Weihnachtsabend

von Theodor Storm

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
erkannt‘ ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
noch immer hört‘ ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn‘ Unterlaß;
doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh‘ meine Hand zu meiner Börse kam,
verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
erfasste mich die Angst im Herzen so,
als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Zitiert nach: Aus deutschem Herzen, Gedichtband, herausgegeben von Friedrich Andreas Schmidt und Fritz Stoll, Frankfurt am Main/Berlin/Bonn 1956. In manchen Sammlungen erschien das Gedicht auch unter dem Titel „Weihnachtabend 1852“.

Theodor Storm gilt für viele als „urdeutscher“ und „vaterländischer“ Schriftsteller. Vor 150 Jahren geboren, ist er vor allem durch seine Novellen, unter denen „Der Schimmelreiter“ wohl die bekannteste sein dürfte, bekannt geworden. Sie ist auch seine letzte.

Wenig bekannt hingegen dürften seine Gedichte sein. Wenig bekannt auch, dass er seine nordfriesische Heimat, an der er sehr hing, wegen der dänischen Besatzung verlassen musste – er wollte sich ihr nicht unterwerfen! Erst 1864 konnte er wieder heimkehren.

Weihnachten war für Storm das Hauptfest des Jahres. Obwohl selbst nie als arm zu bezeichnen, hatte er doch auch einen Blick für Armut und die sozialen Verhältnisse. Möge dieses Gedicht besonders alle Fremdenhasser daran erinnern, dass Menschen auf der Flucht ihr „eigen Kind auf jenem Stein“ sein könnten, während sie selbst nicht nur entflohen, sondern, viel schlimmer noch, sie beschimpften, verfolgten und verjagten.

In diesem und in Storms Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieser Notizen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Siehe zum Thema Weihnacht hier auch:


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