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Arbeit, unsere Religion? — 4 Kommentare

  1. Viele spirituelle Weisheiten muten seltsam an, wenn sie auf die niedere Ebene des „äußeren“ Lebens angewendet werden. So könnte es auch hier sein: „Ora et labora“, bete und arbeite, stellt eine direkte Verbindung zwischen Religion und Arbeit her. Sinn ergibt sie meines Erachtens, wenn das spirituelle Streben nicht auf einen sorgfältig abgegrenzten Raum beschränkt wird („sonntäglicher Kirchgang“), sondern ganz konkret im Alltag verankert wird. Zum Beispiel in der ständigen Selbsterkenntnis, Dienstbarkeit, Annahme der Lebensumstände.

    • Nun, wenn ich mal sarkastisch antworte, würde ich sagen: Bete und arbeite, damit du nicht auf dumme (= unchristliche, unkeusche) Gedanken kommst!

      Das Motto „Ora et labora“ stammt übrigens sehr wahrscheinlich vom Benediktinerorden; vollständig heißt es: Ora et labora (et lege), bete und arbeite (und lies). Laborare stand ursprünglich für die manuelle Arbeit, es kann allerdings auch mit „leiden“ übersetzt werden. Und von der Antike über das Mittelalter bis hin über das Zeitalter der industriellen Revolution hinaus hatte Arbeit nie etwas, was auch nur ansatzweise mit Spiritualität zu tun hatte. Selbst ursprünglich für die Benediktiner nicht! Zitat aus dem sehr interessanten Artikel über den Ursprung und die Bedeutung dieses Mottos bei Telepolis von Heise online: „Ora und labora“:

      Durch die Mühsal und das Leid harter körperlicher Arbeit eiferten die Mönche dem Leiden Jesu Christi nach, um hierdurch dem Himmelreich näher zu kommen.

      Und weiter:

      Die Arbeit der Mönche unterschied sich somit in ihrer religiösen Konnotation grundlegend von der Plackerei, die Sklaven in der Antike oder auch leibeigene Bauern im Rahmen der brutalen Fronarbeit etwa im spätmittelalterlichen Osteuropa zu verrichten hatten.

      Erst später „setzte ein Bedeutungswandel des klösterlichen Arbeitsbegriffs ein, das Bewusstsein des ‚Leidens‘ verschwand mit der Verinnerlichung der Arbeitsdisziplin, der sakrale Gehalt gewann an Bedeutung“.

      Spiritualität aber „wirkt“ sowieso über „die niedere Ebene des ‚äußeren‘ Lebens“ hinaus, sonst verdient sie ihren Namen nicht. Ich verstehe aber durchaus, worauf du hinauswillst. Sie aber in der (körperlichen) Arbeit zu suchen, ist meiner Ansicht nach nur bei solchen Menschen in solch selbstbestimmten Tätigkeiten möglich, die eine Spiritualität (bei) der Arbeit zulassen (können), einer Arbeit, hinter der der Arbeitende hundertprozentig steht. Und das dürfte äu0erst selten, wenn nicht gar unmöglich sein!

      Zudem gibt es einen Unterschied zwischen Religion und Spiritualität; siehe hier den dir bekannten Beitrag „Religion und Spiritualität“. Der sonntägliche Kirchgang hat denn auch mit ersterem zu tun und nichts, aber auch gar nichts mit Spiritualität!

      Die Frage wäre daher, ob echte Spiritualität, auch bei der Arbeit, heute überhaupt noch gelebt werden kann. Ich denke, nicht, sondern wir machen die Arbeit zur Religion/zum Religionsersatz, bei der Spiritualität nichts zu suchen hat, weil sie von der Arbeit in der kapitalistischen Welt ablenkt!

  2. Danke für die ausführliche Antwort!
    Ich glaube, dass es bei sehr vielen Tätigkeiten möglich ist, spirituell bewusst zu bleiben.

    „Arbeit“ ist ein sehr weit gefasster Begriff. Wie sollte man sich heute sicher sein, dass Arbeit nicht schon seit langen Zeiten auch als „innere Arbeit“ aufgefasst wurde?
    Bei Rumi habe ich gefunden: “Love isn’t the work of the tender and the gentle; Love is the work of wrestlers.“ Das erinnert an den Dschihad im Sinne der Sufis: den inneren Kampf.

    Man spricht ja von „Zusammenarbeit“. In spirituellen Gruppen kann es eine große Herausforderung sein, sich darauf einzulassen und bei all den unterschiedlichen Sichtweisen etwas Gemeinsames zu schaffen, sei es materiell oder immateriell. Und dabei die Hindernisse im eigenen Wesen zu erkennen, wenn man auf bestimmte Eigenheiten der anderen „anspringt“.

    Ich musste grade an den Tankwart in „Peaceful Warrior“ denken („Der Pfad des friedvollen Kriegers“). Wer sollte verhindern, dass echte Spiritualität gelebt werden kann, außer man selbst?

    • Zu deiner Frage am Ende: die Gesellschaft, das (kapitalistische) (Arbeits)umfeld. Man muss ein Mönch sein oder sonstwie außerhalb davon stehen, um echte Spiritualität leben zu können.

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