Wissen

(Sommersonnenwende, siebzehnter Teil)

Einige Monate später sitzt er wieder im Park. Nun ist es fast ein Jahr her, seit er sie hier zum ersten Mal gesehen hatte. Es ist Frühling, es ist schon warm. Er war damals im Saal aufgestanden und gegangen, zu müde war er und zu verwirrt. Und obwohl ihr mädchenhaftes Kichern bei der Erwähnung des magischen Theaters („Nur für Verrückte!“) im „Steppenwolf“ geradezu herzerweichend war und ihn beinahe zurückgehalten hätte. Dass ihm andauernd Hesse einfiel, war ihm auch nicht gerade zuträglich. Was hat Hermann Hesses „Steppenwolf“ schon mit seinem Leben zu tun? Ich bin einsam, denkt er. Wir sind alle einsam, nicht nur er und Harry Haller. Nur unsere Bedürfnisse und unsere Liebe halten die Einsamkeit in Schach: die Dunkelheit, das Wissen um das bittere Leid von Verlust. Er könnte weinen!

Stattdessen denkt er immer noch über ihre Worte nach. Hatte er — und, falls zutreffend: wann — jemals einen wirklichen Verlust erlitten? Das Leid erfahren, das ihm immer folgt, wenn man aufrichtig geliebt hat? Hatte er jemals aufrichtig geliebt?

Wir brauchen die Luft zum Atmen, aber haben wir jemals darüber nachgedacht? Wir brauchen die Liebe zum Leben, aber haben wir …? Alles, was wir über Liebe wissen, ist banal. Oder wissenschaftlich. Was wissen wir schon von der Welt der Träume, der Qual der Liebe? Er schaut zu Boden. Was wissen wir von diesem Felsgestein unter unseren Füßen, das unter dieser gepflasterten, asphaltierten, betonierten Oberfläche liegt? Er hält sein Gesicht in die Sonne. Was von dieser unbittlichen Sonne über unseren Köpfen? Wir haben das Einssein mit dem Universum verlernt. Er könnte schreien!

Aber das tut er nicht. Ein erneutes Kopfschütteln reicht. Nur die Sonne, die für diese Jahreszeit schon ziemlich wärmt, schreit, etwa einhundertfünfzig Millionen Kilometer entfernt. Dieses Wasserstoffinferno da oben stößt einen wahnwitzigen, unaufhörlichen Schrei aus, den wir nie jemals hören werden, weil wir mit einem Schrecken geboren wurden, der immer noch in unseren Ohren klingelt. Und falls dieses Klingeln jemals aufhören sollte, werden wir dennoch die solare Stille nicht hören. Es ist schwer, die Stille in einer Wüste zu ertragen! Und wenn es jemals aufhören sollte, dann werden wir … woanders sein. Nie werden wir dieses Wissen erlangen. Was wissen wir denn? Was wissen wir überhaupt? Und sie wollte wissen, was er eigentlich in ihr sieht! Er weiß noch nicht einmal ihren richtigen Namen!

Wir wissen um unseren Tod. Das ist alles, was wir wissen. Alles, was wir wissen müssen? Stelle diese Aussage infrage! Ich stelle diese Aussage infrage. Womit? Ich weiß es nicht. Mit dem Wissen um die Qual der Liebe?

„Ach, es ist schwer, diese Gottesspur zu finden inmitten dieses Lebens, das wir führen, inmitten dieser so sehr zufriedenen, so sehr bürgerlichen, so sehr geistlosen Zeit, im Anblick dieser Architekturen, dieser Geschäfte, dieser Politik, dieser Menschen!“

Schon wieder der „Steppenwolf“! Und wer sitzt denn dort auf der Nebenbank?


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