Alternative dar, wenn Menschen gegen die Verhältnisse antreten, in deren Dienst sie stehen, indem sie die betriebsinternen Ressourcen erschöpfen oder zumindest zur Neige bringen, bevor man sie auf die Straße setzt und sie arbeitslos werden!

Was muss eigentlich noch geschehen, bis die Betroffenen den Aufstand proben? Beispiele lassen sich doch bestimmt für jeden finden, dessen Arbeitsplatz bedroht ist! Machen Sie Ihr Spiel, faites vos jeux …

Jugendämter: die unheimliche Macht hinter der Justiz

(Vorwort: Normalerweise veröffentlicht der Betreiber dieser Notizen außer Zitaten keine Fremdtexte, vor allem dann nicht, wenn sie ihm anonym zugesandt werden. Hier macht er eine Ausnahme. Nach der Lektüre dieses stark gekürzten und bearbeiteten Beitrags, der, soweit möglich, verifiziert und durch eigene Recherchen ergänzt wurde, erklärt sich die Frage nach dem Warum von selbst.)

Das Schwarzbuch der Kinder- und Jugendämter Deutschlands

Die unheimliche Macht hinter der Justiz

Wir haben an unserer gesellschaftswissenschaftlichen Einrichtung Forschungsarbeiten zur Arbeit der Kinder- und Jugendämter (hier abgekürzt „JA“) durchgeführt. Die Ergebnisse sind so erschreckend, dass wir sie nicht veröffentlichen können. Ganz im Gegenteil sind die Ergebnisse so brisant, dass wir selbst zur Zielscheibe werden können und um unsere Person besorgt sein müssen. Wir können uns nur schützen, indem die Öffentlichkeit alarmiert wird.

Das Geschäft mit Heimkindern

Die Kinder- und Jugendämter stehen unter dem ungeheuren Druck der Öffentlichkeit, da im Laufe der Zeit bereits viele Kinder zu erheblichem Schaden gekommen sind, obwohl die Gefahren für das Kind meist bereits bekannt waren. Hier heißt es jetzt Klotzen statt Jammern. Lieber 1000 Kinder unschuldig in Obhut nehmen, Familien zerstören, Eltern in den Suizid oder in schwere Krankheiten treiben, als sich weiterhin diesem Druck der Öffentlichkeit auszusetzen.

Noch schlimmer ist, dass sich seit Jahren daraus ein lukratives Geschäft entwickelt hat. Die den JA nachgeordneten Einrichtungen wie betreutes Wohnen, Kinderheime usw. erhalten je betreutem Kind oder Jugendlichen einen Satz von bis zu 4000 Euro pro Monat. Das ist übrigens weit mehr, als für einen Pflegebedürftigen der Stufe 3 in einem Pflegeheim bezahlt werden muss, obwohl der Aufwand nur ein Bruchteil dessen beträgt. Jede Einrichtung ist also interessiert, so viele „neue Kunden“ wie möglich zu erhalten, um möglichst viel sicheres Geld zu erwirtschaften. Wenn eine solche Einrichtung ein Kind erhalten will, gibt es stillschweigende Vereinbarungen, wie viel von dem Geld an die JA, an Richter und andere Involvierte schwarz zurückfließt. Von fast 4000 Euro je Kind und Monat etwa 1000 Euro zurück zu erhalten, diese Summe mal 300000 betroffene Kinder macht eine Summe von etwa 30 Millionen pro Monat oder 360 Millionen pro Jahr an Schwarz- und Schmiergeldern! Die Zahl von 300000 betroffenen Kindern scheint sehr hoch zu sein, die von uns vermutete Zahl tatsächlicher Fälle scheint mehr als dreimal so hoch zu sein.

Die Rolle der Richter und Gutachter

Auch Richter sind also an den immensen Schwarzerlösen beteiligt! Und kein Staatsanwalt geht gegen einen Richter vor, auch kein informierter Abgeordneter.

„Unabhängige“ Gutachter erhalten Aufträge und ihre Rechnungen werden von den Richtern nur dann zur Auszahlung freigegeben, wenn ihr Gutachten dem Richter zusagt. Ansonsten erhalten sie weder Geld für Ihre Arbeit und ihren Aufwand noch erst recht keine Folgeaufträge. Damit ist eine direkte Abhängigkeit von den Richtern hergestellt. Unbequeme Gutachter kommen auf eine schwarze Liste und werden auch über ihre Tätigkeit hinaus verfolgt.

Auch immer mehr Kinder aus wohlhabenden Familien sind betroffen, da man hier das Geld aus den Familien selbst eintreiben kann. Und somit kann es jeden von uns, der Kinder hat, jeden Tag treffen. Nun scheinen wir aber nicht die Einrichtungen zu haben, die so viele Kinder aufnehmen könnten. Weit gefehlt!

Die Methoden

Um Betroffene zum Schweigen zu bringen, werden Männer in die Ecke der Gewalttäter, der Kindesmissbraucher oder der Straftäter gesteckt. Mutmaßungen eines Jugendamtsmitarbeiters oder eines Richters ohne jegliche Grundlage reichen aus, um Urteile vor einem Familiengericht zu fällen. Denunziationen aus Schule, Kindergarten, von Verwandten oder der Nachbarschaft reichen als Grundlage für sofortige Gerichtsentscheidungen ohne rechtliche Prüfung völlig aus.

Frauen werden häufig als psychisch krank eingestuft, auch wenn sie sich von Fachleuten ihre psychische Gesundheit attestieren lassen, ansonsten wird ihre „Unfähigkeit“ zur Erziehung von Kindern nachgewiesen. Ehe- oder Lebenspartnern wird empfohlen, sich von ihnen zu trennen. Kinder werden in den Einrichtungen gegen die Eltern manipuliert. Rechtsanwälte, die die Betroffenen vertreten, werden von den Gerichten persönlich verfolgt. Häufig arbeiten Kinderpsychologen, an die Sie sich voller Vertrauen gewandt haben, mit den JA zusammen.

Die Heimkinder

Das Alter des größten Teils der in Obhut genommenen Kinder beläuft sich zwischen 10 und 16 Jahren. Pflege- und betreuungsintensive Kinder und Jugendliche sind fast nicht vorhanden. Der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen kommt aus gutbürgerlichen Familien und zeigt kaum Auffälligkeiten. Dagegen ist nur ein kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen aus sogenannten Problemfamilien mit Drogen-, Alkohol-, Gewaltproblemen oder sexuell problematischem Hintergrund bzw. eindeutig asozialem Milieu. Kinder aus derartigen Familien werden überdurchschnittlich oft trotz Intervention von Verwandten, Freunden, Rechtsanwälten usw. „aus Kostengründen“ angelehnt, selbst wenn sich Eltern in ihrer Not mit der Bitte um Hilfe persönlich an die JA wenden.

Weiterhin mussten wir mit großer Betroffenheit feststellen, dass ein großer Teil ehemaliger Heimkinder straffällig wird, eine überaus hohe Gewaltbereitschaft entwickelt und/oder übermäßig zu Alkohol und Drogen neigt. Im Schnitt ein Drittel aller Straftäter in den Justizvollzuganstalten sind ehemalige Heimkinder, die dann hier ihre endgültige Berufung im kriminellen Umfeld finden.

Schutz verkehrt sich ins Gegenteil

Die durch den Gesetzgeber über viele Jahrzehnte gewünschte Sicherheit für unsere Kinder hat sich durch die betroffenen Behörden genau in ihr Gegenteil verkehrt und ist Spielzeug einer kriminellen Behördenmafia geworden.

Wir bedauern gleichzeitig, dass Mitarbeiter von JA und nachgeordneten Einrichtungen, die ihre Aufgabe ernst nehmen und mit Herz erfüllen, hier möglicher- und ungerechterweise hineingezogen werden.

Informieren Sie sich!

Informieren Sie sich im Internet unter folgenden Suchbegriffen: Jugendamt, Machtmissbrauch, Behördenwillkür, Väternotruf, Kindesentzug usw. Die unten genannten Verweise stellen nur eine Auswahl dar, für deren Aktualität allerdings keine Garantie übernommen werden kann.

Doch Vorsicht, denn auch im WWW tummeln sich dubiose bis unseriöse Anbieter! So ist etwa vom Besuch von imHeim.de, Heimkinder.net und weiteren Domänen für ehemalige Heimkinder desselben Betreibers abzuraten: Foren werden nicht auf unrechtmäßig eingestellte Beiträge überprüft, der Betreiber ist nicht unter den im Impressum genannten Kontaktdaten erreichbar, soweit überhaupt ein Impressum vorhanden ist, zudem sind sämtliche Seiten dermaßen von Werbung zugepflastert, dass die Inhalte für nicht registrierte Besucher kaum lesbar sind!

Verweise zum Thema

Pressetext.de: „Deutsche Jugendämter und die europäische Menschenrechtskonvention“
„kindesraub.de“
Forum hilferuf.de: „Behördenwillkür“
Welt Online: „In Sachen Kutzner“
Int. Network of Human Rights: „Kindesentzug durch das Jugendamt“
Zeit Online: „Ruck, zuck, weg ist das Kind“
Väteraufbruch für Kinder e. V.
Väter aktuell: E-Mail-Betreff: Dr. Karin Jäckel: Menschenrechtsverletzungen in Deutschland
Melanie Langens Geschichte (Vorsicht: voll von Werbung und von Spam-Kommentaren!)
Presseblog: „EU-Kommission beschäftigt sich mit deutschen Jugendämtern“ und weitere
Kinderklau – der ganz normale Wahnsinn (Sammlung von Fällen)
moehnle.eu: „Wie Gutachter, Richter, Jugendämter und Verfahrenspfleger unsere Familien zerstören“ und weitere
Jugendselbsthilfe Nürnberg: „Der Begriff ‚Kindeswohl‘ ist ein Machtinstrument für Jugendämter, Familiengerichte, Jugendgerichte,(- shilfen)“ [sic!]
Kinderklau: „20.000 Euro Schmerzensgeld wegen Kindesentzug“
Heimkinderverband

Videos zum Thema

Der Fall Haase
„Plötzlich ist dein Kind weg! (Dokumentation“, drei Teile
„Glasklar – staatlicher Kinderklau mit System“
„Im Zweifel gegen die leiblichen Eltern“
„Pflegestellen-Irrfahrt zum Selbstmord“
„Der Fall Heller – Entmündigung“
„Der Fall der Familie Erfurt“
„Staatlicher Kinderklau aus der Sicht von David“
„Hungerstreik gegen Jugendamt“

Nachtrag des Beitreibers vom 26. März 2013

Leider muss der Betreiber dieser Notizen seit der Veröffentlichung dieses Beitrags immer wieder feststellen, dass dieser ohne dessen Wissen und ohne dessen Genehmigung in fast immer vollständiger Länge auf anderen Seiten wiedergegeben wird, ohne auf die Herkunft zu verweisen. Die komplette Löschung einer solchen „Übernahme“ und der beinhaltenden Seite musste bereits in einem Fall erfolgreich erwirkt werden.

Bei allem Verständnis für das Interesse an diesem Thema verweist er deshalb und trotzdem ausdrücklich auf das Urheberrecht und die im Impressum genannte Möglichkeit des Zitats mit Verweis auf diesen Artikel bei gleichzeitiger Benachrichtigung des Betreibers dieser Notizen!

Bücher, Texte und das Universum

Wer Bücher lesen kann, kann auch Menschen lesen. Wer Texte schreiben kann, kann auch die Welt verändern. Ob man sich einem Universum der Worte gegenüberstellt oder einem Universum der Dinge, macht letzten Endes keinen Unterschied.

(aus Marc Buhl: Der rote Domino, Frankfurt am Main 2002)

Der Trick mit Thomas Bernhard

(Sommersonnenwende, dritter Teil)

Auf dem Weg zum Supermarkt beschließt er, statt den Wein dort zu kaufen, ein Glas Wein in einer Tapas-Bar zu trinken und sich von dort eine Flasche mitzunehmen. Von der Qualität der spanischen Weine ist er überzeugt. Früher verkehrte er hier fast jeden Abend; als Stammgast diskutierte er mit dem spanischen Wirt oder anderen Gästen oft bis zum Morgengrauen: meist über die Liebe. Nach der Einführung des Rauchverbots in Gaststätten trank und rauchte er lieber zu Hause, obwohl ihm die nächtlichen Gespräche fehlten. Aber ein Glas Wein ohne eine Zigarette: undenkbar!

Wie viel Geld hatte der Wirt vor dem Rauchverbot noch in diese gigantische Entlüftungsanlage gesteckt, deren Rohre sich völlig überdimensioniert durch den L-förmigen Raum winden und die einem Gast ziemlich bald nach dem Betreten ins Auge fallen. Inzwischen ist sie so gut wie hinfällig und vertreibt allenfalls den Essensgeruch, aber wen dieser stört, soll mit dem Essen aufhören oder wenigstens zu Hause bleiben, lästert er.

Zu dieser Zeit ist das Restaurant meist sehr gut besucht. Da aber die Sommerterrasse noch geöffnet ist, ist es im Lokal selbst nicht allzu voll. Er entdeckt mehrere unbesetzte Barhocker am Tresen und setzt sich auf einen davon. Sein Blick fällt auf den leeren Platz neben ihm: Jemand musste dort sitzen, denn auf dem Tresen befinden sich ein halb volles Glas Weißwein und das Buch „Der Steppenwolf“ und darunter hängt eine Jacke. Doch hoffentlich nicht …

Bevor er weiter darüber nachdenken und sich einen anderen Platz suchen kann, erklimmt genau diejenige, an die er soeben dachte, die Leserin aus dem Park von vor einigen Stunden nämlich, die es gewagt hatte ihn mit „Sie rauchen zu viel!“ aus seinen Gedanken zu reißen, den Barhocker neben ihm. Beinahe hätte er sich an dem Navarra tinto, den er inzwischen bestellt und bekommen hatte, verschluckt. Sie wirft einen kurzen Blick auf ihn.

„Störe ich? Ich kann mich auch woanders hinsetzen“, spricht er sie an, worauf sie antwortet, dass das so schon okay wäre. „Ich werde auch nicht allzu viel rauchen“, fährt er süffisant fort, „zumal mir dieses Vergnügen hier leider genommen wurde.“

„Von mir aber nicht“, stellt sie fest, „zum Glück, das wäre ja noch schöner!“, entgegnet er.

Sie schmunzelt, scheint aber eine mögliche Antwort für sich zu behalten. Auch zum Glück, für sie, denkt er.

Er blickt in den Spiegel hinter der Bar, um ihr Gesicht zu sehen, das aber größtenteils von den dort stehenden Flaschen verdeckt ist. Er kann nur einen kurzen schwarzen Haarschopf erkennen, der sich zwischen und über den Brandys und Likören spiegelt, und darunter … Als er bemerkt, dass sie das Gleiche tut und ihm in die Augen sieht, blickt er schnell weg und schaut sich in der Bar um.

Auch hier hatte er vor einigen Jahren eine Frau kennen gelernt. Wie hieß sie doch gleich? Er kann sich nur noch daran erinnern, dass sie einen aus dem Niederländischen stammenden Nachnamen gehabt hatte, in Münster studiert hatte und von Berufs wegen nach Frankfurt gezogen war wie so viele. Bankenkarriere! Und daran, wie und woran die beginnende Beziehung gescheitert war …

Als ihm gerade wieder ihr Name einfällt, reißt ihn die Stimme seiner Tresennachbarin aus den Erinnerungen: „Sind Sie öfter hier?“

„Wenn ich öfter hier wäre und Sie auch, dann müssten Sie sich eigentlich an mich erinnern können und ihre Frage wäre beantwortet. Wenn ich nicht oft hier wäre, Sie aber, dann müssten Sie die Antwort eigentlich wissen, weil sie mich nie gesehen haben, und ihre Frage wäre unsinnig. Ihre Frage macht nur Sinn, wenn ich oft hier wäre, Sie aber nicht, was für meinen Teil aber nicht der Fall ist. Frage beantwortet?“

„Für meinen Teil schon“, antwortet sie etwas zu schnell für seinen Geschmack. Seine Erfahrung lehrte ihn, dass man länger brauchte, um das zu verstehen, falls sich überhaupt jemand diese Mühe machte. Meistens war die Konversation danach beendet. Deshalb fragt er gleich nach: „Die Frage für Ihren Teil beantwortet?“

„Nein: Für meinen Teil ist es der Fall, dass ich auch nicht so oft hier bin, was Sie übrigens in Ihrer Kalkulation nicht berücksichtigt hatten.“

Ein Aha war alles, was er darauf entgegnen kann. Nicht übel, denkt er, und fasst nach einigen Sekunden nach: „Wenn ich mich bei dieser Gelegenheit vorstellen darf: Mein Name ist Bernhard, Thomas Bernhard.“

Der alte Trick: Damit testete er, ob sich jemand für Literatur interessiert. „[…] und völlig unmöglich hätte es mir geschienen, ein Mädchen länger als eine Stunde zu lieben, das kaum ein Buch gelesen hatte, kaum wußte, was Lesen ist […]“, fällt ihm dazu wieder aus Hesses „Steppenwolf“ ein. Der Trick funktionierte immer wieder: Wie oft hatte ein Gegenüber darauf schon ernsthaft mit „Angenehm, ich heiße …“ reagiert!

„Angenehm, ich heiße Marieluise Fleißer.“

Er stutzt, beinahe wäre ihm der Unterkiefer nach unten gefallen. „Welch ein schöner und seltener Vorname! Marieluise …“ ist alles, was ihm zunächst dazu einfällt. Ein sarkastischer Unterton ist jedoch nicht zu überhören.

„So selten ist er gar nicht mal“, entgegnet sie leichthin, wobei es ihm scheint, als ob die Süffisanz diesmal auf ihrer Seite ist, „waren auch einzeln eine Weile Modenamen.“

„Sie schreiben ihn also mit Bindestrich?“ Ein letzter Test. Oder ein vorletzter …

„Ohne, also zusammen. Und Sie? Bernhard mit D oder mit DT?“ Sie lächelt ihn an und blickt mit ihren sehr hellblauen Augen geradewegs in seine.

Er hustet. „Mit DT.“

„Ach, schade, ich dachte, Sie seien der Schriftsteller!“ Der Schalk blitzt ihr direkt aus den Augen.

„Der inzwischen leider verstorben ist“, kontert er trocken, „wie übrigens auch Frau Fleißer.“

„Ich weiß. Leider …“

„‚Leider‘, dass Sie wissen, dass sie tot sind, oder ‚leider‘, dass sie tot sind?“

„Letzteres. Obwohl: Zu viel Wissen schadet manchmal auch …“ Sie lächelt immer noch.

„Das haben Sie jetzt aber nicht aus dem ‚Steppenwolf‘, oder?“, fragt er mit einem kurzen Deuten mit dem Glas in seiner Hand auf das Buch, das vor ihr auf dem Tresen liegt.

„Unter anderem auch aus dem ‚Steppenwolf‘.“

„Aha. Und wie weit sind Sie inzwischen mit der Lektüre unter anderem dieses Buches gekommen?“ Er ist nicht wirklich daran interessiert; seine Gedanken, hervorgerufen durch seine eigene vorherige Lektüre, beschäftigen ihn noch zu sehr.

„Unter anderem hat Harry Haller gerade das Mädchen in einer Bar kennen gelernt.“ Ihr Lächeln scheint gar nicht mehr aufhören zu wollen.

Er braucht ein neues Glas Wein. Und eine Zigarette. Dringend!

(Fortsetzung: Ein dummes Mädchen lieben)