Silvester allein

Von miesen Silvesterpartys und der Alternative, Silvester allein zu verbringen

An keinem anderen Tag des Jahres scheint es so viele Partys, Events, Feiern und Veranstaltungen zu geben wie an Silvester. Die Menschheit will in dieser Nacht nicht gerne allein sein. Dass Silvester dabei häufig mit einem i und nicht mit einem y geschrieben wird, scheint auch nicht unbedingt für die Qualität zu sprechen. Und kaum eine Veranstaltung hält, was sie verspricht. Als Alternative zu einer privaten Party gehen? Selbst eine veranstalten? Und wie wäre es, Silvester allein zu verbringen? Der Autor hat so seine Erfahrungen gemacht.

Feuerwerk

Silvester allein? Das will man an diesem Tag unter keinen Umständen sein! (Microsoft Clip Art)

Wenngleich die meisten von uns, zumindest der etwas älteren Generation, an einem (Groß)teil des restlichen Jahres keinerlei Probleme damit haben, einfach gemütlich zu Hause zu bleiben, muss es in dieser Nacht unbedingt eine Party sein, von denen es an diesem Tag so viele zu geben scheint wie sonst nicht im Jahr. Selbst der letzte Schuppen besorgt etwas Dekoration und kündigt das Ereignis als irgendeinen „Silvesterkracher“ an, wobei die Schreibweise mit einem y anstelle des korrekten i leider immer noch häufig vorzufinden ist: Man schaue sich nur einmal den „Bewegungsmelder“ für den 31. im Dezemberheft des bunten, aber letztlich belanglosen Magazins für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet FRIZZ an. Bloß nicht Silvester allein verbringen! Dort trifft man dann Leute, denen man um Mitternacht zuprostet, ein gutes neues Jahr wünscht und die man sonst, gelinde gesagt, mit höflicher Nichtachtung bedenken würde. Zuvor hat man unter Umständen horrende Preise für Musik bezahlt, die man eigentlich gar nicht hören wollte, oder für ein schlechtes Menü, das man sonst jederzeit beanstandet hätte, nur heute nicht, während der Veranstalter den Reibach seines Lebens macht und sich zumindest für Monate sanieren kann.

Und dann der Alkoholkonsum! Als ich vor wenigen Jahren nach Mitternacht noch zu Freunden gehen wollte, die in einem ansonsten gepflegten Tempel moderner (Hoch)kultur ins neue Jahr feierten, und durch dessen große Fensterscheiben einen von Plastikbechern, zerschmetterten Flaschen und sonstigem Abfall übersäten Boden sah, kam ich zu der Einsicht, dass ein Schlachtfeld nicht unbedingt zu meiner positiven Neujahrsstimmung beitragen würde. Dass ich mich auf dem Weg dorthin wegen des Böllerbeschusses von allen Seiten schon wie auf einem solchen fühlte, sei nur am Rande erwähnt.

Wer nicht ausgehen will, der veranstaltet selbst eine Party. Wenn man zu einer solchen eingeladen wird, gibt es meist Raclette oder es steht ein Büfett bereit, man lernt Leute kennen, die man sonst … (siehe oben), und um die Musik kann man dort ebenfalls streiten, was mitunter in die Tat umgesetzt wird. Als ich vor Jahren von sonst äußerst netten Mitbewohnern meines Wohnhauses zu einer Silvesterparty in deren Dachwohnung eingeladen wurde und aus dieser auf dem Weg nach oben „Highway to Hell“ durch das Treppenhaus schallen hörte, beschloss ich, meinen Weg dorthin nicht fortzusetzen, da mein Leben bisher noch keine derartige Grundstimmung angenommen hatte, ein solches Musikstück als erstes des neuen Jahres hören zu wollen. Und wer weiß, was die sonst noch auflegen würden! Wer hingegen selbst eine Party veranstaltet, hat damit zwar die Möglichkeiten, Leute, die man sonst … (siehe oben), gar nicht erst einzuladen, die Musik und das Essen frei zu gestalten, aber am nächsten Tag überrascht einen möglicherweise nicht nur ein Kater, den man zuvor nicht besessen hatte, sondern auch eine Wohnung, die wie ein Schlachtfeld aussieht.

Leider weiß man natürlich nicht immer schon vorher, wie eine Festivität werden wird, und einen Kater kann man sich überall holen. Aber ich habe im Laufe meines Lebens schon zu vielen schlechten Silvesterveranstaltungen beigewohnt, auf denen sich Menschen versammelten, die offensichtlich nur der persönliche Zwang dorthin getrieben hatte, heute unter keinen Umständen allein sein zu wollen, und auf denen man dann Leuten begegnet, die man sonst … (siehe oben). Daher muss man für sein Tierchen, das auch schon mal ein ausgewachsenes Tier sein kann und ja gepflegt werden will, nicht unbedingt vorher auch noch bezahlen!

Silvester kann man übrigens auch gut verschlafen, man glaubt es nicht! Vor Jahren feierte ich bereits an einem 30. Dezember so heftig, dass ich mich am folgenden Abend schon früh hinzulegen beschloss. Um Mitternacht von der Knallerei kurz aufgewacht zu sein, „aha, Jahreswechsel!“ zu denken, weiterzuschlafen und am nächsten Tag die Erkenntnis gehabt, nichts, aber auch gar nichts versäumt zu haben, kann ein herrliches Gefühl sein!

Im Lauf der Jahre ist in mir der Gedanke gereift, dass mir die letzten Stunden des alten und die ersten des neuen Jahres zu kostbar sind, um sie auf schlechten Veranstaltungen zu verbringen. Irgendwie tragen diese Stunden doch auch dazu bei, wie ein vergangenes Jahr in der Erinnerung verbleibt und in welcher Stimmung ein neues begrüßt wird. Und was spricht eigentlich dagegen, Silvester allein zu verbringen, sich für diesen Abend eine Flasche eines wirklich guten Rotweins oder von mir aus auch einen Kasten Bier zu besorgen und mal wieder Schallplatten aufzulegen, die man schon ewig nicht mehr gehört hat, oder mit dem Hörbuch von Weihnachten, dem Buch vom Gabentisch anzufangen zu hören bzw. zu lesen oder mit einem begonnenen fortzufahren? Feiern können wir doch schließlich das ganze Jahr über, oder?

In diesem Sinn: prost Neujahr und einen guten Rutsch! Und, ach ja, bevor ich es vergessen: Kurzfristige Einladungen für heute Abend und langfristige für das nächste Jahr werden gerne angenommen. Silvester allein? Nein, das will man ja heute unter keinen Umständen sein …

(Am 30. Dezember 2014 behutsam und, da regelmäßig kurz vor Silvester eine große Nachfrage auf diesen Eintrag besteht, am 24. Dezember 2015 erneut überarbeitet.)


Kommentare

Silvester allein — 5 Kommentare

  1. Och, was soll denn an eynem Ypsylon yn dem Wort Sylvester so falsch oder hässlich seyn? – Und ych byn übrygens auch jemand, der zu Sylvester mal ganz gern alleyn yst und dem ganzen Trubel Lebewohl sagen tut.

  2. Bis zum halben Abend in Gesellschaft des erwachsenen Sohnes, der dann in – glaube ich – netter Gesellschaft von Freunden feierte. Selbst dann mit dem Film „Mandela“ über den Jahreswechsel 2014/15 mit kleinen Pausen, die bei einer DVD ja möglich sind, den letzten Tag des Jahres mit wenig Wein dazu beendet und das neue Jahr vom Film und Freiheitsgedanken beseelt begonnen und richtig schön lange ausgeschlafen. 🙂

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