Der Kampf um Hitlers „Mein Kampf“

Nach Ablauf des Urheberrechts: (kommentierte) Neuauflage oder nicht?

Am 31. Dezember 2015 laufen die Urheberrechte an Hitlers „Mein Kampf“ aus, die bis dahin der Freistaat Bayern innehat. Bislang hatte dieser jeglichen Neudruck verweigert. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte plant für Anfang Januar 2016 eine wissenschaftlich-kommentierte Neuausgabe des berüchtigten Buches. Sinnvoll oder nicht?

Wie generell bei allen Publikationen 70 Jahre nach dem Tod ihres Autors, verfallen auch bei Hitlers „Mein Kampf“ die Urheberrechte nach Ablauf der Regelschutzfrist von 70 Jahren. In diesem Fall am 31. Dezember 2015. Rein urheberrechtlich dürfte es also ab dann jeder drucken und zu Geld machen. Dies will das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit einer kommentierten Neuausgabe verhindern..

Seit der Gründung des IfZ Anfang der 1950er-Jahre in München lagern dort Hitlers und des Franz-Eher-Verlags (Franz Eher Nachf. Verlag, des Zentralverlags der NSDAP) Nachlass und machen es zur größten und ältesten deutschen Forschungseinrichtung über die NS-Zeit. Schon seit 2007 bestehen Gedanken über eine historisch-kritische Ausgabe, und im Juli 2009 kündigte das Institut an, auch ohne Genehmigung der bayerischen Regierung mit den vorbereitenden Arbeiten für eine wissenschaftliche Edition zu beginnen. Im April 2012 versprach jene jedoch, sie mit 500 000 Euro unterstützen zu wollen. Nach einem Besuch in Israel nahm Ministerpräsident Horst Seehofer im Dezember 2013 diese Entscheidung aber wieder zurück, obwohl seit dem Sommer 2012 bereits sechs Historiker mit zeitweise über 60 Hilfskräften an dem Projekt arbeiteten. Zur Begründung wurden Gespräche mit Holocaust-Opfern und deren Angehörigen genannt, die gezeigt hätten, dass ein wie auch immer gearteter Nachdruck großen Schmerz auslösen würde und dass aus Respekt vor diesem Leid eine wissenschaftliche Edition im Auftrag des Freistaats Bayern nicht gedruckt werden solle.

Zur Geschichte von „Mein Kampf“

Erstausgabe von Mein Kampf

Die Erstausgabe von „Mein Kampf“, Juli 1925, ausgestellt im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Anton Huttenlocher/Wikimedia Commons)

Nach einem missglückten Putschversuch, der alle Zutaten für eine Schmierenkomödie hätte, wären nicht mehrere Menschen dabei getötet worden, wurde Adolf Hitler im Februar 1924 wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft und zu einer Geldbuße in Höhe von 200 Goldmark verurteilt. Während seiner Haft begann er mit der Niederschrift von „Mein Kampf“, auch aus kommerziellem Interesse, weil er dringend Geld brauchte. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Dezember 1924 wurde die Niederschrift mit dem zweiten Teil fortgesetzt, bis schließlich im Juli 1925 der erste und im Dezember 1926 der zweite Band in einer Erstauflage von je 10 000 Exemplaren erschienen. 1933 wurde zusätzlich eine Ausgabe in Blindenschrift herausgegeben. Erst, nachdem ab 1930 eine einbändige „Volksausgabe“ erschien und diese ab 1936 von vielen Standesämtern deutschen Brautpaaren anstatt der Bibel geschenkt wurde, stieg die Auflage schlagartig an: bis 1939 auf 5,45 Millionen und bis 1944 auf 10,9 Millionen. Insgesamt sollen davon bis 1945 12 Millionen oder sogar mehr Exemplare (darüber gibt es unterschiedliche Zahlen) gedruckt worden sein. [Nachtrag vom 23. Februar 2016: Durch das Buch wurde Hitler übrigens zum Multimillionär, und vor der Versteuerung seines Vermögens hatte er sich ebenso gedrückt wie vor der Angabe in seinen Steuererklärungen, dass er einen für damalige Verhältnisse sündhaft teuren Wagen samt Chauffeur besaß, den er als Dienstwagen deklarierte! Später ließ er die Gesetze so ändern, dass er von der Steuerpflicht dauerhaft befreit wurde.]

Bis 1945 erschienen mehrere Übersetzungen, darunter ins Französische. Obwohl Hitler selbst dafür alle frankophoben Passagen gestrichen hatte, überwog in Frankreich das Misstrauen, sodass dort 1939 eine unautorisierte, weil ungekürzte französische Übersetzung erschien, worauf man sich empört über Hitlers frankophobes Gedankengut zeigte — und wogegen Hitler als Privatmann erfolgreich klagte. Laut einer Dokumentation des Senders Arte vom 15. Dezember 2015 hätte übrigens Hitler das Buch nicht geschrieben, wenn er während der Niederschrift schon gewusst hätte, dass er eines Tages zum Reichskanzler gewählt werden würde. Und das Schandwerk wurde in Folge kaum lektoriert. Beim Stil hätten sich die Lektoren des Franz-Eher-Verlags mitunter durchgesetzt, politische Themen wie Frankreich als Erbfeind, der Plan eines Eroberungskrieges gegen Russland und der radikale Antisemitismus seien jedoch unangetastet geblieben. Besonders der ideologische Kern, also sein Judenhass, seine Lebensraum-Ideologie und die antidemokratische Einstellung, sind es, die bis heute als die anrüchigsten Themen von „Mein Kampf“ gelten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 setzten die Alliierten den Freistaat Bayern zum Erbverwalter Hitlers und des NSDAP-Parteiverlags ein, da der Diktator bis zu seinem Tod am Prinzregentenplatz 16 in München gemeldet war. Bayern kämpft seither weltweit mit allen juristischen Mitteln gegen Neudrucke des volksverhetzenden Werkes. Doch oft vergeblich: In Kroatien, Russland, sogar in Indien und im arabischen Raum erschienen Neuauflagen, die mitunter zu regelrechten Kassenschlagern mit mehreren zehntausend verkauften Exemplaren wurden. Auch ins Hebräische wurde es übersetzt. Im Internet ist „Mein Kampf“ in mehreren Sprachen vertreten (man gebe einfach „mein kampf kaufen“ in eine beliebige Suchmaschine ein!), und der spanische iTunes Store bot seit November 2009 eine Übersetzung unter dem Titel „Mi Lucha“ zum Verkauf an. Die Ausgabe war mit einem Hakenkreuz als Umschlagbild versehen — und mit einer Altersfreigabe ab neun Jahren!

In den USA darf es ganz legal verkauft werden, wie dort auch das Zeigen von Hakenkreuzen und des sogenannten „Hitlergrußes“ nicht strafbar sind. Doch nicht nur das: In Großbritannien und den USA darf das Buch sogar weiterhin gedruckt werden, weil der Eher-Verlag in den 1930er-Jahren die englischsprachigen Rechte verkaufte, worauf sich der heutige Herausgeber Random House beruft! (Dass sich Random House übrigens pikanterweise im Besitz der deutschen Bertelsmann SE & Co. KGaA befindet und somit ein Fall für das bayerische Finanzministerium wäre, an das die Verwaltung von Hitlers Nachlass und damit auch von „Mein Kampf“ übergeben wurde, aber nichts gegen Bertelsmann unternahm, sei hier nebenbei bemerkt.) Und 2005 wurde in Aserbaidschan ein Strafverfahren gegen den Verleger der aserbaidschanischen Ausgabe des Buches eingestellt, da es in Aserbaidschan kein Gesetz gibt, das den Druck von „Mein Kampf“ verbietet.

In Deutschland blieb das Werk jedoch verboten, ein Urteil allerdings, das der Bundesgerichtshof 1979 aufhob: Das Buch sei älter als die Bundesrepublik und könne sich daher als „vorkonstitutionelle“ Schrift nicht gegen ihre Verfassungs- und Rechtsordnung richten. Auch ein Angebot antiquarischer Exemplare zum Kauf ist nicht nach § 86a StGB (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) strafbar, selbst wenn auf dem Einband ein Hakenkreuz abgebildet ist, denn das Buch diene „heute in erster Linie als Mittel der Unterrichtung über Wesen und Programm des Nationalsozialismus“, sodass der Band auch in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild angeboten werden darf (Bundesgerichtshof, Az.: 3 StR 182/79 (S) vom 25. Juli 1979). Lediglich der Neudruck des Buches bleibt nach dem Urheberrecht weiter unzulässig — aber eben nur noch bis zum 31. Dezember 2015!

Der originale Bleisatz von „Mein Kampf“ soll übrigens von einem amerikanischen Soldaten in einem symbolischen Akt dem Feuer übergeben worden sein, aus dessen Schmelze am 6. Oktober 1945 angeblich die ersten Druckplatten der Süddeutschen Zeitung gegossen wurden.

Die Neuauflage von „Mein Kampf“

Bereits 1959 forderte Theodor Heuss, der erste deutsche Bundespräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, eine wissenschaftlich-kritische Neuausgabe als warnendes Beispiel für alle Deutschen und als Mittel gegen eine Renaissance hitlerischer Vorstellungen. Damals gab es allerdings gute Gründe dagegen: Zu frisch war die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, zu groß die Gefahr einer durch alte und neue Nazis zum Kult erhobenen Ausgabe und zu wichtig ein symbolisches Verbot.

Vermutlich würde um „Mein Kampf“ heutzutage keinerlei Aufhebens mehr gemacht, wäre dessen Autor nicht 1933 zum Reichskanzler und später zum Diktator mit all seinen bekannten Folgen aufgestiegen. Erst die Umsetzung der radikalen, menschenverachtenden und kriegstreiberischen Ideen machte es zu einem gefährlichen Buch. Deshalb greift die kommentierte Ausgabe zu einem Mittel, das bei Texteditionen selten ist: Sie verweist darauf, was aus den hetzerischen Passagen während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde, zum Beispiel, wie aus Hitlers Phrasen zur Eugenik nach 1933 ein Euthanasieprogramm zur Tötung geistig und körperlich Behinderter entstand. Sie erklärt, wo die Ursprünge der Rassentheorie liegen, und entlarvt Punkte von Hitlers Argumentation gegen die Weimarer Republik als reine Mythen. Vor allem aber sollen die wissenschaftlichen Anmerkungen und Ergebnisse der Forschung dem Originaltext auf Augenhöhe begegnen und nicht etwa in Fußnoten verschwinden. Deshalb werden die Erläuterungen in der kommentierten Ausgabe anders gedruckt werden als der Originaltext.

Der Münchner Historiker und Leiter des Projekts Christian Hartmann glaubt nicht, dass jemand, der das Buch heute liest, dadurch zum Nazi wird. „Wir wissen, dass die Öffentlichkeit großes Interesse an ‚Mein Kampf‘ hat. Schlimm wäre es nur, wenn im Januar tatsächlich jemand „Mein Kampf‘ als billiges Taschenbuch veröffentlicht und Hitler plötzlich in den Bestsellerlisten auftaucht. Der Gedanke, dass jemand mit diesem Buch Geld verdient, macht mich wütend“, sagte er in einem Gespräch mit dem Magazin Nr. 25/2015 der Süddeutschen Zeitung.

Nun sieht es so aus, als käme Heuss‘ Idee endlich zur Ausführung.

Weitere Verweise

„Mein Kampf“ in der Wikipedia (siehe dort besonders den Absatz „Rezeption“ und da den Zeitraum ab 1945),
„Mein Kampf“ in der Metapedia (siehe dort besonders den Abschnitt „Rechtslage heute“),
SWR 2: „Die wissenschaftlich kommentierte Neuausgabe: Hitlers ‚Mein Kampf‘“ vom 15. Dezember 2015,
Handelsblatt: „Nazi-Zeit im Unterricht: Hitlers ‚Mein Kampf‘ soll an Schulen eingesetzt werden“ vom 18. Dezember 2015,
Themenseite „Hitlers ‚Mein Kampf‘: Er ist wieder da“ im Bayerischen Rundfunk mit vielen weiteren Verweisen,
Jüdische Allgemeine: „Hitler mit Fußnoten“, ein Kommentar vom 3. Mai 2012.
Siehe hier beispielsweise auch „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (12)“ und „Der Nazi in uns“!


Kommentare

Der Kampf um Hitlers „Mein Kampf“ — 4 Kommentare

    • Das steht zu befürchten, und leider auch, dass die AfD gute Chancen hat, in mehreren Bundesländern die 5-Prozent-Hürde zu überspringen, vor allem im Osten Deutschlands. Danke für den Verweis auf den aufschlussreichen FAZ-Blog-Artikel! Die Kommentare dort sprechen übrigens oft für sich.

      Menschen, die die AfD wählen, würden allerdings auch nicht die kommentierte Neuauflage von „Mein Kampf“ lesen, schon allein deswegen nicht, weil sie sich den relativ teuren Preis nicht leisten können (und wollen). Denn, wie der FAZ-Blog-Artikel zeigt, sind die Professoren bei der AfD ja weg!

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