Junge Alte

von Cornelia Tiedemann

Die Tür ist fest verschlossen,
der Raum ist still und leer.
Die Arbeit macht verdrossen,
die Stille lastet schwer.

Von draußen kommt ein Lachen
durch Türritz oder Wand.
Es warten tausend Sachen,
die Nerven sind gespannt.

Kollegen, die erzählen,
genaues hört man nicht.
Man kann es sich nicht wählen,
das Alter des Gesichts!

Gehört man zu den Alten,
ist zu melden nicht mehr viel,
man muss nur stumpf aushalten —
die Rente ist das Ziel!

Ideen soll man nicht bringen,
denn das ist unbequem,
man soll nur Leistung bringen,
nur das ist angenehm!

Da geht der Geist spazieren,
so sehr man sich bemüht.
Man kann nur noch verlieren,
aufgeben wärʼ verfrüht.

Was bleibt den jungen Alten
in der Monotonie,
als tapfer auszuhalten,
nicht kämpfen oder fliehʼn!

Mit Wochen, die vergehen,
sinkt der Schaffensmut.
Fehler werden gesehen —
nie ist was gut genug!

Wie die Zeit so schwindet,
schwindet Gehen als Option.
Mit über 50 findet
man kaum mehr neuen Lohn!

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin, bei der auch die Urheberrechte liegen.)

Fachkräftemangel?

NIST Precision engineering research

Seit Langem beklagen deutsche Wirtschaftsunternehmen einen gravierenden Fachkräftemangel. Ihr Ruf nach Spezialisten aus dem Ausland wird immer lauter. Auf der anderen Seite suchen jedoch beispielsweise Elektro-Ingenieure, Diplom-Chemiker oder IT-Spezialisten händeringend eine Stelle. Was ist dran am Fachkräftemangel?

Als „Fachkräftemangel“ wird ein Zustand bezeichnet, während dem Arbeitsplätze für Mitarbeiter mit speziellen Kenntnissen nicht besetzt werden können, weil solche Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden sind. Verschiedene Wirtschaftsverbände beklagen immer wieder, dass für offene Stellen keine qualifizierten Fachkräfte gefunden werden können. Der Ruf nach Fachkräften führt beispielsweise dazu, dass immer mehr junge Leute ein technisches Studium beginnen. Für einige Bereiche gibt es dadurch inzwischen schon mehr Absolventen als Arbeitsplätze, so in einem Beitrag von Michael Haselrieder für das ZDF-Heute-Journal vom 29. November 2012. Auch Professor Dr. Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stellt ebendort fest, dass es derzeit keinen allgemeinen und flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt. Lediglich in einigen Regionen und Branchen gäbe es Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, sonst seien genügend Arbeitskräfte vorhanden. Laut einer Studie des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) konnten im Jahr 2011 92 Prozent aller offenen Fachkräftestellen sofort besetzt werden (IAB-Arbeitspanel 2000 bis 2011). Warum also der beklagte Mangel, wenn es teilweise ein Überangebot an qualifizierten Bewerbern gibt?

Bonin folgert, „[...] dass man verhindern will, dass die die Löhne steigen, also wenn Fachkräfte knapp sind, führt das zu Lohnsteigerungen und das reduziert die Gewinne der Unternehmen.“ Oder anders ausgedrückt: Ein Überangebot an Fachkräften drückt die Lohnkosten. Also alles künstlich aufgebauscht? Brauchen wir Zuwanderung aus dem Ausland?

Deutsche Fachkräfte sind nicht billig. Selbst, wenn sie zurzeit arbeitslos sind, möchten sie nicht (weit) unter Wert arbeiten. Das wissen Arbeitgeber. Also wird in einigen Bereichen mit dem Ruf nach Fachkräften ein Überangebot erzeugt, während in anderen Bereichen der Ruf nach Fachkräften aus dem Ausland immer lauter wird. Bereits heute arbeiten jedoch viele ausländische hoch Qualifizierte im Niedriglohnbereich oder sind arbeitslos, weil ihre Abschlüsse hierzulande nicht anerkannt werden. Haben sie doch eine Stelle, erhalten sie meist weniger Lohn als ihre deutschen Kollegen. So werden die Lohnkosten gedrückt. Die Forderungen der Wirtschaft nach längerer Lebensarbeits- und Wochenarbeitszeit und nach Ausweitung der Zuwanderung liegen so letztlich nur im Interesse der Arbeitgeber. Alternativen wie die Umverteilung der Arbeit, etwa durch Arbeitszeitverkürzung, oder die Verstärkung des Weiterbildungsangebots für ältere Arbeitnehmer werden kaum diskutiert, und allzu leicht wird übersehen, dass die Gehälter nicht nur bei Fachkräften in den letzten Jahren kaum gestiegen sind.

Berücksichtigt man auch die demografische Entwicklung in Deutschland, so ist ein akuter Fachkräftemangel erst in etwa zehn bis fünfzehn Jahren zu erwarten, wenn immer weniger junge Arbeitskräfte nachwachsen.

Link zum Thema:
siehe den mit vielen Pro- und Contra-Verweisen sehr ausführlichen Wikipedia-Artikel „Fachkräftemangel“

(Zuerst veröffentlicht am 19. Dezember 2012 bei mainperspektiven.de: „Was ist dran am Fachkräftemangel?“)

Favorite Was tun?

Baustelle

Über Sinn und Wandel menschlicher Arbeit

Dein Leben war Arbeit.

(Grabsteininschrift auf einem Berliner Friedhof, gezeigt in der Ausstellung)

Wenn das Leben köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.

(Grabsteininschrift nach Psalm 90.10, gefunden bei Volker Hamp)

Man hat Arbeit oder man hat keine. Im ersteren Fall oft zu viel, oft auch schlecht bezahlt, sodass man davon nicht leben kann. Und Arbeitslosigkeit kann ganz schnell jeden treffen. „Was tun? Über den Sinn menschlicher Arbeit“, eine Ausstellung im Frankfurter Senckenberg-Naturmuseum, zeigte, dass sich unsere Arbeitswelt in den letzten Jahren rasant verändert hat und dass diese Veränderungen noch längst nicht abgeschlossen sind. Das bedeutet auch, dass wir unser Verständnis von „Arbeit“ überdenken müssen.

Zunächst einige Zahlen und Fakten aus der Ausstellung, die vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden konzipiert und in Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem dortigen Historischen Museum gezeigt wurde: Die Anzahl der Erwerbstätigen lag 2011 so hoch wie nie in der Geschichte der Bundesrepublik, womit sich auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden erhöht hat, so seit 2009 um 4 Prozent. Doch unsere Jahresarbeitszeit sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich, was man sich als Vollbeschäftigter, der bis in die Abendstunden und am Wochenende arbeitet, kaum vorzustellen vermag. Diese Entwicklung ist auf den steigenden Anteil von Teilzeit- und Kurzarbeit sowie von 400-(Mini-) oder 1-Euro-Jobs zurückzuführen (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB). Auch die Anzahl der geleisteten Überstunden pro Woche sinkt beständig: von 3 Stunden 17 Minuten im Jahr 1970 bis auf nur noch 56 Minuten 2011 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Da wir insgesamt gesehen mehr Freizeit haben und haben werden, steigt die Zahl der Beschäftigten in der sogenannten „Freizeitindustrie“.

Wer als Vollbeschäftigter glaubt, dass er für seine gestiegene Arbeitsleistung auch besser entlohnt wird oder die Gehälter an die Inflationsrate angepasst wurden, wird zumindest hierzulande seit Langem enttäuscht. Die Lohn- und Gehaltsentwicklungen einiger ausgewählter Länder von 2000 bis 2009: Norwegen +25,1 %, Republik Korea +18,3 %, Großbritannien +14,0 %, Dänemark +10,7 %, Schweiz +9,3 %, Frankreich +8,6 %, Japan +1,8 %, Deutschland −4,5 % (Quelle: International Labor Organization ILO, Global Wage Database).

Nicht verifizieren konnte der Autor die in der Ausstellung genannten Zahlen des Statistischen Bundesamts zu den Konsumausgaben, nach denen die Ausgaben für Haustiere steigen, die für Nahrungsmittel, Verkehr und Freizeit seit 2007 zurückgehen.

Die Zahl der Krankmeldungen in Tagen sinkt seit Jahren, demgegenüber hat sich die Zahl derer aufgrund psychischer Störungen in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, was nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass sich die Diagnosemöglichkeiten verbessert haben und es kein Tabu mehr ist, sich eine psychische Störung einzugestehen. Für viele Beschäftigte ist der Leistungs- und Zeitdruck am Arbeitsplatz nicht mehr auszuhalten.

Die Einkommensentwicklung und die Beschäftigungsquote sind unter Personen mit Hochschulabschluss am besten. Doch laut PISA-Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD fällt es in kaum einem von PISA erfassten Land schwerer, seinen gesellschaftlichen Status zu verlassen, als in Deutschland.

Die Zukunft der Arbeit

Experten prognostizieren einen Arbeitskräftemangel in 20 Jahren, besonders Fachkräfte werden schon heute gesucht. Wir werden uns weiter in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft entwickeln, die Zahl der Beschäftigten in der Industrie wird sich nur noch leicht steigern, die derer in der Landwirtschaft sogar ab- und Altersarbeit zunehmen (Quellen: Prognos, Eurostat, OECD). Dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse werden zunehmend durch befristete ersetzt werden, was für viele schon heute die Regel ist. Dies führt zu einer Infragestellung der eigenen Lebensentwürfe, denn die gesellschaftliche Anerkennung durch einen lebenslang ausgeübten Beruf wird nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.

Arbeit versus Erwerbsarbeit

Bisher wurde hier nur von „Arbeit“ im Sinn von „Erwerbsarbeit“ gesprochen, das heißt von einer Leistung gegen ein Entgelt, das den Lebensunterhalt sichern soll, und die für die meisten Menschen den Mittelpunkt des Lebens darstellt (siehe auch den Begriff „Arbeit“ im Wiki-Wörterbuch Wiktionary und die Begriffserklärungsseite „Arbeit“ in der freien Enzyklopädie Wikipedia). Und die einzige Form von Arbeit, die gesellschaftlich gewürdigt wird. Doch wie verhält es sich mit Familien- und Hausarbeit oder ehrenamtlicher Tätigkeit? Oder anders gefragt: Warum wird solch notwendigen Arbeiten die gesellschaftliche Anerkennung versagt?

Familien- und Hausarbeit

Familien- und Hausarbeit gehorcht nicht den Regeln der Erwerbsarbeit, weil sie als nicht produktiv gilt und nicht entlohnt wird. Damit erfährt sie keine gesellschaftliche Anerkennung, doch wenigstens eine persönliche Bestätigung im familiären Bereich. Dem vielfach geäußerten Ruf nach einer Entlohnung halten Kritiker jedoch entgegen, dass familiäre Beziehungen einer wirtschaftlichen Denkweise unterzogen werden würden.

Ehrenamt

Während Familien- und Hausarbeit keine gesellschaftliche Anerkennung erfährt, so verhält es sich mit ehrenamtlichen Tätigkeiten etwas anders. Sie bieten vielen, auch arbeitslosen Menschen die Möglichkeit, „etwas Sinnvolles“ zu tun, weshalb sie mit einem hohen persönlichen Mehrwert verbunden sind. Kritiker des Ehrenamts bemängeln jedoch, dass wegen der hauptsächlichen Ausübung im sozialen Bereich der Staat sich aus seiner ihm ursprünglich angestammten sozialen Verantwortung entlässt und die dafür vorgesehenen Gelder anderen Zwecken wie etwa der Rüstung widmen kann. Zudem entsteht eine Situation, in der zwar auf der einen Seite Millionen Menschen ohne Arbeit sind, auf der anderen Seite aber Ehrenamtliche diesen die Arbeit wegnehmen, und zwar freiwillig und unbezahlt. Schließlich bleibt festzuhalten, dass ganze Bereiche wie das Gesundheits- und Sozialwesen ohne Ehrenamtliche nicht mehr funktionieren würden.

Der Wunsch nach Anerkennung

Der Wunsch nach Anerkennung ist eine wichtige Triebfeder menschlichen Tuns und wird schon in frühester Kindheit in uns entwickelt. Die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz hängt oft damit zusammen, dass dort nicht genügend Anerkennung erfahren wird, auch in finanzieller Hinsicht, und die Unzufriedenheit in der Arbeitslosigkeit damit, dass keine Anerkennung mehr erfahren wird. In unserer von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Gesellschaft zählt ein Mensch nur, wenn er von einem gesellschaftlichen Nutzen ist, und der bedeutet nun einmal, eine Arbeit im Sinn einer „Erwerbsarbeit“ zu haben und mit ihr und durch sie den allgemeinen Wohlstand zu mehren, also produktiv zu sein.

Autorität

Während der Arbeit kann man sich beweisen: Sich in einer Sache gut auszukennen, gebraucht und für seine Leistung bewundert zu werden, Macht und Autorität auszustrahlen, kann eine ähnlich starke Faszination ausüben wie der Wunsch nach Anerkennung. Doch wenn Berufe nur nach ihrem gesellschaftlichen Ansehen und dem Wunsch nach Autorität ausgewählt werden und nicht nach Interessen und Neigungen, ist der Arbeitsplatz kein Ort der persönlichen Entwicklung mehr, sondern nur noch einer der Autorität.

Solidargemeinschaft und Konkurrenzkampf

Eine Gesellschaft ist auch eine Solidargemeinschaft, in der über Sozialversicherungen und den „Generationenvertrag“ der Wohlstand gleichmäßig geteilt und sich um solche gekümmert werden sollte, die aus unterschiedlichen Gründen auf Unterstützung angewiesen sind. Doch da unser Kranken-, Renten- und Sozialversicherungssystem in einer Zeit entstand, in der vom Modell einer lebenslangen Erwerbsarbeit ausgegangen wurde, das schon heute nicht mehr gültig ist, bedroht die sogenannte „Prekarisierung“ weiter Teile der Bevölkerung die Solidargemeinschaft.

Nicht oder allenfalls in einigen der in der Ausstellung gezeigten Interviews erwähnt wurde, dass der Konkurrenzkampf unter Arbeitnehmern, resultierend aus der Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, zugenommen hat und noch zunehmen wird. Die Finanzkrise, die Globalisierung und die Auslagerung von Arbeitsplätzen in „billigere“ Länder, die immer noch hohen Arbeitslosenzahlen und steigende Leiharbeit verschärfen die Lage. Dies führt ebenfalls dazu, dass die Solidargemeinschaft bröckelt, aber auch dazu, dass die Existenzangst paradoxerweise besonders unter den Besserverdienenden steigt und nicht etwa bei denen, die bereits unter prekären Verhältnissen leben (siehe hier auch „Soziales Klima immer eisiger“).

Fazit

Arbeit im Sinn von „Erwerbsarbeit“ ist ungleich verteilt: Viele arbeiten freiwillig/gezwungen länger als gesetzlich vorgeschrieben, viele unfreiwillig kürzer oder gar nicht. Die Erwerbsarbeit wird gespalten in „gute“ und „schlechte“ Arbeit, unsere Gesellschaft in Hoch- und Minderlöhner, oft gilt: „Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit!“

Die arbeitslose Existenz wird von Amts wegen unter Verhältnissen vorgeführt, mit denen niemand tauschen möchte: „Der arbeitsethische Gebrauchswert der Arbeitslosen besteht darin, dass es sie gibt, dass sie gar nicht umhin können, zu Mitwirkenden einer großen gesellschaftlichen Inszenierung zu werden, deren kathartischer Effekt in der sozialen Abschreckung besteht: lieber miserable Arbeit als solch soziales Siechtum!“ (Wolfgang Engler: „Die Entmündigung des Bürgers“, Berliner Zeitung vom 19. Februar 2005).

Tätigkeiten, die nicht dazu dienen, den gesellschaftlichen Wohlstand zu mehren, keinen allgemeinen Nutzen haben und nicht effizient sind, sind überflüssig oder Privatsache. Glück, Anerkennung, aber auch Autorität und gute Bezahlung sind im gebräuchlichen Sinn der Erwerbsarbeit allenfalls persönlicher Mehrwert. Und jeder, der ohne Arbeit dasteht, gerät in den Verdacht, ein Parasit, ein Faulenzer und an seiner Lage selbst schuld zu sein. Allein das Ehrenamt wird noch als Arbeit und gesellschaftlich anerkannt, ohne vergütet zu werden. Damit stellt es trotz aller berechtigter Kritik ein Vorbild für Arbeiten dar, deren Anerkennung nicht dem ökonomischen Profitdenken der Erwerbsarbeit folgt und die zudem einen hohen persönlichen Sinn stiften.

Heute haben zwar so viele Menschen einen festen Arbeitsplatz wie nie zuvor, doch dieser ist auch so gefährdet wie nie zuvor. Nicht nur Wirtschafts-, Banken- und Finanzkrisen (die nächste wird schon prognostiziert!), auch die Globalisierung (in deren Folge schon heute Menschen weltweit mal hier, mal da beschäftigt sind), der Klimawandel und die Endlichkeit der Ressourcen (ganz zu schweigen davon, dass die Absatzmärkte igendwann gesättigt sein werden) machen es notwendig, dass Unternehmer flexibel auf sich ändernde Anforderungen reagieren müssen. Arbeitnehmer ebenso: Befristete, Teilzeit- und Kurzarbeit werden weiter anwachsen. Denkbar ist auch, dass die Zahl der Arbeitslosen wieder zunehmen könnte. Eine Tendenz zu mehr freier Zeit ist schon jetzt absehbar und wird sich weiter verstärken. Zudem wird es immer Menschen geben, für die unser Erwerbssystem keine Verwendung hat.

Unser Verständnis von Arbeit im Sinn von (lebenslanger) Erwerbsarbeit wird immer mehr infrage gestellt werden und irgendwann in seiner heutigen Form, in der wir von einer Leistung gegen ein Entgelt sprechen, das den Lebensunterhalt sichern soll und die den Mittelpunkt des Lebens darstellt, nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Damit begründet, bedarf unser Versicherungssystem einer dringenden Revision. Schon heute können immer mehr Ruheständler nicht mehr von ihrer Rente leben, Altersarmut breitet sich aus.

Haus-, Familien- und ehrenamtliche Arbeit stellen gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten dar, die eine neue Würdigung auch in finanzieller Hinsicht erfahren sollten. Ohne hier einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle das Wort reden zu wollen (Kritiker befürchten u. a., dass dies auf eine unfreiwillige Subvention der Unternehmer hinauslaufen könnte), bedeuten diese Veränderungen dessen ungeachtet, dass neue Formen des Unterhalts und des Auskommens gefunden und der Zusammenhang zwischen Arbeit und Einkommen aufgelöst werden müssen.

Doch die Dominanz der Wirtschaft und ihrer Interessen leitet nicht nur unser Leben, sondern schon längst auch die Politik, die dadurch entmachtet wird bzw. sich selbst entmachtet. Unsere Bedürfnisse werden von der Wirtschaft und ihrem Sprachrohr, der Werbung bestimmt, politische Entscheidungen werden wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. So sind zurzeit weder von der Wirtschaft noch von der Politik Lösungen im Hinblick auf eine tragfähige Zukunft der (Erwerbs-)Arbeit und ihrer Entlohnung zu erwarten.

Alternative Möglichkeiten der Lebensplanung sind aber schon jetzt gefragt, die dem Leben einen Sinn geben. Es gilt, sich von der Arbeit zu emanzipieren!

Weitere Informationen zur Ausstellung:
Pressetext der Bundesagentur für Arbeit
Besprechnung des Hessischen Rundfunks
Begleitprojekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Nicht zur Ausstellung, aber auch interessant:
Pressemeldung des DGB zum DGB-Index Gute Arbeit zu Stress am Arbeitsplatz mit der Möglichkeit, die kompletten Ergebnisse der Repräsentativumfrage 2011 zu den Themen „Arbeitshetze — Arbeitsintensivierung — Entgrenzung“ als PDF herunterzuladen

Literatur zum Thema:
Wolfgang Engler: „Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft“, Aufbau, Berlin 2005
Dieter Schnack, Thomas Gesterkamp: „Hauptsache Arbeit? Männer zwischen Beruf und Familie“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996

Fördern und Fordern

AA-Leipzig

Von während eines Beschäftigungsverhältnisses gezahltem Arbeitslosengeld II und anderen Widersprüchen

Die Jobcenter machen seit der Hartz-IV-Reform mit ihrem Slogan „Fördern und Fordern“ von sich reden. Auch beim Autor. Zuerst fördern sie ihn mit „Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II)“, obwohl er seit Wochen in einem Arbeitsverhältnis steht und sich davor ordentlich abgemeldet hat, und dann kommen sie mit Forderungen: Das zu viel überwiesene Geld soll zurückgezahlt werden! Dass sie sich dabei als so unfähig erweisen wie schon beim Fördern, das mag hier in einer Chronik der Ereignisse erzählt werden.

Nach längerer Arbeitslosigkeit ist man dankbar für jede neue Stelle, und wenn diese dann auch noch den Qualifikationen entspricht, die man mitbringt, umso mehr! So geschehen im letzten Jahr, als ab Ende Mai 2011 eine Festanstellung als Korrektor im Rahmen einer Personalüberlassung winkte.

Da im folgenden Monat ein Termin bei seiner persönlichen Ansprechpartnerin anstand, die sich mit ihm sicher wieder über seine Bemühungen bei der Arbeitssuche („fordern“) unterhalten und ihm irgendwelche relativ unterqualifizierte oder, im Gegenteil, ziemlich überqualifizierte Stellen („fördern“) anbieten wollte, sagte der Autor mit dem der „Einladung“ beiliegenden Formblatt diese mit der Begründung ab, dass er ab Ende Mai in einer neuen Anstellung stehen wird. Dies wurde auch registriert, denn keine zwei Wochen später erging ihm eine Aufforderung, dem Jobcenter eine Kopie des Arbeitsvertrags zukommen zu lassen, der er innerhalb einer Woche nachkam.

Es ist zwar üblich, dass bei einer neuen Stelle davon ausgegangen wird, dass das erste Gehalt frühestens erst nach einem Monat auf dem eigenen Konto sein wird und man bis dahin nichts hat, sodass man für den ersten Monat nochmals eine Zahlung erhält, die auf Kreditbasis gewährt wird, aber das Erstaunen des Autors war groß, als dies auch noch im nächsten Monat geschah!

Die neue Stelle selbst entpuppte sich leider bald als ein Schlag ins Wasser und wurde auch nach wenigen Wochen gekündigt, doch standen nun knapp zwei Monate Leistungsbezug an, für die der Autor zusätzlich sein wohlverdientes Gehalt bekam. Oder umgekehrt. Das Jobcenter reagierte jedenfalls nun endlich, und zwar in Form einer „Anhörung gemäß § 24 Zehntes Buch Sozialgesetzbuch (SGB X)“ vom 25. August 2011 mit dem Inhalt, dass er für die Zeit vom „01.07.2011 bis 31.07.2011 Arbeitslosengeld II in Höhe von [...] zu Unrecht bezogen“ und „Sie die Überzahlung verursacht, da Sie eine für den Leistungsanspruch erhebliche Änderung in Ihren Verhältnissen nicht angezeigt haben.“

Wie bitte? Der Autor legte sofort Widerspruch ein, denn er ist der Ansicht, dass er diese „erhebliche Änderung“ sehr wohl angezeigt hatte und diese auch registriert wurde, denn er erhielt ja eine Aufforderung („fordern“) zur Vorlage des Arbeitsvertrags, der er nachgekommen ist, und dass die Stelle nicht wie angegeben bis zum 31. Juli, sondern nur bis zum 22. Juli ausgeübt wurde.

Mit Schreiben vom 9. September erging ihm ein „Aufhebungs- und Erstattungsbescheid“ des Jobcenters, der erneut einen falschen Zeitraum enthielt: Diesmal sollte die Beschäftigung sogar bis zum 31. August 2011 stattgefunden haben! So erfolgte am 25. September ein erneuter „Widerspruch unter Verweis auf § 45 Abs. 2 SGB X“ mit u. a. folgendem Wortlaut: „Begründung: Die Veränderungen in den Vermögens- und Einkommensverhältnissen wurden dem Jobcenter nachweislich mitgeteilt, sodass mich kein Verschulden trifft. Zudem ist der im o. g. Schreiben genannte Erstattungszeitraum ‚1. Juli 2011 — 31. August 2011‘ erneut falsch, da die Beschäftigung nachweislich nur bis zum 22. Juli ausgeübt wurde und daher für den Monat August 2011 keine Berechtigung für eine Erstattung vorliegt.“

Mit Schreiben vom 23. Oktober 2011: „Mahnung“ der Inkassostelle der Bundesagentur für Arbeit (BA) inklusive Erhebung einer Mahngebühr! Sofortiger erneuter Widerspruch per E-Mail mit Hinweis auf das Widerspruchsverfahren und die Unrechtmäßigkeit der Verrechnung von Forderungen mit laufenden Leistungen. Kurz darauf Antwort auf ebendiesem Weg: Von einem Widerspruch gegen die Verfügung ist der Inkassostelle nichts bekannt.

Mit Schreiben vom 24. November (!) 2011: Bestätigung des Jobcenters, dass der Widerspruch vom 25. September „am 27. September 2011“ eingegangen ist.

22. Dezember 2011: sicherheitshalber das Girokonto auf ein Pfändungsschutzkonto (P-Konto) umgestellt.

Mit Schreiben vom 11. Februar 2012: „Mahnung“ der Inkassostelle der BA ohne Angabe, auf welche Forderung sich diese bezieht, aber mit dem Hinweis, dass „die am 01.02.2012 fällige Rate [...] bisher nicht vollständig eingegangen“ ist!

Hä? Da über den Widerspruch noch nicht entschieden wurde, kann also auch keine Abmachung über eine Ratenzahlung getroffen worden sein! Und was, bitte, heißt zudem „nicht vollständig“? Der Autor hat bisher keinen einzigen Cent überwiesen, also auch keine unvollständige Rate! Also:

21. Februar 2012: Antwort des Autors per E-Mail: „Sie schicken mir eine Mahnung mit einer Forderung, ohne anzugeben, auf welchen Sachverhalt sich diese bezieht. Da ich gegen einen früher ergangen Bescheid Widerspruch eingelegt habe, über den meines Wissens noch nicht entschieden wurde, ist mir also auch keine Abmachung über eine Einigung hinsichtlich einer Ratenzahlung bekannt. Bitte begründen Sie also Ihre Forderung!“

Mit Schreiben vom 22. Februar 2012: erneute „Mahnung“ der BA mit erneuter Erhebung von Mahngebühren.

Mit Schreiben vom 7. März 2012: „Einziehung von Forderungen“ der BA: „Ihr Schreiben habe ich an die Agentur für Arbeit Frankfurt weitergeleitet. Sie erhalten von dort weitere Nachricht.“ Welches Schreiben? Aber immerhin …

Mit Schreiben vom 28. März 2012: „Vollstreckungsbescheid“ des Hauptzollamts Gießen, Vollstreckungsstelle. Aha, endlich wird mal ein Zeitraum genannt, auf den sich die Forderung bezieht: Es geht nämlich um eine berechtigte alte vom Dezember 2010, als der Autor eine geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job) mit unregelmäßig hohem Nebenverdienst hatte, und gar nicht um die oben beschriebene. Aber das wurde doch schon mit den Leistungen für den Folgemonat verrechnet und einbehalten! Daher:

Mit Schreiben vom 5. April 2012 Widerspruch meinerseits.

Seit dem 1. Februar 2012 ist der Autor in einer neuen Stelle, mit der er bisher sehr zufrieden ist. Vorher hat er sich natürlich bei seiner persönlichen Ansprechpartnerin abgemeldet und ihr nach Erhalt auch sofort eine Kopie des Arbeitsvertrags zugesandt. Für den Monat Februar erhielt er üblicherweise (siehe oben) nochmals seine Leistungen, da die erste Gehaltsüberweisung ja erst gegen Ende des Monats erfolgte, aber was musste er zu seinem erneuten Erstaunen feststellen? Mit seinem Gehalt erfolgte gleichzeitig eine weitere Leistungsüberweisung der BA für den Monat März!

21. März 2012: Rücküberweisung dieser Leistungen.

Mit Schreiben vom 24. April 2012: „Aufhebungs- und Erstattungsbescheid“ des Jobcenters, worin wird die Rückzahlung der Leistungen für den „Erstattungszeitraum 1. Februar 2012 — 31. März 2012“ gefordert wird.

Mit Schreiben vom 3. Mai 2012: Hinweis meinerseits an das Jobcenter, dass sämtliche Leistungen für den im vorigen Schreiben genannten Zeitpunkt bereits zurücküberwiesen wurden.

Mit Schreiben vom 18. Juni 2012: „Mahnung“ mit Erhebung von Mahngebühren der BA, Regionaldirektion Hessen. Daher:

Mit Schreiben vom 26. Juni 2012: Widerspruch mit dem Hinweis darauf, dass über meinen Widerspruch vom 25. September 2011 noch kein Bescheid erging und somit die Erhebung von Mahngebühren unzulässig ist.

Mit Schreiben vom 26. Juni 2012: Widerspruch mit dem Hinweis darauf, dass über meinen Widerspruch vom 25. September 2011 noch kein Bescheid erging und somit die Erhebung von Mahngebühren unzulässig ist. Antwort zwei Tage später: Bestätigung der BA, Regionaldirektion Hessen, dass das „Widerspruchsverfahren noch nicht abgeschlossen wäre“ und dass die Mahngebühr storniert wurde. Immerhin!

Aktualisierung am 17. Oktober 2012
Mit Schreiben vom 24. August 2012: „Der Widerspruch wird als unbegründet zurückgewiesen. [...] Soweit der Widerspruchsführer einwendet, er habe jeweils rechtzeitig die Einkommensnachweise vorgelegt, übersieht er dass der Aufhebungsbescheid § 48 Abs. 1 S. 2 Nr. 3 SGB X keine subjektive Komponente enthält, es mithin auf kein Verschulden ankommt.“