Ein Bombenfund zur rechten Zeit

Was der Fund einer Weltkriegsbombe mit Heute zu tun hat

In Frankfurt am Main werden am morgigen Sonntag wegen eines Bombenfunds fast 70 000 Menschen ihre Wohnung für bis zu 14 Stunden verlassen müssen. Angesichts harscher Kommentare von Betroffenen und sogar von Nicht-Betroffenen macht sich der Autor seine Gedanken. Ein Kommentar.

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Blindgänger einer britischen 4000-Pfund-Luftmine (große Bombe) von Luftangriffen auf Heilbronn während des Zweiten Weltkriegs (p.schmelzle/ Wikimedia Commons)

Der Fund einer britischen Weltkriegsbombe vom Typ HC (High Capacity) 4000 in Frankfurt am Main betrifft fast 70 000  Menschen, die am morgigen Sonntag, dem 3. September 2017, ein Gebiet von eineinhalb Kilometern um die Fundstelle verlassen müssen. Die Luftmine, ein sogenannter „Blockbuster“, ist mit umgerechnet 1400 Kilogramm TNT gefüllt und sollte bei der Explosion in der Luft Dächer abdecken, um die Wirkung der gleichzeitig abgeworfenen Brandbomben zu erleichtern. Luftminen dieses Typs sind besonders auf eine starke Druckwelle ausgerichtet, die das Umfeld verwüstet. Die Royal Air Force (RAF) warf bis Kriegsende insgesamt 68 000 Luftminen dieses Typs über ganz Deutschland ab; Frankfurt selbst wurde insgesamt 75 Mal aus der Luft angegriffen. Vor dem Einsatz durch die RAF und die United States Army Air Forces (USAAF) hatte allerdings bereits die Luftwaffe der Wehrmacht Luftminen eingesetzt, beispielsweise in Coventry!

Der Volkszorn bricht sich wieder einmal Bahn

An diesem Punkt kommen wir zu den Befindlichkeiten. Sowohl unter einem Beitrag auf den Seiten der Hessenschau, einem Nachrichtenangebot des Hessischen Rundfunks, als auch am eigens für diesen Fall eingerichteten Bürgertelefon äußerten Menschen Unverständnis und Protest über die angeordnete Evakuierung. Der Rechtsstaat, natürlich in Anführungszeichen, und die Rechtmäßigkeit der Evakuierung werden infrage gestellt, der Oberbürgermeister ebenso, auf Bürgerrechte und Privatbesitz gepocht – der Volkszorn bricht sich wieder einmal Bahn!

Ein Bombenfund am rechten Ort

Bundesarchiv Bild 146-2007-0076, IG-Farbenwerke Auschwitz

Barackenlager der I.G. Farbenwerke Auschwitz 1941 (Bundesarchiv/ Wikimedia Commons)

Dabei kommt der Bombenfund im Grunde genommen zur richtigen Zeit – und sogar am richtigen Ort: Am Rande des Geländes der Fundstelle befand sich bis 1945 die I.G. Farbenindustrie AG, kurz I.G. Farben oder IG Farben, die während des Zweiten Weltkriegs u. a. 28 Produkte von rüstungswirtschaftlicher Bedeutung herstellte, Chemiefabriken in den von den Deutschen besetzten Gebieten oder von den jüdischen Vorbesitzern übernahm und schließlich das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B entwickelte, das in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum Massenmord eingesetzt wurde.

Ein Bombenfund zur rechten Zeit

Der Bombenfund kommt auch deshalb zur richtigen Zeit, weil die geistigen Brandstifter, die all das Unrecht dieses Krieges verursacht haben, längst wieder unterwegs sind. Es müsse doch nun endlich einmal Schluss sein mit der Erinnerungskultur, auf Flüchtlinge, die vor Hunger, Vertreibung und Krieg geflüchtet sind, solle auch geschossen werden dürfen, und wenn sie schon einmal hier sind, solle man sie verjagen und keinesfalls auch noch willkommen heißen. Worte wie Lügenpresse, deren Abschaffung man so gerne sähe, völkisch, Volksverräter, Umvolkung usw. werden wieder „modern“.

Pegida Demonstration in Dresden am 05.01.2015 (16268578241)

Selbst Brecht wird umgedeutet: PEGIDA Dresden, 5. Januar 2015 (blu-news.org/ Wikimedia Commons, zum Vergrößern anklicken!)

Da wird über die Opferzahlen der Bombenangriffe auf Dresden gestritten, ein Denkmal, das an die Bombardierung syrischer Städte erinnern soll, habe in Dresden aber überhaupt nichts verloren, ob der Massenmord an Juden und anderen überhaupt stattgefunden habe, bezweifelt, und schließlich haben ja die Alliierten einen Krieg gegen die Deutschen begonnen. Geschichte wird umgedeutet und -geschrieben. Selbst Autoren wie George Orwell („1984“) und Bertolt Brecht, Gegner jeglicher Zukunftsvisionen von einem totalitären Staat bzw. Opfer des Faschismus, bleiben nicht unbehelligt und werden von Leuten, die ebensolche Visionen haben oder unterstützen, für ihre Argumentation zweckentfremdet!

Die Vergangenheit ist noch nicht lange her

Nun wird also am Rande den IG-Farben-Geländes, dem heutigen Campus Westend, eine Weltkriegsbombe gefunden. Wie viele solche Blindgänger noch im Frankfurter Boden oder überhaupt irgendwo in Deutschland liegen, ist unbekannt. Es sind Überbleibsel einer Vergangenheit, die noch nicht so lange her ist, wie manche(r) sie sich wünscht! Es könnte ein Lehrstück sein für die Ewig- und Neugestrigen, etwa die der AfD, für alle, eine Erinnerung daran, wie es ist oder sein könnte, sein Zuhause verlassen und sich eine neue Bleibe suchen zu müssen, sowie daran, dass die Entwicklung solcher Bomben trotz der Atombombe keineswegs eingestellt wurde. Und wenn es hier nur für 14 Stunden ist.

Von diesen 14 Stunden könnte man den Kindern oder irgendwann den Enkeln erzählen, und das wird dann sicherlich angenehmer sein als das, was die Eltern oder Großeltern einst Ihnen erzählten – sofern sie in der Lage sind oder waren, überhaupt etwas erzählen zu können!

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