Linksruck?

Eine Studie zeigt: Ein Linksruck geht durch Deutschland. Kapitalismuskritik und das Plädieren für eine Revolution bestimmen unsere Einstellungen. Sollten wir da etwas nicht mitbekommen haben? [Aktualisiert am 19. Juni 2016.]

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Freien Universität Berlin zeigt einen Linksruck in Deutschland und dass linksextreme Positionen weit verbreitet sind. „[…] mehr als 60 Prozent der Befragten [hielten] die Demokratie nicht für eine echte Demokratie, da die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen hätten“, und „knapp 30 Prozent (Ostdeutschland 35 Prozent; Westdeutschland: 28 Prozent) gaben an, sie könnten sich eine wirkliche Demokratie nur ohne Kapitalismus vorstellen“. Und es kommt noch erstaunlicher: „Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen hielten den Sozialismus/Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei, und 42 Prozent gaben an, dass für sie soziale Gleichheit aller Menschen wichtiger sei als die Freiheit des Einzelnen.“

Angesichts von NSU-Terror, ausländer- und islamfeindlichen PE- und anderen -GIDA-Aufmärschen und dem Erstarken der Alternative für Deutschland (AfD) verwunderlich, aber immerhin sah ein „großer Anteil der Befragten (18 Prozent) […] die Gefahr eines neuen Faschismus‘ in Deutschland“, auch wenn „18 Prozent“ mal eben eigentlich nicht so viel sind. Der eigentliche „Hammer“ aber: „Ein Fünftel der Bevölkerung (Ostdeutschland: 24 Prozent; Westdeutschland: 19 Prozent) hielt eine Verbesserung der Lebensbedingungen durch Reformen nicht für möglich und plädierte für eine Revolution.“

Schwer zu glauben, dieser Linksruck, sehr schwer! Sollten in uns kleine Revolutionäre schlummern, quasi als „linke Schläfer“, die nur darauf warten, eingesetzt zu werden, um unsere kapitalistische Republik mithilfe von soundsoviel Prozent der Bevölkerung in ein sozialistisches Paradies zu verwandeln? Klaus Schroeder, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Mitautor der Studie, relativiert in einem Gespräch in DIE ZEIT jedoch selbst: „Es gibt eben einen gewissen Zeitgeist, der mit Willy Brandt schon einmal nach links gerückt war, mit Helmut Kohl dann eher nach rechts. Und jetzt mit Merkel eben deutlich nach links. Die Leute denken dann zwar links, wählen aber trotzdem Merkel.“

Aha, der viel beschworene „Zeitgeist“! Aber zumindest Letzteres werden wir vermutlich bis in alle Ewigkeit weiter tun, denn Revolutionen fallen ja bekanntlich vom Himmel …

Verweise zum Thema:
die Studie auf den Seiten der Freien Universität Berlin,
ein Interview mit Klaus Schroeder: „Die Gesellschaft ist nach links gerückt“ in DIE ZEIT,
DIE WELT: „Mehrheit vermisst echte Demokratie in Deutschland“.
Siehe hier aber auch die vielen Einträge, besonders unter der Kategorie „Politik und Gesellschaft“, die anderes als die Ergebnisse dieser Studie nahelegen.

[Aktualisierung vom 19. Juni 2016: Durch eine gute Freundin wurde ich auf diese Umfrage vom 27. Februar 2015 aufmerksam: „Wie linksextrem bist du?“ auf Metronaut.]

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Über Ronald

Kein Selbstdarsteller, aber auf Stellensuche, daher: Schriftsetzer, Korrektor/Lektor, Weiterbildungen zum Mediengestalter/Desktop-Publisher und zum Online-Redakteur. 11 Semester Germanistik, viele Jahre Erfahrung als Schauspieler und als Sprecher sowie als Perkussionist brasilianischer Musik und als Fußball-Torwart. Mehr? Seite „Zum Autor“!


Kommentare

Linksruck? — 4 Kommentare

  1. Also die Ewigkeit hat Frau Merkel zumindest im diesseitigen Leben nicht für sich gepachtet DAS würde mein Weltbild noch mehr erschüttern als die Vorstellung in größeren Anteilen der Bevölkerung könnten linke Revolutionäre schlummern. Ich schätze, die meisten bei uns sind für eine Revolution schlicht zu träge.

    • Ah, ein „linker Schläfer“ resp. eine „linke Schläferin“! 😉

      Aber andere Studien, andere Ergebnisse. So ergab eine solche des John-Stuart-Mill-Instituts in Heidelberg, auch Institut für Freiheitsforschung, das jährlich einen Freiheitsindex erstellt, dessen ermittelte Werte zwischen −50 und +50 liegen können, dass dieser im Jahr 2014 auf den Wert von −7 abgefallen ist, im Vergleich zu 2013 ein Abfall von −4,3 Punkten. Dieser Index soll Aufschluss darauf geben, wie wichtig den Deutschen Freiheit neben anderen Werten wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Sicherheit ist. Wie die Leiterin des Instituts, Ulrike Ackermann, kommentiert, ist „die Freiheit […] seit dem vergangenen Jahr messbar ins Hintertreffen geraten“ (zitiert nach einem Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 29./30. November 2014). Das Roman-Herzog-Institut in München hat 2014 ebenfalls untersucht, wie frei wir sind. Randolf Rodenstock, der Leiter des Instituts, fasst das Ergebnis in WissensWert [sic!], einer Publikation des Instituts, in Ausgabe 5 „Freiheit anders denken. Wie frei sind wir?“ so zusammen: „Ich frage mich, ob wir nicht mittlerweile ein gesellschaftliches Klima haben, in dem nicht Offenheit, Toleranz und Experimentierfreude, sondern Skepsis, Ängstlichkeit und Konformismus dominieren.“ Und schließlich ergibt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über rechts-populistische und -extreme Einstellungen in Deutschland 2014, über die hier noch zu berichten sein wird, dass solche zugenommen haben und inzwischen nicht nur ein Deutschland-, sondern gar ein Europa-weites Problem geworden sind.

      Dem Autor scheint also, dass nicht nur Trägheit einer Revolution im Wege steht!

  2. Angst (vor Jobverlust oder vor Nichtübernahme bei Befristeten) führt vermutlich allzu oft zu stromlinienförmigen Verhalten, um ja nicht (negativ / andersartig) aufzufallen. :-/

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