Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (17)

Das Gautschen

Gautschen? Nie gehört, werden Sie wahrscheinlich sagen. Aber irgendwie sind Sie doch auf diesen Artikel gestoßen! Der Autor erklärt.

Papiermacher

Der „Papirer“ aus Jost Ammans Ständebuch 1568 (Microsoft Clip Art)

Vom Gautschen werden Sie wahrscheinlich noch nichts gehört oder gelesen haben, stammt es doch aus einer untergegangen Berufstradition. Ursprünglich bezeichnete das Gautschen das Entwässern und Pressen von Fasern in der Papierherstellung. Vor der Einführung der industriellen Papierproduktion wurde der Papierbrei noch aus gereinigten, zerfaserten und mit viel Wasser vermengten Lumpen, den sogenannten „Hadern“, mit einem Metallsieb aus der Bütte geschöpft. Daher stammt der Ausdruck „Büttenpapier“ für das auch noch heute verwendete, recht teure Papier, das für besondere Zwecke verwendet wird, beispielsweise als edles Briefpapier, und das sich durch die etwas rauere Oberfläche und die ausgefilzten Ränder sowie durch das Wasserzeichen auszeichnet, das durch den Abdruck des Siebs entsteht. Mit der modernen Papierherstellung durchläuft der sehr stark mit Wasser verdünnte Papierstoff als Papierbahn schließlich die sogenannten „Filzwalzen“, die Gautsche, in denen eine weitere Entwässerung stattfindet. (Siehe hierzu Otto Krüger: Satz, Druck, Einband, Wiesbaden 1962, Seiten 125 ff.)

Gautschen

Gautschen eines Druckerlehrlings während einer Gautschfeier in Düsseldorf 2004 (Klaus Meßlinger/ Wikimedia Commons)

In der Druckersprache, die auch Ausdrücke aus der Sprache der Schriftsetzer beinhaltet, nennt man den feierlichen Taufakt, währenddem die angehenden Drucker und Setzer, die Gäutschlinge, auch „Kornuten“ genannt, als sogenannte „Schwarzkünstler“ in die Gilde Gutenbergs aufgenommen werden, Gautschen. Wasserreich ist dieser Brauch nämlich auch: Da während der Taufe die „Sünden“ aus der Lehrzeit abgewaschen werden, werden die zukünftigen Gesellen nach einer Strafpredigt des Gautschmeisters, in der die Vergehen aus der Ausbildung vorgetragen werden, von mehreren Helfern, dem Schwammhalter und den Packern, zunächst auf einen Stuhl gedrückt, auf dem ein großer, nasser Schwamm liegt, um danach in der eigentlichen Taufe in einen Bottich mit Wasser getaucht zu werden. Auf das Wasser von unten durch den Schwamm und das Wasser von oben, dem Eintauchen, folgt schließlich das „Wasser“ von (oder besser: nach) innen: ein ehrenvoller Umtrunk und die Überreichung des Gautschbriefes.

Dieser Brauch lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückführen. Heutzutage werden aber allenfalls noch Druckvorstufentechniker und eventuell auch Mediengestalter hin und wieder noch gegautscht, obschon sie nicht mehr in direkte Berührung mit Druckerschwärze kommen. Der Buchdrucker und der Schriftsetzer sind inzwischen leider ausgestorben. In der Mainzer Johannisnacht findet allerdings immer noch das weltweit größte öffentliche Gautschen zu Ehren Gutenbergs statt, dem jährlich mehrere Tausend Besucher beiwohnen. Der Autor, selbst übrigens gelernter Schriftsetzer mit Gesellenbrief, konnte sich vor dem Gautschen allerdings erfolgreich drücken.


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