Thiel und der Wunschort für sein Paket

Tatort-Logo

Ein (auch noch nicht gedrehter) Fernseh-„Tatort“ aus Münster

Nach seiner Sache mit den Paketboten war Kriminalhauptkommissar Frank Thiel beurlaubt worden. Eine interne Untersuchung war angelaufen. Sein Nachbar, Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne, feixte vor Schadenfreude. Er hatte von den Geschehnissen in seinem Haus natürlich nichts mitbekommen.

Während seiner freien Zeit stöberte Thiel vor lauter Langeweile im Internet nach Fan-Artikeln seines Lieblingsfußballvereins. Schließlich hatte er ein neues Fan-T-Shirt und einige andere Kleinigkeiten bestellt. Nach kurzer Zeit kam eine E-Mail-Anfrage eines Paketdienstes, ob er einen Wunschort für seine Sendung habe, da die Empfänger bei der Zustellung ja oft nicht zu Hause seien. Thiel hatte eine Idee und musste grinsen. Na warte, Boerne! Er gab sich einen Ruck und seinen Nachbarn an.

Nach wenigen Tagen wurde die Zustellung angekündigt, und schließlich fand Thiel einen Zettel mit seiner Sendungsnummer im Briefkasten: „am Wunschort zugestellt“. Prima! Nachdem er mitbekommen hatte, dass sein Nachbar auch tatsächlich anwesend ist, klingelte er kurzerhand bei ihm und fragte, ob ein Päckchen angekommen sei. Boerne verneinte.

Thiel war irritiert. Es war ja schon alles per Kreditkarte bezahlt! Also forschte er nach dem Paketdienst mühselig im Internet und fand dort heraus, dass seine Sendung tatsächlich als zugestellt galt. Thiel stutzte. Nun rief er den Absender an, bei dem er bestellt hatte, und wurde zu einer Nachforschungsstelle durchgestellt. Scheinbar kommt so etwas öfter vor, vernahm er am Telefon. Der freundliche Mitarbeiter klärte Thiel auf, dass er bei einem Wunschort nicht wirklich helfen könne, das sei nämlich eine Vereinbarung zwischen ihm und dem Paketdienst und da sei er als Absender dann „raus“. Na prima! Er erzählte Thiel von einem Fall, in dem auf diese Weise ein 4000-Euro-Teil verschwunden sei. Immerhin hatte er bei dem Paketdienst noch einen Nachforschungsauftrag mit einer „Verhörung“ des Zustellers in Gang gesetzt.

Der umständliche Versuch, beim Sprachcomputer des Paketdienstes einen Menschen an die Leitung zu bekommen, dauerte, denn bei Nennung der Sendungsnummer sagte der Computer nur stereotyp „zugestellt“. Thiel wollte schon nach seiner Dienstwaffe greifen, als er sich erinnerte, dass sie ihm bis zum Abschluss des Verfahrens abgenommen war. So brüllte er die mechanische Stimme an, dass eine Reklamation vorläge, drückte verschiedene Tasten und schließlich klappte es. Die Dame am anderen Ende wirkte irgendwie einschläfernd, aber immerhin bekam er eine Telefonnummer, um den Wunschort entfernen zu lassen, denn an Boerne wird er künftig keine Pakete mehr schicken.

Bei dieser Telefonnummer rief er dann an. Wiederum ein sehr netter Mitarbeiter, der feststellte, dass Thiel keinen pauschalen Wunschort eingegeben habe, sondern nur einen für diese eine Lieferung. Im Gespräch kam dann die Idee, sicherheitshalber beim Postamt zu fragen, das allerdings telefonisch nicht direkt erreichbar war, sondern nur über eine bundesweite Zentralnummer. Vielleicht hatte der Zusteller ja aus Versehen Wunschort und Postamt vertauscht. Also zum nächstgelegenen Postamt. Dort lag aber nichts. Man kopierte seinen Beleg und gab die Informationen auch noch postintern weiter. Thiel erhielt eine weitere Telefonnummer, bei der er nachfragen könne.

Soweit kam es allerdings nicht mehr, denn abends klingelte ein anderer Mieter seines Wohnhauses. Da stünde seit rund einer Woche ein Päckchen draußen unter der Kellertreppe, also zwar vor Regen geschützt, aber so, dass Thiel es nie gefunden hätte. Er stürzte nach draußen. Es war sein Paket! Zum Glück enthielt es keine empfindlichen Sachen, die hätten Schaden nehmen können. Der Zusteller hatte es einfach an irgendeinem Ort abgestellt, nur nicht an seinem Wunschort, nämlich bei Boerne! Oder sollte Boerne …? Bei einem Blick auf den Empfangsbeleg musste er aber feststellen, dass ihn niemand unterschrieben hatte.

Thiel war bedient. Bloß keinen Wunschort angeben, und schon gar nicht Boerne: Das Risiko des Totalverlustes besteht, und der Absender ist dann „raus“!

(Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen sind durchaus beabsichtigt; siehe hier auch Thiels ersten Fall mit den Paketboten und „Der Mörder ist immer der Gärtner“!)

Veröffentlicht unter Lyrik und Prosa Verschlagwortet mit ,,, permalink

Über Ronald

Kein Selbstdarsteller, aber auf Stellensuche, daher: Schriftsetzer, Korrektor/Lektor, Weiterbildungen zum Mediengestalter/Desktop-Publisher und zum Online-Redakteur. 11 Semester Germanistik, viele Jahre Erfahrung als Schauspieler und als Sprecher sowie als Perkussionist brasilianischer Musik und als Fußball-Torwart. Mehr? Seite „Zum Autor“!


Lob, Kritik, Ergänzung, ...? Kommentieren!