Ronalds Notizen

Donnerstag, 12. August 2010

MySchwachSinn

Abgelegt unter: Sprache und Austausch — Ronald @ 2:00

Das Präfix „My“ und die Binnenmajuskel

Nicht nur alle möglichen realen oder virtuellen Ortschaften oder Dinge um das Präfix „My“ zu ergänzen, wie etwa das Einkaufszentrum „MyZeil“ in Frankfurt am Main oder das Internetportal „myheimat“ („Bürger berichten aus Deutschland“!), sondern auch die sprachliche Eigenart, eine Binnenmajuskel wie etwa bei „BahnCard“, „CityForum“ oder „OldtimerCity“ zu verwenden, scheinen zeitgemäß geworden zu sein. Aber was soll damit eigentlich erreicht werden?

CamelCase (Wikimedia Commons/Silver Spoon Sokpop)

Während das genannte Präfix wohl eine gewisse persönliche Verbundenheit suggerieren soll, selbst wenn die Angesprochenen über keinerlei Englischkenntnisse verfügen und daher einfach nur lächerlich ist, sind die großen Buchstaben mitten im Wortinneren doch ziemlich merkwürdig, wenn nicht gar geradezu komisch! Im Englischen und in Programmiersprachen werden sie als „CamelCase“ oder „Camel Caps“ bezeichnet, weil sie wie die Höcker eines Kamels hervortreten. Das Binnen-I zur Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sprache, von der taz einmal als „Die Erektion im Text“ bezeichnet (obwohl selbst einer der Vorreiter), ist inzwischen zugunsten der korrekten Schreibweise mit „/-innen“ zum Glück weitgehend verschwunden. Dafür verbreiten sich andere Anwendungen von anderen Binnenversalien immer mehr. Soll damit eine gewisse Weltläufigkeit demonstriert werden, ein weiterer (Pseudo-)Anglizismus, der zeigen soll, wie international wir doch „aufgestellt“ sind? Ein revolutionärer, gar anarchistischer Umgang mit der Sprache, der mit Althergebrachtem brechen soll, so wie die Errungenschaften, die mit einem Wort mit einer Binnenmajuskel benannt werden? Ein Heischen nach Aufmerksamkeit und Beachtung? Oder einfach zu faul, einen Bindestrich oder einen Wortzwischenraum zu setzen?

„MySchwachSinn“, könnte man den Erfindern solcher Wortkreationen unterstellen, wenn es ihnen nicht bitterernst damit wäre! Doch da diese zeitgenössische Idee als reichlich unausgegoren und noch nicht weitgehend genug erscheint, ist eine weitere Neuerung vorzuschlagen: warum nicht komPlett auf die regeln der großUndKleinSchreibung & der zeichenSetzung verZichten & stattDessen alle wörter zusammenSchreiben & nach wortBestandTeilen + binnenMajuskeln ausStatten, da+ es auch jeder verSteht, ? sich worte zusammenSetzen? OderVielleichtGleichAllesZusammenSchreiben?

„Große Binnenbuchstaben haben einen Touch von Hermaphroditismus, Autogamie, wenn nicht überhaupt von Fortpflanzungsfeindlichkeit“, schrieb ein(e) „Owi I8“ in einem Forum von derStandard.at.

Übrigens: Die Firma Microsoft firmierte bei der Gründung 1975 noch als „Micro-soft“; den Sprung zum Weltunternehmen schaffte sie auch ohne eine Binnenmajuskel …

Links zum Thema:
Binnenmajuskel – Wikipedia
Goethe-Institut: „Sprache im Wandel. Die BinnenMajuskel – SchreibUngetüm aus der MarketingAbteilung

3 Kommentare »

  1. interessant.

    Das Wort “Binnenmajuskel” kenne ich nun auch.

    Mir fiel beim Lesen des Artikels spontan das, ich glaube, bayrische “ja mei” ein.
    Je nach Mundart könnte das dann in Stotterei ausarten, z.B. “ja mei, myspace”

    :-)

    Kommentar von Cornelia — Freitag, 13. August 2010 @ 22:27

  2. Seltsames Gestottere! Aber bei MySpace macht das „My“ ja noch Sinn, da das Netzwerk aus den USA kommt, wenngleich auch hier die Binnenversalie nicht unbedingt sein müsste.

    Kommentar von Ronald — Montag, 16. August 2010 @ 2:09

  3. Thanks for the insight. It brings light into the dark!

    Kommentar von Makaila — Sonntag, 5. Juni 2011 @ 17:35

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