Abhörskandal, war da was?

Oder: Wie gehen wir mit unseren Daten um?

Diejenigen, die bereit sind, wesentliche Freiheiten aufzugeben, um zeitweilig Sicherheit zu erlangen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.

(Benjamin Franklin, * 1706, † 1790, US-amerikanischer Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder und Staatsmann)

Edward Snowdens Enthüllungen, Daten-, Spionage- und Abhörskandal: War das was? Ein Aufschrei oder Proteste dagegen waren kaum zu vernehmen, selbst von unserer Regierung nicht, die abwiegelte. Sind uns unser Datenschutz, unsere Freiheit und der Schutz unserer Privatsphäre so egal? Es scheint so!

Vor nicht langer Zeit enthüllte Edward Snowden, ehemaliger Systemadministrator einer Firma, die dem US-amerikanischen Geheimdienst National Security Agency (NSA) zuarbeitet, dass dieser u. a. mittels seines Abhörprogramms PRISM und die britische Behörde für Nachrichten und Sicherheit Government Communications Headquarters (GCHQ) mittels des Programms Tempora weltweit Internetkommunikationsdaten aufzeichnet, sammelt und auswertet. Das zusätzlich Pikante daran ist, dass Unternehmen wie AOL, Apple, Facebook, Google, Microsoft, PalTalk, Skype, Yahoo und YouTube dabei beteiligt waren, möglicherweise sogar aktiv mitgeholfen haben, wie The Washington Post am 6. Juni 2013 berichtete. Unternehmen, die Programme zur Verschlüsselung von Nachrichten anbieten, mussten auf Druck der Geheimdienste schließen oder haben ihre Dienste „freiwillig“ eingestellt, nachdem sie die Nutzerdaten gelöscht hatten, um sie einem Zugriff durch die Geheimdienste zu entziehen. Der US-amerikanische Telefonanbieter Verizon musste per (streng geheimem!) Gerichtsbeschluss der NSA Daten von Nutzern preisgeben, wie The Guardian ebenfalls am 6. Juni 2013 verbreitete (nur noch über das Internet Archive erreichbar: „Verizon forced to hand over telephone data – full court ruling“).

Dass der US-amerikanische Präsident Verfassungsrecht studiert und gelehrt hat und Rechtsanwalt ist, macht die Sache keineswegs besser, und dass sich bundesdeutsche Politiker völlig ahnungslos zeigen und abwiegeln, der Bundesnachrichtendienst BND aber laut Snowden ebenso Daten abgeschöpft hat, ist eine Schande. Und, nebenbei bemerkt, die Tatsache, dass Snowden ausgerechnet in einem Land Asyl findet, das für vieles bekannt ist, nur nicht für die Anwendung von Menschenrechten wie etwa der freien Meinungsäußerung, er aber in einem Land angeklagt ist, das sich gern als Verteidiger und Hüter ebendieser präsentiert, ebenso!

Ein eigentlich gigantischer Abhörskandal also, der zu Protesten geradezu einladen sollte! Es ist die Umkehrung des Prinzips der Unschuldsvermutung hin zu einem millionenfachen Generalverdacht. Doch die Empörung darüber hielt sich sehr in Grenzen, wie man mittlerweile feststellen muss. Sind uns Datenschutz und unsere Privatsphäre so egal? Sind wir für angebliche Sicherheit bereit, unsere Freiheit aufzugeben?

Angeblich, so behauptete es wenigstens die NSA, seien durch die Überwachung weltweit Dutzende von Anschlägen verhindert worden, darunter auch viele hierzulande. In spontanen Straßen- und anderen Meinungsumfragen war oft zu hören, dass dieses Ergebnis die Überwachung rechtfertige. Doch wer sagt, dass diese Behauptung überhaupt stimmt? Wer wagt es, diese Behauptung anzuzweifeln? Wurden jemals konkrete Anschlagsziele o. Ä. genannt?

„Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten“, war eine andere häufig gehörte Meinung. Es scheint, dass das, was mit unserer gesamten Internetkommunikation geschieht, uns völlig gleichgültig ist. Es scheint, um die vorher gestellte Frage zu beantworten, dass wir für eine vorgebliche Sicherheit bereit geworden sind, unsere Freiheit aufzugeben. Noch passiert uns ja nichts, so denken wir. Wir haben ja nichts zu verbergen. Aber das macht uns geradezu zu Mitarbeitern einer Kontrollgesellschaft, und diese erzwingt die Kollaboration. Christian Thomas drückt es in seinem Artikel „Mitarbeiter, die wir sind“ in der Frankfurter Rundschau vom 10./11. August 2013 sehr treffend aus: „Die Gleichgültigkeit hat das Grundrechtsbewusstsein in den Ruhemodus versetzt“.

Wie hier bereits im Artikel zur gleichnamigen Ausstellung „Privat“ geschildert, scheint es, als ob „Exhibitionismus, Selbstentblößung, Schamlosigkeit, Erzähllust und Zeigefreude auf der einen Seite, Voyeurismus auf der anderen […] in einer Zeit sozialer Netzwerke, Mobiltelefonkameras, Talkshows und schnellen Internetzugängen, in der auch das Intimste öffentlich gemacht wird, [die Privatsphäre] längst verdrängt […] haben“. Und wenn es kaum jemanden interessiert, dass über die Personensuchmaschine Yasni sogar der Amazon-„Wunschzettel“ für jedermann öffentlich einsehbar ist, sofern die gesuchte Person bei diesem Konzern, allen ökologischen und ökonomischen Bedenken zum Trotz, Kunde ist, ist es nicht nur Gleichgültigkeit, sondern Leichtsinn!

Im antiken Rom war es üblich, dass man zeigte, was man hat. Die Häuser waren nach den Straßen zu offen, das Leben spielte sich auf den Straßen ab. Teppiche, Laken oder Tücher ähnlich Vorhängen dienten allenfalls dazu, einfallendes Licht und Hitze zu dämmen. Erst das aufgeklärte Bürgertum verschaffte sich das Recht auf Privatsphäre. Vorhänge verbargen nun die Sicht auf das Innere. Bis schließlich in unserer Zeit vieles wieder öffentlich wurde, wenngleich auch hinter dem vermeintlichen „Schutz“ eines Rechners, eines mobilen Telefonapparates oder einer digitalen Kamera. Dass es diesen nun nicht mehr gibt, sollte spätestens nach diesem gigantischen Abhörskandal jedem klar sein. Wir alle sollten etwas zu verbergen haben!

(Siehe hier auch den schon älteren Beitrag „Auf dem Weg zum Überwachungsstaat“, der aber anscheinend nichts von seiner Aktualität verloren hat!)


Kommentare

Abhörskandal, war da was? — 6 Kommentare

  1. Der Artikel ist sehr gut!

    Wenn jemand sagt: „Ich habe nichts zu verbergen.“ sollten wir entgegnen: „Meine Geheimnisse sind mir heilig.“ und probehalber die Herausgabe seiner/ihrer Passwörter erbitten.

    Überwachung greift tief ein in die Psychologie jedes Einzelnen und erodiert die demokratische Substanz unserer Gesellschaften. So wird doch auch jeder Politiker potentiell erpreßbar.

    Doch schon die Datenberge, die Google & Co. aufhäufen, sind nicht akzeptabel. Google ist in der Lage differenzierte Persönlichkeitsprofile zu erstellen durch 1. das Aufzeichnen der Suchbegriffe bei der Nutzung der Suchmaschine, 2. durch Google-Tracker, die sich auf fast jeder Webseite befinden, 3. durch Aufzeichnen der bei Youtube gesehenen Filme, 4. durch das Scannen der Mails von Gmail/Googlemail und neuerdings 5, durch Daten, die im „Internet der Dinge“ anfallen.

    Das Tracken sollte verboten werden.

    Jeder kann hier und heute die Datenspur, die er im Internet hinterläßt, deutlich reduzieren: Freie Software benutzen, als Einstieg – trotz einiger Kritik – wegen der hervorragenden Dokumentation „Ubuntu“, dann, wenn man besser ist, die Ubuntu-Mutter „Debian“, ein demokratisches Projekt von Tausenden aus aller Welt, offener Quellcode, Backdoors können entdeckt werden, kopieren und teilen mit anderen nicht verboten, sondern erwünscht.

    GnuPG, das Mailverschlüsselungs-Programm, ist auf beiden vorinstalliert, auf Thunderbird muß noch das „Enigmail“-Addon installiert werden.

    Beim Firefox installieren: die Addons „NoScript“, „Ghostery“, „BetterPrivacy“, „Adblockplus“ sowie „User Agent Overrider“.

    Als Suchmaschinen „Ixquick“ und „Startpage“ (wobei man bei „Startpage“ Google indirekt unterstützt).

    Alternative Emaildienste: „Posteo“, Ixquick arbeitet auch an einem eigenen Email-Dienst. („HTML“ bei Email-Empfang und -Versand abstellen und „Nur Reintext“ einstellen, da eine HTML-Mail mit Malware präpariert sein kann, die beim Aufruf der Mail ausgeführt wird.)

    P.S. NoScript weist ein Google-Script auf Deiner Seite aus: „google.com“!

    • Danke für den ausführlichen Kommentar!

      Inzwischen hat der Autor als eine Dual-Boot-Option ein zweites Betriebssystem auf Linux-Basis installiert und ist mit diesem gerade zum ersten Mal hier. Es sieht alles ganz schön anders aus! Über seine Erfahrungen mit der Installation, die übrigens keineswegs reibungslos vonstatten ging, berichtet er möglicherweise hier.

      Das bei Dir angezeigte Google-Script ist wahrscheinlich auf ein Suchmaschinen-Optimierungswerkzeug zurückzuführen, dass hier installiert ist. Schließlich will der Autor ja, dass seine Beiträge gefunden werden! Er selbst benutzt die entsprechende Suchmaschine nur als allerletzte Option; weitere Empfehlungen wären in diesem Zusammenhang übrigens die wenig bekannte Metasuchmaschine MetaGer der Universität Hannover und DuckDuckGo.

      Von der Tatsache, dass, wie Du schreibst, die Überwachung tief in die Persönlichkeit jedes Einzelnen eingreift, spürt der Einzelne wenig bis gar nichts. Daher wohl auch die relativ geringe Resonanz auf den Skandal in der Bevölkerung. Mehr aber noch als die Möglichkeit, dass jeder Politiker potenziell erpressbar wird, sollte uns die Möglichkeit erschrecken, dass dieses Überwachungsinstrumentarium in Hände fallen kann, die keineswegs demokratisch sind!

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