Father Forgive

Von Versöhnung inmitten Zerstörung — Coventry und Propst Richard Howard

Air Raid Damage in the United Kingdom 1939-1945 H5603

Die Ruine der Kathedrale von Coventry zwei Tage nach den Luftangriffen vom 14./15. November 1940 (War Office official photographer, Taylor / Imperial War Museums)

Die mittelenglische Industriestadt Coventry war im Zweiten Weltkrieg Ziel mehrerer Angriffe der deutschen Luftwaffe. Dabei starben Hunderte von Menschen, fast die gesamte Stadt wurde zerstört. Auch die Kathedrale. Doch der Propst der Kirche Richard Howard setzte auf Versöhnung, noch während des Krieges. Seine Worte „Father forgive“, „Vater, vergib“, und der Akt der Vergebung wirken dort bis heute — und in alle Welt.

Coventry ist eine kleine, aber bedeutende Industriestadt etwa mitten in England. Ursprünglich siedelte sich die Tuchindustrie dort an, später kam die Uhrenproduktion und ab Mitte der 1880er-Jahre zunächst die von Fahrrädern, ab dem Beginn des neuen Jahrhunderts die von Motorrädern und Nutzfahrzeugen und ab den 1920er-Jahren die von Flugzeugmotoren hinzu. Wie schon im Ersten Weltkrieg, wurde auch im Zweiten die Industrie von der zivilen auf die militärische Produktion „umgerüstet“. Die damals rund 238 000 Einwohner (andere Zahlen sprechen von 320 000 oder mehr) mussten nach der Logik des Krieges damit rechnen, Ziel deutscher Luftangriffe zu werden.

Die „Operation Mondscheinsonate“ und weitere Luftangriffe

Nach mehreren kleineren Bombardements von Juli bis Oktober 1940 war Coventry am Abend des 14. November 1940 Ziel der mit dem zynischen Namen versehen „Operation Mondscheinsonate“ und damit des verheerendsten Angriffs. Im Licht des Vollmondes sollten besonders Fabriken und die Infrastruktur der Stadt getroffen werden, die Beschädigung von Wohngebieten und Kulturgütern wurde in Kauf genommen. Um 19.00 Uhr heulten die Sirenen, um 19.15 Uhr begann der Angriff, der in mehreren Wellen erfolgte. Dabei wurden zunächst die Strom-, Gas- und Wasserversorgung sowie das Telefonnetz schwer beschädigt, Straßen durch Krater unpassierbar gebombt und die Feuerwache zerstört, was, alles zusammengenommen, die Rettungs- und Löscharbeiten so gut wie unmöglich machte. Bald brannte es in beinahe jeder Straße.

Gegen 20.00 Uhr stand auch die mittelalterliche (St Michael’s) Kathedrale von Coventry in Flammen. Zunächst gelang es der Feuerwehr, das erste Feuer zu löschen, doch spätere Treffer und der ausbrechende Feuersturm entfachten es erneut. Die Sandsteinwände glühten rot, flüssig gewordenes Blei, mit dem auch viele Dächer in der Stadt gedeckt waren, behinderte die Löscharbeiten nicht nur hier. Währenddessen sollen die Glocken des Glockenturms, der unbeschädigt blieb, unbeirrt geläutet haben. Um Mitternacht erreichte der Bombenangriff seinen Höhepunkt, um 6.15 Uhr am nächsten Morgen signalisierten die Sirenen Entwarnung.

Bei dem Angriff, während dem die Luftwaffe insgesamt etwa 500 Tonnen Sprengbomben, 50 Luftminen und 36 000 Brandbomben abwarf, kamen mindestens 568 Menschen ums Leben, mehr als 1000 wurden verletzt. Viele Menschen konnten unter den völlig zerstörten Häusern nicht geborgen werden. Es wurden etwa drei Viertel der Industrieanlagen, die unglücklicherweise zwischen den Wohngebäuden standen, zerstört, im Stadtzentrum blieb kaum ein Gebäude unbeschädigt: 60 000 wurden bei dem Angriff getroffen, davon 41 500 Privathäuser. Ebenfalls getroffen oder zerstört wurden zwei Krankenhäuser, zwei Kirchen und eine Polizeistation. Die Kathedrale von Coventry wurde bis auf den Westturm und die äußeren Wände zerstört. Es war der erste Angriff in der modernen Kriegsgeschichte, mit dem die komplette Auslöschung einer Stadt und die bewusste Tötung von Zivilisten in Kauf genommen wurde. Ziel war es, neben der Zerstörung der Industrie, die überlebende Bevölkerung und damit auch den Rest des Landes zu demoralisieren. Der Feuerschein der brennenden Stadt soll bis an die Kanalküste zu sehen gewesen sein.

Doch dieser verheerende Schlag sollte nicht der einzige Luftangriff auf die Stadt bleiben: In den Nächten vom 8. zum 9. und vom 10. zum 11. April 1941 sowie am 3. August 1942 folgten weitere. Insgesamt starben bei allen Luftschlägen auf Coventry mehr als 1200 Menschen, die meisten Todesopfer aller deutschen Luftangriffe in England.

A wrecked bus stands among a scene of devastation in the centre of Coventry after the major Luftwaffe air raid on the night of 14-15 November 1940. H5593

Ein zerstörter Linienbus im nach den Luftangriffen vom 14./15 November 1940 zerstörten Zentrum von Coventry (War Office official photographer, Taylor / Imperial War Musuems)

Propst Richard Howard: FATHER FORGIVE

Schon wenige Tage nach dem Angriff vom 14. auf den 15. November, dem (Coventry) Blitz, der englischen Bezeichnung, soll sich der Propst der Kathedrale Richard Howard einen Scheit verkohlten Holzes genommen und damit FATHER FORGIVE (nach „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“, Lukas 23, Vers 34, Jesu Worte am Kreuz) auf die verbliebene Wand hinter dem Altar gemalt haben, später ließ er die Worte dort einmeißeln und aus den verkohlten Dachbalken ein Holzkreuz und aus drei Zimmermannsnägeln ein Nagelkreuz herstellen.

Während in Deutschland die Worte „coventrieren“ oder „coventrisieren“ vermutlich von Joseph Goebbels geprägt wurden und ihren Platz in einer Reihe von NS-Euphemismen erhielten, war der Versöhnungsgedanke von Propst Richard Howard noch nicht beendet. Als er von der BBC die Einladung erhielt, Weihnachten 1940 eine Radioansprache inmitten der Ruinen zu halten, nutzte er die Gelegenheit, um noch während des Krieges für eine Versöhnung mit dem Feind für die Zeit nach dem Krieg und für eine bessere, „dem Christkind ähnlichere Welt“ zu werben:

What we want to tell the world is this: that Christ born again in our hearts today, we are trying, hard as it may be, to banish all thoughts of revenge […] We are going to try to make a kinder, simpler, a more Christ-Child-like sort of world in the days beyond this strife […]

(zitiert nach Coventry City Council: Father Forgive. Coventry’s stories of peace and reconciliation)

Die Predigt und Bilder der zerstörten Kirche wurden in die ganze Welt gesendet und zu einem Symbol der Aggression der Nazis.

Nach dem Krieg: der Beginn der Versöhnungsarbeit

Bald nach dem Krieg begann Richard Howard, seine Botschaft umzusetzen: Er gründete Städtepartnerschaften mit Kiel und dem ähnlich getroffenen Dresden, in den Ruinen der Kathedrale und im 1956 begonnenen und 1962 abgeschlossenen Neubau entstand ein Ort der Versöhnung. Seit 2011 besitzt die Kathedrale von Coventry auch den „offiziellen“ Status als Versöhnungszentrum und als Ort des Gedenkens an alle Opfer von Kriegen, nicht nur der vergangenen. Auch Flüchtlinge, Opfer von Vergewaltigungen und Landminen, Kindersoldaten und Umweltschäden durch Kriege usw. sind Themen einer Dauerausstellung und während der jährlichen Gedenkveranstaltungen im November.

Das alte Holzkreuz ist heute noch in der neuen Kathedrale zu sehen, ein Duplikat im Altarraum der Ruine der alten, das inzwischen als „Nagelkreuz von Coventry“ bekannte Kreuz der alten Kathedrale befindet sich heute im Neubau. Ein weiteres Nagelkreuz wurde 1988 als Zeichen der Versöhnung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin gespendet, die ebenfalls durch Luftangriffe zerstört worden war und wegen der architektonischen Konzeption (Erhaltung als Ruine und benachbarter Neubau) als „Schwesterkirche“ der Kathedrale von Coventry angesehen werden kann. Auch St. Nikolai in Kiel (schon 1947) und die Frauenkirche in Dresden (2005) erhielten Kopien. Heute befinden sich auf der ganzen Welt sogenannte „Nagelkreuzgemeinden“ oder -zentren, beispielsweise in Hamburg, wo die ehemalige, durch alliierte Bombardements zerstörte Hauptkirche St. Nikolai zum Mahnmal St. Nikolai und „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945“ (um)gewidmet wurde.

FATHER FORGIVE und die Versöhnung heute

Coventry Cathedral burnt cross

Das Holzkreuz aus den zerstörten Dachbalken in der Ruine der Kathedrale. Auf der stehen gebliebenen Außenwand hinter dem Altar ist immer noch FATHER FORGIVE zu lesen. (sannse / Wikimedia Commons)

Aus einem höllischen Inferno und einer Zeit tiefsten (und berechtigten!) Deutschenhasses kam damals eine der tiefsten und christlichsten Vergebungsbotschaften, die Großbritannien je gehört hat, und die versöhnlichen Taten und der Glaube eines einzelnen Menschen, des Propstes Richard Howard, wirken bis heute auch außerhalb des Landes. In diesem Jahr wurde der 75. Jahrestag des Bombardements von Coventry begangen. FATHER FORGIVE, diese Worte sind noch heute hinter dem Altar der Ruine zu lesen. Und am Ende dieses Artikels der Text des im Jahr 1959 formulierte Versöhnungsgebet von Coventry, das an jedem Freitagmittag um 12.00 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry gebetet wird:

„Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ [aus Römer 3, Vers 23]
Darum beten wir:
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse, Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist, Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet, Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen, Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge, Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht, Vater, vergib.
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott, Vater, vergib.
„Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.“ [aus Epheser 4, Vers 32]
AMEN

(offzielle deutsche Übersetzung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.)

In diesem Sinn wünscht der Autor allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!

Verweise zum Thema

Coventry Cathedral
CWN – News & Information for Coventry & Warwickshire: The Coventry Blitz
BBC News: The Coventry Blitz: ‚Hysteria, terror and neurosis‘ vom 13. November 2015, eine äußerst informative Multimedia-Seite des Senders
Blitz. The Bombing of Coventry November 1940 auf YouTube (A Timewatch Special, 58 Minuten, 14 Sekunden)
Ronalds Notizen: „Weihnachtsfrieden“ über ein Wunder im Ersten Weltkrieg
Ronalds Notizen: „The Night before Christmas“ über den Umgang mit Fremden
Ronalds Notizen: „Straßen mit Liebe gefüllt“ über das Festhalten am eingeschlagenen Weg nach einer Bedrohung
Ronalds Notizen: „Vergebliche Liebesmüh’“ über ein Museum, das zum Teil auch Kriegserlebnisse darstellt


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