Zum Wandel unserer Begrüßungskultur

Händeschütteln

Das wäre wahre Begrüßungskultur! (Microsoft Clip Art)

Wir Deutsche haben schon immer gerne andere begrüßt und willkommen geheißen. Schon im letzten Jahrhundert. Wir wollten die ganze Welt begrüßen. Nun aber schlägt unsere Willkommens- und Begrüßungskultur um. Oder stimmte damit früher schon etwas nicht? Ein (teilweise sarkastischer) Kommentar zum Wandel unserer Willkommens- und Begrüßungskultur.

Zur Geschichte unserer Willkommens- und Begrüßungskultur

Wir Deutsche begrüßen gern. Wir haben eine regelrechte Begrüßungskultur entwickelt, gern auch Willkommenskultur genannt. Wenn wir im letzten Jahrhundert beginnen, haben wir ab 1914 Luxemburger, Franzosen und Belgier begrüßt. In deren eigenen Ländern. Vorher hatten wir bereits Menschen in verschiedenen afrikanischen Ländern begrüßt, noch etwas früher sogar Menschen in China. Alle in deren Ländern. Nett von uns, nicht wahr?

Nun, unsere Begrüßungen erregten leider nicht nur Wohlgefallen. Die Menschen in China und in Afrika wurden bald von anderen Menschen begrüßt, und die Schäden, die unsere Begrüßungskultur vor allem im Westen angerichtet hatte, kamen uns teuer zu stehen. Vielen Deutschen gefiel das nicht, sodass wir bald einen neuen Herrscher hatten, der von vielen nicht nur gewählt, sondern auch — herzlichst begrüßt wurde, natürlich!

Germans at Polish Border (1939-09-01)

Begrüßungskultur? Deutsche Soldaten stellen am 1. September 1939 die Zerstörung eines polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach. (Hans Sönnke/ Wikimedia Commons)

Bald darauf begrüßten wir unsere österreichischen Nachbarn (viele sagten sogar: Landsleute), natürlich auch in deren eigenem Land und sehr zur Freude vieler Einheimischer, um wiederum kurz darauf unsere polnischen Nachbarn willkommen zu heißen. Da uns das nicht reichte, machten wir uns nach Norwegen, in die Niederlande, wiederum nach Belgien und Frankreich und in viele andere Länder auf, um schließlich noch weiter in den Osten vorzudringen. Unsere Willkommenskultur brauchte Platz! Mit England klappte dies zwar nicht so ganz, wir konnten dort nur unsere Bomben zum Gruße abwerfen, aber dafür war der Willkommenszug gen Osten ein Höhepunkt unserer Begrüßungskultur, ebenso wie die Tatsache, wie wir unsere jüdischen und andere (uns) fremden Mitbürger begrüßten, die uns plötzlich auffielen, obwohl sie schon jahrzehntelang mitten unter uns weilten. Dass unsere Form von Willkommenskultur so arg missverstanden wurde — nun: Geschichte! Wir mussten infolge nur noch unsere eigenen Landsleute begrüßen und willkommen heißen, die zu Millionen aus dem Osten zu uns kamen (was allerdings schon damals keineswegs immer und ohne Konflikte funktionierte), obwohl und weil wir heftig geschrumpft worden waren.

Unsere heutige Willkommens- und Begrüßungskultur

Seitdem sind wir bescheidener geworden. Wir haben unsere Gastarbeiter, die für uns die Drecksarbeit erledigten, begrüßt oder es wenigstens versucht: Der millionste erhielt immerhin ein Moped! In östlichen Teil unseres Landes klappte es mit der Integration von Tausenden von ausländischen Leiharbeitern und Studenten mindestens ebenso mangelhaft, um nicht zu sagen: so gut wie gar nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen. (Dies soll hier keineswegs unerwähnt bleiben, weil viele im Osten, ihr Misstrauen Fremden gegenüber entschuldigend, vorbringen, dass wir im Westen doch schon Erfahrungen mit Gastarbeitern hätten, sie aber in dieser Hinsicht immer völlig unbeleckt gewesen seien und daher nie eine Möglichkeit gehabt hätten, ihre Willkommenskultur anzubringen!)

Wir begrüßen ansonsten nur noch ausländische Herrscher, mit denen wir wirtschaftliche Beziehungen anstreben, gleich, um welchen Preis, oder denen wir Technik und Waffen liefern, damit diese damit wiederum die Völker in ihrer Nachbarschaft begrüßen können — oder auch einmal das eigene Volk. Wir begrüßen unsere eigenen Politiker und Wirtschaftsbosse, die mitunter auch zusammenarbeiten, um uns den letzten Groschen aus dem Hemd ziehen zu können. Unsere bankrotten Banken! Von einem kleineren Zwischenfall in Jugoslawien, wohin wir unbedingt noch einmal hinfliegen mussten, abgesehen, „engagieren“ wir uns seit 1999 aber auch in Afghanistan und neuerdings liefern wir „Aufklärung“ in Syrien.

Weil aber ein paar von uns ein schlechtes Gewissen ob so viel Wohlwollens bekommen haben, begrüßen wir inzwischen auch solche Menschen, die vor den Auswirkungen unserer Begrüßungskultur aus ihren Ländern geflohen sind. Besonders wenig herzlich werden sie allerdings von jenen willkommen geheißen, die vor nicht allzu langer Zeit selbst in den Genuss sogar eines Begrüßungsgeldes kamen, als sie vom westlichen Teil unseres Landes begrüßt wurden, nachdem ihnen ihre eigenen Herrscher nicht mehr willkommen gewesen waren. Dafür aber ihre westlichen Nachbarn — zu Tausenden, in deren Land! Mit aller oft gegenseitigen Abneigung.

Unsere Begrüßungskultur schlägt jedoch langsam um. Nicht nur unsere östlichen (inzwischen nennen wir sie nicht mehr Nachbarn, sondern:) Mitbürger, auch im Westen unseres Landes melden sich, gefragt oder meist ungefragt, aber fast immer hasserfüllt, immer mehr Menschen, denen unsere Willkommenskultur zu viel wird. Dass dies häufig Menschen sind, denen unsere „Begrüßungskultur“ noch im vorigen, aber auch in diesem Jahrhundert durchaus willkommen, sozusagen mindestens „begrüßenswert“ war, ist durch deren Argumentation augenfällig, ebenso deren Herkunft (siehe den Absatz vorher). Man mochte und möchte zwar schon immer gern Menschen in deren Ländern überfallen bzw. besuchen, doch wenn diese zu uns kommen, noch dazu in Massen und dauerhaft …

Der derzeitige Umschlag unserer Begrüßungskultur, sofern denn eine (aufrichtige!) überhaupt stattgefunden hat (das mag spätestens jetzt bezweifelt werden), ist dem Verhalten einiger derjenigen geschuldet, die in den Genuss unserer Willkommenskultur kamen, indem sie vor den Auswirkungen auch unserer Begrüßungskultur (Technik und Waffen, siehe weiter oben!) geflohen sind. Ein Teil von ihnen bringt nämlich eine Art eigene Begrüßungskultur mit, die da heißt: Meine eigene Kultur und damit meine Religion gelten auch hier, im fremden Lande!

Wohin das führt, müssten angesichts unserer Geschichte (und oftmals auch der der Flüchtlinge) eigentlich alle wissen. Nur leider ist es so, dass gerade viele unserer „eigenen“ Ablehnungsschreier das vergessen zu haben scheinen. Und unsere „Gäste“ es nicht wissen (können). Hier tut Aufklärung not, Bildung. Und die sollte sich keineswegs nur an Letztere richten, sondern auch und gerade an unsere rechtspopulistischen bis stramm rechten Hassprediger!

Der Gedanke an sogenannte „Parallelgesellschaften“, die sich etwa in Form von Zwangsheiraten, Unterdrückung von Frauen, einer eigenen Justiz usw. äußert, macht vielen zurecht Angst. Sie sind abzulehnen, ohne Wenn und Aber! Punkt und Ausrufezeichen! Angst macht vielen aber genauso, wenn rechtspopulistische bis stramm rechte Hassprediger sich plötzlich für Frauenrechte breitmachen, denen sie bislang mindestens schnurzpiepegal waren. Wir erinnern uns: Frauen wurden noch im letzten Jahrhundert gern als Gebärmaschinen für die Rekrutierung von möglichst männlichem Nachschub an Trägern unserer Begrüßungskultur gebraucht. Vor nicht allzu langer Zeit noch sollten Frauen mittels der sogenannten „Herdprämie“ von einer Verwirklichung im Berufsleben abgehalten und zurück zu den drei Ks (Kinder, Küche, Kirche) geführt werden, was im Grunde eine Fortsetzung der früheren Idee darstellt. Übles Sexualverhalten und Sexismus gab und gibt es jeden Tag, und beileibe nicht nur von „arabisch aussehenden Männern“! Hat sich früher einmal jemand von den rechten Demagogen dazu gemeldet? Nein, nie!

Die jetzt gern geforderten Verschärfungen des Asylrechts, gar dessen Abschaffung, Zuwanderungsgrenzen, Grenzschließungen, Ausweisungen usw. sind nicht nur verfassungswidrig, sondern auch schwer bis unmöglich umzusetzen. Aus gutem Grund! Wer sich in diese Richtungen äußert, steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Daher ist ihnen mindestens genauso viel Misstrauen entgegenzubringen wie gegenüber jenen, die mit den Errungenschaften unserer Kultur, nämlich mit Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, gleichen Rechten für Männer und Frauen usw. nichts anfangen können oder sie gar ablehnen!

Abzulehnen sich weiterhin (sexuell motivierte) Gewalt jeder Art, aber auch die vielerorts entstehenden Zusammenrottungen sich selbst so nennender „besorgter Bürger“ oder gar Bürgerwehren, die bereits dazu übergegangen sind, Jagd auf Ausländer machen, um angeblich „Volkes Wille“ durchzusetzen, oder zu Brandstiftung greifen. Sie sind nicht weit von den von ihnen selbst kritisierten Parallelgesellschaften mit einer eigenen Rechtsprechung entfernt!

Weitere Verweise

Kommentar von Anja Reschke: „Knicken wir jetzt ein?“, ARD-Sendung „Panorama“ vom 8. Januar 2016
Kommentar von Antonia Baum: „Die Angriffe von Köln: Wären sie nur nicht so dumm“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vom 10. Januar 2016
„Aus der Lebenswelt einer Frau“ auf Blogrebellen vom 11. Januar 2016
Ein Staat — Zwei Welten?“, Beitrag aus der ZDF-Sendung „Zoom“ vom 10. Dezember 2015 (28 Minuten, 54 Sekunden)
kiezneurotiker: „Benimm dich, Sachse“ vom 1. September 2015, eine Abrechnung mit den „hässliche[n] brüllende[n] Sachsen“
Hier: „Der Nazi in uns“, „Heimat“, „Schlechte Deutschkenntnisse“, „Sprachenkenntnisse“, „Das Leben hier ist nicht einfach!“ und die Einträge in der Kategorie „fremd“, aber auch „Wiedervereinigung: der verpasste Traum“!)


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