Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (18)

Meschugge? Jiddische Wörter in der deutschen Sprache

Was haben ein Gauner und ein Grieche gemeinsam? Das wird in diesem Beitrag erklärt, denn wir haben mehr jiddische Wörter in der deutschen Sprache, als wir denken! Beispiele? Ein interessantes Buch spürt sie auf. Eine Literaturempfehlung.

Jiddische Wörter sind weiter verbreitet, als es viele vermuten würden. Wenn wir an Fremdwörter in der deutschen Sprache denken, so fallen uns vor allem Anglizismen ein, die, ob wir es wollen oder nicht — und es gibt viele, die sich daran aufstoßen, vor allem dann, wenn sie vermeidbar sind! —, in unser tägliches Leben Einzug gehalten haben. Doch Jiddismen benutzen wir meist selbstverständlich, ohne dass wir uns über deren Ursprung Gedanken machen. Und das öfter, als es so manchem Antisemiten lieb sein dürfte, denn Wörter wie „Macke“ oder „Macken“, „hapern“, „mies“ oder „Miese“, „für lau“ und viele mehr verwendet auch er!

Bei dem Wort „meschugge“ haben wir eine solche Herkunft wenn nicht schon gewusst, so doch wenigstens geahnt; es stammt aber eigentlich aus dem Hebräischen. Ebenso verhält es sich mit „Tacheles“, das sich aus der hebräischen „Vollendung“ zum deutschen „Klartext“ wandelte, und „Tinnef“: Aus dem hebräischen „Kot“ wurde der deutsche „Schund“! Mit dem „Gauner“ wird es dagegen schon etwas schwieriger, da es sich aus dem hebräischen yạwạn für die Ionier gebildet hat. Der Gauner war also ursprünglich ein Grieche!

Dass Sie dieses Wissen „für lau“ bekommen, darf Sie freuen, denn Sie bekommen es umsonst, was auch das originale jiddische Wort dafür bedeutete. Das laue Lüftchen hingegen leitet sich aus dem mittelhochdeutschen bzw. dem althochdeutschen lāo für „warm“ ab — die allerdings eine Ähnlichkeit mit dem jiddischen lo für „nichts“ oder „ohne“ aufweisen!

Wussten Sie, dass das Wort „jiddisch“ selbst eine Kurzform für „jiddisch-daitsch“, also für „jüdisch-deutsch“ ist? Die jiddische Sprache ist nämlich eine rund tausend Jahre alte Sprache, die von den aschkenasischen Juden (die mittel-, nord- und osteuropäischen Juden und ihre Nachfahren, die die größte Gruppe im heutigen Judentum bilden) in weiten Teilen Europas gesprochen und geschrieben wurde und teilweise bis heute gesprochen und geschrieben wird. Haupteinfallstore für die Jiddismen waren vor allem Wien und Berlin.

Geht es Ihnen nun mies? Grund dazu hätten Sie, wenn Sie glauben, dass „mies“ auf das lateinische miseria zurückgeht, wandelte es sich doch vom hebräischen mĕ’is über das jiddische mis mit den Bedeutungen „schlecht“ oder „verächtlich“ schließlich zur uns heute bekannten!

Der Anglist, Germanist, Linguist, Sachbuchautor und, man staune: Synchronsprecher, Christoph Gutknecht hat über jiddische Wörter in der deutschen Sprache ein Buch verfasst, das sich sehr locker ließt, weil es durchaus humorvoll verfasst wurde: „Gauner, Großkotz, kesse Lola — Deutsch-jiddische Wortgeschichten“, Berlin 2016.

(Diese Beitrag wurde ursprünglich am 10. Juni 2016 unter dem Titel „Bist du meschugge?“ im Weblog von Setzfehler veröffentlicht und für diese Notizen etwas umformuliert; siehe hier auch „Holocaust“ und „Holocaust II“!)


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