Archive für Samstag, 22. August 2009

Nicht offenbarte Verliebtheit

Es gibt in der Liebe wenig Tragischeres als gegenseitig nicht offenbarte Verliebtheit! Schon mal überlegt, dass jemand, in den man einmal wahnsinnig verliebt gewesen war oder gerade ist, ihr oder ihm das aber nicht getraut hat zu gestehen, vielleicht auch umgekehrt in einen selbst verliebt (gewesen) sein könnte?

Vor langer Zeit hatte ich mich in eine Frau in einer Wohngemeinschaft in einem besetzten Haus verliebt. Ich konnte die Kellerräume für Proben für meine Theaterarbeit nutzen und half sonntags das Frühstück des sich im Haus befindlichen Cafés zu verkaufen. Wobei „verkaufen“ eigentlich nicht stimmt: Essen und Getränke wurden umsonst angeboten, Bezahlung war freiwillig. Aber alle, die am Einkauf, an der Vor- bzw. Zubereitung und am Ausschank beteiligt waren, kamen auf ihre Kosten. Egal, ob es sich um andere Hausbesetzer, Punks, Studenten oder Arbeitslose handelte, (fast) alle gaben vor dem Verlassen einen Obulus, oft sogar ausdrücklich noch einen zusätzlichen Beitrag als „Trinkgeld“, und darunter waren häufig genug Leute, von denen wir dies nie erwartet hätten!

Da die Wohngemeinschaft gleich im Erdgeschoss lag und ich dort die meisten Leute im Haus kannte, schaute ich nach meinen Proben gerne dort vorbei. Dabei lernte ich Sabine kennen, die hier ein Zimmer hatte und in die ich mich sofort verliebte, die bald der eigentliche Grund für meine Besuche wurde. Ihr jedoch meine Verliebtheit zu offenbaren, hatte ich niemals Gelegenheit.

Sie saß dann auf ihrem Bett, das anfangs nur aus Matratzen bestand (erst später hatte sie sich ein solides besorgt oder sich bauen lassen) und ich auf dem Fußboden vor ihr. Wir unterhielten uns stundenlang, hörten Musik, tranken etwas. Eifersüchtig wurde ich immer, wenn jemand anderes aus der Wohngemeinschaft oder aus dem Haus vorbeischaute, und noch mehr, wenn es ein Besucher war, der vor meinen Augen mit ihr zu schäkern begann. Dann hätte ich mir manchmal gewünscht, dass sie den Besucher hinauskomplimentiert, ihm erklärt hätte, dass sie jetzt lieber mit mir allein wäre. Deshalb war ich mir unsicher. Nicht meiner Gefühle zu ihr, sondern ob damit eine Aussicht auf Gegenseitigkeit bestanden hätte. Ich suchte nach Anhaltspunkten dafür, traute mich selbst aber nie in die Offensive.

Später überlegte ich mir oft, ob diese Besuche „bestellt“ waren, um umgekehrt mich aus der Reserve zu locken, ob sie umgekehrt, so wie ich aus ihren, sie aus meinen Reaktionen lesen wollte, wie ich für sie empfinde. Eindeutig hatte ich mich wohl selbst nie verhalten!

Zwei Menschen verharrten damals möglicherweise monatelang in nicht offenbarter Verliebtheit, bis sich ihre Wege trennten …

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