Ronalds Notizen

Samstag, 27. August 2011

Fremde

Abgelegt unter: Politik und Gesellschaft, Leben und Arbeiten, Zitate — Ronald @ 21:11

von Cornelia Tiedemann

Er ist anders, er ist fremd,
deutscher Sprachfluss noch gehemmt,
schlicht gekleidet, alt das Hemd,
an unser Grenze angeschwemmt.

Die Grenze, das ist die Kultur —
Kultur ist unsre eigne nur …
Wer Allah sagt statt Gott im Schwur,
den trifft die Ablehnung oft pur …

Was wert ist, wir bestimmen das —
wir werten ohne Unterlass!
Zuerst fragen wir nach dem Pass —
der „falsche“? Und er beißt ins Gras.

So gibt es täglich stilles Sterben:
Den Wüstensand und Meere färben
das Blut der Menschen im Verderben!
Die „freie“ Welt liegt längst in Scherben.

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin, bei der auch die Urheberrechte liegen.)

Samstag, 13. August 2011

Ich bin drin

Abgelegt unter: Computer und Internet, Information und Medien, Bloggen — Ronald @ 1:46

20 Jahre World Wide Web

Vor 20 Jahren, am 6. August 1991, stellte Tim Berners-Lee der Welt das World Wide Web (WWW) vor. Ganz nebenbei erfand er auch gleich den ersten Browser, worauf die Zahl der Internetnutzer explodierte. Spätestens, nachdem Boris Becker im Oktober 1999 in einem Werbefilmchen verkündete: „Ich bin drin“, machten es ihm auch hierzulande Millionen nach. Unser Leben hat sich seitdem vereinfacht, oder?

Wenn wir uns daran erinnern, dass Internet und WWW nicht dasselbe sind, wissen wir, dass es Ersteres schon lange vorher gab. Und auch Personal Computer. Der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee krankte jedoch während seiner Forschungsarbeit in der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf daran, dass Informationen nicht zwischen den Kollegen in der Schweiz und in Frankreich ausgetauscht werden konnten.

So erfand er die noch heute verwendete Hypertext Markup Language (HTML), eine Auszeichnungssprache (und nicht Programmiersprache, wie oft behauptet, da sie nicht programmiert, sondern schlicht geschrieben wird!), die es ermöglicht, neben der Struktur von Texten und Bildern vor allem Hyperlinks zu verwenden, durch die das WWW überhaupt erst funktioniert. Seine erste Webseite kann man im Archiv des von ihm gegründeten World Wide Web Consortium (W3C) noch heute ansehen, ebenso die dortige Projektseite The World Wide Web project. Was aussieht wie des Autors erste eigene, während seiner Weiterbildung zum Mediengestalter Digital und Print geschriebene HTML-Seite, sollte das Internet revolutionieren. Zusammen mit der Erfindung eines Browsers, einfach „WorldWideWeb“ genannt (auch hier existieren noch Bildschirmfotos, so bei CERN und auf Wikimedia Commons), schuf er damit die Grundlagen des WWW, wobei ihm immer wichtig war, keine kommerziellen Interessen mit seiner Erfindung zu verfolgen. Kurz darauf explodierte die Zahl der Internetnutzer geradezu: von 600 000 auf 40 Millionen.

Wir als Computernutzer erfuhren schon früh, wie einfach das Leben mit einem solchen ist, auch wenn die ersten Tastaturen noch Bretter und die Bildschirme Ungetüme, zudem noch mit schwarzem Hintergrund waren. Man denke etwa an das Schreiben und Platz sparende Speichern von längeren Texten, die Aufbewahrung von Bildern u. Ä., aber auch (schmerzlich) daran, wie zügig das Vernichten von kompletten Bildersammlungen, Seminar- oder Examensarbeiten, von Firmenunterlagen, Plänen usw. am Arbeitsplatz ganz zu schweigen, vonstattengehen kann, wenn man mal nicht aufgepasst und den falschen Knopf gedrückt hat oder (Computerviren, auch eine „Errungenschaft“ des WWW!) das Betriebssystem neu installieren muss …

Doch erst die Erfindung von Berners-Lee machte aus einem Rechner das, wofür wir ihn heute hauptsächlich nutzen, nämlich für die Dienste des Internets und damit auch des WWW. Spätestens, nachdem Boris Becker verkündete, dass er „drin“ und wie leicht das ist, mussten wir das auch haben. Heute lässt sich ein Leben ohne diese nicht mehr vorstellen, es ist doch vieles einfacher geworden! Ein Buch wird nicht mehr in der Buchhandlung besorgt, eine Reise nicht mehr im Reisebüro, sondern online. Wir schauen in Versteigerungsportale und suchen Schnäppchen, in Partnerportalen nach einem Partner und anstatt auf das Thermometer vor dem Fenster zu sehen, suchen wir im WWW nach dem Wetterbericht. Was wir früher einem geheimen Tagebuch oder Poesiealbum anvertrauten, veröffentlichen wir nun in einem für jedermann einsehbaren Blog. Und anstatt jemanden zu besuchen oder wenigstens anzurufen, schreiben wir lieber eine E-Mail: Das geht schneller und kostet weniger. Dafür haben wir ja im WWW so viele „Freunde“ wie im sonstigen Leben nicht! Und, nun ja, bevor wir Männer mit hochrotem Kopf ein schmuddeliges Pornokino aufsuchen müssen, machen wir das bequem von zu Hause in einem der vielen Videoportale, die nötigen Accessoires immer griffbereit.

Man kann ganze Tage online verbringen, wenn sich nur von Zeit zu Zeit nicht so reale, gleichzeitig angesichts der Verbundenheit mit der ganzen (worldwide) Welt so banale körperliche Bedürfnisse melden würden: Hunger und Durst! Der Autor erinnert sich an Sätze wie „Wer nicht drin ist, ist draußen“ oder „Wer nicht im WWW zu finden ist, existiert nicht“, aber auch an eine Spaß-Fehlermeldung, die in typischem Windows-2000-Stil warnte: „You are online now since one year!“, und einem zwei Optionen bot: „Cancel“ oder „Remind me next year“.

Bei der Gelegenheit: Muss doch gerade mal im WWW nach der Pizzeria hier am Eck suchen …

Link zum Thema:
Welcome to info.cern.ch zur Geschichte des WWW (englisch, dort gibt es auch einen Verweis auf eine französische Version)

Freitag, 12. August 2011

Der Joint

Abgelegt unter: Lyrik und Prosa, Liebe und Beziehungen — Ronald @ 2:05

oder Muss Nutte sein

(Sommersonnenwende, achter Teil)

Zwei dunkel und in ihren Augen mit protzigen Sporthosen und -schuhen, Kapuzenpullovern und Bomberjacken modisch gekleidete junge Männer hocken auf den Resten einer Mauer, die etwas versteckt vor einer mit Gestrüpp und kleineren Bäumen bewachsenen Brachfläche von einem Abrisshaus übrig geblieben war. Er hatte sie vorher nicht bemerkt. Da es nicht unbedingt nach einem Raubüberfall aussieht und er seinen Mitmenschen zunächst vertraut, auch wenn sie in Welten leben, die nicht nur Generationen von seiner trennt, tritt er auf sie zu und hält ihnen seine flache Zigarettenpackung mit der im Rauch tanzenden Zigeunerin hin. Davon werden sie vermutlich umkippen, denkt er sich schmunzelnd.

Da bemerkt er, dass der eine mehrere zusammengeklebte Zigarettenpapierchen in der einen und etwas anderes versteckt in der anderen Hand hält. Sie wollen sich einen Joint bauen und brauchen eine leichte Zigarette; seine wären eindeutig viel zu stark dafür! Während der eine schon zugreifen will, macht er sie darauf aufmerksam.

„Ich mache euch einen Vorschlag: Ich hole hier irgendwo leichte Zigaretten und ihr lasst mich mal einen Zug mitziehen.“

„Cool, Alter!“, antwortet einer von ihnen.

Nachdem sie ihm erklärten, wo in der Nähe eventuell noch eine Trinkhalle offen ist und wo es eventuell noch einen Zigarettenautomaten gibt, macht er sich auf den Weg. Die beiden Jungs folgen ihm in einigem Abstand, über irgendetwas Witze machend (möglicherweise sogar über ihn, aber das nahm er in Kauf), gelegentlich laut lachend und sich abklatschend.

Schließlich finden sie tatsächlich noch eine Trinkhalle, die zu dieser inzwischen schon späteren Zeit des Abends noch aufhat. Einige trunkene Gestalten, darunter eine Frau, deren Alter schwer einzuschätzen ist und die einmal gut ausgesehen haben muss, lungern noch um sie herum, leicht erkennbar als ursprüngliche Bewohner dieser Gegend, die durch die neuen immer mehr aufs Abstellgleis geschoben werden. Sie wollen ihm den Platz vor dem Verkaufsfenster zunächst nicht freimachen, weil sie glauben, dass er zu denen gehört, die hier die Mieten in die Höhe treiben, und zudem keineswegs nüchtern und, dadurch beflügelt, äußerst misstrauisch bis aggressiv sind. Hier bahnen sich noch soziale Konflikte an, mutmaßt er.

Nachdem der Inhaber ein Machtwort gesprochen hat, schließlich will er sich das zu erwartende Geschäft nicht vermiesen lassen, bestellt eine leichte Zigarettenmarke und fragt die beiden Jungs, ob sie etwas zu trinken haben wollen. Mit einem erneuten „Cool, Alter“ entscheiden sie sich für Cola. Er bestellt sich ein Bier. Dann verziehen sie sich auf eine Bank in einer kleinen Grünanlage hinter dem Kiosk.

Er verspürt immense Lust, wieder einmal etwas zu rauchen. Der süßlich-schwere Geruch steigt ihm beim Anzünden des Joints sofort in die Nase. Schon nach den ersten beiden Zügen merkt er, wie eine wohlige, wattige Nebelbank von seinem Kopf Besitz ergreift. Er wird ruhiger, gelassener, während die beiden so tun, als würden sie nichts von der Wirkung merken: Sie scherzen weiter, klatschen sich hin und wieder ab. Reines Jungmännergehabe, denkt er, sie wollen sich nichts anmerken lassen. Worüber sie sich (gedämpft, zum Glück!) unterhalten, interessiert ihn weniger.

Dem Rausch des Haschischs oder des Marihuanas hatte er, seitdem er ihn die ersten Male genossen hatte, immer lieber hingegeben als dem des Alkohols. Nach einer Phase eines zeitweiligen Alkoholismus mit einem Überkonsum, den er sich selbst natürlich nie eingestanden und der ihn fast an einen körperlichen und geistigen Abgrund geführt hatte, war ihm der Verzehr dessen fast schon zuwider geworden, und er trank nun zwar noch regelmäßig, aber mäßig. Wie anders doch dagegen das Kiffen: Während man durch die Wirkung übermäßigen Alkoholkonsums geradezu aus seinem Körper entfleucht, sich quasi in jemand anderen wandelt, indem man etwa draufgängerischer, enthemmter wird, so bleibt man im Haschischrausch doch stets bei sich; er ändert einen nicht, sondern führt einen im Gegenteil zu sich selbst, allerdings auch zu seinen Seufzern, Schwankungen und Ängsten! „Man glaubt sich einer Sühne unterworfen“, meint er bei Baudelaire gelesen zu haben. Und: Man kann so viel trinken, bis man in ein Delirium fällt, gar der Tod eintritt, doch es gibt kaum eine Steigerung nach dem Genuss von Cannabis! Aber: „Er steigert die Phantasie und die Genialität, aber auch die Unmöglichkeit, diese einzusetzen“, wie es so ähnlich auch Baudelaire ausdrückte, und aus diesem Grund (und weil er keinen regelmäßigen Lieferanten mehr gefunden hatte) gab er sich diesem Genuss auch nur noch sehr selten hin, doch wenn, dann umso mehr.

Als sie ihn fragen, was er in dieser Gegend macht, ob er hier wohne, hört er es zunächst nicht. Erst als er ein „Ey, Alter, isch glaub’, der is’ bekifft!“ und ein Lachen der beiden Jungs hört, die sich darauf erneut abklatschen, dämmert ihm, dass sie nur ihn meinen können. Langsam kommt ihm wieder zu Bewusstsein, weshalb er überhaupt hier gelandet ist: Er hat eine Einladung zu einer Party seiner Bekanntschaft, die er plötzlich sehr vermisst! Durch den beginnenden Rausch etwas mundfaul geworden, erzählt er es ihnen.

„Alter, ey, isch glaub’, die is’ ’ne Nutte!“

Nachdem er erzählte, dass sie Bibliothekarin ist, und sich vergewissert hat, dass sie dieselbe Frau meinen, ergänzt der andere: „Ja, Alter, kommt und geht immer mit andere Mann. Muss Nutte sein …“

(Fortsetzung: Die Party)

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