Der Volkszorn im Fall Edathy

Eine moderne Form der Hexenjagd

Wie immer, wenn ein Fall von (angeblichem) Kindesmissbrauch oder von Herunterladen von Kinderpornographie aus dem Internet verhandelt wird, schlagen die öffentlichen Wellen hoch. Mitunter sehr hoch! So auch im Fall Edathy. Beispiele für eine moderne Form der Hexenjagd gefällig? Lesen Sie etwa die Kommentare von Jan Leyk. Ein Zitat von Christian Ehring über den Volkszorn bringt die Stimmung auf den Punkt.

Die öffentlichen Wellen schlagen wieder einmal hoch. Sehr hoch! So gerade im Fall Edathy. Wie eigentlich immer, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch oder von Herunterladen von Kinderpornographie aus dem Internet verhandelt wird. Es sei jedoch daran erinnert, dass es besonders in letzterem Fall oder auch bei Vergewaltigungen Schuldvorwürfe gab, in denen die Anklage des Öfteren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden musste, während der Volkszorn in (a)sozialen Netzwerken und Blogs aber bereits gewütet hat (siehe etwa den Wettermoderator Jörg Kachelmann, den Fernsehmoderator Andreas Türck oder den Radiomoderator Rob Green). Schon bevor eine Verurteilung oder gar ein Freispruch anstand!

Die Netzfrauen und Til Schweiger: ein Anklagepunkt, den es nicht gab, und ein schießender „Tatort“-Kommissar

So wurde Sebastian Edathy bei den Netzfrauen („Offener Brief an Sebastian Edathy …Opfer haben lebenslänglich“), hier allerdings erst nach dem Urteil, ein Missbrauch untergeschoben, weswegen er nur überhaupt nicht vor Gericht stand, was aber viele Kommentatorinnen und Kommentatoren nicht davon abhielt, sich trotzdem und in teilweise übelster Form dazu auszulassen. Das geht so weit, dass ein Wilfried Höfer mit „beste[n] Grüsse[n] aus Eschweiler“ auffordert: „[…] schiebt ihm einen Holzstiel mit Draht umwickelt in seinen Ar… rein“ (Kommentar vom 5. März 2015)!

Der Schauspieler und Regisseur Til Schweiger, alles oder wenigstens vieles andere als ein Jurist, möglicherweise sogar als ein Schauspieler, erhält im Magazin Stern eine eigene Kolumne („Til Schweiger exklusiv im stern: ‚Herr Edathy, Ihr larmoyantes Verhalten ist zum Kotzen‘“) und darf sich trotzdem äußern. Jeder seriöse Nicht-Jurist hätte solch ein Angebot des Stern, sich zum Ausgang im Fall Edathy äußern zu dürfen, wahrscheinlich dankend abgelehnt, zu groß ist doch die Gefahr, sich auf glattes und zudem dünnes Eis zu begeben, doch in Schweiger sprach wohl der „Tatort“-Tschiller, der erst schießt und dann fragt.

Jan Leyk: Ein vorbestrafter Facebook-Promi spricht Drohungen aus

Auf eine ganz andere Art geschossen hat der Hamburger (Ex-)Laiendarsteller, Designer und DJ (dazu musste erst Wikipedia befragt werden, wir kannten ihn bislang nicht) Jan Leyk, ebenso wie Schweiger alles oder wenigstens vieles andere als ein Jurist und sogar als ein Schauspieler, aber selbst seit 2012 wegen eines Einbruchdiebstahls von 2007 vorbestraft, weswegen ihm bei RTL II gekündigt wurde, und 2012 angeklagt, eine Frau gewürgt zu haben, zudem mehrfach durch Prügelattacken aufgefallen. Ebenso widerlich sind seine Facebook-Einträge, in denen er am 3. März 2015 Drohungen gegenüber Edathy ausspricht (oder besser: ausstößt):

Laufen Sie mir niemals über den Weg und wenn doch, dann gnade [sic!] Ihnen Gott, dass Ihr Suspensorium fest angeschnallt ist und Ihre Personenschützer gut ausgebildet sind…..ansonsten [sic!] werden Ihre mickrigen Hoden demnächst für sehr viel Geld bei eBay ersteigert und das eingenommen [sic!] Geld an Institutionen gespendet, die aufgrund von psychisch kaputten Flachwixxern [sic!] wie Ihnen ihre ehrenvolle, aber traurige Arbeit verrichten müssen.

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung tönte er am 2. März bereits: „Ich hoffe, dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird…..!!! [sic!]“, und über sein Rechtsverständnis äußerte er sich am 2. März, indem er Steuersünder quasi entschuldigt und das, was mit den Steuern bezahlt wird, als „Schwachsinn“ bezeichnet: „Ein Steuerbetrüger, der es leid ist für viel Schwachsinn die Hälfte seine Geldes [sic!] abdrücken zu müssen, wird härter bestraft […]“, ebenso wie über seine Sympathie für Leute, „die in solchen Fällen Selbstjustiz verrichten!!!! [sic!]“ (jeweils Jan Leyk auf seiner Facebook-Seite, abgerufen am 6. März 2015. Auf eine Verlinkung wird hier verzichtet, um seinem Profil nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.).

Christian Ehring über den Volkszorn im Fall Edathy

Weitere Beispiele lassen sich im Netz finden. Besser (und kürzer!) als mit Christian Ehring kann man den regelmäßig hochkochenden Volkszorn, der, wie gesehen, auch mal gern nach Lynchjustiz schreit und eine moderne Form der Hexenjagd darstellt, nicht kritisieren:

Der Fall Edathy: Dass das Urteil einige Fragen aufwirft und einige offen lässt, das will ich gar nicht bestreiten, aber wie gerade bei Facebook und Twitter und sonst wo über Edathy geredet und gerichtet wird — ich sag’ mal: Von Kopf ab bis Schwanz ab ist ja alles dabei. Da denke ich: wie gut, dass wir ein Land von 80 Millionen Hobbyrichtern sind, die alle wissen, wie man ihn eigentlich hätte bestrafen müssen. Das tun die Deutschen am liebsten: Bier trinken. Fußball spielen und sich Strafen für Pädophile ausdenken. Interessanterweise sind die Menschen, die Edathy teeren und federn wollen, sonst aber eigentlich gegen die Einführung der Scharia. Es gibt halt Leute, die sind mehr BILD-Zeitung als die BILD-Zeitung.

(Christian Ehring zum Fall Edathy in „Extra 3“ im NDR vom 4. März 2015)

Das Urteil erklärt und offene Fragen im Fall Edathy

Und für alle, die immer noch nicht verstanden haben, wie das Urteil zustande kam, was hier auch für Leute mit geringerem Bildungsniveau doch ziemlich verständlich erklärt wird: die Jakob-Augstein-Kolumne zum Fall Edathy bei SPIEGEL ONLINE. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn sich die Hassprediger im Netz erst einmal wenigstens diesen Kommentar zu Gemüte geführt hätten, bevor sie zu der modernen Form der Hexenjagd, die vielfach auch noch anonym um sich schlägt und verbal Amok läuft, greifen!

Dass Sebastian Edathy aber auch Vorsitzender des „2. Untersuchungsausschusses des 17. Deutschen Bundestages ‚Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund‘“ (NSU), der die neonazistischen Verbrechen der mutmaßlichen Terrorzelle NSU und das Versagen der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung und Verhinderung der Verbrechen untersuchte, wobei ihm sehr gute Arbeit bescheinigt wurde, und Mitglied der entsprechenden Arbeitsgruppe der SPD-Bundestagsfraktion war und sich dabei Feinde gemacht haben könnte, macht den ganzen Fall Edathy zudem noch schwerer erträglich, besonders auch wenn man weiß, wer da vorher was gewusst und wer sich mit wem ausgetauscht hat, von dem er aber später nichts mehr gewusst oder sich ausgetauscht haben will (siehe das Video „Christian Ehring zur Lage der SPD“, speziell zur Entwicklung im Fall Edathy, ein Ausschnitt aus „Extra 3“ vom 11. Februar 2015 im NDR).

(Siehe hier auch „Kachelmann ein Vergewaltiger?“ und „Ausländer“!)

[Nachtrag vom 11. Oktober 2015: Bereits im Mai 2015 hat Sebastian Edathy gegen Jan Leyk Strafantrag wegen dessen hetzenden Facebook-Kommentaren gestellt; siehe im Magazin Stern „Sebastian Edathy klagt gegen Jan Leyk wegen hasserfülltem Facebook-Post“.]


Kommentare

Der Volkszorn im Fall Edathy — 4 Kommentare

  1. Soweit bekannt wurde, ging es bei E. „nur“ um Nacktaufnahmen. Man muss es nicht gut finden. Man kann sich wundern, dass man solche irgendwo runterlädt. Bei einfachen Nacktbildern kann es durchaus sein, dass die – nicht von ihm sondern von Inhabern jener Plattform – irgendwo im Netz geklaut wurden, z.B. von den Facebookseiten der Eltern, die ihre lieben Wonneproppen allen Datenschutzwarnungen zum Trotz als Bild posten. Wir akzeptieren in unser Gesellschaft überall Nacktheit. Sie springt uns von der Litfaßsäule an, sie ist Dauergast in Werbung und TV. Filme kommen heutzutage nicht ohne Bettszenen aus. Offenbar finden viele Nacktheit gut. Die Werbung würde mit ihr nicht werben, wäre es nicht hilfreich. Kinder laufen nackt durch die Badeanstalt oder am Strand. Kleine Mädchen, noch ohne Busen, tragen auf weiblich getrimmt schon Bikinis und werden oft als Modepüppchen angezogen. Wer dazu sagt, dass weniger vielleicht mehr wäre, dass man nicht alles zeigen muss, dass z.B. im Film lieber mit Andeutungen die Fantasie angeregt werden sollte, der läuft Gefahr für prüde gehalten zu werden. Bei dem in einigen Kommentaren zu dem Thema Edathy benutzten Begriff „Pornobild“ fällt mir die Frage ein: ab wann ist ein Nacktbild ein Pornobild? Nacktheit im Internet ist Porno, das Nacktfoto im Familienalbum meines Babys mit Babyspeckfalten in der Badewanne ist nur süß? Aber wenn ein Onkel im Familienalbum so ein Bild sieht und dabei gierig wird, wird dasselbe süße Bild im Album plötzlich zum Pornobild?

    Und dann lädt sich jemand „einfache“ Nacktbilder runter und wird regelrecht sozial hingerichtet. Politischer Job weg, Freunde weg, keiner will mehr mit ihm zu tun haben. Für jemanden, der sich seit einem Jahr einem Spießrutenlaufen ausgesetzt sieht, ist ein Bußgeld von 5.000 € vielleicht mehr Geld als wir meinen…

    Das, was Herrn Edathy vorgeworfen wurde, zumindest zum Zeitpunkt der „Tat“ vermutlich nicht strafbar gewesen. In Staaten wie China kommt es schon mal vor, dass Menschen für etwas verurteilt werden, was zum Zeitpunkt der Tat noch nicht strafbar war, wenn man unliebsame Menschen los werden will. In Rechtsstaaten wie wir von Deutschland glauben, dass er einer ist, darf das nicht so sein. Oder wollte man Herrn E. los werden? War er unbequem?

    Da kommt ein Mensch mit sichtbarem Migrationshintergrund, womit ja eine nicht geringe Zahl von Deutschen durchaus Probleme hat wie wir nicht erst durch Pegida wissen, und leitet den NSU-Untersuchungsausschuss, legt den Finger in die Wunden, die durch Nazis und Fehlverhalten / Versagen bei Verfassungsschutz und Polizei entstanden sind. Vielleicht hatte er sich mächtige Feinde gemacht. Die „Tat“ – das Herunterladen – soll ja schon länger zurückgelegen haben. Aber vielleicht erinnerte man sich erst wieder daran als der von Herrn E. geleitete NSU-Untersuchungsausschuss zu unbequem wurde und es war eine günstige Gelegenheit, einen unbequemen Widersacher fertig zu machen und los zu werden. Und nun? Der politische Gegner jubelt, die eigene Partei will ihn los werden, weil sein Ruf versaut ist.

    Die Leute, strömen in die Kinos, um sich „Fiftiy shades of grey“ anzugucken, in dem – dem Hörensagen nach – die Liebe einer Frau ausgenutzt wird und der Mann in dieser hochgelobten Geschichte eben nicht die Grenzen einhält, die bei ungewöhnlichen Sexualpraktiken üblich sein sollen. Die Verherrlichung sexueller Gewalt, die Ausbeutung von Frauen, duldet die Gesellschaft nicht nur sondern „kultiviert“ sie noch in jedermann zugänglichen Filmen, aber Nacktbilder, bei denen vermutlich allenfalls die Quelle fragwürdig ist, führen zur Vernichtung einer Person.

    Es ist noch nicht so lange her, da war es möglich, Politiker und Generäle mit dem bloßen Verdacht der Homosexualität fertig zu machen oder zu erpressen – nur weil der Volkszorn es zuließ. Heute ist Homosexualität bis in höchste Staatsämter akzeptiert bzw. geduldet, da bedarf es dann härterer Verdächte oder Vorwürfe wie Kindesmissbrauch, der hier wohl nie stattfand, aber wenn man es öffentlich oft genug schreibt, den Namen mit diesem Verbrechen in Verbindung bringt…. Pfui Teufel!

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