Die Rüpel sind immer die anderen!

Die Rüpelrepublik: Werden wir immer rücksichtsloser?

Jeder wohnt in einem eigenen Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat.

(aus Juli Zeh: Unterleuten, München 2016)

Es gibt kaum einen Lebensbereich, in dem es kein rechthaberisches und aggressives Verhalten gibt. Rüpel, Drängler, Pöbler: Werden wir immer rücksichtsloser oder sind wir es nicht schon längst? In Katastrophenfällen zeigen Menschen ungeahnte Solidarität. Brauchen wir erst eine Katastrophe, um zu mehr Hilfsbereitschaft zu gelangen?

Rüpeleien im Alltag: vom Verkehr bis zu nassen Regenschirmen

Stinkfinger

Der Stinkefinger: ein Symbol für Rüpel aller Art

Die Ampel schaltet auf Rot, ein oder mehrere Autos und oft genug auch Radfahrer fahren noch durch, während die Fußgänger bereits Grün haben. Viele davon haben während der Fahrt ihr mobiles Kommunikationsgerät am Ohr – trotz Verbots! Menschen betreten die U- oder S-Bahn, bleiben im Türbereich stehen und behindern dadurch die Ein- und Aussteigenden. Oder sie stellen ihre Taschen, Einkaufstüten oder sogar ihre (Roll)koffer auf den Sitz neben sich; selbst im Berufsverkehr nehmen sie sie freiwillig nicht herunter. Bei Regen wird dort auch gern der nasse Regenschirm abgelegt. Und auch im Berufsverkehr gibt es immer wieder Radfahrer/-innen, die trotz (begründetem!) Verbot der Mitnahme sich und ihr Rad zwischen die Mitreisenden zwängen. Im Kino während eines Films oder auf Konzerten meinen Leute, sich unbedingt unterhalten zu wollen. Macht man sie auf ihr Verhalten oder gar auf ein bestehendes Verbot aufmerksam, wird man angepöbelt und beschimpft, so wie prinzipiell angepöbelt und beschimpft wird.

Rüpel, Drängler, Pöbler überall!

Dies sind nur einige Beispiele für unsoziales Verhalten im Alltag. Jede(r) kennt solche und viele weitere, dabei das aggressive und beleidigende Verhalten in den sogenannten sozialen Netzwerken und auf dem Fußball- sowie das Mobbing am Arbeitsplatz gar nicht eingerechnet. Oft genug und immer öfter wird im Alltag sogar vom sogenannten Faustrecht Gebrauch gemacht. Jede(r) gegen jeden, mit sich, seinem Auto, seinem Fahrrad, seiner Meinung, seinem Rechthabenwollen. Rüpel, Drängler, Pöbler überall! Die Kultur des Miteinanders ist uns verloren gegangen. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Es sind keineswegs nur die Jüngeren, die viel beschworene und durch alle Zeiten hinweg kritisierte „Jugend von heute“, die durch rüpelhaftes Verhalten auffallen. Im Gegenteil: Auch auffallend vielen älteren, bürgerlich gekleideten Menschen scheint jeder Sinn für ein höfliches und respektvolles Miteinander abhandengekommen zu sein. Die anderen machen es ja genauso!

Die Rüpelrepublik: Kante statt Kant

Bucheinband Rüpel-RepublikBereits 2013 erschien Jörg Schindlers viel beachtetes Buch „Die Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial?“. Darin weist er u. a. darauf hin, dass die Zahl der Nachbarschaftsstreitigkeiten, mit denen sich die Amtsgerichte zu beschäftigen haben, seit Jahren steigend ist. „[…] rund 27 Verfahren. Pro Tag.“ Der Kampf ums Rechtbehalten muss bis vors Gericht geführt werden!

„Die Wenigsten bringen noch den Nerv und die Einsicht auf, dass es nur mit Regeln funktionieren kann“, zitiert Schindler Bernd Irrgang vom Bund deutscher Fußgänger, und diese Aussage lässt sich keineswegs nur auf den Straßenverkehr übertragen. Es scheint, als ob „Millionen, Alte und Junge, Frauen und Männer, Westler wie Ostler […] sich im Verein zur Verwahrlosung der Sitten und Gebräuche e. V. (VzVdSuG) in die Mitte der Gesellschaft gepöbelt“ haben, so der ebenfalls zitierte Journalist Michael Jürgs. „Vereinszweck: Kante statt Kant.“

Wie die da oben, so wir hier unten

Die Selbstbedienungsmentalität beginnt aber bereits ganz oben, das soll hier nicht außer Acht gelassen werden! Wenn sich der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn seine Bezüge um 63 Prozent nach oben schraubt und sich unsere Politiker immer wieder satte Diätenerhöhungen genehmigen, während gleichzeitig in den sozialen Bereichen gespart wird, die exorbitanten Boni im Bankenwesen bei deren gleichzeitiger Rettung durch den Steuerzahler usw., kommt das unten so an, als ob sich „Anstand, Skrupel und Rücksichtnahme einfach nicht auszahlen – Egoismus und Ignoranz aber sehr wohl“.

Wenn Kommunen durch den überall verbreiteten Sparzwang gezwungen sind, soziale Treffpunkte wie Jugendzentren, Bibliotheken, Schwimmbäder u. v. m. zu schließen, trägt das nicht zu einem verträglichen Miteinander bei. Es ist aber keineswegs so, als ob hier nur ein paar skrupellose Schurken und Egomanen zufällig ins politische oder wirtschaftliche Rampenlicht gelangt sind. Dieses Rampenlicht leuchtet bis weit in unser alltägliches Dasein hinein. Wie die da oben, so wir hier unten: nur das Beste für uns, und das überall und möglichst billig! Wer uns dabei in die Quere kommt, der kann was erleben!

Bereits Kinder psychisch auffällig

Sozialverbände schlagen bereits Alarm: „Sie halten mittlerweile jedes fünfte Kind für psychisch auffällig und die Hälfte davon für längerfristig behandlungsbedürftig“, wird der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel zitiert. „Vielleicht habe sie in einem frühkindlichen Förderkurs als Dreijährige eine erste und als Vierjährige eine zweite Fremdsprache nahegebracht bekommen. Aber miteinander spielen, lachen, Spaß haben oder traurig sein – das blieb ihnen fremd.“

Beobachtet man die steigende Zahl der Muttis in ihren hochpreisigen Autos, die ihre Sprösslinge zur (Privat)schule fahren, wo sie nicht mit einem multikulturellen Umfeld in Berührung kommen, und später wieder von dort abholen: Wie sollen diese Kinder jemals selbstständig und sozial kompetente Menschen werden? Die zukünftigen Auswirkungen auf unser Miteinander liegen auf der Hand: Als Erwachsene werden sich diese Kinder nicht mehr für eine/die Gesellschaft interessieren, sondern nur noch für das, was ihnen nutzt. Nur wer in dieser Leistungsgesellschaft konkurrenzfähig ist, überlebt!

Anpassung an die Verhältnisse

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich in Europa so etwas wie ein „Gesellschaftsvertrag“ aus. Ökonomische Verteilungskämpfe, aber auch soziale, kulturelle, religiöse und weltanschauliche Vereinbarungen wurden getroffen, die ein verträgliches Miteinander regeln sollten. Spätestens nach dem Fall des Ostblocks war es damit jedoch vorbei, denn es wurde versäumt, das veränderte Weltbild, das nun neue Möglichkeiten der kapitalistischen Expansion bot, in soziale Kanäle zu lenken.

Die Europäische Union (EU) gestaltete sich im Gegenteil immer mehr zu einer Wirtschaftsunion und zu einer Freihandelszone, die weit davon entfernt ist, für solidarische Verhältnisse zu sorgen. Mit der zunehmenden Globalisierung gehen zerstückelte Arbeitsbiografien einher, hohe Anforderungen an zeitliche und örtliche Mobilität, Flexibilisierung usw., aber auch unsichere und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Wo die Ausrichtung an verlässlichen Zusammenhängen verlorengegangen ist, es keine verbindlichen Regeln für ein Miteinander mehr gibt, passt sich das Individuum an die Verhältnisse an und sucht sein Heil in der Konzentration auf sich selbst.

Die Kehrseiten des Wohlstands

Die Regeln für unser Miteinander und Zusammenleben sind nicht in Stein gemeißelt. Und sie in Stein zu meißeln, ist hier auch nicht beabsichtigt. Aber manchem Deutschen scheint bereits zu dämmern, dass mit unserem Zusammenleben etwas nicht stimmt. Umfragen zur sozialen Kälte in unserem Land zeigen immer höhere Werte derjenigen, die diese beklagen: 2007 waren es bereits 58 Prozent, im Vergleich zu acht anderen Ländern der EU der höchste Wert!

Obwohl die Zahl der Arbeitslosen sinkt und der allgemeine Wohlstand steigt, zeugen andere Werte von der Kehrseite: steigende Zahlen bei Selbsttötungen, Kirchenaustritten, Scheidungen, psychischen Erkrankungen, Gewaltanwendung. Von der gestiegenen Möglichkeit eines Armutsrisikos ganz zu schweigen.

Brauchen wir erst eine Katastrophe?

Jörg Schindler nennt Beispiele aus der Staatspleite Griechenlands 2012 und der Islands vier Jahre zuvor, aus New York nach den Anschlägen vom 11. September, wie durch Katastrophen- und Notfälle Menschen in ungeahnter Hilfsbereitschaft und Solidarität zusammenrückten. Müssen wir erst durch eine Katastrophe zu der Einsicht gelangen, dass Rüpel, Drängler und Pöbler kein soziales Modell für die menschliche Zukunft sind?

Das Buch und weitere Verweise

Jörg Schindler: „Die Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial?“, Frankfurt am Main 2013
Berliner Kurier: „Rüpel-Report“ vom 28. März 2012 (neues Fenster!)
Ronalds Notizen: „Einsamkeit und Alleinsein“ und „Über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt


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