Weihnachtsfrieden

Eine Pause im Krieg — von Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte und ein gigantisches Versagen der Diplomatie. Mehr noch: Diplomatie fand überhaupt nicht statt, zu groß war der Kriegswille! Wenig bekannt ist der sogenannte „Weihnachtsfrieden“, die Weihnachtswaffenruhe zwischen den verfeindeten Soldaten, die so verfeindet gar nicht waren. Und: Auch an Silvester gab es vereinzelt Waffenruhen.

Der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann, war eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte und die „europäische Urkatastrophe“, zudem nicht nur ein gigantisches Versagen jeglicher Diplomatie, sondern Diplomatie fand überhaupt nicht statt. Der Kriegswille war einfach zu groß. Personen und Gruppen, die zur Mäßigung aufriefen, wurden schnell überstimmt und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt. Dem Kriegsbeginn wurde in diesem Jahr durch zahlreiche Gedenkveranstaltungen Rechnung getragen.

Weihnachtsfrieden 1914

Britische und deutsche Truppenangehörige treffen sich während des inoffizellen Weihnachtsfriedens im Niemandsland (Autor: Harold B Robson/Imperial War Museums London)

Wenig bekannt ist der sogenannte „Weihnachtsfrieden“, die Weihnachtswaffenruhe (englisch: Christmas truce, französisch: Trêve de Noël) zwischen den verfeindeten Soldaten, die so verfeindet gar nicht waren, wie sich bei zahlreichen spontanen Verbrüderungen zeigte. Als Papst Benedikt XV. am 7. Dezember 1914 dazu aufrief, wenigstens an Heiligabend, der Nacht, in der die Engel zu Ehren des Jesuskindes gesungen hatten, die Waffen ruhen zu lassen, waren alle am Krieg beteiligten Regierungen dagegen. Trotzdem taten sich an verschiedenen Abschnitten der Westfront etwa 100.000 englische und deutsche, teilweise auch französische Soldaten zusammen, um wenigsten für ein paar Stunden, teilweise auch für einige Tage, die Waffen niederzulegen. Es wurden Andenken, Fotografien, Lebensmittel, Zigaretten und Adressen ausgetauscht, gemeinsame Gottesdienste abgehalten und sogar Fußballspiele sollen stattgefunden haben.

Schon bald nach Bekanntwerden der spontanen Fraternisierungen erklärte der Generalstabschef der kaiserlichen Streitkräfte, dass Soldaten, die ihre Schützengräben zu unkriegerischen Zwecken verlassen würden, vor ein Kriegsgericht zu stellen sind. Auch die englische Führung hatte sich gegen solche Waffenruhen gewandt. Und doch: Nicht nur über Weihnachten, sondern auch an Silvester gab es vereinzelt Waffenruhen! So schrieb der deutsche Student Karl Aldag in einem Brief von der Westfront nach Hause:

Ganz eigenartig war Silvester hier. Es kam ein englischer Offizier mit weißer Fahne herüber und bat um Waffenruhe von 11 bis 3 Uhr zur Beerdigung der Toten. Sie wurde gewährt. Es ist schön, wenn man nicht mehr die Leichen vor sich liegen sieht. Die Waffenruhe aber wurde ausgedehnt. Die Engländer kamen aus ihrem Graben heraus in die Mitte, tauschten Zigaretten und Fleischkonserven, auch Photographien aus mit den Unsrigen, sagten, sie wollten nicht mehr schießen. So herrscht vollständige Ruhe, die einem seltsam vorkommt. Es konnte nicht so weitergehen, und so schickten wir hinüber, sie möchten in den Graben gehen, wir würden schießen. Da antwortete der Offizier, es täte ihnen leid, die Leute gehorchten nicht. Sie hätten keine Lust mehr. […] Sie streiken einfach.

So kam es, dass auch an Silvester die Waffen ruhten, wenigstens zu kriegerischen Zwecken:

Silvester riefen wir uns die Zeit zu und verabredeten, um 12 Uhr [gemeint ist wohl 24 Uhr; der Autor] Salven zu schießen. Der Abend war kalt. Wir sangen Lieder, sie klatschten Beifall (wir liegen 60 bis 70 Meter gegenüber), dazu sangen sie, und wir klatschten. […] Um 12 Uhr knatterten dann Salven von beiden Seiten in die Luft! Dazu ein paar Schüsse von unserer Artillerie. Die sonst so gefährlichen Leuchtkugeln prasselten auf wie ein Feuerwerk, mit Fackeln wurde geschwenkt und Hurra geschrien.

Nun, der Krieg, in dem bis zu diesem Zeitpunkt bereits etwa eine Million Menschen gefallen waren, ging im neuen Jahr weiter und Karl Aldag war zwei Wochen später tot. Über die verheerenden Folgen dieser kontinentalen Katastrophe konnte sich schon damals informieren, wer all die Kriegskrüppel — Amputierte und Soldaten mit verätzten, verbrannten oder weggeschossenen Gesichtern — sah. In der Presse wurden sie totgeschwiegen und sich über die Verbrüderungen empört.

Über 50 Jahre lang interessierte sich kaum jemand für den Weihnachtsfrieden, und wenn, wurde er oft verklärt. Doch eindeutig dürfte sein, dass diese spontanen Fraternisierungen Zeichen von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit, einem unmenschlichen Krieg waren. Keir Hardie, einer der Begründer der Labour Party, der den Ersten Weltkrieg als Pazifist ablehnte und versuchte, dessen Ende durch einen internationalen Generalstreik zu erzwingen, später Unterstützer von Kriegsdienstverweigerern und Organisator von Antikriegs-Demonstrationen, sagte dazu:

Wie kann man so friedfertige Männer ausschicken, sich gegenseitig umzubringen? Sie haben keinen Streit […] Wenn der Krieg vorüber ist […] werden sie alle erkennen, dass die Lügen, die ihnen von ihrer Presse und ihren Politikern aufgetischt wurden, vorsätzliche Irreführung waren […] dass die Arbeiter der Welt nicht als „Feinde“ gegenüberstehen, sondern Genossen sind.

Mögen wir nicht nur im kommenden Jahr, sondern in aller Zukunft hellhörig gegenüber Lügen, Kriegstreiberei und allen vorsätzlichen Irreführungen von und durch Presse und Politiker(n) sein und Menschlichkeit nicht nur in unmenschlichen Zeiten zeigen!

In diesem Sinne: allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!

Literatur und Verweise zum Thema:
Brigitte Hamann: Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten, München u. a. 2004, aus dem die Zitate von Karl Aldag übernommen wurden
Adam Hochschild: To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion, 1914–1918, Boston 2011, deutsch: Der Große Krieg. Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 2013, woraus das Zitat von Keir Hardie übernommen wurde
Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München 2005
Kurzfilm „Weihnachten im Krieg“ auf der hervorragend gemachten Multimedia-Website des ZDF „Der Erste Weltkrieg — 1914 — Auf dem Weg ins Verderben
Deutsche Welle: „Der Weihnachtsfrieden von 1914
The Real Story Of The Christmas Truce“ auf den Seiten der Imperial War Museums (englisch)
Weihnachtsfrieden (Erster Weltkrieg) — Wikipedia
Christmas truce — Wikipedia, the free encyclopedia (englisch)


Kommentare

Weihnachtsfrieden — 6 Kommentare

  1. Eine schöne Geschichte, die ich zwar zumindest so ungefähr, wenn auch nicht in allen Details, schon kannte und die nicht in Vergessenheit geraten sollte. Aber „Dank“ moderner Kriegsführung wird so viel Menschlichkeit wohl heute kaum noch möglich sein. Heute wird irgendwo tausende Kilometer entfernt z.B. eine Tod bringende Drohne gestartet und dem, der da am Drücker sitzt, ist es sch….egal (bzw. er weiß gar nicht), dass gerade Weihnachten, Silvester, Ramadan oder ein anderes wichtiges Ereignis gefeiert wird. Das hat natürlich viel damit zu tun, dass Kriege in Ländern geführt werden, die man kaum kennt, deren Menschen vielen völlig gleichgültig sind, da es nur um strategische oder wirtschaftliche Interessen geht. Genauso gleichgültig ist denen, die am Drücker sitzen sowie deren Auftraggebern, dass nicht nur Soldaten umgebracht werden sondern auch Familien, Kinder, Säuglinge und so der Hass geboren wird, der das Kriegskarussel in Schwung hält. Die Attentäter von morgen, mit Trauer und Wut im Bauch über ihre toten Angehörigen, werden denn als Terroristen bekämpft.
    Die Waffenindustrie jubelt.

    • Es ist vollkommen richtig, dass Kriege immer „unpersönlicher“ werden, wenngleich selbst der, „der da am Drücker sitzt“, wohl meistens weiß, „dass gerade Weihnachten, Silvester, Ramadan oder ein anderes wichtiges Ereignis gefeiert wird“! Richtig ist aber auch, dass das Verhältnis von getöteten Soldaten zu getöteten Zivilisten sich immer mehr verschiebt: Waren es im Ersten Weltkrieg noch fast nur Soldaten, die fielen, und kaum Zivilpersonen, so hat sich dieses im weiteren Verlauf des letzten Jahrhunderts immer mehr zu Ungunsten der Zivilbevölkerung verschoben. Und diese Tendenz ist weiter steigend! Ein Grund mehr für uns alle, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen und in aller Zukunft hellhörig gegenüber Lügen, Kriegstreiberei und allen vorsätzlichen Irreführungen von Presse und Politikern zu sein und Menschlichkeit nicht nur in unmenschlichen Zeiten zu zeigen!

  2. Danke, dass Du daran erinnerst.
    Der Zeitpunkt für diese Mahnung könnte nicht besser sein.
    Kriege wollen immer nur die, die daran gewinnen.
    Neulich habe ich in einem Nebensatz gelesen, dass nach dem Krieg vor hundert Jahren in den Herrschaftshäusern die Dienerschaft fehlte.

    Wenn sie endlich ihren Krieg mit Russland haben, werden weder Obama noch Merkel Schaden nehmen.

    • Es fühlen nicht nur nicht die MENSCHEN den Krieg nicht am Unmittelbarsten, die ihn verursachen sondern oft auch die LÄNDER am wenigsten, die ihn machen. Man denke an die Stellvertreterkriege in der ‚3. Welt‘, die nur wegen Rohstoffen oder aus strategischen Gründen geführt werden. Und wenn die Kriege, an denen wir gut verdienen (Rohstoffe als Grundlage für unsere Industrie, aber auch Waffen) dann Flüchtlinge produzieren, dann wird die menschenverachtende Einstellung noch deutlicher, wenn Politik oder Teile der Bevölkerung so tun, als ob uns das nichts angeht.

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