Im Koma

Gedanken über das Leben angesichts eines nahenden Todes

Warum müssen wir sterben? — Um das Leben zu würdigen.

Ihr sagt alle, dass ihr Angst vor dem Tod habt. Aber in Wirklichkeit habt ihr Angst vor dem Leben!

(aus dem Film „After.Life“ von Agnieszka Wójtowicz-Vosloo)

Ein Mensch liegt im Koma. Seit Tagen, einigen Wochen schon. Ich sitze bei ihm. Nachts. Meine Mutter kommt tagsüber, ich nachts. Der Mensch ist mein Vater.

Es ist relativ dunkel im Zimmer. Nur er liegt darin. Menschen, für die keine Hoffnung mehr besteht, bekommen anscheinend immer ein Einzelzimmer. Es ist auch zu groß für eine einzelne Person, aber mir hilft es. Ich kann mich darin bewegen, hin und her gehen, aus dem Fenster schauen. In Ruhe nachdenken. Trauern.

Draußen ist es Nacht. Nur wenige Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes, ein anderer Flügel des Krankenhauses, sind jetzt noch erleuchtet. Die Dunkelheit hilft. Nachzudenken. Was wichtig ist im Leben. In meinem Leben. Das Leben meines Vaters hilft mir dabei. Was ist wirklich wichtig?

Mein Vater hatte sich aufgeopfert. Für die Firma, die sein Leben war. Für die er oft und lange im Ausland war. Die Familie kam dabei oft zu kurz, auch wenn er, so paradox das klingt, es für sie tat. Aber wir kamen sehr gut ohne ihn zurecht, vermissten ihn nicht. Er war meist rechthaberisch und streng, sehr streng. Der bestimmende Patriarch.

Er hatte bei einem Auslandseinsatz in der Tschechoslowakei einen Herzinfarkt erlitten. Er hatte ihn sehr gut überstanden, wurde aber in die Rente geschickt. Er solle sich schonen. Die Rente war gut, er hatte schließlich sein Leben lang gearbeitet. Sich von einem einfachen Arbeiter zum Richtmeister hochgearbeitet, bis er industrielle Bauprojekte beaufsichtigte. Vor Kurzem wurde bei ihm auch noch Magenkrebs diagnostiziert. Zu weit fortgeschritten, unheilbar. Von seiner Rente und seinem Traum von einem Häuschen in Österreich hatte er also nicht mehr viel gehabt. Eigentlich gar nichts. Zwei Jahre. Nun liegt er hier, im Koma. Mehr schon bei den Toten als bei den Lebenden. Alt wird er nicht geworden sein. Und ich sitze bei ihm.

Mir selbst geht es auch nicht besonders. Ich bin wieder allein, kämpfe noch mit der Trennung von einer einst geliebten Frau, die erst wenige Wochen zurückliegt. Ich fühle mich immer noch leer. Sie fehlt mir.

Nach den vielen Jahren, die ich schon nicht mehr bei meinen Eltern wohnte, hatte ich mich schließlich mit ihnen ausgesöhnt, vor allem mit meinem Vater. Es hatte lange gedauert, bis ich das Nachtragende in mir ablegen konnte. Zuletzt hatte ich mir sogar tatsächlich überlegt, ob ich das Angebot annehme, mit ihnen zusammen noch einmal in den Urlaub zu fahren. Sie hatten mich eingeladen. Doch dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Es war zu spät.

Zu spät ist es auch für eine Wiedervereinigung mit meiner Freundin, Geliebten. Die Beziehung lässt sich nicht mehr kitten. Auch ein Neuanfang scheint unmöglich geworden. Es schmerzt. Wenn wir glücklich sind, ist jemand bei uns. Wenn wir leiden, sind wir allein. So wie ich jetzt, der am Krankenbett seines todkranken Vaters sitzt, der im Koma liegt.

All das geht mir durch den Kopf, während ich hier sitze. Am Krankenbett meines Vaters, der im Koma liegt. Aus dem er wahrscheinlich nicht mehr erwachen wird. Auch meine eigene Zukunft. Was will ich? Wohin will ich? Was wird aus mir?

Nahe stehende oder gar geliebte Menschen gehen. Manchmal gehen sie von sich aus, indem sie einfach weggehen, manchmal gewaltsam, durch den Tod. So oder so, sie lassen sich nicht halten. Alles, was wir tun können, ist, sie zu würdigen, solange sie uns noch nah und zugegen sind. Dann müssen wir sie gehen lassen, wenn sie es denn so wollen oder müssen. Und all das, was wir planen, egal ob beruflich oder privat, liegt oft nicht in unseren Händen. Ob wir an Gott glauben oder nicht. Angesichts eines nahen Todes, der sich kaum planen lässt: Nach was streben wir? „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, das weiß schon der Volksmund. Auf unsere Bankkonten können wir im Jenseits nicht zugreifen, all unser Reichtum nutzt uns dort nichts mehr.

Wir, die wir zurückbleiben, ob nach einer Trennung von oder nach dem Tod eines geliebten, nahe stehenden Menschen, haben nun die Aufgabe, mit dem Verlust umzugehen. Aber was ist eine Trennung im Vergleich zum Tod? Der Tod relativiert alles! Die Trennung von meiner früheren Freundin erscheint mir nun als nicht mehr so hart. Sie schmerzt weniger.

Beruflich habe ich es bislang zu wenig bis nichts gebracht. Eine Karriere in der Firma, in der mein Vater sein Leben lang angestellt war, hatte ich frühzeitig ausgeschlagen. Auch eine Ehe und gar Kinder sind nicht in Sicht. Die Anerkennung meiner Eltern hatte ich mir bislang nur durch den erfolgreichen Abschluss meiner Ausbildung zum Schriftsetzer erworben und durch das Abitur, das ich mit gutem Notendurchschnitt auf dem zweiten Bildungsweg erlangte. Meine Eltern hatten mich damals an einem Tag der offenen Tür in der Schule besucht. Ein Klassenkamerad äußerte sich verblüfft über die Ähnlichkeit meiner Eltern, besonders meines Vaters, mit mir. Später spendierte mir mein Vater zur Belohnung den Führerschein. Abgesehen davon, hatten sie wenig Grund, auf ihren Sohn Stolz zu sein. Das Studium der Germanistik, in dem ich mich befinde, verheißt auch nicht gerade die große Karriere.

Am frühen Morgen kommen zwei Pfleger ins Zimmer, um ihn zu waschen und zu wenden. Plötzlich schlägt mein Vater, der sich doch im Koma befindet — oder befand —, noch einmal die Augen auf und schaut mich direkt an, als ob er genau weiß, wo ich sitze, dort im Zimmer. Ich bin viel zu verblüfft, um zu reagieren. Auch er erscheint zunächst etwas überrascht. Aber dann scheint aus seinen Augen so etwas wie Stolz zu sprechen. Er ist stolz auf mich!

Sprechen wir mit unseren Eltern, solange sie noch da sind!

(Siehe hier auch „Gedanken über Trennungen …“, das in derselben Lebensphase entstand, „Zitate über das Alter(n)“ und „Gedanken beim Eintritt in eine leerstehende Wohnung“!)


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