Banausen

Die Deutschen waren nervös geworden, was sie nur um so gefährlicher machte. Seit der Einsetzung von Reinhard Heydrich zum stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren wurden zahlreiche Menschen verhaftet und Todesurteile vollstreckt. „Der Henker von Prag“ wurde er inzwischen genannt.

Durch die offenen Fenster der kleinen Musikhochschule hörte man die Deutschen unten auf dem Marktplatz Befehle schreien und dann marschierende Schritte. Professor Anton Jedlička übte gerade mit seinen Studenten, als die Türen des kleinen Saals plötzlich aufgerissen wurden und ein Trupp deutscher Soldaten, angeführt von einem SS-Mann, den Raum betrat. Die Melodie verstummte in einem Missklang.

„Heil Hitler!“, rief ihr Anführer, schlug die Hacken zusammen und hob den rechten Arm. „Was üben Sie da?“

„Beethoven“, antwortete der Professor.

„Beethoven, Herr Unterscharführer, muss es heißen!“

„Jawohl, Herr Unterscharführer.“

„Also, noch mal: Was spielen Sie?“

„Beethoven, Herr Unterscharführer.“

„Gut so. Ab sofort ist nur noch das Hören und das Spielen von deutschen Komponisten gestattet. Halten Sie sich daran!“

„Jawohl, Herr Unterscharführer.“

„Also dann: weitermachen!“

Professor Jedlička hob seinen Taktstock und begann, nachdem seine Studenten ihre Instrumente wieder aufgenommen hatten, zu dirigieren, bis der Deutsche erneut unterbrach.

„Schön, schön“, klatschte er in die Hände, „weitermachen! Heil Hitler!“

„Heil Hitler, Herr Unterscharführer.“

„Nur ‚Heil Hitler‘, Sie Volltrottel!“

Darauf zog der Trupp wieder ab.

„Machen wir weiter mit Má vlast, mein Heimatland“, murmelte Jedlička vor sich hin, nachdem die Stiefelschritte verklungen waren. „Banausen, diese Deutschen: Können Beethoven nicht von Smetana unterscheiden …“

(Siehe auch die spätere Episode aus Anton Jedličkas Leben: „Die Herzen sollen gestimmt sein froh!“)


Kommentare

Banausen — 1 Kommentar

  1. Der Unterscharführer als Repräsentant für die Deutschen… Oh je!

    Nach dessen Verhalten (hier und anderswo) müssen sich die Deutschen (nicht alle aber viele) schämen. Nicht weil sie Beethoven und Smetana nicht unterscheiden können, sondern weil sie die Dummen an die Macht lassen, im Staat, in den Organisationen, weil sie denen die Macht überlassen, die nicht damit umgehen können und Machtspielchen treiben (z.B. „Beethoven, Herr Unterscharführer, muss es heißen!“

    Was bildet sich der Schnösel eigentlich ein?).

    Und es fällt einem bestimmt noch mehr ein, wofür man sich schämen muss, wenn man an diese Zeit denkt.

    Möge sie niemals auferstehen.

    Mögen wir und unsere Kindeskinder in Frieden, körperlicher und geistiger Freiheit leben. Mögen wir alle anderen Völkerschaften an Frieden und Freiheit teilhaben lassen. Es muss etwas geschehen, dass das möglich wird und wir uns nicht wieder schämen müssen. Deutsche und Europäer!

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