Gulaschsuppe

Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, es ist doch erst die dritte Stunde am Tage […]

(Petrus in: Die Apostelgeschichte des Lukas, Abschnitt 2, Verse 15—17)

Die Wirklichkeit ist Halluzination, die durch den Mangel an Alkohol entsteht.

(aus dem Film „Ein Hund kam in die Küche“ von Xaver Schwarzenberger)

Aus dem Schwarz vor Herberts Augen kristallisierte sich eine Farbe heraus. Ein Universum aus Schwarz wurde zu einem dunklen Blau, dann zu Purpur, Violett und schließlich Weiß. Nur: Warum musste während dieses Farbenrausches gerade jetzt jemand mit einem Presslufthammer die Straße bearbeiten?

Oder war es der Nachbar mit einem Schlagbohrer? Dazu kitzelt etwas an seiner Nase. Etwas anderes liegt auf seinem Bauch. Und dann dieser üble Geschmack in seinem Mund, der dazu noch wie ausgetrocknet scheint. Wasser! Oder irgendetwas anderes!

Mühsam versucht er, die Augen zu öffnen. Wo bin ich?

Der Presslufthammer oder Schlagbohrer scheint sich nicht draußen, sondern mitten in seinem Kopf zu befinden. Es gelingt ihm, langsam die Augenlider voneinander zu trennen und die Augen zu öffnen. Ein vorsichtiger Blick nach rechts zeigt ihm, dass auf dem Boden seiner Wohnung überall leere Flaschen herumstehen oder -liegen. Ein vorsichtiger Blick nach einem Schwenken seines Kopfes nach links zeigt ihm, dass dort noch jemand im Bett liegt. Das Kitzeln rührt von einer Haarsträhne her, die sich über den unteren Teil seines Gesichts ausbreitet und dabei auch seine Nase berührt. Und das, was auf seinem Bauch liegt, ist ein Arm. Wer ist diese Frau, die dort leise schnarchend schläft?

Ich muss auf die Toilette. Dringend! Da über Nacht aber alle seine Informationen über seine Wohnung aus seinem Gedächtnis gelöscht worden waren, weiß er allerdings nicht, wo sich die anderen Zimmer und die Toilette befinden. Sein Gehirn ist wie fragmentiert, und das Werkzeug zum Defragmentieren ist nicht verfügbar. Ist das überhaupt meine Wohnung, fragt er sich.

Während er sich langsam aufzurichten versucht, hört er plötzlich Geräusche aus seinem Magen, die sich langsam die Speiseröhre hinaufarbeiten. Von dem Geräusch wird ihm schlecht, und er muss kotzen. Gleichzeitig muss er dringend pinkeln.

Auf dem Boden, nicht weit vom Bett entfernt, steht zum Glück ein großer Topf, in dem der Rest einer bräunlichen Flüssigkeit mit einigen Fruchtstücken darin schwimmt. War das eine Bowle? Egal. Herbert gelingt es, sie näher an das Nachtlager heranzuschieben und sich dorthinein zu übergeben. Bei dieser Gelegenheit bemerkt er, dass er nackt ist. Dann setzt er sich mühsam auf und pinkelt auch noch hinein. Eine andere interessante Farbmischung entsteht, stellt er staunend fest.

Nun allerdings brauchte er noch etwas Flüssigkeit in seinem Mund. Auf dem Nachttisch neben sich entdeckt er eine Flasche dem Rest einer klaren Flüssigkeit darin. Dem Etikett nach zu urteilen, kein Wasser. Er nimmt einen guten Schluck. Ah! Nach einem Schütteln nimmt er noch einen weiteren großen Schluck, und schon ist die Flasche leer.

Als er sich mit einem Rülpsen wieder hinlegt, ist die Frau neben ihm in eine Art Halbschlaf geraten. Sie murmelt etwas, was er aber nicht verstehen kann. Nochmals: Wer ist diese Frau?

Nun tasten sich ihre Hände zu seinem Pimmel vor, den sie auch ohne Umwege findet. Wieder murmelt sie etwas, ohne die Augen zu öffnen. Der Geruch aus ihrem Mund ist allerdings nicht gerade sehr aufbauend, um es mal so auszudrücken, denkt er. Ob es ihm gelingen würde, ihr wenigstens etwas von irgendeinem Getränk einzuflößen, vorausgesetzt, dass er eines solchen habhaft werden könnte, ohne sich größer zu bewegen? Vorsichtig sucht er die nähere Umgebung ab. Da entdeckt er auf dem Nachttisch auf ihrer Seite eine grüne Flasche, die eine Weinflasche sein könnte. Langsam schiebt er einen Arm unter ihrem Hals hindurch, um die Flasche zu erreichen, doch er ist zu kurz. Der Topf mit der Bowle neben dem Bett?

Er verwirft diesen Gedanken, zumal sie mitbekommen hat, wie er seinen Arm unter sie geschoben hat. Sie murmelt wieder. Diesmal meint er, so etwas wie liebevolle Zustimmung herauszuhören, fast wie ein Gurren. Also rückt er näher an sie heran, um doch noch an die Flasche heranzukommen, was sie als weitere Zustimmung auffasst und worauf sie seinen Pimmel nun energischer massiert und knetet. Er gibt auf.

Oha, jetzt fällt es ihm ein: Martha, diese ewig betrunkene Nachbarin! Bleibt die Frage: Aber wie kommt sie nur ein sein Bett? Und ist das überhaupt sein Bett, seine Wohnung?

Plötzlich wird sie wach. Hunger, ruft sie und macht Anstalten aufzustehen. „Ich koche uns ein Süppchen“, lallt sie frohgemut, „das wird uns guttun”, und schon ist sie verschwunden. Ihrer Zielstrebigkeit nach zu urteilen, scheint sich sein Problem, wessen Wohnung das ist, aufzuklären. Teilweise und zumindest in dieser Hinsicht etwas beruhigt, beschließt er, sich einfach noch mal hinzulegen, bis das Süppchen fertig ist. Beides keine schlechte Idee, denkt er, und schon nickt er wieder weg.

„Fertig!“, hört Herbert irgendwann jemand in seinen Träumen rufen. „Kannst kooo-men!“ Nein, kein Traum, Martha! Mühsam erhebt er sich und wankt, sich an den Wänden abstützend, in die Richtung, aus der ihre Stimme kommt. „Ein buntes Potpourri“, sagt sie stolz, schöpft eine große Kelle aus dem Topf, der auf dem Herd köchelt, auf einen Teller, den sie ihm hinhält. Er setzt sich an den Tisch und löffelt und schlürft begierig. Etwas säuerlich vielleicht und von undefinierbarer Farbe, aber gut! Er grunzt ihr anerkennend zu.

Sie schaut zu, wie es ihm schmeckt. „Habe einfach den Rest Gulaschsuppe von gestern Abend aufgewärmt.“ Nun erkennt er den Topf auf dem Herd wieder, der vorhin noch …


Lob, Kritik, Ergänzung, ...? Kommentieren!