Stotternde Reißverschlüsse: schlechter Sex in Büchern

Der Bad Sex in Fiction Award, eine Auszeichnung für schlechten Sex in der Literatur

At this, Eliza and Ezra rolled together into the one giggling snowball of full-figured copulation, screaming and shouting as they playfully bit and pulled at each other in a dangerous and clamorous rollercoaster coil of sexually violent rotation with Eliza’s breasts barrel-rolled across Ezra’s howling mouth and the pained frenzy of his bulbous salutation extenuating his excitement as it whacked and smacked its way into every muscle of Eliza’s body except for the otherwise central zone.

(aus Morrissey: List of the Lost, London 2015)

Der seit 1993 alljährlich vergebene Bad Sex in Fiction Award ist ein an einen zeitgenössischen Romanautor vergebener Preis für die schlechteste Beschreibung einer Sexszene in der Literatur. Zu den Preisträgern zählen so bekannte Autoren wie Tom Wolfe, Norman Mailer, Jonathan Littell und John Updike. Doch was verleitet Schriftsteller zu solch schlechtem Sex? Hilflosigkeit!

Reißverschluss

Wenn der Reißverschluss stottert — ein Fall für den Bad Sex in Fiction Award (Microsoft Clip Art)

Eine Auszeichnung für schlechten Sex in Büchern? Ja, das gibt es wirklich! Seit 1993 wird der Bad Sex in Fiction Award der britischen Literaturzeitschrift Literary Review für die Beschreibung der schlechtesten Sexszene in einem zeitgenössischen Roman vergeben — als abschreckendes Beispiel und um solche zukünftig zu verhindern. Weltbekannte Autoren wie Salman Rushdie, Joyce Carol Oates, aber auch Nick Cave oder Doris Dörrie waren bereits für den Preis nominiert, und solche wie Tom Wolfe, Norman Mailer (posthum), Jonathan Littell und John Updike (für sein Lebenswerk!) erhielten ihn bereits. Diesjähriger Gewinner der am 3. Dezember verkündeten Entscheidung ist der ehemalige Sänger der Gruppe The Smiths und seit Jahren auf Solopfaden wandelnde Morrissey. Man möchte das obige Zitat aus dem ausgezeichneten Werk eigentlich gar nicht übersetzen, so krude liest sich der Sex, und eine deutsche Übersetzung seines Debütromans ist derzeit auch nicht geplant.

Der von vielen verehrte Haruki Murakami machte es in seinem von vielen als Meisterwerk gefeierten letzten Roman auch nicht besser:

Die beiden umschlangen Tsukuru von allen Seiten. Kuros Brüste waren weich und voll. Shiros waren klein, aber ihre Brustwarzen wurden hart wie runde Kieselsteine. Das Schamhaar der beiden war feucht wie der Regenwald. Ihr Atem vermischte sich mit seinem, wie von weither kommende Strömungen, die sich unbemerkt auf dem dunklen Meeresgrund begegnen. Nach langen, innigen Liebkosungen drang er in Shiros Vagina ein. Sie setzte sich auf ihn, nahm sein hartes Glied in die Hand und führte es in sich ein. Wie von einem Vakuum angesogen glitt sein Penis ohne jeden Widerstand in ihren Körper. Ihre langen schwarzen Haarsträhnen schwangen über seinem Gesicht wie Peitschen.

(aus Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Köln 2014, nominiert 2014)

Da mag man fast froh sein, nicht unter Shiro zu liegen!

Oder Jonathan Littell, Gewinner von 2009:

If only I could still get hard, I thought, I could use my prick like a stake hardened in the fire, and blind this Polyphemus who made me Nobody. But my cock remained inert, I seemed turned to stone.

(aus Jonathan Littell: The Kindly Ones, New York 2009, französisches Original: Les Bienveillantes, Paris 2006, deutsch: Die Wohlgesinnten, Berlin 2008 u. a.)

Warum schreiben aber Schriftsteller wie Littell, dessen genanntes Werk weltweit hoch gelobt wurde, solch schlechte Sexszenen? Das Problem beim Schreiben über Sex ist wohl, dass die Autoren nach immer neuer Übersteigerung suchen. Der Sex muss sensationell sein, „Gebrauchssex“ oder alltäglicher Sex hat keinen Platz. Der Literaturwissenschaftler Dirk Vanderbeke meinte in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, dass so gut wie jede Formulierung schon „durchgenudelt“ wurde und es nicht einfach sei, über den Akt zu schreiben, ohne in Klischees zu verfallen:

Was auffällt bei diesen Stellen, es sind ja immer ekstatische Sexszenen. Es ist nicht das, was auch mal passieren kann, sagen wir mal ein Gebrauchssex oder ein etwas trostloser Sex. Es sind alles Überbietungssituationen, ekstatische Situationen, in denen immer etwas Tolleres gefunden werden soll — etwas noch Besseres. Und das ist sehr schwer.

(aus Deutschlandradio Kultur: Bad Sex in Fiction Award. Was Sie niemals über Sex lesen wollten, Kompressor vom 3. Dezember 2014)

„Sex is like money; only too much is enough“, soll John Updike geschrieben haben, und er drückt das, was Vanderbeke behauptet, auf seine Weise aus, auch in seinen Büchern. Die Preisträger sind in der Mehrzahl Männer; diese neigen offensichtlich eher zu (prä)potenten Kraftmeiereien als Frauen, die sich in der Regel wohltuend zurückhalten. Selbst die ausschweifendsten Sexszenen bei Anaïs Nin wie etwa in „Das Delta der Venus“, einem Meisterwerk erotischer Literatur, wirken nie abstoßend oder komisch. Rein erotische wie ebendieses oder gar pornografische Werke werden aber übrigens beim Bad Sex in Fiction Award nicht berücksichtigt, sodass Anaïs Nin ohnehin nie nominiert werden würde. Einmal allerdings wurde auch ein nicht-fiktionales Buch vorgeschlagen. Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair hatte den Preis für seine Memoiren zwar nicht erhalten, preisverdächtig (geschmacklos) sind seine Zeilen aber allemal:

That night she cradled me in her arms and soothed me; told me what I needed to be told; strengthened me. On that night of 12 May 1994, I needed that love Cherie gave me, selfishly. I devoured it to give me strength. I was an animal following my instinct.

(aus Tony Blair: A Journey, London 2010, deutsch: Mein Weg, München 2010, nominiert 2010)

Es sind vor allem die Vergleiche mit Yamswurzeln (John Updike: Brazil) oder anderem Gemüse, mit Regenwald (Murakami, siehe oben), Nadelstreif (Wendy Perriam: Tread Softly, Gewinnerin 2002), umgelegten Schaltern (Ben Okri: The Age of Magic, Gewinner 2014), explodierenden Supernovae (Manil Suri: The City of Devi, Gewinner 2013) oder von Reißverschlüssen, die „stotterte[n] zwischen ihren Fingernägeln wie ein Motorboot auf einem glatten See“ (Eric Reinhardt: The Victoria System, nominiert 2014) usw., die oft unfreiwillig komisch sind und zu einer Auszeichnung mit dem Bad Sex in Fiction Award oder wenigstens zu einer der vielen Nominierungen dafür führen. Bei Richard Flanagan war es der Vergleich des Abdrucks des Gummibands der weiblichen Strumpfhose mit dem Äquator:

If the earth spun it faltered, if the wind blew it waited. Hands found flesh; flesh, flesh. He felt the improbable weight of her eyelash with his own; he kissed the slight, rose-coloured trench that remained from her knicker elastic, running around her belly like the equator line circling the world. As they lost themselves in the circumnavigation of each other, there came from nearby shrill shrieks that ended in a deeper howl.

(aus Richard Flanagan: The Narrow Road to the Deep North, North Sydney 2013, deutsch: Der schmale Pfad durchs Hinterland, München 2015, nominiert 2014)

Nun, es ließen sich viele, viele weitere Beispiele für schlechten Sex in Büchern anführen, aber vor so viel „Fleisch, Fleisch, Fleisch“ und „tieferem Geheul“ wie gerade bei Flanagan, das sich meist nur hilflos liest, flüchten wir jetzt einfach und widmen uns einer Meisterleistung. Arno Schmidt beschrieb in „Seelandschaft mit Pocahontas“ über zwei Kriegsheimkehrer in den frühen 1950er-Jahren, die während eines kurzen Sommerurlaubs jeweils flüchtige und befristete Liebesabenteuer erleben, eine letzte traurige, irgendwie auch erschütternde Sexszene zwischen der Hauptperson und der Titelfigur „Pocahontas“, eigentlich Selma, einer verlobten Stenotypistin, in der regennassen norddeutschen Kälte kurz vor der Abreise am nächsten Tag:

»’ran denkstu?«. Achselzucken.: »Du?« Achselzucken; aber ungefügte Tränen. »Komm ….« (Und wir gingen vor den haushohen Schleiern her, über das triefende Moor)/Der Regen machte manchmal Grotten um uns; jeder wandte sich verwirrt in seine ab: gelb floß uns der kalte Harn aus den pferdigen Leibern; und sie knixte hoch, und heulte blitzschnell wieder Rotz und Wasser. »Praps, praps, praps« rief die Krähenreisende, also scheinbar ne Miß./Am Moorkanal: 1 leeres Blatt versuchte, ihn hinunterzutreiben, während sie verschränkt über die platte Brücke ging. Steinerne Umarmung. Wir besahen uns finster aus beregneten bulleyes; eine weibliche Weide, dickes dunkles Gesicht, schlug ihr Haar nach vorn, flüsterte und zitterte, strähnenüberzogen. Ich nahm ihre kalte wachsrote Hand an, und trug sie erschüttert: Kind, was tun sich die Menschen für Erinnerungen an! Vor der zementenen Himmelswand hinten ein verfallender Schuppen, bretternes Los./Nebelhorn des Mondes, abgebildet überm Moor; in jeder Fußspur erschien Wasser; auf mittleren Hacken war sie so groß wie ich. »Im Stehen«: »Hinter der Pappel da.« Semig leckte’s hinunter auf den Torf, in vier langen Tropfen, ein Rest ans Taschentuch gewischt, weggesteckt: »Komm!«

(Siehe hier beispielsweise auch „Das Wissen der Katze“ und anderes mit dem Schlagwort „gedruckt“!)


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