Seltsame Früchte hängen von Pappeln

Das Lied Strange Fruit und seine mahnende Wirkung bis heute

Die Sängerin Billie Holiday gehört seit Langem zu den am meisten verehrten Künstlern des Autors. 1939 erschien das Lied Strange Fruit, das die Lynchmorde an Schwarzen thematisiert, zum ersten Mal von ihr gesungen. Nicht nur angesichts ihres hundertsten Geburtstages in diesem Jahr Zeit, sich wieder einmal an diese großartige Sängerin und besonders an dieses Lied zu erinnern!

Das Leben und Sterben der Billie Holiday

Billie Holiday mug shot

Billie Holiday auf einem Polizeifoto vom 16. Mai 1947 (Justizministerium der Vereinigten Staaten/Wikimedia Commons)

Billie Holiday gehört zu den tragischsten Figuren der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Am 7. April 1915 als Elinore Harris in Philadelphia, Pennsylvania, USA geboren, ist über ihre unglückliche Kindheit als Afroamerikanerin in ärmlichen Verhältnissen bereits viel geschrieben worden, wobei sich ihre eigene Autobiografie „Lady Sings the Blues“ selbst nicht immer an Fakten hält. Festzustehen scheint, dass sie schon als Elfjährige von einem Nachbarn sexuell missbraucht wurde, in ein katholisches Erziehungsheim kam und anschließend bei ihrer Mutter, die in einem Bordell arbeitete, blieb. Durch ein dort vorhandenes Grammophon lernte die junge Billie die Musik Louis Armstrongs und Bessie Smiths kennen und schätzen, bis sie, nach einigen Jahren als Prostituierte, ab 1929 zu singen begann und in Nachtklubs auftrat. 1933 wurde sie „entdeckt“ und bekam die Möglichkeit, erste Schallplatten aufzunehmen. An ihrem unglücklichen Leben konnte der beginnende Erfolg jedoch nichts ändern: Drogensucht und Verhaftungen wegen Drogenbesitzes, Alkoholismus und Liebesbeziehungen zu gewalttätigen Männern, die sie rücksichtslos ausnutzten, bestimmten ihr Leben, bis in den 1950er-Jahren ihr gesundheitlicher Abstieg begann. Am 31. Mai 1959 wurde sie ins Metropolitan Hospital in New York eingeliefert, wo sie unter entwürdigenden Umständen mit gerade einmal 44 Jahren starb: Polizisten standen um ihr Krankenbett, an das sie mit Handschellen gefesselt war, um sie wegen Drogenbesitzes zu verhaften. Obwohl als Jazz- und Blues-Sängerin weltbekannt, hatte sie gerade einmal 70 US-Cent auf ihrem Konto und 750 US-Dollar aus einem Zeitschriftenhonorar in bar bei sich!

Rassismus und Lynchmorde: Abel Meeropol und Strange Fruit

Postcard of the lynched Jesse Washington, front and back

Postkarte vom 16. Mai 1916, die den verstümmelten und verkohlten Leichnam des 17-jährigen Jesse Washington zeigt. „This is the barbecue we had last night. […] Your son Joe“, steht auf der Rückseite. (Autor unbekannt/Wikimedia Commons)

Auch lange nach dem Ende der Sklaverei und der Ära der Reconstruction blieb Rassismus in den USA eine alltägliche Tatsache, der auch Billie Holiday ausgesetzt war. Ihr Vater starb 1937 vor allem deshalb, weil sich alle Krankenhäuser der Gegend weigerten, einen Schwarzen zu behandeln, und sie selbst musste vor und nach ihren Auftritten oft Hintereingänge und Lastenaufzüge benutzen. Lynchmorde waren zu dieser Zeit vor allem in den konservativen Südstaaten der USA gang und gäbe. Angesichts eines Fotos eines solchen Mordes schrieb der russisch-jüdisch-stämmige Lehrer Abel Meeropol, der auch Mitglied der Kommunistischen Partei der USA war (ja, die gab und gibt es dort tatsächlich!), 1937 das Gedicht „Strange Fruit“, das er kurz darauf in ein Lied umwandelte. In einem Klub der linken und liberalen Intellektuellen New Yorks stellte der Besitzer Holiday und Meeropol einander vor. Obwohl sie zunächst Bedenken hatte, das Lied in ihr Programm aufzunehmen, weil es zu sehr von ihrem Repertoire abwich, probierte sie es dann 1939 doch. In diesem Jahr fanden bereits drei Fälle von Selbstjustiz statt, und eine Umfrage in den Südstaaten ergab, dass sechs von zehn Weißen die Praxis des Lynchens befürworteten.

Die Wirkung von Strange Fruit

Billie Holiday gestaltete das vor ihr mit viel Pathos vorgetragene Mitleidsstück nicht nur in einen unmittelbaren und eindringlichen Vortrag um, sondern auch in eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen die Selbstjustiz in den Südstaaten, ja, gegen die Unmenschlichkeit des Menschen überhaupt. Es wurde bald eine frühe Hymne der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ist zudem das erste und einzige mir bekannte Protestlied im Jazz. Selbstredend war es in den USA lange im Radio unerwünscht, selbst die BBC wollte das Lied anfangs nicht spielen, und in Südafrika war es während der Apartheid verboten. Viele andere berühmte Künstlerinnen und Künstler wie beispielsweise Carmen McRae, Eartha Kitt, Diana Ross, Pete Seeger, Nina Simone, Tori Amos, Cassandra Wilson und Sting interpretierten das Lied, doch keine ihrer Versionen reicht an die von Holiday heran, selbst die des ebenfalls sehr verehrten Robert Wyatt nicht.

Die erschreckend hohe Zahl von durch Polizeigewalt getöteten, meist unbewaffneten Afroamerikanern und die Tatsache, dass im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in den USA überproportional viele Afroamerikaner in Gefängnissen einsitzen, zeigt, dass wahre Gleichheit noch lange nicht erreicht ist. Und wenn Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe oder wegen ihres Glaubens nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande beschimpft, verfolgt, gehetzt und auch ermordet werden (siehe hier beispielsweise „Der Nazi in uns“), wenn nicht nur angesichts gerade im Zusammenhang schon eines Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie (siehe hier „Der Volkszorn im Fall Edathy“) oder der Vergewaltigung (siehe hier „Kachelmann ein Vergewaltiger?“) im WWW unverhohlen zu Straftaten gegen die Verdächtigen auf- oder nach Wiedereinführung der Todesstrafe gerufen wird, dann mag die Hochzeit der Lynchmorde zwar vorbei sein, aber ein Wiederaufflammen ist zu befürchten.

Billie Holiday und das eindringliche Strange Fruit sollen uns nicht nur während des Jahres ihres hundertsten Geburtstages daran erinnern, dass diese dunklen Zeiten so lange noch nicht vorbei sind und jederzeit wieder aufleben können!

Strange Fruit: der Text

Southern trees bear strange fruit,
Blood on the leaves and blood at the root,
Black bodies swinging in the southern breeze,
Strange fruit hanging from the poplar trees.

Pastoral scene of the gallant south,
The bulging eyes and the twisted mouth,
Scent of magnolias, sweet and fresh,
Then the sudden smell of burning flesh.

Here is fruit for the crows to pluck,
For the rain to gather, for the wind to suck,
For the sun to rot, for the trees to drop,
Here is a strange and bitter crop.


 

Verweise zum Thema


Kommentare

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