Archive für Montag, 21. September 2009

Principiis obsta

Wir wehren oder widerstehen den (Wieder-)Anfängen von Faschismus und Neonazismus, aktiver Sterbehilfe, Mobbing in der Schule, dem diabetischen Fuß, Krankheitserregern bei Wirbellosen, dem EU-Reformvertrag von Lissabon, Vandalismus in Hollenstedt und was man nicht sonst noch unter den Ergebnissen einer Suchmaschine im World Wide Web findet: principiis obsta, je nach Übersetzung wehre, sträube dich oder widerstehe am Anfang, im oder den Anfängen, im oder dem Beginn!

Hin und wieder wird es Cicero zugeschrieben, so bei „Wehret den Anfängen!“ im S.P.Q.R.-Lateinservice, aber auch wenn sein Satz: „… die anständigen Bürger sind auf irgendeine Art träger, kümmern sich nicht um die Anfänge politischen Unheils …“ immer noch aktuell sein dürfte, taucht „principiis obsta“ dort wörtlich nicht auf. Trotzdem wird er gerne als Urheber bezeichnet, wie etwa bei blogtaku42: „Wehret den Anfängen!“ oder bei Lobotomize your Brain: „*ZENSIERT*“, der sich, wie im Netz leider nicht unüblich, auf unüberprüfte vermeintliche „Tatsachen“ stürzt und einfach auf den vorher genannten Blogger verweist. Weitere (falsche) Verweise auf Cicero lassen sich in Foren und sogar in einer Petition aus der Schweiz zuhauf finden!

Also nicht von Cicero! Von Brecht stammt es übrigens auch nicht.

Denn müsste es eigentlich „widerstehe der Liebe“ heißen, wenn man es im Kontext liest!

Es war der römische Dichter Publius Ovidius Naso, genannt Ovid, der es in seinen „Remedia amoris“ (Heilmittel gegen die Liebe) verwendete. Dort beschreibt er Mittel und Wege, um sich aus einer Beziehung zu lösen, sich wieder zu „entlieben“, etwa weil die Liebesqualen zu stark sind. Sozusagen ein „Fifty Ways to Leave Your Lover“ der Antike.

Im in den Versen 79 bis 114 beschriebenen Fall geht es darum, die Liebe bereits im Anfangsstadium zu unterbinden. Die betreffende Stelle ab Vers 91 lautet, zitiert nach Projekt Gutenberg-DE:

Principiis obsta: sero medicina paratur,
Cum mala per longas invaluere moras.
Sed propera, nec te venturas differ in horas:
Qui non est hodie, cras minus aptus erit.

Widersteh’ im Beginn. Zu spät bereitet man Mittel,
Wann das Übel erst stark wurde durch langen Verzug.
Eile und schiebe die Cur nicht auf für künftige Zeiten.
Wer nicht heute geschickt, morgen noch minder es ist.

Aber bekanntlich lässt sich ja alles, was für die Liebe gilt, auch auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen und umgekehrt, „denn für die Ritterfahrt gilt das, was für die Liebe gilt: Sie macht einander alles gleich“ (Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote von La Mancha) …

|