Pomadenhengst

Der Autor macht sich Gedanken über aussterbende und ausgestorbene Wörter im Allgemeinen und den „Pomadenhengst“ im Besonderen.

Pomadenhengst Rudolph Valentino mit verletztem Arm

Ein Pomadenhengst, hier leicht lädiert: Rudolph Valentino (Wikimedia Commons)

Interessant: Da informiert mich das digital-elektronische Duden-Rundschreiben vom 27. Juli 2012 über „sechs mausetote Wörter“, die inzwischen aus dem Rechtschreibduden entfernt worden sind. Neben dem „Abgängsel [Späne, Schnipsel als Abfälle bei der Bearbeitung von etwas]: 1880 bis 1961 im Rechtschreibduden“, dem „Abbreviator [bis 1908 päpstlicher Beamter für das Entwerfen von Schriftstücken]: 1880 bis 1926 im Rechtschreibduden“, „beleibzüchtigen [mit einer Leibzucht — einem lebenslangen Unterhalt — versehen]: 1880 bis 1926 im Rechtschreibduden“, dem „Bdellometer [‚künstlicher Blutegel‘, Schröpfapparat als Ersatz für Blutegel]: 1880 bis 1926 im Rechtschreibduden“ und dem „Selbstwählferndienst [Telefonieren ins Ausland ohne ‚Fräulein vom Amt‘]: 1961 bis 2000 im Rechtschreibduden“ gehört auch der „Pomadenhengst [Mann mit stark pomadisierter Frisur]: 1915 bis 2000 im Rechtschreibduden“ (aus: Duden, Unnützes Sprachwissen, Mannheim 2012) dazu.

Das Verschwinden gerade des letzteren Worts wurde von vielen bedauert, man gebe das Wort einmal in eine beliebige Suchmaschine ein. Sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) widmete ihm, allerdings erst am 26. August 2004, einen eigenen Artikel: „Plädoyer für den Pomadenhengst“. Konnte die FAZ die Tilgung des Worts zunächst verhindern? Denn erst am 7. Juli 2005 gab Werner Scholze-Stubenrecht, stellvertretender Leiter der Duden-Redaktion in Mannheim und Chef des Rechtschreibdudens, auf RP Online bekannt: „Den ‚Pomadenhengst‘ gibt es nicht mehr“! Seit wann steht das Wort denn nun nicht mehr im Duden?

Auch wenn Pomade zum Frisieren heute nicht mehr gebräuchlich ist, so ist doch an deren Stelle das Haargel getreten, das unter anderem auch wunderbar dazu geeignet ist, seine Frisur so zu stylen, dass man wie unfrisiert, also ungekämmt aussieht — was allerdings aber sowohl Männer als auch Frauen mit kurzem Haar praktizieren. Ist der Pomadenhengst also nun zum Gelhengst geworden, wie auf der Seite „Vom Aussterben bedrohte Wörter“ vom 8. Mai 2006 nachzulesen?

Das scheint es mir nicht ganz zu treffen, ist doch der Zeitgeist nicht vergleichbar. Die Mode der pomadisierten, zurückgekämmten Haare entsprach der Mode der 1920er-Jahre. Träger solcher Frisuren wie etwa Rudolph Valentino wurden als „Pomadenhengst“ bezeichnet und gern mit einem Dandy, einem Schürzenjäger, Eintänzer, Geck, Latin Lover und Weiterem assoziiert. Und das kann man doch von einem heutigen Jüngling oder Mann mit Gel in den Haaren nicht behaupten, oder?

Man mag es bedauern, wenn in der Umgangssprache nicht mehr gebräuchliche Wörter auch aus dem Duden verschwinden, aber da gibt es interessantere Wörter wie etwa die mit dem Pomadenhengst verwandte Betonfrisur oder auch den Schürzenjäger selbst, um die es schade wäre und die in der Sprache erhalten bleiben sollten (siehe unten auf der oben genannten Seite „Vom Aussterben bedrohte Wörter“)!

Wenigstens bin ich beruhigt, dass der Bürohengst noch im Duden steht, wenngleich er mehr für „Büro“ als für „Hengst“ steht, aber das wäre eine andere Notiz wert …

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Über Ronald

Kein Selbstdarsteller, aber auf Stellensuche, daher: Schriftsetzer, Korrektor/Lektor, Weiterbildungen zum Mediengestalter/Desktop-Publisher und zum Online-Redakteur. 11 Semester Germanistik, viele Jahre Erfahrung als Schauspieler und als Sprecher sowie als Perkussionist brasilianischer Musik und als Fußball-Torwart. Mehr? Seite „Zum Autor“!

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Pomadenhengst — 2 Kommentare

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