Heimat

Ein Begriff aus der Sicht von Flüchtlingen und von Deutschen

Mit dem Begriff der Heimat ist es so eine Sache — je nachdem, aus welcher Perspektive die Heimat gesehen wird: von innen oder von außen, also aus dem Land selbst, das einem Heimatland ist, oder von außen, zurückdenkend an das, was einmal das Heimatland war. Aufgrund der derzeitigen Flüchtlingsdebatte sei hier daran erinnert, dass zu Zeiten, die noch gar nicht so lange her sind, hunderttausende von Deutschen vor einem Unrechtsregime flüchten mussten — genauso, wie es heute Menschen aus anderen Regionen gezwungen sind. Zwei Zitate beschäftigen sich mit „Heimat“.

In jenem Land, das ich einst Heimat nannte,
Wird es jetzt Frühling wie in jedem Jahr.
Die Tage weiß ich noch, so licht und klar,
Weiß noch den Duft, den all das Blühen sandte,
Doch von den Menschen, die ich einst dort kannte,
Ist auch nicht einer mehr so, wie er war.

Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einem Gedicht eines Flüchtlings aus Syrien, Afghanistan oder aus einem afrikanischen Land, der sich an die Heimat erinnert, sondern aus dem Gedicht „Auf einer Bank“ von Mascha Kaléko, die zweimal aus ihrer jeweiligen Heimat, darunter auch 1938 aus Deutschland, an das sie sich hier erinnert, flüchten musste, erstmals erschienen im „Aufbau“ Nr. 17 vom 26. April 1940. Aus Gründen des Urheberrechtsschutzes wird hier auf das Zitieren des kompletten Gedichts verzichtet, aber es lässt sich beispielsweise im Literarischen Café finden. Beim Lesen („[…] Doch Dank der Welle, die mich hergetragen,/ Und Dank dem Wind, der mich an Land gespült.“) wird man noch mehr an die Flüchtlingssituation von heute und besonders an die Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer erinnert!

Und da wir gerade bei Heimat und Flüchtlingen sind, ist es nicht weit zur derzeitigen Diskussion um Hell- und Dunkeldeutschland:

Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

[…]

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Hier ist die Ausgangslage klarer, man denke nur an „Wir sind das Volk!“ Es stammt aus dem Text „Heimat“ von Kurt Tucholsky, erschienen in „Deutschland, Deutschland über alles“, Berlin 1929 und Reinbek bei Hamburg 1996. Zum Titel des Buches schrieb er ebenda: „Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts.“ Der komplette Text findet sich etwa bei textlog.de und auf der Kurt-Tucholsky-Info-Seite.

Dazu passt übrigens auch Heinrich Heine (aus dem Caput XXIV. in: Deutschland. Ein Wintermärchen, Hamburg 1844 u. a.) bestens:

Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.

Zeitlos ist und bleibt Bertolt Brecht (aus: Flüchtlingsgespräche, Frankfurt am Main 1961), da nach dem Schengen-Abkommen die Herkunft und das Land, in dem Flüchtende, die den europäischen Kontinent betreten, zuerst registriert wurden, und der Pass immer wichtiger werden, der nach (angeblich) sicheren und unsicheren Herkunftsländern unterscheidet:

Der Paß ist der edelste Teil eines Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

(Siehe hier beispielsweise auch „Ausländer“ und „Einfache Fahrt“ oder von Friedrich von Logau „Deutschland wider Deutschland“!)


Kommentare

Heimat — 8 Kommentare

  1. Und Geschichte wiederholt sich – hoffentlich aber nicht komplett – doch… :-/

    Ich habe den Beitrag kopiert und eben mit Quellenangabe (Link zum Blog) sowie Veröffentlichungsdatum in Facebook veröffentlicht. 🙂

    • Nun ja: Der Verfassungsschutz warnt vor weiterer Radikalisierung der rechtsextremen Szene und neuem Rechtsterror!

      Das Interesse an einer Weitergabe freut den Autor zwar, das Kopieren und Einfügen eines kompletten Beitrags auf andere Seiten findet er jedoch nicht so gut; siehe hier das Impressum und dort besonders den Abschnitt „Urheberrecht“.

  2. Wenn man sich die widerlichen Ereignisse in Clausnitz und Bautzen vom vergangenen Wochenende anschaut, kann man nur konstatieren, dass gerade Heine immer noch aktuell ist!

    • Nun, der oben zitierte Tucholsky mit

      „Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.“

      passt mindestens genauso gut, weil der Spruch dieser wirklich widerlichen Figuren „Wir sind das Volk“ schon lange nicht mehr wahr ist, falls er es je war, denn: „Wir sind auch noch da.“

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