Über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt

Die Rede von Robert F. Kennedy nach der Ermordung von Martin Luther King

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Robert F. Kennedy im Mai 1968 (Autor: R. W. Rynerson/ Wikimedia Commons)

Eine Rede von Robert F. Kennedy über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt, gehalten einen Tag nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King, ist es wert, (wieder) entdeckt und (neu) gelesen zu werden.

Vor einigen Tagen habe ich den Film „Bobby — Der letzte Tag von Robert F. Kennedy“ (auch: „Bobby — Sie alle hatten einen Traum“) von Emilio Estévez aus dem Jahr 2006 gesehen. Während des Abspanns hörte man Auszüge aus seiner beeindruckenden Rede „On the Mindless Menace of Violence“, „Über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt“, die er am 5. April 1968, einen Tag nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. gehalten, hatte.

Schon Robert F. Kennedys Rede am Tag von dessen Ermordung am 4. April ist unbedingt lesens- und hörenswert! Gegebenenfalls soll auch sie hier eines Tages in einer eigenen Übersetzung zugänglich gemacht werden. Hier aber der komplette Text der Rede, die sich im Original auf Wikisource nachlesen lässt (hier die MP3-Datei, die für die Übersetzung verwendet wurde), und nicht nur dann, wenn wir dabei „Amerikaner“ durch das Wort „Menschen“ ersetzen, ahnen wir, wie zeitlos sie ist, denn die sinnlose Bedrohung durch Gewalt existiert auch heute in vielerlei Form:

Dies ist ein Zeitpunkt der Schande und des Leides. Es ist kein Tag für Politik. Ich habe mir diese Möglichkeit, meinen einzigen Termin heute, vorbehalten, um über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt in Amerika zu sprechen, die wieder auf unser Land und ein jedes unserer Leben abfärbt.

Es ist nicht nur die Sache einer Rasse. Die Opfer der Gewalt sind schwarz und weiß, reich und arm, jung und alt, berühmt und unbekannt. Sie sind, und das ist das Wichtigste, menschliche Wesen, die von anderen menschlichen Wesen geliebt und gebraucht wurden. Niemand — unabhängig davon, wo er lebt oder was er tut — kann davor sicher sein, das nächste Opfer eines sinnlosen Akts des Blutvergießens zu werden. Und noch geht dies in unserem Land weiter und weiter und weiter.

Warum? Was hat Gewalt jemals erreicht? Was hat sie jemals geschaffen? Keines Märtyrers Grund kann jemals durch die Kugel eines Attentäters befriedigt werden. Kein Unrecht ist jemals durch Aufstände und zivilen Ungehorsam gelöst worden. Ein Heckenschütze ist nur ein Feigling, kein Held; und ein unkontrollierter und unkontrollierbarer Mob ist nur die Stimme des Wahnsinns, nicht die Stimme des Volkes.

Wann immer eines Amerikaners Leben durch eines anderen Amerikaners Hand unnötigerweise genommen wurde — entweder im Namen des Gesetzes oder in Missachtung des Gesetzes, durch nur einen oder durch eine Bande, kaltblütig oder aus Leidenschaft, in einem Anfall von Gewalt oder als Reaktion auf Gewalt — wann immer wir an dem Gewebe des Lebens ziehen, das jemand mühselig und unbeholfen um sich und seine Kinder gewoben hat, wann immer wir dies tun, ist das ganze Land geschwächt.

„Unter freien Menschen“, sagte Abraham Lincoln, „kann es keine erfolgreiche Anfechtung einer Wahl durch eine Kugel geben, und diejenigen, die solch eine Anfechtung ausüben, sollen sich darüber im Klaren sein, dass sie ihren Fall verlieren und dafür bezahlen werden.“

Dennoch tolerieren wir anscheinend ein höheres Gewaltniveau, das unsere gemeinsame Menschlichkeit und unseren Anspruch auf eine Zivilgesellschaft gleichermaßen ignoriert. Wir akzeptieren still Zeitungsmeldungen über das Abschlachten von Zivilpersonen in weit entfernten Ländern. Wir verherrlichen das Morden in Filmen und auf Fernsehbildschirmen und nennen es Unterhaltung. Wir machen es Menschen aller Abstufungen geistiger Zurechnungsfähigkeit einfach, sich Waffen und Munition jeder Art, die sie sich wünschen, beschaffen zu können.

Zu oft ehren wir Großtuerei und Wutgeschrei und die Ausübung von Gewalt; zu oft entschuldigen wir diejenigen, die willens sind, ihr Leben auf den zerstörten Träumen von anderen menschlichen Wesen aufzubauen. Einige von den Amerikanern, die im Ausland Gewaltlosigkeit predigen, scheitern damit hierzulande. Einige, die andere beschuldigen zu randalieren oder zu Aufständen angestachelt zu haben, haben sie durch ihr eigenes Verhalten dazu eingeladen.

Einige suchen nach Sündenböcken, andere suchen nach Verschwörungen, aber so viel sollte klar sein: Gewalt erzeugt Gewalt, Unterdrückung führt zu Vergeltung, und nur eine Läuterung unserer ganzen Gesellschaft kann diese Krankheit aus unseren Seelen vertreiben.

Denn es gibt eine andere Art von Gewalt, langsamer, aber genauso tödlich zerstörerisch wie der Schuss oder die Bombe in der Nacht. Dies ist die Gewalt der Institutionen: Desinteresse und Untätigkeit und Verfall. Dies ist die Gewalt, die den Armen zusetzt, die die Beziehungen zwischen Menschen vergiftet, weil ihre Haut unterschiedliche Farben hat. Es ist die langsame Zerstörung eines Kindes durch Hunger, durch Schulen ohne Bücher und Häuser ohne Heizung im Winter. Dies ist die Brechung eines Mannes Seele durch die Verwehrung der Möglichkeit, dass er als ein Vater und als ein Mann inmitten von anderen Männern dastehen kann. Und auch das betrifft uns alle.

Denn wenn du einen Menschen lehrst, seinen Bruder zu hassen und zu fürchten, wenn du lehrst, dass er wegen seiner Farbe oder wegen seines Glaubens oder wegen seiner politischen Vorstellungen, die er vertritt, ein geringerer Mensch ist, wenn du lehrst, dass die, die anders sind als du, deine Freiheit oder deinen Job oder dein Zuhause oder deine Familie bedrohen, dann lernst du außerdem, anderen nicht als Mitbürger, sondern als Feind zu begegnen, den man nicht in Zusammenhalt, sondern in Bezwingung trifft, unterjocht und beherrscht.

Wir lernen zuletzt, unsere Brüder als Fremde zu sehen, fremde Menschen, mit denen wir eine Stadt teilen, aber keine Gemeinschaft; Menschen, mit uns in einer gemeinsamen Behausung, aber nicht in einer gemeinsamen Anstrengung verbunden. Wir lernen, nur eine gemeinsame Furcht zu teilen, nur einen gemeinsamen Wunsch, sich voneinander zurückzuziehen, nur einen gemeinsamen Impuls, Meinungsverschiedenheit mit Gewalt zu begegnen. Für all das gibt es keine endgültigen Antworten.

Doch wissen wir, was zu tun ist. Es ist, wahre Gerechtigkeit zwischen unseren Mitbürgern zu erreichen. Die Frage ist nicht, welche Programme wir umzusetzen suchen sollten. Die Frage ist, ob wir in unserer eigenen Mitte und in unseren eigenen Herzen die Herrschaft menschlicher Absichten finden können, die die schrecklichen Wahrheiten unserer Existenz anerkennen wird. Wir müssen die Einbildung unserer falschen Unterscheidungen, den falschen Unterscheidungen zwischen den Menschen, zugeben und lernen herauszufinden, dass unser eigener Fortschritt in der Suche des Fortschritts für alle liegt. Wir müssen uns in uns darauf einlassen, dass die Zukunft unserer Kinder nicht auf dem Unglück anderer aufgebaut werden kann. Wir müssen uns daran erinnern, dass dieses kurze Leben durch Hass oder durch Rache weder geadelt noch bereichert wird.

Unsere Leben auf diesem Planeten sind zu kurz, die Arbeit, die getan werden muss, ist zu wichtig, als dass diese Haltung in unserem Land noch länger gedeihen darf. Natürlich können wir sie nicht mit einem Programm oder einem Entschluss verbieten. Aber wir können uns daran erinnern, auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist, dass jene, die mit uns zusammenleben, auch unsere Brüder sind, dass sie denselben kurzen Augenblick des Lebens mit uns teilen, dass sie, genau wie wir, nichts weiter als die Möglichkeit suchen, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen, so viel Zufriedenheit und Erfüllung wie möglich zu finden.

Sicherlich kann dieses Band des gemeinsamen Schicksals, dieses Band des gemeinsamen Ziels anfangen, uns etwas zu lehren. Sicherlich können wir zumindest daraus lernen, auf die um uns herum als Mitmenschen zu sehen, und sicherlich können wir damit beginnen, ein wenig mehr daran zu arbeiten, uns unsere Wunden zu verbinden und in unseren Herzen auch wieder Brüder und Landsleute zu werden.

Tennyson schrieb in „Ulysses“:
[…] that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das Zitat aus „Ulysses“ in der Übersetzung von Ferdinand Freiligrath:
[…] was wir sind, das sind wir!
Ein einz’ger Wille heldenhafter Herzen,
Durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark
Im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!

Zwei Monate nach dieser Rede wurde Robert F. Kennedy in der Hotelküche seiner Wahlkampfzentrale im Ambassador Hotel in Los Angeles durch einen palästinensischen Fanatiker ermordet.


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