Der Tod des Enver Şimşek

Heute vor 15 Jahren: das erste Opfer der rechten Terrorzelle NSU

Sagt Ihnen der Name Enver Şimşek (noch) etwas? Nein? Als der Blumenhändler am 9. September 2000 in Nürnberg niedergeschossen wird, nimmt von dem Verbrechen kaum jemand Notiz. Erst elf Jahre später sollte sich herausstellen, dass diese Tat der Beginn einer Mordserie durch die Neonazi-Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) war.

Enver Şimşek, geboren am 14. Dezember 1961 in Şarkikaraağaç im Hinterland der Mittelmeerregion, kommt 1986 aus der Türkei nach Deutschland und arbeitet sich vom Fabrikarbeiter zum Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern in Hessen hoch. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Am 9. September 2000 springt er als Vertretung für einen seiner Verkäufer ein und betreut einen mobilen Blumenstand an einer Ausfallstraße in Nürnberg. Um die Mittagszeit, früher Nachmittag, wird er dort mit acht Kugeln aus zwei Pistolen niedergeschossen, aber erst etwa zwei Stunden später gefunden. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, stirbt er zwei Tage später an seinen schweren Verletzungen.

Für seine Familie beginnt nach dem Mord ein Alptraum. Als Hauptverdächtige gelten die Mutter und der Bruder. Die Polizei vermutet eine Familientragödie und ist über Wochen Dauergast im Haus. Oder die Ermittler gehen von Verwicklungen Şimşeks ins Drogenmilieu aus und vermuten, dass er Drogen aus den Niederlanden geschmuggelt haben könnte, sodass auch der Getötete selbst in Verdacht gerät. Die Familie des ermordeten Vaters geht auf Abstand zur Familie der Mutter, und damit stirbt auch die Ehre der Witwe und der Kinder.

Als in den kommenden Jahren deutschlandweit acht weitere Menschen mit Migrationshintergrund durch dieselben Waffen sterben wie Şimşek, sind sich die Behörden sicher, dass sie es mit einer „Türken-Mafia“ zu tun haben. In der Presse wird diese Mordserie abschätzig als „Döner-Morde“ (ein Wort übrigens, das 2011 von der Gesellschaft für deutsche Sprache GfdS zum Unwort des Jahres gewählt wurde) oder als „Mordserie Bosporus“ nach dem Namen der von 2005 bis 2008 ermittelnden Sonderkommission bezeichnet. Auch unter den Begriffen „Wettmafia“ und „Halbmond-Mafia“ wird spekuliert. Zur Trauer der Familie Şimşek kommt bald der Zorn auf die Ermittler hinzu. Diese halten über elf Jahre lang an dem Verdacht fest, die Opfer hätten sich die Morde selbst zuzuschreiben.

[Nachtrag vom 4. Februar 2016: Ähnliches geschah zumindest auch nach dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße. Am 9. Juni 2004 explodierte in der Einkaufsstraße, ein Zentrum des türkischen Geschäftslebens, eine ferngezündete Nagelbombe, durch die 22 Menschen verletzt wurden, vier davon schwer. Ein Friseursalon, vor dem die Bombe abgestellt war, wurde vollständig verwüstet, mehrere weitere Ladenlokale und zahlreiche parkende Autos durch die herumfliegenden Nägel beschädigt. Ins Visier der Ermittler gerieten auch hier die Betroffenen und die Nachbarn: Sieben Jahre lang (!) wurden Spannungen zwischen Özcan Yildirim, dem türkischen Besitzer des Friseursalons, und seiner Frau, finanzielle Probleme bei der Finanzierung des Salons, Spielschulden, Konflikte in der sogenannten „Türsteherszene“, eine „Wettmafia“ und mehr vermutet, obwohl Anwohner und Betroffene immer rechtsextremistische Motive hinter der Tat äußerten. Aber schon am nächsten Tag traten Bundesinnenminister Otto Schily und NRW-Innenminister Fritz Behrens vor die Presse und bestritten, dass es einen terroristischen Hintergrund gebe. Noch ein Jahr nach dem Anschlag wurden der Friseur und seine Frau sieben Stunden lang in getrennten Räumen vernommen, was fast zur Scheidung geführt hätte. Der gerade herausgekommene Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ (Vorschau) von Andreas Maus zeigt die Auswirkungen auf die Betroffenen. Auch dem Filmemacher gegenüber verweigerten Staatsanwaltschaft und Polizeibehörden jegliche Stellungnahmen!]

Erst im November 2011 nämlich wird öffentlich bekannt, dass eine rechtsterroristische Gruppierung, der sogenannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU), Enver Şimşek und neun weitere Menschen ermordete. Aus Ausländerhass, wie in einem nach dem Suizid der Attentäter gefundenen Bekennerschreiben festgestellt wird. Şimşek war mutmaßlich (der NSU-Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen!) das erste Opfer dieser Neonazi-Terrorzelle. Dass durch Polizei und Verfassungsschutz Ermittlungen hinsichtlich eines rassistischen Hintergrunds der Morde jahrelang unterblieben, gilt als eines der größten Behördenversagen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Verweise zum Thema:
Tagesschau.de: „Die Leiden der Opferfamilien“,
taz.de: „Opferangehörige über die NSU-Morde: ‚Es waren eben nur Türken‘“,
SPIEGEL Online: „Gedenkfeier für NSU-Opfer: ‚Einer muss die Kraft haben‘“,
WDR 5, „Zeitzeichen“ vom 9. September 2015: „2000 — Enver Şimşek wird niedergeschossen“, Audiodatei, 14 Minuten, 31 Sekunden, unbegrenzte Vorhaltung, und auf der Sendungsseite „2000 — Enver Şimşek wird niedergeschossen“ zum Anhören und Herunterladen, ein Jahr abrufbar.
Siehe auch Wikipedia zu den Begriffen „Döner-Morde“ und „Mordserie Bosporus“ unter dem Artikel „NSU-Morde“.


Siehe hier schließlich auch den humoristischen Beitrag, der allerdings einen ernsteren Hintergrund hatte: „140 Zeichen (17)“ über die Frauenzeitschrift „Brigitte“ und den NSU-Prozess, und vielleicht auch nicht uninteressant: „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (12)“ über die merkwürdige Geschichte des BND und „Seltsame Früchte hängen von Pappeln“!


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