Ronalds Notizen

Freitag, 31. Dezember 2010

Silvester allein

Abgelegt unter: Verschiedenes — Ronald @ 23:22

An keinem anderen Tag des Jahres scheint es so viele Partys, Events, Feiern und Veranstaltungen zu geben wie an Silvester. Selbst der letzte Schuppen besorgt etwas Dekoration und kündigt das Ereignis als irgendeinen „Silvesterkracher“ an, wohl wissend, dass die Menschheit in dieser Nacht nicht gerne allein ist und dass man sich, stellt man es geschickt an, heute zumindest für Monate sanieren kann. Dass Silvester aber mit einem I und nicht mit einem Y geschrieben wird, scheint dabei noch nicht einmal bis zu allen Veranstaltern (oder Schreiberlingen?) vorgedrungen zu sein: Man schaue sich nur einmal den „Bewegungsmelder“ für den 31. im Dezemberheft des bunten, aber letztlich belanglosen Magazins für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet FRIZZ an!

Silvesterparty (Microsoft Clip Art)

Wenngleich die meisten von uns zumindest an einem (Groß-)Teil des restlichen Jahres keinerlei Probleme damit haben, einfach gemütlich zu Hause zu bleiben, muss es in dieser Nacht unbedingt eine Party sein! Bloß nicht Silvester allein verbringen! Dabei trifft man dann Leute, denen man um Mitternacht zuprostet und ein gutes neues Jahr wünscht und die man sonst, gelinde gesagt, mit höflicher Nichtachtung bedenken würde. Zuvor hat man unter Umständen horrende Preise für Musik bezahlt, die man eigentlich gar nicht hören wollte, oder für ein schlechtes Menü, das man sonst jederzeit beanstandet hätte, während der Veranstalter den Reibach seines Lebens macht.

Silvesterparty (Microsoft Clip Art)

Und dann der Alkoholkonsum! Als der Autor vor wenigen Jahren nach Mitternacht noch zu Freunden gehen wollte, die in einem ansonsten gepflegten Tempel moderner (Hoch-)Kultur ins neue Jahr feierten, und durch dessen Fensterscheiben einen von Plastikbechern, zerschmetterten Flaschen und sonstigem Abfall übersäten Boden sah, kam er zu der Einsicht, dass ein Schlachtfeld nicht unbedingt zu seiner positiven Neujahrsstimmung beitragen würde. Dass er sich auf dem Weg dorthin wegen des Böllerbeschusses von allen Seiten schon wie auf einem solchen fühlte, sei nur am Rande erwähnt.

Silvesterrakete (Microsoft Clip Art)

Wer nicht ausgehen will, der veranstaltet selbst eine Party. Wenn man zu einer solchen eingeladen wird, gibt es meist Raclette oder es steht ein Büfett bereit, man lernt Leute kennen, die man sonst … (siehe oben), und um die Musik kann man dort ebenfalls streiten. Als der Autor vor Jahren von sonst äußerst netten Mitbewohnern seines Hauses zu einer Silvesterparty eingeladen wurde und vor dem Weg nach oben aus deren Wohnung „Highway to Hell“ durch das Treppenhaus schallen hörte, beschloss er, dass sein Leben bisher noch keine derartige Grundstimmung angenommen hatte, ein solches Musikstück als erstes des neuen Jahres hören zu wollen, und nicht dorthin zu gehen.

Tanz (Microsoft Clip Art)

Leider weiß man natürlich nicht immer schon vorher, wie eine Festivität werden wird. Aber der Autor hat im Lauf seines Lebens schon zu vielen schlechten Silvesterveranstaltungen beigewohnt, auf denen sich Menschen versammelten, die offensichtlich nur der persönliche Zwang dorthin getrieben hatte, heute unter keinen Umständen allein sein zu wollen. Dabei begegnet man dann Leuten, die man sonst … (siehe oben).

Silvesterparty (Microsoft Clip Art)

Silvester kann man auch gut verschlafen, man glaubt es nicht! Vor Jahren feierte der Autor bereits am 30. Dezember so heftig, dass er sich am folgenden Abend schon früh hinzulegen beschloss. Um Mitternacht von der Knallerei kurz aufgewacht zu sein, „aha, Jahreswechsel …“ zu denken, weiterzuschlafen und am nächsten Tag die Erkenntnis gehabt, nichts, aber auch gar nichts versäumt zu haben, kann ein herrliches Gefühl sein!

Schlafender (Microsoft Clip Art)

Im Lauf der Jahre ist in ihm der Gedanke gereift, dass ihm die letzten Stunden des alten und die ersten des neuen Jahres zu kostbar sind, um sie auf schlechten Veranstaltungen zu verbringen. Irgendwie tragen sie doch auch dazu bei, wie ein vergangenes Jahr in der Erinnerung verbleibt und in welcher Stimmung ein neues begrüßt wird. Und was spricht eigentlich dagegen, sich für diesen Abend eine Flasche wirklich guten Rotweins (oder von mir aus auch einen Kasten Bier) zu besorgen und mal wieder Schallplatten aufzulegen, die man schon ewig nicht mehr gehört hat, oder das Hörbuch von Weihnachten, das Buch vom Gabentisch anzufangen oder in einem begonnen weiterzulesen? Feiern können wir doch schließlich das ganze Jahr über, oder?

In diesem Sinn: prost Neujahr und einen guten Rutsch! Kurzfristige Einladungen für heute Abend und langfristige für das nächste Jahr werden gerne angenommen, man will an Silvester ja unter keinen Umständen allein sein …

Feuerwerk (Microsoft Clip Art)

(Alle Bilder: Microsoft Clip Art, das letzte lässt sich durch Anklicken vergrößern.)

Freitag, 17. Dezember 2010

Die Einladung

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 3:59

(Sommersonnenwende, sechster Teil)

Er hatte sie nach dieser Nacht nicht mehr gesehen. Nicht, dass er nicht gewollt hätte, aber sie hatte sich nicht mehr gemeldet. Auch beim Spanier war sie nicht mehr erschienen, wie ihm der Wirt, der ihre Unterhaltung an diesem Abend verfolgt hatte, auf seine Nachfrage berichtete, ebenso im Park, wo er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Ja, sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf! Er versuchte zwar, sie aus seinen Gedanken zu verdrängen, doch es wollte ihm auf Dauer nicht gelingen. Dabei war diese Nacht keineswegs nur harmonisch und schön für ihn gewesen!

„Es gefiel ihm, seine kleinen Laster und Extravaganzen zu haben, sich als außerbürgerlich, als Sonderling oder Genie zu fühlen, doch hauste und lebte er, um es so auszudrücken, niemals in den Provinzen des Lebens, wo keine Bürgerlichkeit mehr existiert“, so wie viele in seiner Wohngegend: Lehrer, Studienräte, Universitätsprofessoren, Freiberufler, Künstler, Werber und andere aus einer gehobenen Mittelschicht mit Hang zu stilvollen Altbauten, in denen sie vermehrt Eigentumswohnungen kauften, während ihre Frauen tagsüber mit ihren Hausfrauenpanzern unterwegs waren, wie er die Geländewagen nannte, die andauernd mit laufendem Motor irgendwo herumstanden, während die Kinder ein- oder ausgeladen wurden oder sie telefonierten, was beides mitunter mehrere Minuten oder gar länger dauern konnte. Und so wunderte sie sich etwas über seine Wohnung, die für ihren Geschmack doch ein wenig zu konservativ eingerichtet und zudem mit vom Rauch vergilbten Wänden versehen war.

Er zitierte weiter aus dem „Steppenwolf“, wie vorher diesmal aus dem „Tractat vom Steppenwolf“ („Nur für Verrückte!“). So definierte er ihr Gegenüber das Bürgerliche als „nichts andres als der Versuch eines Ausgleiches, als das Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen den zahllosen Extremen und Gegensatzpaaren menschlichen Verhaltens“, bevor sie ihm mit einem langen Kuss den Mund verschloss und sich auf ihn legte. „Mir scheint, dass du ein wenig Abwechslung brauchst …“

Danach war sie verschwunden. Nicht gleich danach; er bemerkte ihr Verschwinden erst, als er zum morgendlichen Wasserlassen auf die Toilette gehen musste. Auf dem Küchentisch fand er später einen Zettel:

Lieber „Bernhard“ oder wie auch immer Du heißt,
ich melde mich wieder!
Gruß,
„Marieluise Fleißer“
(Du erinnerst Dich, hihihi …)

was aber bisher nicht geschehen war.

Der Herbst ging ohne sie vorbei, ohne dass sie sich gemeldet hatte, aber ungewöhnlich mild in diesem Jahr, und der Winter nahte, es wurde kälter. Auch in seinem Herz! Als er jedoch eines Tags in seinen Hausflur tritt, findet er dort auf dem Boden ein auf dunkelrosa Papier gedrucktes Flugblatt vor, das unter der Haustür hindurchgeschoben worden war und das er zunächst als unerwünschte Werbung in den Altpapierbehälter werfen will. Er liest:

Einladung!

Zur Wintersonnenwende und der gleichzeitig längsten Vollmondnacht des Jahres am 21. Dezember möchte ich Dich herzlich zu einer Party einladen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du kommst!

Gruß

und dann die handschriftliche Unterschrift „Marieluise“ in Anführungszeichen sowie eine Adresse …

(Fortsetzung: Wintersonnenwende)

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Eine leichte Liebe

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 2:38

(Sommersonnenwende, fünfter Teil)

Die Flucht ergreifen, pah, denkt er auf dem Nachhauseweg, was wusste sie denn schon? Und doch: Hatte sie nicht irgendwie auch recht?

„Und ich staunte darüber, wie reich mein Leben, mein scheinbar so armes und liebloses Steppenwolfleben, an Verliebtheiten, an Gelegenheiten, an Lockungen gewesen war“, fällt es ihm aus Hesses „Steppenwolf“ ein, und weiter: „Ich hatte sie fast alle versäumt und geflohen, war über sie hinweggestolpert, hatte sie schleunigst vergessen“. Will er das wieder?

Andererseits: „Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat …“

Er bleibt stehen, auf dem halben Weg zwischen Kneipe und seinem Wohnhaus, und zündet sich eine Zigarette an. Viele hat er nicht mehr dabei. Und außerdem: Wollte er sich nicht eigentlich eine Flasche Rotwein besorgen? Zurückgehen?

„Ein leichtes Leben, eine leichte Liebe, ein leichter Tod — das war nichts für mich“, denkt er noch, als er Schritte hinter sich hört, kurz bevor er sich wieder umdrehen will. Trippelnde, schnelle Frauenschritte.

„Sie?“, fragt er, und weiß nicht, ob er überrascht sein soll.

„Ich möchte heute Nacht nicht alleine sein“, antwortet sie. „Und ich glaube, du auch nicht!“

(Fortsetzung: Die Einladung)

Sonntag, 12. Dezember 2010

Soziales Klima immer eisiger

Das gesellschaftliche Klima hierzulande wird immer eisiger. Die Angst vor sozialem Abstieg wird vor allem unter Besserverdienern so stark, dass sie zu einer aggressiven Stimmung gegen Hilfsbedürftige führt. Dies ergab eine Untersuchung, die das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung IKG der Universität Bielefeld durchgeführt hat.

Wie Olivia Schoeller in der Frankfurter Rundschau, S-Ausgabe vom 4./5. Dezember 2010 auf Seite 6 die Ergebnisse zusammenfasst, steigt die Zahl der Deutschen, „die mit Abneigung auf Fremde und Menschen blickten, die nicht als Leistungsträger dieser Gesellschaft gelten.“ Dabei sei es „bemerkenswert […], dass vor allem unter Besserverdienern die aggressive Stimmung gegenüber Hilfsbedürftigen zugenommen hat.“

Während die Angst vor sozialem Abstieg bisher hauptsächlich Menschen mit niedrigerem Einkommen betraf, haben zunehmend Besserverdiener mit einem Einkommen von mehr als 2500 Euro netto „das Gefühl, dass sie heute weniger als ihren gerechten Anteil erhalten“ und „zu den Verlierern zählen“. Dies sei vor allem auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurückzuführen. Zusätzlich interessant ist hierbei, dass auch bei Menschen, die sich politisch in der Mitte oder gar links einordnen, die Islamfeindlichkeit zugenommen hat.

In einer nach der Quelle des IKG angefertigten Grafik der Frankfurter Rundschau wird ersichtlich, dass es unter den Armen („unter 650 Euro“) und den Schichten mit einem niedrigen Einkommen („650 bis 1299 Euro“) zwischen dem letzten und diesem Jahr nur einen geringen Anstieg „rechtspopulistischer Meinungen“ gibt, bei den mittleren Einkommen („1300 bis 2598 Euro“, sic!) eine gleich bleibende Tendenz. In keiner anderen Gruppe wie bei den Besserverdienenden („ab 2598 Euro“, sic!), „die rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen“, ist der Anstieg jedoch so deutlich, obwohl sie insgesamt noch hinter den anderen Einkommensgruppen zurückliegt, ergab die repräsentative Umfrage von 2000 Menschen. Dies könne nicht an den Debatten um Thilo Sarrazin, seinen Thesen und dem Erscheinen seines Buchs „Deutschland schafft sich ab“ liegen, da diese Langzeitstudie schon vorher durchgeführt wurde, doch er „traf […] offenbar auf diese Stimmung.“

„Insgesamt stellt die Studie eine Entsolidarisierung und eine Ökonomisierung der Gesellschaft fest“, folgert die Autorin des Rundschau-Artikels, und weiter: „Vor allem die Besserverdiener würden in Krisen immer häufiger den Wert eines Menschen in dessen Leistung messen.“ Wilhelm Heitmeyer, Leiter des IKG und Herausgeber der unter dem Titel „Deutsche Zustände“ auch in Buchform erschienenen Langzeitstudie (hierzu Folge 8, 2010), spricht gar von einem „eisigen Jargon der Verachtung durch die Eliten“.

Dass das soziale Gefüge unserer Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet und -bricht, ist schon seit Längerem spürbar, und es bleibt abzuwarten, ob, bis und wie dieser „Jargon der Verachtung“ auch in die Tat umgesetzt wird und wie die Verachteten darauf reagieren werden, falls sie nicht schon vorher reagieren …

(Nachtrag vom 13. Dezember 2011: siehe auch Studie: Sozialforscher warnt vor „Klassenkampf von oben“ | Politik | ZEIT ONLINE und die dort verlinkten weiteren Artikel zum Thema!)

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Schnee

Abgelegt unter: Verschiedenes — Ronald @ 3:33

Ich mag Schnee.

Vor allem, wenn er nicht gleich wieder schmilzt und zu grau-weißem Matsch wird wie in den Städten, sondern wenn er liegen bleibt. Und man nicht auf Verkehrsmittel angewiesen ist, sondern ihn mit Muße draußen erleben kann.

Geräusche erscheinen uns bei Schnee leiser, gedämpfter. Kontraste sind gemildert, wenn alles unter einer Schneedecke verschwunden ist. Alles ist weiß, aber das, was daraus hervorschaut, kommt stärker zur Geltung.

Die Welt bekommt etwas Meditatives. Wir gehen vorsichtiger, langsamer. Die Welt scheint sich vorsichtiger, langsamer zu drehen. Sie erscheint friedlicher, kontemplativer. Und die Kälte erträglicher, als wenn kein Schnee liegt und es einfach nur frostig kalt ist. Schon meine Mutter sagte: „Schnee drückt die Kälte zu Boden.“

Schnee zeigt uns am unmittelbarsten den ewigen Wechsel der Dinge, den Lauf der Zeit und der Natur. Mehr und direkter, als es die anderen Jahreszeiten tun, denn alles erscheint wie erstorben, tot. Manchmal erinnert er uns an unseren eigenen Tod.

Manche Menschen ersehnen geradezu den ersten Schnee, nicht nur Kinder. Und manche erinnert er an ein Leichentuch. Doch darunter ruht sich die Natur nur aus, zu neuem Leben. Er zeigt uns die temporäre Natur aller Dinge, allen Lebens. Und macht uns Hoffnung auf unsere eigene Wiedergeburt, den nächsten Frühling, den nächsten Sommer …

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