Immer noch zeitlos und (wieder) aktuell

Franz Josef Degenhardt: Wölfe mitten im Mai


Es ist ein zeitloses Lied, geschrieben im Stil einer schaurig-schönen alten Ballade oder Moritat. Ein Schäfer hat Wölfe gesehen, Wölfe mitten im Mai. Danach ist er verschwunden, nur sein blutverschmierter Hut wurde in einem Bach gefunden. Niemand hatte ihm geglaubt. In der Folge geschehen seltsame Dinge: „Das Dorfhexenkind“ hat zehn weitere „nachts im Steinbruch entdeckt, blutbefleckt und die Schnauze im Wind“, es „rochen Rosen nach Aas. Kein Schwein fraß. Eulen jagten am Tag. Hühner verscharrten die Eier im Sand. Speck im Fang wurde weich. Aus dem Teich krochen Karpfen an Land“. Die „Greise [haben] zahnlos gelacht und gezischelt: ‚Wir haben’s ja gleich gesagt. Düngt die Felder wieder mit dem alten Mist, sonst ist alles Mist. Sonst ist alles Mist.‘“

Franz Josef Degenhardt schrieb das Lied 1965, und nicht nur die letztzitierten Verse deuten darauf hin, dass es sich bei den Wölfen mitten im Mai um ein Sinnbild handelt: Ein Jahr zuvor wurde die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gegründet, die 1965 gleich in sieben westdeutsche Landtage einzog. 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des Faschismus in Deutschland! „Wer gab den Wölfen die Kreide, das Mehl, stäubte die Pfoten weiß?“ Anspielungen auf das Dritte Reich und die Unwissenheit bzw. das Augen-Verschließen vor dem Unheil finden sich zuhauf: „Kinder, spielt, vom Rauch dort wissen wir nichts, und riechen auch nichts. Und riechen auch nichts“ und „Jetzt kommen die Zeiten, da heißt es, heraus mit dem Gold aus dem Mund“. „Was ist dann doch in den Häusern passiert? Bisse in Balken und Bett. Welches Fett hat den Rauchfang verschmiert?“

Es ist ein Lied über das Versagen der und die Angst in der Gesellschaft: „Bist still oder du verreckst!“ Nur der Schäfer hatte gewarnt: „‚Rasch, holt die Sensen sonst ist es zu spät. Schlagt sie tot, noch ehe der Hahn dreimal kräht.‘ Doch wer hört schon auf einen alten Hut und ist auf der Hut? Und ist auf der Hut?“

„’s ein garstig’ Lied. ’s ein garstig’ Lied“, angesichts der aktuellen reaktionären Tendenzen in Europa und den USA immer noch zeitlos und (wieder) aktuell!

(Der vollständige Text ist bei Golyr zu finden; siehe hier auch „Don’t Be a Sucker – Lass dich nicht verführen!“)


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