Wiedervereinigung: der verpasste Traum

Es hätte auch ganz anders kommen können: der Aufruf „Für unser Land“ als dritter Weg

25 Jahre deutsche Wiedervereinigung, ein Grund zum Feiern? Und stimmt der Begriff „Wiedervereinigung“ überhaupt? Aufgrund vieler Fehler, beispielsweise begangen von der „Treuhand“, und der verpassten Chance vom „dritten Weg“ nicht unbedingt!

Überall hierzulande wird gerade der 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, die gesetzlich übrigens „Herstellung der Einheit Deutschlands“ heißt, gefeiert. Überall? Angesichts vieler Fehler, die im Laufe dieses Prozesses beispielsweise von der „Treuhand“, auch „Treuhandanstalt“, juristisch übrigens „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“, begangen wurden, sind Zweifel angesagt.

Schon allein der Begriff „Wiedervereinigung“ ist eigentlich falsch, denn „feindliche Übernahme“ ist sicherlich treffender. Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik hatte so gut wie keine Chance, ein anderes Modell als den des unbedingten Kapitalismus‘ anzunehmen, zu stark war der Wille des ehemaligen Bundespräsidenten Helmut Kohl, wobei sich die erste freie Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990, bei der die CDU mit 40,8 Prozent die Mehrheit der Stimmen erhielt, als gutes Beispiel für das Sprichwort „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“ gelten kann, wie es in dem spannenden Dokumentarfilm „Goldrausch — Die Geschichte der Treuhand“ von Dirk Laabs ein junger, zorniger Ostbürger nach der Wahl auf den Punkt bringt.

Hundermarkscheine West und Ost

Wiedervereinigung? Der Hundertmarkschein West verdrängt den Hundertmarkschein Ost (Autor: Dr. Meierhofer/Wikimedia Commons)

Im Frühsommer 1990 nämlich wurde die Treuhandanstalt gegründet, initiiert von der im Zuge der friedlichen Revolution die (Übergangs)regierung der Deutschen Demokratischen Republik stellenden „Regierung Modrow“ und deren Chef, dem Vorsitzenden des Ministerrates Hans Modrow, um die volkseigenen Betriebe der DDR zu privatisieren. In den folgenden vier Jahren wurden rund 4000 Betriebe geschlossen, etwa zweieinhalb Millionen Arbeitsplätze gingen verloren und Milliarden von Mark verschwanden in dunklen Kanälen. Die „Treuhand“, zeit ihres Bestehens übrigens der größte Konzern der Welt, machte bis zu ihrer Schließung Ende 1994 Schulden in Höhe von insgesamt 256 Milliarden Mark!

Viel zu wenig bekannt ist jedoch, dass es in der DDR Wünsche und Bestrebungen gab, sich der bundesdeutschen Übermacht und damit der Wiedervereinigung unter dem unbedingten Kapitalismus zu widersetzen — Wünsche und Bestrebungen übrigens, die auch in der Bundesrepublik Sympathisanten fanden! So sammelten sich nämlich 1989 auf Initiative des niederländischen Theologen Dick Boer in Ost-Berlin Intellektuelle, um Gegenentwürfe, ausgehend von dem Gedanken der „revolutionären Erneuerung“, zu diskutieren. Zu ihnen gehörten etwa die Schriftsteller Stefan Heym und Christa Wolf; sie kämpften für den Erhalt einer eigenständigen DDR mit „demokratischem Sozialismus“ als Alternative zum „Ausverkauf unserer moralischen und materiellen Werte“ und die Vereinnahmung der DDR durch die BRD. Sie einigten sich auf den Aufruf „Für unser Land“, der am 28. November 1989 auf einer Pressekonferenz vor 75 in- und ausländischen Journalisten verlesen und anschließend durch weitere Erstunterzeichner erläutert und begründet wurde.

200 000 Menschen unterzeichneten diesen Aufruf innerhalb der ersten zwei Wochen, darunter auch SED-Generalsekretär Egon Krenz und der spätere erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR Lothar de Maizière. Unterstützung gab es auch aus Westdeutschland. Das offizielle Ende der Unterschriftenaktion war der 19. Januar 1990. Am 23. Januar wurde mitgeteilt, dass den Aufruf 1 167 048 Bürgerinnen und Bürger bei 9273 Ablehnungen unterschrieben hätten. Kein anderer Aufruf, der zugleich die erste demokratische Volksabstimmung in der DDR war, erhielt jemals so viele Unterschriften! Als jedoch Bundeskanzler Helmut Kohl zeitgleich am 28. November 1989 in einer Rede vor dem Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm vorstellte, das die deutsche Einheit verhandelte, war diese Chance vertan — zu stark war bereits der Einfluss des Westens. Stefan Heym bezeichnete Kohls Programm denn auch als „Ouvertüre zur Vereinnahmung“.

Der sogenannte „dritte Weg“, der über Wochen durch die verschiedensten Foren begleitet wurde, war eine Phase lebendiger Demokratie, aber er blieb ein Traum. Die nahende Übernahme wurde immer deutlicher, und deren Folgen sind bekannt.

Aus dem Wortlaut des Aufrufs:

Entweder
können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder
wir müssen dulden, dass, veranlasst durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

[…]

Berlin, den 26. November 1989

Der vollständige Aufruf und weitere Informationen: „Aufruf: Für unser Land (26. November 1989)“ und das Originaldokument als .jpg-Bild, 86,9 kB.


Kommentare

Wiedervereinigung: der verpasste Traum — 3 Kommentare

  1. In dieser Konstellation hat es noch kein Deutschland gegeben. Das frühere Deutschland (zu den jeweiligen Zeitpunkten war entweder größer oder zerstückelt kleiner). Vereinigung ohne „Wieder“ wäre m.E. richtiger.

    Von Vereinnahmung kann man wohl sprechen. Ob ein eigenständiger zweiter deutscher Staat aber lebensfähig gewesen wäre, ist zweifelhaft. Der Zustand dort vor Ort war so marode, die Wirtschaft wäre ohne massive Unterstützung nicht lebensfähig gewesen. Die damals den anderen Weg wünschten, haben möglicherweise nicht die Wirtschaftskenntnisse und den Überblick gehabt.

    Heute sind die Städte und Orte nicht mehr grau, schmutzig, stinkig (2-Takter-Benzin).

    Es hätte vom Westen) massiv gesponsert werden müssen und man hätte Verträge gemacht – die Ex-DDR hätte quasi als Kolonie unserer Wirtschaft dagestanden. Schlimmer noch als heute vermutlich 😉

    Es hätte einen Exodus nach „gutem Leben“ gegeben. Die Leute wären (und sind auch so) scharenweise nach Westen aufgebrochen, als es (endlich) möglich war. Wäre dieser Staat dann noch lebensfähig gewesen, wenn schon vorher so viele Probleme bestanden?

    Die Treuhand war meines Wissens nicht treu…
    Es hat überall viele Fehler gegeben. Man hätte einiges übernehmen können, was brauchbar war. Das hätte dem Selbstverständnis der Menschen in der DDR gut getan, aber das müssen wir unseren Politikern zuschreiben, die nicht sachlich sondern mit Hochmut und Überheblichkeit gehandelt hatten. Ein paar Stellschrauben anders und eine Vereinigung wäre auch für die „Ossis“ verträglicher gewesen. Eine Schande übrigens, dass es immer noch niedrigere Ostgehälter gibt.

    Wenn wir auf Heute gucken, ist die Frage, wie in einer Welt wieder zunehmender Konflikte die Situation zwischen den beiden Staaten und zwischen Ost und West allgemein gewesen wäre. Wir wissen es nicht. Ich befürchte allerdings, dass es für den einzelnen Menschen nicht unbedingt besser gewesen wäre.

    Vor genau 25 Jahren und zwei Wochen, also genau in den letzten 2 Wochen der DDR, war ich das einzige Mal in der DDR, um meine alte Tante in Rostock zu besuchen, die ich zuvor nur bei für Rentner erlaubten Westbesuchen gesehen hatte. Ich war geschockt von der Optik während der Fahrstrecke: Kriegsruinen (Kirchen), aus denen Unkraut wucherte, griesegraue Häuserfassaden, trostlos, traurig und ein schrecklicher Geruch… schon damals Preise in den noch kleinen Fensterauslagen wie im Westen (bei wirtschaftlich armseliger Situation der Menschen dort). Seit damals hat sich übrigens der biologische Zustand der Elbe erheblich verbessert. Abwässer wurden von der Industrie damals im Osten einfach ungefiltert bzw. nicht ausreichend gefiltert eingeleitet.

    • Im Großen und Ganzen hast du sicherlich recht, gerade in Bezug auf die Altlasten, die in Form von Schadstoffen im Boden mancherorts auch heute noch Probleme bereiten. Und natürlich war die DDR auch finanziell marode, und die Werktätigen arbeiteten teilweise zu Bedingungen, wie man sie im 19. Jahrhundert verorten würde, was im genannten und übrigens sehr spannenden Film „Goldrausch — Die Geschichte der Treuhand“ gut zu sehen ist. Aber träumen darf man ja einmal!

      „Die Treuhand war meines Wissens nicht treu“: wohl war! Die Möglichkeit übrigens, dass die Werktätigen ihr Eigentum (schließlich handelte es sich meist um „Volkseigene Betriebe“ VEB!) selbst übernehmen und beispielsweise genossenschaftlich weiterführen konnten, war von vornherein nicht möglich und unerwünscht, zudem konnten sich Westfirmen ihrer unerwünschten Konkurrenz aus dem Osten schnell entledigen (siehe etwa Interflug versus Lufthansa), indem sie sich ihrer einverleibten und sie danach zerschlugen, falls letzteres nicht gleich geschah. Doch es gibt auch Beispiele für erfolgreiches Weiterbestehen; so sei hier der VEB Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) genannt, der knapp an der Zerschlagung durch die Treuhand „vorbeischrammte“ und heute als Dampflokwerk Meiningen ein erfolgreiches und weltbekanntes Kompetenzzentrum für (Dampf)lok- und Bahntechnik ist!

      Und was die (Wieder)vereinigung betrifft, so sollten wir eins nicht vergessen: Während sämtliche sowjetischen Truppen bis 1994 aus Ostdeutschland abgezogen worden waren, so wurde ein Austritt aus der NATO nicht nur nie diskutiert, sondern zurzeit wird sogar eine atomare Aufrüstung seitens der USA geplant, deren Gründe ausschließlich in einer Ankurbelung des wirtschaftlichen Wachstums seitens des stationierenden Landes zu finden sind!

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