Ein Tormann hat Angst

oder Die letzte Aktion des Spiels

Nichts kann sich so schnell verändert haben. Ein einziger Augenblick nachlassender Aufmerksamkeit kann doch ein Schicksal nicht so unwiderruflich besiegeln. Von wegen. Einen Augenblick braucht es, mehr nicht. Danach gibt es kein Zurück.

(aus Tristan Egolf: Monument für John Kaltenbrunner, Frankfurt am Main 2000 u. a.)

Und Fußball ist nun mal mein Metier, und es ist ein Metier, in dem man per se durch den Job Menschen in Extremsituationen erlebt.

(Ronald Reng während der öffentlichen Veranstaltung „HörSalon“ des NDR über den „Fußball-Triumph und seine Folgen“ vom 18. Mai 2015 aus dem Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg)

Ein Tormann in Aktion

Ein Tormann in Aktion: Hans Tilkowski während der Fußballweltmeisterschaft 1966 im Spiel gegen Argentinien (Autor: El Gráfico/Wikimedia Commons)

Es ist kalt und ungemütlich auf dem Fußballplatz. Den leichten Nieselregen spüre ich nicht nur auf meinem Kopf und in meinem Gesicht, sondern sehe ihn auch wie einen Perlenvorhang im Schein des Flutlichts glitzern. Ich stehe in einem der beiden Tore, ich bin Tormann.

Torhüter sind die Geheimzahl des Fußballs, schrieb einmal ein mir unbekannter Autor. Die Fußballgeschichte ist voll von großen Torleuten. Mein Vorbild war schon seit meiner Kindheit Hans Tilkowski, Tormann unter anderem bei der Fußballweltmeisterschaft 1966, wo er auch beim berühmten Wembleytor, das nicht nur meiner Ansicht nach keins war, und am Ende seiner Karriere bei Eintracht Frankfurt im Tor stand. Seine Vorzüge, die ich mir aneignete, anzueignen versuchte, waren seine Gelassenheit und Ruhe, seine Souveränität und sein Stellungsspiel, dazu sein absolut nüchternes Spiel, das auf Effekte „für die Tribüne“, wie die Effekthascherei unter Fußballern genannt wird, völlig verzichtete. Gefahren erkennen, den Spielverlauf vorausahnen, sich selbst in die richtige Position bringen, zur Not auch außerhalb des Strafraums, und mit einer guten Sprungkraft meine mangelnde Körpergröße ausgleichen, das konnte ich zusätzlich umsetzen.

Viele Torleute waren und sind auch große Typen im Sinne von Originalen und voll von ungewöhnlicher Ausstrahlung. Selbst Literaten waren anscheinend von ihnen fasziniert. So soll sich Jean-Paul Sartre in seiner „Kritik der dialektischen Vernunft“ angeblich mit dem Phänomen des „guten Torwarts“ beschäftigt und Vladimir Nabokov sie in seinen „Erinnerungen“ als „einsame Adler“ bezeichnet haben. Ich weiß es nicht, all diese Bücher habe ich nie gelesen. Ich lese schon gern, bin aber kein Intellektueller; ich spiele gern Fußball und besonders gern als Tormann. Dazu muss man eine Berufung haben, denn Torhüter müssen Wagnisse eingehen, bereit sein, die Fehler anderer auszubügeln, dürfen sich selbst aber keine leisten. Ihr Spiel setzt Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit voraus. Und: Sie dürfen keine Angst haben! Das machte und macht viele von ihnen zu Unikaten. „Über die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ schrieb einst Peter Handke in Verkennung der wahren Umstände. Denn der Elfmeterschütze hat doch viel größere Angst, der Tormann aber nichts zu verlieren: Einen aus solch kurzer Distanz getretenen Schuss kann er eigentlich nur passieren lassen, insbesondere dann, wenn in eine der äußersten Torecken oder gar in den Torwinkel geschossen wird! Trifft der Schütze, ist eingetroffen, womit jeder rechnete, versagt er, ist er der Buhmann und sein Gegner, der Tormann, wenn er den Schuss gehalten hat, ein Held.

Auch Handkes Buch habe ich nie gelesen, nur vor vielen, vielen Jahren den Film im Fernsehen gesehen, damals noch in Schwarz-Weiß bei meinen Eltern, an den ich mich aber nur noch sehr dunkel erinnere. Bislang wurde während eines Spiels nur einmal ein Elfmeter gegen meine Mannschaft gepfiffen. Viele Torleute wählen schon vor dem Schuss eine Ecke, in die sie hechten würden, ich jedoch beobachte die Schützen und warte immer, bis ich sehe, wohin sie den Ball schießen würden, und folge der Flugbahn des Balls. So auch diesmal. Nur leider rutschte ich auf der in Jahren dick gewordenen Kreideschicht, die die Torlinie markierte, weg, sodass ich meine Sprungkraft nicht entfalten konnte. Ich flog zwar in die richtige Ecke, berührte den Ball sogar noch ganz leicht mit der Mittelfingerspitze des Handschuhs, doch konnte ich seine Flugbahn nicht mehr entscheidend verändern, sonst hätte ich ihn um den Pfosten lenken können. Als wir während des Trainings einmal das Elfmeterschießen übten, konnte ich viele parieren, was mir mit jedem gehaltenen Schuss mehr Respekt verschaffte. So viel Respekt, dass ich immer stärker spürte, wie die Schützen mit jedem gehaltenen Schuss mehr Angst bekamen, gegen mich anzutreten — zu viel stand für sie auf dem Spiel!

Doch diesmal habe ich Angst. Nicht vor diesem Spiel, nein, wir liegen mit 1:0 in Führung, sind eindeutig die stärkere Mannschaft, und ein Elfmeter ist nicht in Sicht. Allein: Vor dem Tor des Gegners tun wir uns sehr schwer. Wenn sich das mal nicht rächt! Wer vorne kein Tor schießt, darf sich nicht wundern, wenn er hinten welche kriegt, ist so etwas wie eine unausgesprochene Regel. Allerdings ist der gegnerische Tormann auch sehr gut oder wächst zumindest an diesem Tag über sich hinaus. Ich habe das oft genug erlebt, dass selbst ein mittelmäßiger Torwart gegen einen übermächtigen Gegner über sich hinauswachsen kann. Das war sein Spiel, heißt es danach, oder: das Spiel seines Lebens! Entscheidend ist dabei oft, wenn er schon zu Spielbeginn einen kaum zu haltenden Ball parieren und sich damit auszeichnen kann. Das gibt zum einen ihm selbst mehr Mut und Zuversicht, zum anderen erspielt er sich damit Respekt beim Gegner.

Außer einige Rückpässe meiner Mannschaftskameraden zu stoppen und sie wieder ins Spiel und dabei möglichst an den eigenen Mann zu bringen, habe ich selbst bislang wenig zu tun. Da sich fast alle meiner Mitspieler vorne um den gegnerischen Strafraum befinden, sind wir hinten offen, sodass ich in der Art eines Liberos ein-, zweimal außerhalb meines eigenen Strafraums klären und dabei Kopf und Kragen riskieren muss. Aber obwohl ein Tormann, auch wenn er nicht beschäftigt ist, mit seinen Gedanken nie abschweifen darf, sondern immer hochkonzentriert das Spiel, das sich in jeder Sekunde ändern kann, beobachten muss, bin ich doch mit meinen Gedanken woanders. Meine Freundin hat mich betrogen!

Ich hatte sie eines Abends meinem besten Freund vorgestellt. Wir fuhren zu ihrer Wohnung, nachdem die Kneipe, in der wir uns getroffen hatten, schloss, und ich den Vorschlag machte, dass wir noch zu ihr fahren könnten, falls sie noch nicht schlief. Sie sei oft bis spät in die Nacht auf. Da ich schon oft von ihr erzählt hatte und Dieter sie nun endlich einmal kennenlernen wollte, gefiel ihm die Idee, und nach einem kurzen Anruf vom Telefon der Kneipe aus, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich noch für Besuch offen war, saßen wir kurz darauf in ihrer Wohnung und tranken Wein, hörten Musik. Bald schon spürte ich, wie sich zwischen ihm und Sylvia etwas entwickelte. Es lag etwas in ihren Blicken, in ihren Worten: Blicke, die sie mir so nie zugeworfen, Worte, die sie mir nie so ausgesprochen hatte. Meinen Wink mit dem Zaunpfahl gegen Morgen, dass er und ich nun langsam aufbrechen sollten, ignorierten beide. Da ich sehr müde wurde, verließ ich ihre Wohnung alleine, doch am nächsten Tag sah ich den VW-Käfer meines Freundes, mit dem wir zu ihr gefahren waren, immer noch vor dem Haus stehen. Sie hatten also die Nacht zusammen verbracht!

2:0! Gerade haben wir das 2:0 gemacht! Wer von uns das Tor geschossen hat oder ob es vielleicht sogar ein Eigentor war, kann ich von hier hinten nicht sehen, als Tormann ist man oft weit weg vom Geschehen, aber das lässt sich in der Halbzeitpause in Erfahrung bringen. Es hatte, soweit ich das aus meinem Strafraum — und aus meinen Gedanken — heraus verfolgen konnte, ein Getümmel im gegnerischen Strafraum geherrscht, aus dem heraus das Tor gefallen ist. Ich jubele.

Und erinnere mich an meinen Jubel, nachdem ich zwei der Räder von Dieters Käfer zerstochen hatte. Der Jubel erfüllte damals allerdings nur mein Inneres: Ich wollte niemanden auf meine Aktion aufmerksam machen, weshalb ich es auch bei zwei Rädern beließ. Die anderen beiden befanden sich nämlich auf der Seite der Straße, die zu einsehbar gewesen wäre. Denn auch am übernächsten Tag parkte der Käfer immer noch völlig unbewegt am selben Platz und die Vorhänge ihres Schlafzimmers waren immer noch zugezogen!

Auf dem Platz sehe ich, wie der Torjubel meiner Mannschaftskameraden plötzlich erstirbt und sie sich gestikulierend um den Schiedsrichter scharen. Anstatt auf den Anstoßkreis zu zeigen und damit zu signalisieren, dass ein Tor erzielt wurde, hat er auf Abstoß vom Tor oder Freistoß für den Gegner entschieden, was heißt, dass er das Tor aus irgendeinem Grund nicht gegeben hat. Mist, zu früh gejubelt!

Nachdem nach einigen Tagen meine Wut, Enttäuschung und Trauer, die wechselweise meine Gefühle und Gedanken bestimmten, sich etwas gelegt hatten und ich mich etwas beruhigen konnte, überlegte ich mir weitere Schritte. Ich war nicht so sehr von meinem Freund enttäuscht und wütend auf ihn; ich wusste, dass er sich bei Frauen noch viel schwerer tat als ich, sodass ihm das Glück, nun doch einmal erfolgreich gewesen zu sein, in gewisser Weise sogar zu gönnen war. Ich wollte mich von meiner Freundin trennen, sofort! Wochen später, sein Auto hatte er in der Zwischenzeit irgendwie wieder flottmachen können, jedenfalls parkte es nicht mehr vor ihrem Haus, rief ich ihn an. Ich habe sehr „uncool“ reagiert, war seine erste kühle Reaktion, das mit den Reifen ginge sicherlich auf mich zurück, aber das könne er vielleicht noch verstehen, wenn ich mich überhaupt mal vorher gemeldet und mich dafür entschuldigt hätte, aber so wolle er nichts mehr mit mir zu tun haben, unsere Freundschaft sei hiermit beendet, schloss er das Gespräch, das eher ein Monolog war, sein Monolog, und legte auf.

Meine Gelassenheit und Ruhe, mein nüchternes Spiel habe ich bereits erwähnt? Auch meine für einen Tormann geringe Körpergröße? Bei hohen Bällen aufs Tor kann ich meine gute Reaktion und Sprungkraft einsetzen, aber bei Flanken verbleibe ich meist im Tor und verlasse mich auf die Körpergröße meiner Verteidiger. Ein Rat, den mir ein Trainer während meiner Jugendzeit erteilt hatte. Doch gerade rollt ein erneuter Angriff des Gegners auf mein Tor zu, wobei „rollt“ leicht übertrieben ist: Zwei Gegenspieler, einer davon mit Ball, rennen auf mein Tor zu, verfolgt von einem einzelnen meiner Leute. Der, der den Ball führt, flankt zu seinem Mitspieler, der sich inzwischen freigelaufen hat und die Flanke abnehmen und verwandeln will. Ich muss also aus meinem Tor hinaus und versuchen, die Flanke abzufangen, bevor sie den freien Gegenspieler erreicht.

Gelassenheit, Ruhe und Nüchternheit, das zeige ich nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Leben außerhalb. Manche sprechen sogar von einer gewissen Humorlosigkeit. Bis zu jenem Tag, gestern, als ich Sylvia aufsuchte, nachdem ich bei ihr angerufen und um ein letztes Gespräch gebeten hatte. Ihre anfängliche Verlegenheit wich bald Vorwürfen gegen mich, wie lieblos ich mich ihr gegenüber verhalten und sie damit geradezu in die Arme meines Freundes gedrängt hätte, die in immer aggressiverem und lauterem Ton vorgetragen wurden. Schließlich wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, als ihren Mantel zu greifen, den sie, achtlos wie immer ihrer Kleidung gegenüber — eigentlich hatte mich das schon längst an ihr gestört, fiel mir noch ein —, auf das Sofa geworfen hatte, auf dem wir saßen, und ihn ihr überzuwerfen.

Im Nachfassen gelingt es mir, die Flanke abzufangen und festzuhalten. „Super, Attila!“, höre ich die lobenden Rufe meiner Mannschaftskameraden. Attila ist mein Spitzname, den man mir wegen meiner angeblichen Ähnlichkeit mit irgendeinem Attila-der-Hunnenkönig-Darsteller in irgendeinem Film verliehen hatte, den ich nie gesehen habe und mir als eine Art B-Movie vorstelle, also nichts Erstklassiges, das man gesehen haben muss. Allerdings kam er auch nie irgendwo ins Programm. Nachdem ich noch ein anerkennendes Kopfnicken meines Mannschaftskameraden Sascha erhalten habe, der als Einziger die beiden gegnerischen Angreifer verfolgt hat, schlage ich den Ball aus meiner Hand ab. Das Spiel geht vorne weiter. Bald muss Halbzeit sein. Und jedes Mal, wenn von der benachbarten Ein- und Ausfallstraße Martinshörner herüberschallen, zucke ich zusammen.

Eigentlich wollte ich sie nur beruhigen, selbst einmal zu Wort kommen, aber sie wehrte sich unter ihrem Mantel, sodass ich mich auf sie werfen musste. Sie zappelte unter mir, und ich hörte, wie sie versuchte, etwas zu sagen, das ich jedoch nicht verstand. Bald spürte ich, wie mich die Situation erregte, eine fast unangenehme Erregung, doch irgendwie auch passend, wie ich fand, und nachdem es mir gelang, meine Hose zu öffnen, aber noch bevor ich es schaffte, ihren Unterleib von all den Kleidungsstücken zu befreien, ejakulierte ich bereits auf ihren Mantel. Danach war Stille. Benommen erhob ich mich, rüttelte an ihr, doch sie bewegte sich nicht mehr. Ich ging zum letzten Mal in ihr Bad, wusch die Flecken von meiner Hose ab, und verließ darauf zum letzten Mal die Wohnung, in der ich so glücklich gewesen war, bevor sie Dieter kennenlernte, den ich selbst noch eingeführt hatte. Die Mitbewohnerin ihrer kleinen Dachwohnung, die für einige Tage zu ihren Eltern gefahren war, würde meine Freundin später finden.

Unser zweites Tor ist vom Schiedsrichter aberkannt worden, weil er den Ball nicht im Tor gesehen hat. Eine eindeutige Fehlentscheidung nach Meinung meiner Mannschaft, wie ich während der Halbzeitpause erfahren habe. Besonders Ralf, der Torschütze, war immer noch stinksauer, auch deswegen, weil er selten ein Tor macht. Inzwischen sind wir in der zweiten Halbzeit; wir sind immer noch drückend überlegen, aber ein weiteres Tor für uns will einfach nicht fallen. Am Ende verliert man solche Spiele noch! Nun muss aber bald der Schlusspfiff ertönen, doch eine Halbzeit kann sich unter Umständen endlos in die Länge ziehen, besonders die letzten Minuten. Und ich warte immer noch, bis ich näherkommende Martinshörner höre, als ein weiterer Konter auf mich zukommt. Es müsste eigentlich die letzte Aktion des Spiels sein.

Anja, Sylvias Mitbewohnerin, hat mich heute Morgen angerufen. Sie habe meine Freundin gestern reglos vorgefunden und sofort einen Krankenwagen alarmiert. Wann ich sie zum letzten Mal gesehen habe und ob ich wisse, was während ihrer eigenen Abwesenheit vorgefallen sei?

Statt des Schlusspfiffs schrillt plötzlich der Pfiff des Schiedsrichters, der dabei auf den Elfmeterpunkt zeigt. Den Elfmeterpunkt vor mir, gemäß den Regeln genau 10,9728 Meter von mir entfernt, hier auf diesem kleinen Platz sehr wahrscheinlich weniger. Im Kampf um den Ball habe ich einen Gegenspieler zu Fall gebracht, aber das war doch kein Foul! Ich bin doch eindeutig zum Ball gegangen!

Am heutigen Nachmittag rief Anja nochmals an. Von Sylvia hat sie erfahren, dass die Sache mit Dieter schon nach zwei, drei Tagen wieder vorbei war. Er soll sich ihr gegenüber ziemlich dämlich angestellt haben. Sieht ihm ähnlich, fiel mir im Stillen ein. Aber die Polizei würde nach mir suchen, und wie ich das mit Sylvia nur gemacht haben konnte!

Unsere Proteste helfen nichts. Der gegnerische Elfmeterschütze legt sich den Ball auf den Punkt. Und jetzt vernehme ich endlich auch nahende Martinshörner …

(Siehe hier inhaltlich vergleichbar auch „Die große Liebe“!)


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