Silvester allein
Freitag, Dezember 31st, 2010An keinem anderen Tag des Jahres scheint es so viele Partys, Events, Feiern und Veranstaltungen zu geben wie an Silvester. Selbst der letzte Schuppen besorgt etwas Dekoration und kündigt das Ereignis als irgendeinen „Silvesterkracher“ an, wohl wissend, dass die Menschheit in dieser Nacht nicht gerne allein ist und dass man sich, stellt man es geschickt an, heute zumindest für Monate sanieren kann. Dass Silvester aber mit einem I und nicht mit einem Y geschrieben wird, scheint dabei noch nicht einmal bis zu allen Veranstaltern (oder Schreiberlingen?) vorgedrungen zu sein: Man schaue sich nur einmal den „Bewegungsmelder“ für den 31. im Dezemberheft des bunten, aber letztlich belanglosen Magazins für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet FRIZZ an!
Wenngleich die meisten von uns zumindest an einem (Groß-)Teil des restlichen Jahres keinerlei Probleme damit haben, einfach gemütlich zu Hause zu bleiben, muss es in dieser Nacht unbedingt eine Party sein! Bloß nicht Silvester allein verbringen! Dabei trifft man dann Leute, denen man um Mitternacht zuprostet und ein gutes neues Jahr wünscht und die man sonst, gelinde gesagt, mit höflicher Nichtachtung bedenken würde. Zuvor hat man unter Umständen horrende Preise für Musik bezahlt, die man eigentlich gar nicht hören wollte, oder für ein schlechtes Menü, das man sonst jederzeit beanstandet hätte, während der Veranstalter den Reibach seines Lebens macht.

Und dann der Alkoholkonsum! Als der Autor vor wenigen Jahren nach Mitternacht noch zu Freunden gehen wollte, die in einem ansonsten gepflegten Tempel moderner (Hoch-)Kultur ins neue Jahr feierten, und durch dessen Fensterscheiben einen von Plastikbechern, zerschmetterten Flaschen und sonstigem Abfall übersäten Boden sah, kam er zu der Einsicht, dass ein Schlachtfeld nicht unbedingt zu seiner positiven Neujahrsstimmung beitragen würde. Dass er sich auf dem Weg dorthin wegen des Böllerbeschusses von allen Seiten schon wie auf einem solchen fühlte, sei nur am Rande erwähnt.
Wer nicht ausgehen will, der veranstaltet selbst eine Party. Wenn man zu einer solchen eingeladen wird, gibt es meist Raclette oder es steht ein Büfett bereit, man lernt Leute kennen, die man sonst … (siehe oben), und um die Musik kann man dort ebenfalls streiten. Als der Autor vor Jahren von sonst äußerst netten Mitbewohnern seines Hauses zu einer Silvesterparty eingeladen wurde und vor dem Weg nach oben aus deren Wohnung „Highway to Hell“ durch das Treppenhaus schallen hörte, beschloss er, dass sein Leben bisher noch keine derartige Grundstimmung angenommen hatte, ein solches Musikstück als erstes des neuen Jahres hören zu wollen, und nicht dorthin zu gehen.
Leider weiß man natürlich nicht immer schon vorher, wie eine Festivität werden wird. Aber der Autor hat im Lauf seines Lebens schon zu vielen schlechten Silvesterveranstaltungen beigewohnt, auf denen sich Menschen versammelten, die offensichtlich nur der persönliche Zwang dorthin getrieben hatte, heute unter keinen Umständen allein sein zu wollen. Dabei begegnet man dann Leuten, die man sonst … (siehe oben).
Silvester kann man auch gut verschlafen, man glaubt es nicht! Vor Jahren feierte der Autor bereits am 30. Dezember so heftig, dass er sich am folgenden Abend schon früh hinzulegen beschloss. Um Mitternacht von der Knallerei kurz aufgewacht zu sein, „aha, Jahreswechsel …“ zu denken, weiterzuschlafen und am nächsten Tag die Erkenntnis gehabt, nichts, aber auch gar nichts versäumt zu haben, kann ein herrliches Gefühl sein!
Im Lauf der Jahre ist in ihm der Gedanke gereift, dass ihm die letzten Stunden des alten und die ersten des neuen Jahres zu kostbar sind, um sie auf schlechten Veranstaltungen zu verbringen. Irgendwie tragen sie doch auch dazu bei, wie ein vergangenes Jahr in der Erinnerung verbleibt und in welcher Stimmung ein neues begrüßt wird. Und was spricht eigentlich dagegen, sich für diesen Abend eine Flasche wirklich guten Rotweins (oder von mir aus auch einen Kasten Bier) zu besorgen und mal wieder Schallplatten aufzulegen, die man schon ewig nicht mehr gehört hat, oder das Hörbuch von Weihnachten, das Buch vom Gabentisch anzufangen oder in einem begonnen weiterzulesen? Feiern können wir doch schließlich das ganze Jahr über, oder?
In diesem Sinn: prost Neujahr und einen guten Rutsch! Kurzfristige Einladungen für heute Abend und langfristige für das nächste Jahr werden gerne angenommen, man will an Silvester ja unter keinen Umständen allein sein …
(Alle Bilder: Microsoft Clip Art, das letzte lässt sich durch Anklicken vergrößern.)