Schimpfen mit Shakespeare

Textvorschläge für ein gepflegtes Zusammenstauchen

Wollten Sie nicht schon immer einmal jemanden so richtig gepflegt beschimpfen? Und das geradezu literarisch? Mit Shakespeare? „Schimpfen mit Shakespeare“ gibt Ihnen mit einem Auszug aus „König Lear“ eine Hilfestellung. Der Kabarettist Urban Priol hat es vorgemacht!

William Dyce: King Lear and the Fool in the Storm

William Dyce: King Lear and the Fool in the Storm, circa 1851 (Wikimedia Commons)

Kennen Sie das? Es gibt Momente, da möchte man einmal jemanden so richtig beschimpfen, gar zusammenstauchen, aber nicht mit den üblichen Schimpfwörtern, sondern sozusagen „gepflegt zur Sau machen“ oder „Schimpfen wie gedruckt“. Es muss diesmal etwas Besonderes sein, was Ihr Gegenüber nicht alle Tage zu Ohren bekommt. Versuchen Sie es doch einmal literarisch, mit Shakespeare! „Schimpfen mit Shakespeare“ gibt Ihnen eine Hilfestellung.

Aus dem Drama „König Lear“, zweiter Aufzug, zweite Szene: Der Graf von Kent herrscht seinen Diener und Haushofmeister Oswald an: „Kerl, ich kenne dich“, worauf dieser präzisiert haben möchte: „Wer bin ich denn?“ (englische Arden-Version: KENT: Fellow, I know thee. OSWALD: What dost thou know me for?).

Darauf der Graf von Kent in vier verschiedenen Versionen, die sich die geneigte Schimpferin resp. der geneigte Schimpfer selbst zusammenstellen kann:

Ein Schurke bist du, ein Halunke, ein Tellerlecker; ein niederträcht’ger, eitler, hohler, bettelhafter, dreiröckiger, hundertpfündiger, schmutziger, grobstrümpfiger Schurke; ein milchlebriger, Ohrfeigen einsteckender Schurke; ein lüderlicher, spiegelgaffender, überdienstfertiger geschniegelter Taugenichts; einer, der aus lauter Diensteifer ein Kuppler sein möchte, und nichts ist, als ein Gemisch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Bastardpetze; einer, den ich in Greinen und Winseln hineinprügeln will, wenn du die kleinste Silbe von diesen deinen Ehrentiteln ableugnest.

(Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, ergänzt und erläutert von Ludwig Tieck)

Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey-rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten, maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten, überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem deinem Titel läugnest.

(Übersetzung von Christoph Martin Wieland)

Als Schurken, als Gauner, als Verzehrer von angebrochenen Speisen, als gemeinen, eingebildeten, seichten, bettelhaften, dreifach-ausgestatteten, hundert Pfund besitzenden, dreckigen Wollstrumpf-Schurken; milchherzigen, prozeßanstrengenden, hurensöhnigen, spiegelgaffenden, überdiensteifrigen, pingeligen Schuft; ein-Koffer-erbenden Knecht; einen, der ein Kuppler sein möchte aus lauter Dienstfertigkeit, und bist du nichts als eine Mischung aus Schurke, Bettler, Feigling, Zuhälter und Sohn und Erbe einer Bastardhündin; einer, den ich zu lautem Winseln schlagen werde, wenn du auch nur die geringste Silbe von deinen Ehrentiteln leugnest.

(Übersetzung von Raimund Borgmaier, Barbara Puschmann-Nalenz, Bernd Santesson und Dieter Wessels)

A knave; a rascal; an eater of broken meats; a
base, proud, shallow, beggarly, three-suited,
hundred-pound, filthy worsted-stocking knave;
a lily-livered, action-taking, a whoreson, glass-
gazing, super-serviceable finical rogue; one-
trunk-inheriting slave; one that wouldst be a bawd
in way of good service, and art nothing but the
composition of a knave, beggar, coward, pandar,
and the son and heir of a mongrel bitch: one
whom I will beat into clamorous whining if thou
deni’st the least syllable of thy addition.

(die englische Arden-Version)

Einige Anmerkungen:
„Tellerlecker“, „Tellerleker“, „Verzehrer von angebrochenen Speisen“, eater of broken meats: Resteesser, also ein Diener oder Bettler.
„dreiröckig“, „drey-rokicht“, „dreifach-ausgestattet“, three-suited: Ein Diener bekam von seiner Herrschaft nur drei Anzüge.
„grobstrümpfig“, „Wollstrumpf-Schurke“, worsted-stocking: Feine Herren trugen Seiden- statt Wollstrümpfe.
„milchlebrig“, „weißlebericht“, „milchherzig“, lily-livered: Die Blutleere, also Weiße der Leber, kennzeichnete Mangel an Mut.
„maußköpfig“, „prozeßanstrengend“, action-taking: Jemand, der lieber einen Prozess anstrengt als sich zu duellieren, also ein Feigling.
Alle anderen Ausdrücke wie etwa „spiegelgaffend“ (glass-gazing) dürften selbstredend sein.

Übrigens: Urban Priol hat es im Video seines kabarettistischen Jahresrückblicks „Tilt — Tschüssikowsky 2015“ ab Minute 14:50 vorgemacht, auch wenn er hier Zitate aus „Macbeth“ (die Einleitung), „König Lear“ (der Hauptteil, siehe oben) und „Troilus und Cressida“ (der Schlusssatz) verbindet, wobei ebendieser Schlusssatz seinen eigenen Charme hat:

Der allgemeine Fluch der Menschen, Torheit und Unwissenheit, sei dein in reichlicher Fülle!

(aus Troilus und Cressida, zweiter Aufzug, dritte Szene; Arden-Version: The common curse of mankind, folly and ignorance, be thine in great revenue!).

Welche Übersetzung Priol verwendet hat, erschloss sich dem Autor bislang allerdings nicht. Sein Schlusswort „Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde“ stammt ebenso aus „König Lear“, vierter Aufzug, erste Szene (Arden-Version: ‚Tis the times‘ plague, when madmen lead the blind.)

Frohes Gelingen! Über Hinweise auf weitere Fundstellen zum Schimpfen mit Shakespeare oder anderen großen Literaten mit möglichst genauer Quellenangabe (Autor, Werk, Seitenzahl/Akt/Szene) in Form eines freundlichen Kommentars freut sich der Autor dieser Notiz! Und natürlich auch über erfolgte Reaktionen des Gegenübers nach der Anwendung …

Nachtrag vom 16. April 2016 angesichts des sogenannten „Fall Böhmermann“ und der Schmähkritik-Debatte: Ob bewusst oder unbewusst, verwendete Jan Böhmermann einen Kniff, der sich schon bei Shakespeare finden lässt. In dessen Drama „Julius Caesar“, 3. Akt, 2. Szene, soll Marcus Antonius am Grab des ermordeten Herrschers eine Grabrede halten, darf dabei aber weder Caesar loben noch dessen Testament erwähnen, um nicht den Unmut oder Gefährlicheres der Verschwörer und Mörder Gaius Cassius und Marcus Brutus auf sich zu ziehen. Und so beginnt er seine Grabrede mit „I come to bury Caesar, not to praise him“, um dann zunächst Brutus als ehrenwert hinzustellen, nach und nach aber Caesars zerfetzten Mantel zu präsentieren und schließlich dessen Leichnam. Mit rhetorischem Geschick und unter Hinweis auf Caesars großzügiges Testament gelingt es Antonius endlich, das Volk zum Aufstand gegen die Verschwörer anzustiften, sodass Brutus und Cassius aus Rom fliehen müssen.

Nun, auch wenn Jan Bühmermanns derzeit heiß diskutierte Satiresendung „Neo Magazin Royale“ vom 31. März und der darin gesendete Text inhaltlich weit unter Shakespeare zu verorten sind, so ist er in seiner Form und in seiner rhetorischen Strategie doch ebenso gelungen wie Antonius‘ Rede.

Siehe hierzu auch „Tradition der Schmähkritik. Luther, Shakespeare, Böhmermann“, Florian Werner im Gespräch mit Nana Brink, Deutschlandradio Kultur vom 14. April 2016. Dort findet sich auch ein Verweis zur Böhmermann-Schmähkritik im Wortlaut.

Nachtrag vom 17. Mai 2016: Zufällig habe ich über „Shakespeare-Schimpfe“ bei Wortverloren noch einen schönen Generator gefunden, mit dem sich Beschimpfungen im Shakespeare-Stil selbst zusammenstellen lassen, nämlich das Shakespeare Insult Kit. Einfach aus drei Spalten eine Kombination verschiedener Beleidigungen auswählen, an das altenglische „Thou“ anhängen und ausprobieren; die Kombinationsmöglichkeiten sind so gut wie unendlich!


Kommentare

Schimpfen mit Shakespeare — 5 Kommentare

  1. Hallo,

    habe bei Hamlet dieses schöne Zitat gefunden:
    Polonius: […] Wie geht es meinem besten Prinzen Hamlet?
    Hamlet: Gut, dem Himmel sei Dank.
    Polonius: Kennt ihr mich, gnäd’ger Herr?
    Hamlet: Vollkommen. Ihr seid ein Fischhändler.
    Polonius: Das nicht, mein Prinz.
    Hamlet: So wollt’ ich, daß ihr ein so ehrlicher Mann wär’t.

    Jemanden zunächst als Fischhändler zu bezeichnen, ist schon einmal gut, und dann das mit der Ehrlichkeit nachzuschieben, ist schon eine Anwendung wert!

    • Besten Dank! Hatte diese Stelle inzwischen zwar auch gefunden, kam aber noch nicht dazu, sie in den Beitrag einzuarbeiten. Das erledigt sich nun.

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