Principiis obsta

Wir wehren oder widerstehen den (Wieder-)Anfängen von Faschismus und Neonazismus, aktiver Sterbehilfe, Mobbing in der Schule, dem diabetischen Fuß, Krankheitserregern bei Wirbellosen, dem EU-Reformvertrag von Lissabon, Vandalismus in Hollenstedt und was man nicht sonst noch unter den Ergebnissen einer Suchmaschine im World Wide Web findet: principiis obsta, je nach Übersetzung wehre, sträube dich oder widerstehe am oder im Anfang, den Anfängen, im oder dem Beginn!

Hin und wieder wird es Cicero zugeschrieben, so bei „Wehret den Anfängen!“ im S.P.Q.R.-Lateinservice, aber auch wenn sein Satz: „… die anständigen Bürger sind auf irgendeine Art träger, kümmern sich nicht um die Anfänge politischen Unheils …“ immer noch aktuell sein dürfte, taucht „principiis obsta“ dort wörtlich nicht auf. Trotzdem wird er gerne als Urheber bezeichnet, wie etwa bei blogtaku42: „Wehret den Anfängen!“ oder bei Lobotomize your Brain: „*ZENSIERT*“, der sich, wie im Netz leider nicht unüblich, auf unüberprüfte vermeintliche „Tatsachen“ stürzt und einfach auf den vorher genannten Blogger verweist. Weitere (falsche) Verweise auf Cicero lassen sich in Foren und sogar in einer Petition aus der Schweiz zuhauf finden!

Also nicht von Cicero! Von Brecht stammt es übrigens auch nicht.

Denn müsste es eigentlich „widerstehe der Liebe“ heißen, wenn man es im Kontext liest!

Es war der römische Dichter Publius Ovidius Naso, genannt Ovid, der es in seinen „Remedia amoris“ (Heilmittel gegen die Liebe) verwendete. Dort beschreibt er Mittel und Wege, um sich aus einer Beziehung zu lösen, sich wieder zu „entlieben“, etwa weil die Liebesqualen zu stark sind. Sozusagen ein „Fifty Ways to Leave Your Lover“ der Antike.

Im in den Versen 79 bis 114 beschriebenen Fall geht es darum, die Liebe bereits im Anfangsstadium zu unterbinden. Die betreffende Stelle ab Vers 91 lautet, zitiert nach Projekt Gutenberg-DE:

Principiis obsta: sero medicina paratur,
Cum mala per longas invaluere moras.
Sed propera, nec te venturas differ in horas:
Qui non est hodie, cras minus aptus erit.

Widersteh’ im Beginn. Zu spät bereitet man Mittel,
Wann das Übel erst stark wurde durch langen Verzug.
Eile und schiebe die Cur nicht auf für künftige Zeiten.
Wer nicht heute geschickt, morgen noch minder es ist.

Aber bekanntlich lässt sich ja alles, was für die Liebe gilt, auch auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen und umgekehrt, „denn für die Ritterfahrt gilt das, was für die Liebe gilt: Sie macht einander alles gleich“ (Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote von La Mancha) …

Status der Blogosphäre

Technorati, eine der größten Internet-Suchmaschinen speziell für Weblogs mit (nach eigenen Angaben) 1,2 Millionen registrierten Bloggern, hat, wie in den Jahren zuvor, im Juni 2008 eine Umfrage („State of the Blogosphere“) mit mehr als 1000 teilnehmenden Bloggern geführt. Dabei wurden Blogger aus 66 Ländern in sechs Kontinenten, die in 20 verschiedenen Sprachen schreiben (an anderer Stelle ist sogar von 81 die Rede), befragt. Zur Verteilung: Nordamerika 48, Europa 27, Asien 13, Südamerika 7, Australien 3 und Afrika weniger als ein Prozent.

Da die Umfrage in Englisch geführt wurde und die Mehrheit der (angemeldeten) Technorati-Nutzer in den USA sitzt, ist diese Umfrage für deutsche Blogger zwar mit Vorsicht zu genießen, aber einige Daten fand ich doch so interessant, dass ich diese aus dem englischen Bericht übersetzt habe. Kaum beschäftigt habe ich mich den Ergebnissen, die Blogger betreffen, die in einem kommerziellen Zusammenhang publizieren, also entweder innerhalb eines privaten oder direkt innerhalb eines Firmenblogs.

Laut comScore-MediaMetrix vom August 2008 stehen 77,7 Millionen Blogbesuchern in den USA 75,1 Millionen MySpace- und 41,0 Millionen Facebook-Besucher gegenüber (wobei zu bedenken ist, dass zumindest MySpace auch über die Möglichkeit verfügt, eigene Blogs zu veröffentlichen sowie die anderer einzusehen, zu kommentieren und zu bewerten), nach eMarketer vom Mai 2008 sind die Hälfte aller Internetnutzer auch Blogleser, nach Universal McCann vom März 2008 sogar 77 Prozent.

Auch wenn die Blogosphäre an Größe und Einfluss gewinnt, wird die Unterscheidung zwischen normalen Websites (“mainstream sites”) und Blogs zunehmend schwieriger. Große Blogs übernehmen Charakteristika von normalen Websites und umgekehrt.

Während in den USA „nur“ 57 % der Blogger männlich sind, sind es in Europa und Asien jeweils 73 %, in der Altersgruppe 18 bis 34 Jahre beträgt die Verteilung: 42 % (USA), 48 % (Europa) und 73 % (Asien), ab 35: 58 % (USA), 52 % (Europa) und 27 % (Asien). Singles finden sich vorwiegend in Asien (57 %), gefolgt von Europa (31 %) und den USA (26 %). 44 % im globalen Durchschnitt sind übrigens Eltern.

Blogger sind im Durchschnitt seit drei Jahren aktiv und produzieren dabei über eine Million Einträge pro Tag. In Auflistungen von Top-10-Websites sind Blogs in allen Kategorien vertreten.

Die Hälfte der Befragten ist inzwischen in ihrem zweiten Blog aktiv, als Höhepunkt wurde sogar ein achter genannt und 59 % bloggen seit mindestens zwei Jahren.

Trends, Inhalte (“stories”) und Verhalten (“behaviors”) haben nicht nur Einfluss auf die Blogosphäre, sondern auch auf traditionelle Medien (“mainstream media”).

Blogger sind keine homogene Gruppe: Private (“personal, blog about topics of personal interest not associated with your work”), professionelle (“professional, blog about your industry and profession but not in an official capacity for your company”) und Firmenblogger (“corporate, blog for your company in an official capacity”) haben verschiedene Ziele und benutzen durchschnittlich fünf Themen (“topics”) innerhalb ihrer Blogs. Im Durchschnitt verwenden sie fünf verschiedene Werkzeuge, um Aufmerksamkeit (“traffic”) auf ihren Blog zu lenken, sieben Veröffentlichungswerkzeuge und vier verschiedene Messmöglichkeiten für den Erfolg.

Eine Mehrheit von Bloggern hat Werbung in ihren Blogs, wobei Frauen empfänglicher für diese oder verwandte Links (“affiliate links”) sind; viele derer ohne überlegen für den Fall, dass das Blog wächst, auch bei sich Werbung zuzulassen. Vier Fünftel sind private Blogger, darunter postieren aber ebenso viele Marken- oder Produktbeschreibungen (“brand or product reviews”), davon 37 % häufig, und 90 % schreiben in ihren Blogs über Marken, Musik, Filme und Bücher, die sie lieben oder hassen. Währenddessen strecken Firmen immer häufiger ihre Arme nach Bloggern aus (“Marketers realize that bloggers are creating high quality content and attracting growing, loyal audiences.”): Ein Drittel wurde bereits von Firmen kontaktiert (“have been approached to be brand advocates”). Mehr als die Hälfte der professionellen oder Firmenblogger betreibt zusätzlich ein privates Blog. Doch eine große Mehrheit bloggt aus Spaß, 20 % erhalten etwas Geld dafür und 42 % hoffen, in Zukunft etwas Geld zu bekommen.

Blogger mit Werbung sind fortgeschrittener (“more sophisticated”) in Bezug auf Werkzeuge, Werbeplattformen und Möglichkeiten Leser zu binden (“events to build reader loyalty”), sie investieren auch mehr Zeit und Geld in ihre Blogs.

Unter denen, die keine Werbung auf ihren Seiten haben, herrscht Desinteresse (“lack of interest”) vor, aber auch, dass sie ihre Seiten nicht mit Werbung zugekleistert (“cluttered”) haben wollen (24 %), gleich viele wollen kein Geld mit ihren Blogs machen, einige gaben aber auch an nicht zu wissen, wie sie Werbung betreiben können (5 %), oder sogar, dass ihre Seiten zu wenig Besucher für Werbung haben (21 %). Vier Prozent hoffen, mit dem Bloggen eines Tages Geld zu verdienen. Immerhin 14 % fürchten um ihre Objektivität oder Glaubwürdigkeit, wenn sie Werbung zulassen.

Drei Viertel der Blogger deckt drei oder mehr Themen ab, der Durchschnitt beträgt fünf, wobei es globale Unterschiede gibt: Musik ist in Asien populärer und Politik weniger (Internetzensur!), während Persönliches, „Lifestyle“ und Religion in Europa weniger populär sind.

Persönlicher Ausdruck (“self expression”) und der Austausch von Fachwissen (“sharing expertise”) sind, wen wundert es, die Hauptgründe zum Bloggen, gefolgt von Vernetzung (“networking”) und der Hoffnung auf Eintritt in die Welt der traditionellen Medien. Ein Viertel führt die Hoffnung auf einen Karrierefortschritt und finanzielle Gründe an. Gründe unter „Other“ waren: Aktivismus, Buchveröffentlichung (“book publicity”), persönliche Befriedigung, Selbstpromotion, das Teilen von Leidenschaften, als ein Experte bekannt zu werden und, der Favorit von Technorati, das Backen von halb garen Ideen (“to bake half-baked ideas”).

Interessant ist auch der Umgang mit der eigenen Identität: Die Mehrheit (zwei Drittel) der Blogger gibt sie offen in ihren Blogs an. Zu den Gründen, sie zu verschweigen, gehören vor allem die Besorgnis, dass Familie und Freunde belästigt werden könnten, oder die Furcht vor Missbilligung durch Familie, Freunde oder Arbeitgeber (zwei Prozent gaben übrigens an, wegen eines Blogs schon beruflich degradiert oder sogar entlassen worden zu sein). Die Besorgnis über die eigene Identität ist außerhalb der USA größer: Technorati notierte viele Gründe, warum die wahre Identität dort lieber verschwiegen wird.

Ein Viertel der Blogger verbringt mehr als zehn Stunden pro Woche mit ihren Blogs, wobei Technorati feststellt, dass die einflussreichsten (“most prolific”) mehr als fünf neue Einträge pro Tag vornehmen und damit auch in Index der „Technorati Authority“ ganz oben stehen.

Zu den gebräuchlichsten Möglichkeiten, Datentransfer zu erhalten (“traffic-building strategies”), gehören: Listen von Blogs auf Technorati und Google, Kommentieren in oder Links zu anderen Blogs, Aufführung (“participating”) in einer Blogrolle oder einem Blogverzeichnis (“blog directory”) und das „Taggen“ von Einträgen, um sie leichter auffindbar zu machen. Blogger sind außerdem versiert in der Verlinkung auf anderen Seiten und von dort auf das eigene Blog: Viele haben einen Mittelwert von 29 Links von ihrem Blog auf andere Websites und 30 Links von anderen zu ihrem Blog.

Eine große Mehrheit der Blogger werten (“are tracking”) ihre Besucher und monatlichen Seitenaufrufe aus, nur 5 % gab an nicht zu wissen, wie viele sie haben. Die Hälfte der Blogger zieht mehr als 1000 einzelne Besucher (“unique visitors”) pro Monat an.

Mehrfachantworten waren bei den meisten Fragen möglich, so auch bei der nach dem Maßstäben für den Erfolg des Blogs: 75 % nannten die persönliche Befriedigung, 58 % die Anzahl der Einträge (“posts”) und Kommentare, 54 % die der einzelnen Besucher, 46 % die Verweise von anderen Seiten, 39 % die RSS-Abonnenten und 33 % den Technorati-Rang.

Blogger glauben, dass Blogs immer wichtiger als Informationsquelle werden. Knapp ein Fünftel glaubt, dass Zeitungen die nächsten zehn Jahre nicht überleben werden, etwas mehr als die Hälfte, dass in den nächsten fünf Jahren Blogs eine primäre Quelle für Nachrichten und Unterhaltung sein werden, und 43 % holen sich Nachrichten und Informationen inzwischen mehr aus Blogs als aus anderen Medien. Blogger seien immer (“generally”) die ersten, die neue Web-Technologien und Anwendungen wie RSS und Twitter erlernten (“learned about”).

Der komplette Report: Technorati: State of the Blogosphere / 2008, und wer die diesjährige Umfrage mitmachen möchte: Survey 2009, wozu man nicht bei Technorati angemeldet sein muss. Allerdings sollten mindestens gute Englischkenntnisse vorhanden sein!

Dort angemeldet muss aber leider sein, wer der erste Fan meines Blogs unter Setzfehler on Technorati sein möchte …

Das Internet-Manifest

Vor einigen Tagen wurde ich durch medienhandbuch.de auf das „Internet-Manifest“ aufmerksam. Nach einer ersten Lektüre konnte ich diesem zunächst rundweg zustimmen. Erst nach intensiverer Beschäftigung fiel mir die Mischung aus Banalitäten, Arroganz und Verkennung auf, die sich besonders im Detail verbirgt, und für die man es eigentlich mit Missachtung strafen müsste.

Im Folgenden habe ich es auseinandergenommen, wobei ich meine Kommentare zur Unterscheidung in Klammern setze.

Internet-Manifest

Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

(„Manifest“ und „Behauptung“ widersprechen sich!)

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

(Ich lese nur immer „anders“, aber „anders“ als was? Als die traditionellen Medien? Ich glaube kaum, dass diese sich „neue(n) journalistische Produkte und Methoden“ verschließen, und die „Basis der zur Verfügung stehenden Technik“ beherrschen sie ohnehin. Besser als viele Blogger, oder haben wir z. B. Korrespondenten? Siehe dazu auch ein Zitat aus der Ankündigung des Neustarts von ZEIT ONLINE aus der Druckausgabe Nr. 38 vom 10. September 2009: „… Online-Journalismus ist keine kommunikative Einbahnstraße. Oft sind es die Kommentare und Diskussionsbeiträge unserer Leser, die uns wichtige Denkanstöße geben.“)

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

(„Jackentasche“? Mobilfunk, ick hör dir twittern! Und warum sollte die „Schlüssellochfunktion“ dem „Selbstverständnis des Journalismus … zum Glück“ geraubt werden? Es sei denn, es ist hier eine solche gemeint, wie sie von den Schreibern der sogenannten „Zeitung“ mit den großen Lettern und denen der Yellow Press ausgeübt wird.)

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

(Über eine „Mehrheit“ ließe sich vermutlich streiten, ebenso darüber, ob „Medienhäuser“ sich meiner „Kommunikationsformen annehmen“ müssen oder ob sie dies nicht bereits tun — siehe meinen Kommentar zur Behauptung 1. Ich lese meine Nachrichten immer noch lieber in einer Zeitung, höre sie im Radio oder im Fernseher als mich durch eine gigantische Blogosphäre zu suchen, die unter keinen gemeinsamen Hut zu bringen ist. Von der journalistischen (Miss-)Qualität wie nicht vorhandenen Quellenangaben ganz zu schweigen! Aber was soll der letzte Satz? Sollen wir unsere bevorzugten traditionellen Medien Minute für Minute, Stunde für Stunde usw. mit E-Mails, Anrufen o. Ä. bombardieren, um etwa eine Nachricht zu diskutieren?)

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

(Das ist so allgemein gehalten, dass wohl jeder zustimmen kann.)

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

(Aha, das hätte ich vorher und vor lauter Information gar nicht gewusst! Das Netz ist aber auch das Medium, in das jeder ungeprüfte oder fiktive Inhalte stellen kann, die von anderen ungeprüft übernommen werden können.)

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

(Nun, für mich bedeutet „der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten“ keinen Gewinn: Ich möchte auch in zehn Jahren noch auf bestimmte Inhalte sozusagen „aus einer Hand“ zugreifen können! Heißt aber „die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess“, dass ich in Zukunft auf Nachrichten ganz verzichten muss, weil dieser Prozess nicht abgeschlossen werden kann, da sich die Welt ständig verändert?)

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

(Die „Online-Auftritte klassischer Medienhäuser“, die ich besuche, benutzen alle die Technik der Hyperlinks. Allerdings treffe ich oder lerne immer noch Leute kennen auch ohne solche ! Bin ich jetzt out?)

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

(„Zitate zieren“? Aber sicher, nur vermisse ich im Netz oft genug die Quellenangaben! Außerdem bezweifle ich stark, dass die Verfasser selbst den Punkt der „Entlohnung des Urhebers“ für sich außer Betracht stellen! Falls mich jedenfalls, ähem, jemand zitieren sollte, dann doch bitte möglichst MIT und NACH Absprache; auf eine „Entlohnung des Urhebers“ würde ich dann ja vielleicht verzichten …)

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

(Werden jetzt die Stammtische geschlossen? Gespräche mit Freunden oder Kollegen verboten? Das ist unglaublich arrogant und elitär, weil es erstens alle Menschen ausschließt, die entweder über keinen Internetzugang verfügen oder ihn nicht übermäßig nutzen — und es soll davon ja noch eine ganze Menge geben —, und zweitens, weil man diese Entscheidung nicht irgendwelchen selbst ernannten Alphatieren — den Verfassern — des Netzes überlassen sollte!)

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

(Richtig, das mit der Presse- und Meinungsfreiheit steht schon im Grundgesetz. Davon abgesehen, dass ich mich lieber auf Profis als auf Amateure verlasse: Dieser These und vor allem dem letzten Satz kann vermutlich jeder zustimmen.)

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

(Quellenangaben, bitte! Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg ging Hand in Hand mit der Kirche: Schon mal etwas von der „Gutenbergbibel“ gehört? Und Information per se ist wertlos, es kommt erst auf den Kontext an. Ansonsten: Dem Rest kann wohl wieder jeder zustimmen, so banal ist das.)

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.

( Ähem, „Geld verdienen“? „Tradition … kein Geschäftsmodell“? Wie war das an anderer Stelle mit dem bezahlten und dem unbezahlten Journalismus? Und, ach ja, schon gewusst: Nicht nur das Internet ist „wettbewerbsintensiv“, unser ganzes System ist es! Ich wünsche mir ein Manifest, das sich dagegen verwehrt, aber dazu sollte ich wohl nicht vorwärts, sondern eher rückwärts in Richtung Marx schauen …)

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler* Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.
*) Stilblüten-Alarm aufgehoben

(Echt schöne Stilblüte, muss ich mir mal merken! Aber wie war das noch weiter oben unter Punkt 8? Und wie das Urheberrecht durchsetzen?)

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

(Und, ähem, wer bezahlt mir diese Arbeit? Spaß beiseite: Ich wehre mich eindeutig gegen „werbefinanzierte journalistische Online-Angebote“! Stecken da etwa irgendwelche Werbefuzzis hinter diesem Manifest?)

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

(Meine bevorzugte Tageszeitung gibt bereits Fehler in einer eigenen Kolumne zu und korrigiert sich dadurch transparent, was ich in der Blogosphäre häufig genug vermisse. Zum Beispiel bei einem solch provokanten — und arroganten — Satz wie dem ersten. Richtiger wäre: „… auf eine quantitativ neue Ebene.“ Außerdem: Ist ein Zeitungsarchiv kein „Archiv der Zeitgeschichte“? Ausgerechnet so ein schnelllebiges Medium wie das Internet soll zu einem solchen werden? Wenn auch jeder davon spricht, dass im Internet nichts verschwindet: Was, wenn diese Technologie eines Tags überholt sein wird?)

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

(Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass dieses „Manifest“ von überbewerteten Alpha-Netz-Tieren stammt, die zudem das Netz überbewerten, denn was sie hier von sich geben, gilt keineswegs nur für das Internet! Schon einmal etwa auf einer traditionellen Theaterbühne gestanden ohne ein Angebot, das „herausragend, glaubwürdig und besonders ist“, — oder findet dieses Medium auch nur noch im Netz statt? Und zu „die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen“: Ich schätze, dass sich das nicht und nie verallgemeinern lässt: Gewisse Meldungen werden immer mehr gelesen werden als andere, wobei das keineswegs immer mit „Qualität“ zu tm hat!)

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

(„Alle für (sic!) Alle“: schön, mal was anderes als „jeder gegen jeden“ oder „einer gegen alle“! Um mich aber für „hinterfragende Journalist(en)“ zu begeistern, bedurfte es nicht des Internets; das schaffte etwa ein Günter Wallraff, falls der Name den Verfassern noch geläufig sein sollte, auch ohne. Und zumindest die Jüngeren der sogenannten „Generation Wikipedia“ weiß keineswegs immer „die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten“, wie ich aus bitterer Erfahrung weiß: Eher das Gegenteil ist der Fall. Gerade auch im Netz!)

Internet, 07.09.2009

* Markus Beckedahl
* Mercedes Bunz
* Julius Endert
* Johnny Haeusler
* Thomas Knüwer
* Sascha Lobo
* Robin Meyer-Lucht
* Wolfgang Michal
* Stefan Niggemeier
* Kathrin Passig
* Janko Röttgers
* Peter Schink
* Mario Sixtus
* Peter Stawowy
* Fiete Stegers

(Fazit: Eine Gruppe von Journalisten, sogenannten „Internet-Medien-Affinados“ und Bloggern versucht den traditionellen Medien das Internet zu erklären, mal banal, mal überheblich, mal die Wirklichkeit verkennend. Inzwischen hat einer der Beteiligten, Stefan Niggemeier, zumindest er übrigens interessanterweise mit einem Vertrag mit einem oder mehreren „Werbevermarktern“ ausgestattet — siehe dort Kommentar 120 — aufgrund zum Teil verheerender Kommentare dazu auf seinen eigenen Seiten eine Art „Rechtfertigung“, für die er sich, auch dort, zusätzlich rechtfertigen muss: „Das Manifest, das Wozu und das Danach“.)

Links zum Thema:
Internet-Manifest
Netzpolitikwiki: Internet Manifest
Stefan Niggemeier: „Das Manifest, das Wozu und das Danach“
medienhandbuch.de: „Internet-Manifest gegen das Verlagsdenken“
NZZ Online: „Wie die Welt funktioniert ― Ein Manifest!“, ein Kommentar vom 10. September 2009
Dichtung & Wahrung: „Vorwärts, dem Vergessen entgegen! (Noch ein nutzloses Blogger-Manifest)“, ein Blog von Kutter vom 16. August 2002 (!)
Stupidedia: Das original Internet-Manifest (sic!) (eine Polemik)

Brutal ermordet

„[...] wurde[n] Opfer eines brutalen Mordes“, „[...] wurde[n] brutal ermordet“: Ich staune immer wieder, wenn ich solche Formulierungen mit der Verbindung von „brutal“ und „Mord“ höre oder lese. Brutal ermordet?

Sind Morde nicht per se brutal? Oder sind es nicht auch und eher die Mörder?