Gedanken beim Eintritt in eine leerstehende Wohnung

Das alte, aufgebrochene Schloß bietet mir keinen Widerstand, als ich die Türe öffne. Grelles Licht empfängt mich beim Eintreten, das klare Nachmittagslicht läßt die teilweise frisch geweißten, kahlen Wände erleuchten, so daß ich meine Augen zunächst einmal zukneifen muß. Wie um der Öde dieses Zimmers in der inzwischen leerstehenden Wohnung zu entgehen, laufe ich ans Fenster. Hinter unzähligen anderen, fremden Dächern neigt sich die Sonne dem Untergange. Wie oft schon schaute ich hier oben vom Dachgeschoß hinaus, über diese Dächer, im Anblick des Sonnenunterganges, in freudiger Erwartung ihrer Rückkehr, beim Anblick des Vollmondes oder um einfach auf die Straße zu schauen, wenn sich meine Gedanken etwas eingeengt fühlten!

Ich setze mich auf eine Bank. Was läßt mich noch einmal hierher zurückkommen? Nur Sentimentalität?

Unwirklich ragen meine ausgestreckten Beine in den leeren Raum. Dreck liegt auf dem Fußboden, einige Kartons stehen noch herum, Abfalltüten — all das läßt den Raum schmutzig erscheinen, unbehaglich, traurig. Ich stehe unwillkürlich auf und gehe in das andere Zimmer, knipse eine alte Stehlampe an, die, wie im wahrsten Sinn des Wortes, stehengeblieben ist, und setze mich auf einen alten, wackligen Stuhl. An der Wand neben mir hängt noch die große Fototapete mit einem Wald. Der Anblick dieses Zimmers erschüttert mich, es kommt mir ohne die vertraut gewordenen Möbel fremder vor als das andere. Gleich neben mir lagen einmal die Matratzen zum Schlafen, auf denen auch ich einige gefühlvolle Nächte verbracht hatte.

Mir wird plötzlich kalt. Ich stehe auf und nehme mir einen alten Mantel, den sie an einer Türklinke hängen ließ. Für kurze Zeit wird er mich erwärmen, aber gegen die äußere Kälte dieser Räume wird auch er nicht entgegenwirken können.

Doch nicht nur die jetzt fehlenden Möbel belebten diese Wohnung, vielmehr noch vermisse ich die altbekannten Gesichter. Sie waren es, die mir hier eine zweite Heimat voll satter Glückseligkeit, kindlicher Unschuld, entspannter Ruhe, Intimität und tiefem Vertrauen, aber auch voll von Schuld, Zank, Trauer und Verlangen offenbarten. Aber all das war Leben! Manchmal glaube ich sogar, hier erst angefangen haben zu leben, denn ich lernte hier zu lieben, nicht mehr oberflächlich, sondern tief und hoffnungslos. Der Reiz des Neuen trieb mich oft hierher, vielleicht zu oft, doch wer kann das beurteilen?

Für mich zählten die Erfahrungen, alle, auch die schlechten, die ich irgendwie auch machen wollte, mußte, und aus Sicht dieser Erfahrungen bereue ich keine Stunde, die ich hier verbrachte. Wir hatten uns alle weiterbewegt, trotz kurzer Phasen des Stillstandes, und auch von jetzt an werden wir uns weiterbewegen, wieder unabhängig voneinander, denn wir gehen nun wieder verschiedene Wege. Aber das, was uns hier verband, zählt einzig, mit den Erfahrungen, die wir aneinander und miteinander machten, und wird uns, so glaube ich, auch weiterhin verbinden, mag dazwischen auch die größte geographische Entfernung liegen.

(Dieser schon sehr alte Text wurde in der alten Rechtschreibung verfasst und nach reiflicher Überlegung aus historischen Gründen in dieser belassen. Siehe hier auch inhaltlich passend „Gedanken über Trennungen …“!)


Lob, Kritik, Ergänzung, ...? Kommentieren!