Favorite Gedanken beim Eintritt in eine leerstehende Wohnung

Das alte, aufgebrochene Schloß bietet mir keinen Widerstand, als ich die Türe öffne. Grelles Licht empfängt mich beim Eintreten, das klare Nachmittagslicht läßt die teilweise frisch geweißten, kahlen Wände erleuchten, so daß ich meine Augen zunächst einmal zukneifen muß. Wie um der Öde dieses Zimmers in der inzwischen leerstehenden Wohnung zu entgehen, laufe ich ans Fenster. Hinter unzähligen anderen, fremden Dächern neigt sich die Sonne dem Untergange. Wie oft schon schaute ich hier oben vom Dachgeschoß hinaus, über diese Dächer, im Anblick des Sonnenunterganges, in freudiger Erwartung ihrer Rückkehr, beim Anblick des Vollmondes oder um einfach auf die Straße zu schauen, wenn sich meine Gedanken etwas eingeengt fühlten!

Ich setze mich auf eine Bank. Was läßt mich noch einmal hierher zurückkommen? Nur Sentimentalität?

Unwirklich ragen meine ausgestreckten Beine in den leeren Raum. Dreck liegt auf dem Fußboden, einige Kartons stehen noch herum, Abfalltüten — all das läßt den Raum schmutzig erscheinen, unbehaglich, traurig. Ich stehe unwillkürlich auf und gehe in das andere Zimmer, knipse eine alte Stehlampe an, die, wie im wahrsten Sinn des Wortes, stehengeblieben ist, und setze mich auf einen alten, wackligen Stuhl. An der Wand neben mir hängt noch die große Fototapete mit einem Wald. Der Anblick dieses Zimmers erschüttert mich, es kommt mir ohne die vertraut gewordenen Möbel fremder vor als das andere. Gleich neben mir lagen einmal die Matratzen zum Schlafen, auf denen auch ich einige gefühlvolle Nächte verbracht hatte.

Mir wird plötzlich kalt. Ich stehe auf und nehme mir einen alten Mantel, den sie an einer Türklinke hängen ließ. Für kurze Zeit wird er mich erwärmen, aber gegen die äußere Kälte dieser Räume wird auch er nicht entgegenwirken können.

Doch nicht nur die jetzt fehlenden Möbel belebten diese Wohnung, vielmehr noch vermisse ich die altbekannten Gesichter. Sie waren es, die mir hier eine zweite Heimat voll satter Glückseligkeit, kindlicher Unschuld, entspannter Ruhe, Intimität und tiefem Vertrauen, aber auch voll von Schuld, Zank, Trauer und Verlangen offenbarten. Aber all das war Leben! Manchmal glaube ich sogar, hier erst angefangen haben zu leben, denn ich lernte hier zu lieben, nicht mehr oberflächlich, sondern tief und hoffnungslos. Der Reiz des Neuen trieb mich oft hierher, vielleicht zu oft, doch wer kann das beurteilen?

Für mich zählten die Erfahrungen, alle, auch die schlechten, die ich irgendwie auch machen wollte, mußte, und aus Sicht dieser Erfahrungen bereue ich keine Stunde, die ich hier verbrachte. Wir hatten uns alle weiterbewegt, trotz kurzer Phasen des Stillstandes, und auch von jetzt an werden wir uns weiterbewegen, wieder unabhängig voneinander, denn wir gehen nun wieder verschiedene Wege. Aber das, was uns hier verband, zählt einzig, mit den Erfahrungen, die wir aneinander und miteinander machten, und wird uns, so glaube ich, auch weiterhin verbinden, mag dazwischen auch die größte geographische Entfernung liegen.

(Dieser schon sehr alte Text wurde in der alten Rechtschreibung verfasst und nach reiflicher Überlegung aus historischen Gründen in dieser belassen. Siehe dazu hier auch inhaltlich passend „Gedanken über Trennungen …“!)

Mehr Interesse an Statistiken als an Menschen

Wie die Jobcenter ein Leiharbeitsbranchenförderprogramm betreiben

Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird frech.

(Kurt Tucholsky in: Die Weltbühne, 14. Oktober 1930, Seite 597)

Nun haben wir es also amtlich: Der Bundesrechnungshof bescheinigt der Bundesagentur für Arbeit (BA), dass sie mehr Interesse an Statistiken als an den zu betreuenden Menschen hat. Es wird inzwischen nur noch in Zeitarbeit, sinnfreie Arbeitsgelegenheiten oder Bewerbungstrainings vermittelt. Die Mitarbeiter der Jobcenter müssen eine Vermittlungsquote erfüllen. Als hätten wir, die Arbeitslosen, es nicht schon geahnt!

Laut der Meldung „Viele schlechte Noten“ im Wirtschaftsteil der Frankfurter Rundschau vom 26. Juni 2013 bescheinigt ausgerechnet der Bundesrechnungshof der BA, dass sie mehr Interesse an Statistiken als an den zu betreuenden Menschen hat. Bereits vorher hatte das Fernsehen des Hessischen Rundfunks (HR) in der Reportage „Zeitarbeits-Boom. Wie Arbeitsagenturen einer Branche helfen“ für das Marktmagazin „m€x“ aufgedeckt, dass „die Arbeitsagentur mehr in Leiharbeit als in reguläre Beschäftigung“ vermittelt. „Im Grunde hat die Bundesagentur ein Leiharbeitsbranchenförderprogramm aufgelegt, ohne es so zu nennen“, so der Arbeitsmarktexperte Dieter Döring laut HR. Und wenn nicht in Zeitarbeit vermittelt wird, dann in sinnfreie Bewerbungstrainings oder Arbeitsgelegenheiten mit („Ein-Euro-Jobs“) oder ohne Mehraufwandsentschädigung.

Glaubt man den Leserbriefen zum Rundschau-Artikel, geht dies sogar so weit, dass ein hoch ausgebildeter Akademiker mit Bachelor-Abschluss in Zeitarbeit vermittelt wurde, bei der er Bahnschwellen herstellen und danach bei einem Paketversand unter Zeitdruck Lieferwagen beladen und schließlich wegen körperlicher Beschwerden arbeitsunfähig geschrieben werden musste, oder einem Analphabeten ein Bewerbungstraining angeboten wurde, bis dort nach drei Tagen bemerkt wurde, dass er weder lesen noch schreiben konnte. Der Autor selbst kann solche Lesermeinungen bestätigen: Vor nicht langer Zeit wurde er von seiner „persönlichen Ansprechpartnerin“ seines zuständigen Jobcenters, die er bis dato noch nicht kannte, weil er bis kurz vorher noch in Arbeit war, in eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung mit dem hochtrabenden Titel „Stadtteil- und Kulturarbeit“ einer auf solche Maßnahmen der Jobcenter spezialisierten (und gemeinnützigen!) Firma vermittelt, zu der auch ein älterer Kollege aus einem der Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion zugeteilt wurde, dem es an elementarsten Deutsch- und zudem an ausreichend Computerkenntnissen mangelte. Sämtliche Teilnehmer dieser völlig aufgeblasenen Maßnahme bezeichneten diese im Übrigen selbst als Verschwendung von Steuergeldern, für die sie sich eigentlich schämen müssten! Die vielen Bewerbungstrainings, die der Verfasser im Lauf seines Lebens bereits absolviert hat, kann er schon gar nicht mehr zählen.

Aber Hauptsache, die Angestellten der Jobcenter haben jemanden erfolgreich vermittelt und so aus der Arbeitslosenstatistik entfernt, und wenn es nur für wenige Monate ist! Laut dem Bericht des HR haben sie, meist selbst befristet eingestellt und daher kaum eingearbeitet, bestimmte Vermittlungsquoten einzuhalten. Echte weiterbildende Maßnahmen werden nicht bewilligt, obwohl die Mittel dafür nicht ausgeschöpft sind, stattdessen eben in Leiharbeit oder in auf Beschäftigungsmaßnahmen wie Bewerbungstrainings spezialisierte Unternehmen, die wie Pilze aus dem Boden schießen und sich damit goldene Nasen verdienen, vermittelt!

Aber haben wir nicht bereits irgendwie geahnt, dass die Hartz-IV-Reform längst aus dem Ruder gelaufen ist?

Weitere Verweise zum Thema:
tagesschau.de: „Hintergrund Leiharbeit: Ausgenutzt und schlecht bezahlt“ vom 22. Februar 2013 mit einem Abschnitt zur Rolle der BA
Ronalds Notizen: „Fördern und Fordern“ und „Azubi oder Praktikant?

Jobs

Von der Verwendung eines Worts

Wir leben in einer Zeit der Konkurse und Firmenschließungen. Ein Unternehmen kann, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr weitergeführt werden. Dahinter stehen immer auch Arbeitsplätze, die verloren gehen: Oft langjährige Mitarbeiter stehen in Zukunft auf der Straße. Dahinter wiederum steht persönliches Leid. Ist die Verwendung des Worts „Jobs“ in diesem Zusammenhang gerechtfertigt?

Mann hinter Klapprechner auf Bahnsteig

Jobs: heute hier, morgen dort, und immer unterwegs (Microsoft Clip Art)

Im Zusammenhang mit Firmenschließungen ist häufig vom umgangssprachlichen und laxen Wort „Job“ die Rede: „verlieren ihre Jobs“, „stehen Jobs auf dem Spiel“ usw., so gelesen z. B. im Journal Frankfurt im Zusammenhang mit der drohenden Schließung der Frankfurter Rundschau. Haben fest angestellte und langjährige Mitarbeiter, deren Beruf auch Berufung ist (und um solche handelt es sich wohl fast ausschließlich nicht nur bei diesem Beispiel), nun um einen Job, den sie verlieren, oder um einen Arbeitsplatz?

Die Duden-Suche sagt, dass das Wort „Job“ umgangssprachlich ist und sowohl „eine vorübergehende (einträgliche) Beschäftigung (zum Zweck des Geldverdienens)“ als auch „Arbeitsplatz, Stellung, berufliche Tätigkeit, Beruf, Aufgabe“ bezeichnet, die gedruckte Ausgabe des Dudens sagt: „[Gelegenheits]arbeit, Stelle“.

Soweit sich der schon etwas ältere Autor erinnert, gibt es dieses Wort noch nicht sehr lange. Wie so viele im beruflichen Bereich, wurde es aus dem amerikanischen Englisch übernommen. Besonders in den USA haben freiwillige Firmenwechsel jedoch eine ganz andere persönliche und berufliche Bedeutung: Mehrere Arbeitsplatzwechsel werden im Lebenslauf keineswegs negativ, sondern sogar positiv bewertet, sprechen sie doch von einem weiten beruflichen Horizont mit vielen Erfahrungen. Erst im Zeichen veränderter wirtschaftlicher Bedingungen wurden und werden auch hierzulande Arbeitsplätze instabiler, allerdings meist nicht so freiwillig wie in den USA. Die Neigung, anstatt von Arbeitsplätzen von Jobs zu sprechen, nimmt mit der Verbreitung des Worts und der gleichzeitigen Verunsicherung des Arbeitsmarkts in Deutschland zu. Ein Wort der „Krise“ sozusagen, welcher und wessen auch immer!

Ist es nun Verniedlichung oder gar Verharmlosung, von „Jobs“ zu sprechen, wenn langjährige Mitarbeiter gekündigt werden? Um es mal so auszudrücken: Wer einer jüngeren Generation angehört, die keine langjährigen Berufsperspektiven mehr entwickeln kann, neigt eher dazu, von „Jobs“ zu sprechen, weil sie sich kaum vorstellen kann, dass Menschen irgendwo langjährig beschäftigt sein können. Das verschweigt aber das Leid, das über die künftig Arbeitslosen kommt. Einen „Job“ bekommt man immer irgendwo, denkt sich diese Generation wohl. Wer aber seriös journalistisch arbeitet, sollte Abstand von diesem Wort nehmen. Spätestens dann nämlich, wenn der eigene Job zur Disposition steht, merkt man vielleicht den Unterschied!

Armutsrisiken in Deutschland

Der neue Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

Not ist nicht bloß eine Gefahr, sondern sie ist eine Unfreiheit für den, der sie leidet. Eben deshalb ist ihre Beseitigung nicht mehr bloß Sache des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft.

(Gerhard Schröder, ehemaliger Bundesinnenminister, bei der Einführung des Bundessozialhilfegesetzes 1962, zitiert nach „Ein Leben in Würde — mit Hartz IV?“ auf NDR Info anlässlich einer WISO-Themenwoche)

Ein gerechtes Maß ökonomischer und sozialer Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger ist Grundvoraussetzung für sozialen Frieden und eine lebendige Demokratie.

(Seite I des Berichts)

Flaschensammler

Flaschensammler in Frankfurt am Main (Autor: Lindhoff/Journal Frankfurt)

Der mit Stand vom 17. September 2012 vorliegende und über 500 Seiten lange Report „Lebenslagen in Deutschland. Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung“ zeigt eine positive Entwicklung, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Nicht darüber hinwegsehen lässt sich jedoch, dass es nach wie vor erhebliche Ungleichheiten und Armutsrisiken gibt. Die Hartz-Reformen werden dafür nicht verantwortlich gemacht.

Die Entwicklung des Arbeitsmarkts ist in den vergangenen Jahren besonders gut verlaufen, da die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken ist. Auch „die Zahl der Langzeitarbeitslosen verringerte sich im Berichtszeitraum zwischen den Jahren 2007 und 2011 deutlich von 1,73 Mio. auf 1,06 Mio.“ (Seite IV).

Die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes schlägt sich jedoch nicht auf die Niedriglohn- und die Armutsrisikoquote („[…] eine Kennziffer für eine relativ niedrige Position in der Einkommensverteilung. Sie misst den Anteil der Personen, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt“, Seite VI) sowie auf den Vermögensaufbau nieder. „Hier bestehen weiterhin deutliche Ungleichheiten in den Lebenslagen“ (Seite III). Besonders die Privatvermögen sind „sehr ungleich verteilt“: „So verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens [= 53 Prozent] auf sich vereinen. Der Anteil des obersten Dezils [= Zehntelwerts] ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen“, während sowohl die Anteile des unteren als auch des mittleren „6. bis 9. Dezils“ zwischen 1998 und 2008 kontinuierlich gesunken sind (Seiten VIII bis IX und 334). Mit anderen Worten: Das Privatvermögen der Reichen ist trotz Wirtschafts- und Bankenkrise weiter gestiegen, während die Mittel- und Unterschicht über immer weniger private Mittel verfügt.

Sogar dem Staat ergeht es nicht besser: „Dem seit zwei Jahrzehnten fast unvermindert andauernden Abschmelzen der öffentlichen Vermögenswerte stehen [diese] beträchtliche[n] Vermögenszuwächse im privaten Sektor gegenüber […]. Während das Nettovermögen des deutschen Staates zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Mrd. Euro zurückging, hat sich das Nettovermögen der privaten Haushalte (einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbszweck) von knapp 4,6 auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt. Im Berichtszeitraum zwischen 2007 und 2012 stieg das private Nettovermögen um 1,4 Billionen“ (Seiten XXXIX und 52).

Zudem zeigen sich Ungleichheiten in der Lohn- und Gehaltsentwicklung: „Die Einkommensspreizung hat […] zugenommen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben die unteren 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten reale Entgeltverluste verzeichnet, während die Entwicklung am oberen Ende der Verteilung besonders günstig war. Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“ (Seite XX). Auch Stundenlöhne, „die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen, […] verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt“ (Seite XXII).

Mangelnde Bildung als Armutsrisiko

„Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Elternhäusern sowie insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund“ sind in Deutschland in Bezug auf Bildung eindeutig benachteiligt, und dies noch zusätzlich, wenn die Eltern erwerbslos sind (wobei hier besonders Familien mit Migrationshintergrund vertreten sind), da von ihnen oft eine negative Signalwirkung auf die eigenen Kinder ausgeht. Dazu ist „das deutsche Bildungssystem […] weniger als andere europäische Bildungssysteme […] in der Lage, benachteiligte Kinder […] zu fördern und damit familiär bedingte Bildungsungleichheiten auszugleichen“ (Seite XII). „Das Gutachten des [Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung] WZB kommt […] zu dem Schluss, dass es für diejenigen, die aus ungelernten Arbeiterpositionen kommen, zunehmend schwierig wird, relativ zum Rest der Bevölkerung einen Aufstieg zu erreichen“: „Kommt man aus ungelernten Arbeiterhaushalten, hat man ein erhöhtes Risiko, selbst ungelernt zu bleiben“ (Seite 63 ff.). Ähnliches gilt für den Schulbesuch: Bildungsstand und soziale Situation der Eltern sind entscheidend für die Schulwahl nach der Grundschule. „Demnach erhöht ein fehlender oder niedriger Bildungsabschluss des Vaters und insbesondere ein fehlender oder niedriger Bildungsabschluss der Mutter die Chance, dass auch ihr Kind nach der Grundschule kein Gymnasium besucht“ (Seite 93).

Neu am 4. Armuts- und Reichtumsbericht ist, dass seit 2011 erstmals „belastbare Zahlen“ über funktionalen Analphabetismus in Deutschland vorliegen. Nach einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erhobenen Studie können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren keine zusammenhängenden Texte lesen oder schreiben (Seite 244 ff.).

Kinder als Armutsrisiko

Kinder verstärken im Normalfall das Armutsrisiko nicht. „Allerdings führen besondere Lebenslagen […] wie die fehlende oder zu geringe Erwerbsbeteiligung der Eltern oder Krisen wie Trennung und Scheidung oftmals zu einem relativ geringen Einkommen. Beim Zusammenkommen verschiedener Faktoren können sich Armutsrisiken in den verschiedenen Lebenslagen gegenseitig verstärken […]. Überdurchschnittlich oft betroffen von Armutsrisiken sind Alleinerziehende und deren Kinder sowie Familien mit Migrationshintergrund“ (Seite XXV), wobei Letztere „etwa doppelt so häufig armutsgefährdet [sind] wie Familien ohne Migrationshintergrund“ (Seite 119). Umgekehrt lässt sich von der Lebenslage der Eltern auf die der Kinder schließen: „Je früher und je länger ein Kind Armutserfahrungen macht, desto gravierender sind die Folgen für seine Lebenssituation heute und sein [sic!] Zukunftschancen morgen. […] insbesondere Kinder aus nicht [in] Vollzeit erwerbstätigen Einelternhaushalten [verharren] überdurchschnittlich lange in einer Einkommensposition unterhalb der Armutsrisikoschwelle“ (Seite 70).

Krankheit als Armutsrisiko

Eine benachteiligte Lebenssituation ist nicht zwangsläufig Ursache für eine schlechtere Gesundheit. „Dennoch kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass Personen mit niedrigen Einkommenspositionen stärker von gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen sind bzw. ihren gesundheitlichen Zustand schlechter einschätzen, als Menschen mit mittleren oder hohen Einkommenspositionen“ (Seite XXXII). „Krankheit wiederum erhöht das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung“ (Seite XXXIII] und „Arbeitslosigkeit hat auch eine klar erwiesene kausale Wirkung auf das Wohlbefinden von Menschen. […] Kein anderer Faktor hat in Deutschland eine vergleichbare negative Wirkung auf das Wohlbefinden“, was damit zusammenhängt, dass „in Deutschland der Stellenwert der Arbeit weit über das Materielle hinaus [reicht] und Dimensionen [umfasst], die persönliches Wohlbefinden ebenso betreffen wie das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl des Einzelnen“ (Seiten 200 bis 201).

Niedriglöhne als Armutsrisiko

„Knapp ein Viertel der abhängig Beschäftigten beziehen einen relativ niedrigen Bruttostundenlohn, der unterhalb von zwei Dritteln des mittleren Stundenlohnes liegt. Dieser Anteil ist seit 2000 bis 2007 von gut 20 Prozent kontinuierlich auf rund 24 Prozent angestiegen und schwankt seitdem bei rund 23 Prozent“ (Seite VIII), d. h., dass „in Deutschland über 3,5 Mio. Menschen für einen Bruttostundenlohn von weniger als sieben Euro“ arbeiten (Seite 205). Nimmt man als Niedriglohnschwelle einen Stundenlohn in Höhe von 9,15 Euro, wie es das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) berechnet, so „arbeiteten im Jahr 2010 deutschlandweit 7,92 Millionen Menschen“ für maximal einen solchen Stundenlohn (Seite 327).

Inwieweit Beschäftigung im Niedriglohnsektor Auswirkungen auf das Armutsrisiko hat, sei schwer zu ermitteln, da es sich „nur im Haushaltskontext und bei der Gesamtbetrachtung der persönlichen Lebenssituation der Betroffenen und ihrer Familien bewerten“ lässt. Festzustellen ist jedoch, dass „Berechnungen des [Instituts der deutschen Wirtschaft Köln] IW-Köln zeigen, dass etwa 16 Prozent der Beschäftigten mit einem Niedriglohn über ein Einkommen verfügen, das unterhalb der Armutsrisikoschwelle liegt“ (beide Seite 330), „wobei mit 62,7 Prozent überwiegend Frauen in dieser Beschäftigungsform arbeiteten“ (Seite 329).

Langzeitarbeitslosigkeit als Armutsrisiko

„Langzeitarbeitslosigkeit ist eine der gravierendsten Ursachen für Armut in Deutschland und eine große Herausforderung.“ Obwohl die Zahl der Arbeitslosen insgesamt zurückgegangen ist, „verbleiben zunehmend Personen mit Vermittlungshemmnissen in der Arbeitslosigkeit“: „Von den Langzeitarbeitslosen hat knapp die Hälfte keine abgeschlossene Berufsausbildung“ (alle Seite 359).

Hartz-Reformen kein Armutsrisiko

Der Bericht sieht „entgegen der allgemeinen Wahrnehmung“ in den Hartz-Reformen kein verstärktes Armutsrisiko: „Die im Zuge der so genannten Hartz-Reformen umgesetzten Änderungen im Transfersystem hatten genauso wie die Einführung des Elterngelds nach den Berechnungen des [Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung] IAW […] keine substanziellen Folgen für die Gesamtverteilung der Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland“. Für das Nettoäquivalenzeinkommen werden Größe und Zusammensetzung der Haushalte und „sowohl altersspezifische Bedarfe als auch Einsparungen gegenüber einem Einpersonenhaushalt berücksichtigt“ (Seite 318). Dessen tatsächlicher „Ungleichheitsanstieg zwischen 1999 und 2005“ kann nicht mit den Hartz-Reformen begründet werden, weil er sich „kontinuierlich über den ganzen Zeitraum vollzog, während das häufig als Ursache vermutete ‚Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt‘ [= Hartz IV] erst im Jahr 2005 eingeführt wurden [sic!]“ (Seite 324).

Materielle Deprivation

„In Deutschland sind fünf Prozent der Bevölkerung von erheblicher materieller Deprivation betroffen“ (Seite 340). Diese „wird auch umschrieben als Grad des Ausschlusses von mehr oder weniger großen Teilen eines allgemein akzeptierten Lebensstandards. […] Deprivation und relativ geringes Einkommen treten nicht automatisch gemeinsam auf“, wofür es „zahlreiche Gründe“ gibt, z. B., „dass Deprivation erst nach einer längeren Phase mit geringem Einkommen zeitverzögert auftritt, wenn auch Ersparnisse aufgebraucht sind“ (Seite 341).

Kritik am Bericht

Die Bundesregierung ist durch Beschlüsse des Bundestages aufgefordert, regelmäßig in der Mitte einer Legislaturperiode einen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen, der mit dem 4. Armuts- und Reichtumsbericht mit Stand vom 17. September 2012 den Ministern und Verbänden zur Abstimmung vorliegt. Der Berichtszeitraum umfasst die Jahre von 2007 bis 2011 und, je nach verfügbarer Datenlage, bis 2012. Die entfachte Diskussion, etwa über die Verteilung des Wohlstands in Deutschland, zeugt von großem Interesse. Kritik kam von den Gewerkschaften, weil im überarbeiteten Entwurf vom 21. November 2012 kritische Sätze fehlen und Hinweise auf unbequeme Fakten verschwunden sind.

Weitere Informationen

Beide Versionen des Berichts als PDF-Dateien gibt es auf der Seite über „neue Armut in Deutschland“ bei Sozialpolitik aktuell; siehe in diesen Notizen hier z. B. auch „Was tun? Über Sinn und Wandel menschlicher Arbeit“, „Soziales Klima immer eisiger“, „Kleines Hartzgedicht“ und „Soziokulturelles Leben mit Arbeitslosengeld II“. Dieser Artikel erschien in einer gekürzten und einfacheren Zusammenfassung ohne Zitate auch auf Mainperspektiven. Das Bild (zum Vergrößern bitte anklicken) wurde mit freundlicher Genehmigung des Journal Frankfurt veröffentlicht und stammt aus dem dortigen Artikel „Tafelwasser für Flaschensammler“ von Alicia Lindhoff.