Favorite Einsamkeit und Alleinsein

oder Gemeinsam einsam und allein im Internet?

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(aus dem Gedicht von Rainer Maria Rilke: Herbsttag)

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut. […]
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut!

(aus einem Gedicht von Wilhelm Busch aus: Zu guter Letzt)

Der Zustand der Einsamkeit ist altbekannt: Schon seit der Antike haben sich Philosophen und Künstler mit ihr beschäftigt. Heutzutage ist Einsamkeit eher ein Thema für Mediziner, Soziologen und vor allem für Psychologen. Die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein, kennen viele, und das trotz der Möglichkeiten des Internets. Und es werden immer mehr. Was hat das Internet mit Vereinsamung zu tun? Wie geht es Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die Angst vor Nähe und vor Einsamkeit haben? Ist Einsamkeit überhaupt dasselbe wie Alleinsein?

Einsamkeit ist alt

Eleanor-Rigby-Statue in Liverpool

War sie einsam oder allein? Die Eleanor-Rigby-Statue in Liverpool (Autor: Johncons Erik Ribsskog/Wikimedia Commons)

„Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Die Sozialwissenschaften erblicken in Einsamkeit überwiegend eine Normabweichung und einen Mangel; die Geisteswissenschaften billigen der Einsamkeit auch positive Aspekte zu, im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die Gedanken ordnen oder Kreativität entwickeln bzw. fördern kann.“ So beginnt der Wikipedia-Artikel über Einsamkeit. Auf die Geschichte der Rezeption dieser „Empfindung“ geht er leider nicht ein, aber Einsamkeit ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Ob schon Adam und Eva einsam waren, weil sie keine Freunde hatten außer sich selbst – wie sollten sie auch? –, sei dahingestellt.

Später, seit der Antike, haben sich Philosophen und Künstler mit ihr beschäftigt und sie unterschiedlich bewertet. Heutzutage ist Einsamkeit eher zu einem Thema für Mediziner, Soziologen und vor allem für Psychologen geworden. Seit Adam und Eva sind wir viel mehr Menschen auf diesem Planeten und haben viel mehr Möglichkeiten, die Einsamkeit (und die Angst vor ihr) zu umgehen, doch es mehren sich die Anzeichen, dass wir einsamer sind als unsere Ahnen.

Alleinsein und Einsamkeit – und Borderliner

Um es vorwegzunehmen: Einsamkeit ist nicht mit dem Alleinsein gleichzusetzen. Während Letzteres ein zeitlich begrenzter und oft auch selbst gewählter Zustand ist, ist Einsamkeit ein Dauerzustand. „Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit“, soll Alfred Polgar gesagt haben. Oft aber fühlen wir eine Angst sowohl vor dem einen als auch dem anderen Zustand. Und flüchten in den Trubel – oder ins Internet. Man kann anderen inzwischen ein Burn-out-Syndrom gestehen, vielleicht auch ein Bore-Out, gar eine Depression oder eine andere psychische Störung, aber einsam zu sein? Nur im Internet ist das möglich, und wo viele einsam sind, ist niemand allein, sollte man meinen.

Apropos psychische Störungen: Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs, abgekürzt BPS) haben Angst vor Nähe und vor Einsamkeit zugleich. Mitunter panische Ängste! (Zu große) Nähe kann dem mühsam aufrecht gehaltenen Selbstbild sehr gefährlich werden, aber allein wollen sie auch nicht sein. So wird jede Beziehung, zweifelhaft und verzweifelt gesucht, mehr oder weniger aus Not, hervorgerufen durch die Angst vor der Einsamkeit eingegangen, früher oder später, meist früher, zerstört. Erkennen wir, die im Internet Dutzende von Blog-Einträgen, Status-Aktualisierungen, „Tweets“, Selbstporträts („Selfies“), Kommentaren usw. veröffentlichen und auf den hochgereckten „Gefällt mir“-Daumen klicken, manchmal oder oft sogar stündlich, wenigstens aber täglich, und den ganzen Tag mit einem mobilen Kommunikationsgerät in der Hand herumlaufen, um nur ja keine Reaktion auf die Posts, Status-Updates, Tweets, Selfies und Kommentare zu verpassen, uns hier nicht wieder: (fast schon krampfhaft) nach Nähe suchen, aber einsam bleiben?

Ich poste, also bin ich

Mann hinter Klapprechner auf Bahnsteig

Der moderne Mensch: immer an einem Rechner (Microsoft Clip Art)

Das Verb „posten“ scheint zu einem Synonym für unsere Gesellschaft geworden zu sein: Ich poste, also bin ich! Selbst unsere tägliche Sprache ist aus dem Internet entlehnt: Kurzformeln, aus den Short Message Services (SMS) übernommen, geben stakkatohaft über unsere „Internetaffinität“ Auskunft. Nur bleibt dabei leider unsere Lebensaffinität auf der Strecke: „Wenn du all deine Energie in Facebook steckst, kannst du sie nicht in Dinge stecken, die tatsächlich funktionieren könnten“, schreib ein unbekannter US-amerikanischer Blogger namens „The Last Psychiatrist“. Und wer alles Interessante nur noch durch den Fokus der Kamera seines mobilen Kommunikationsgeräts sieht, um es für für irgendjemanden zu dokumentieren und irgendwo hochzuladen, hat von dem Ereignis selbst nichts, weil es eben nur gefiltert wahrgenommen wird.

Auch wie beim Borderliner bleibt doch bei allem Tun, aller Internetaktivität eine gewisse Unverbindlichkeit. Das Netz ist anonym, und der Mensch hinter dem Bildschirm bleibt es meist auch, sowohl auf der einen als auf der anderen Seite. Ganz bei sich, sofern wir es denn wünschen, ist man oft noch nicht einmal während des Alleinseins. „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können“, schrieb Blaise Pascal in seinen „Gedanken“ schon im 17. Jahrhundert, und gar ein Jahrhundert früher Michel de Montaigne in „Von der Einsamkeit“: „Unter unseren alltäglichen Handlungen ist von tausend nicht eine, die uns angeht.“ Sätze, die heute gültiger erscheinen als zu der Zeit, als sie gedacht und verfasst wurden!

Einsamkeit hängt damit zusammen, nicht allein sein zu können. Ganz bei sich ist man nur in der Einsamkeit, die aber unter allen Umständen vermieden werden soll, genauso wie das Alleinsein. Dabei bedingt doch eins das andere!

Authentizität und Selbstverwirklichung

„Authentisch sein“ und „Selbstverwirklichung“ heißen andere Gebote dieser Zeit. Beides gerät aber im Zusammenleben mit anderen in einen Konflikt: Entfremden wir uns nicht von uns selbst, geben das, was wir als unser Ich bezeichnen, nicht auf, wenn wir uns einem oder mehreren anderen Menschen zu sehr nähern?

Auch das sind Verhaltensweisen und Gedanken wie bei Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung! Von vielen Psychologen übrigens schon als die psychische Krankheit des 20. Jahrhunderts bezeichnet, scheint sie auch das 21. einzunehmen. Und da wir gerade bei Vergleichen sind: Viele Borderliner gelten als sehr kreative Menschen (wenngleich in vieler Hinsicht aus purem Überlebenswillen: Die Kreativität dient, ähnlich wie die Improvisation bei armen Menschen im Süden der Erdkugel, dazu, den Alltag zu organisieren!). Und leben wir nicht auch in einem Zeitalter der „Kreativen“, in dem jeder gern ein Künstler ist oder wäre oder sich zumindest so sieht?

Die Möglichkeiten des Internets beflügeln geradezu die Kreativität, sie und sich selbst auszudrücken, aber das Internet und seine Anonymität bedeuten eben auch einen Verlust von Aufgehobenheit. Wir können dort zwar authentisch sein und uns selbst verwirklichen, im schlimmsten Fall – der gar nicht so selten ist! – sogar den Beleidiger, den Rüpel, den Stalker und Kriminellen in uns herauslassen, aber damit nur andere Beleidiger, Rüpel, Stalker und Kriminelle auf den Plan rufen!

Einsamkeit im Alter nimmt zu

Einsamkeit betrifft keineswegs nur junge und Menschen mittleren Alters. Nach einer Studie der American Association of Retired Persons (AARP) aus dem Jahre 2010 sind 35 Prozent der Über-45-Jährigen chronisch einsam. In Deutschland dürfte es ähnlich aussehen: Nach einer auf dem Statistik-Portal Statista veröffentlichten Umfrage „Wie sehr stimmen Sie persönlich der Aussage ‚Ich fühle mich oft einsam.‘ zu?“, die allerdings keine Altersangaben nennt, antworteten immerhin 15,3 Prozent mit „stimmt eher“, 7,6 Prozent mit „stimmt ganz und gar“ und 0,7 Prozent wollten keine Angaben machen. Man darf vermuten, dass unter der überwiegenden Mehrheit, die „ganz und gar nicht“ oder „eher nicht“ zustimmt, und unter denen ohne Angabe eine „Dunkelziffer“ von Menschen steckt, die den Gedanken, dass sie einsam sein könnten, weit von sich weisen würden.

Und man darf weiterhin vermuten, dass die Anzahl der einsamen Alten noch zunehmen wird, denn die steigende Altersarmut trägt keineswegs dazu bei, ein geselliges Leben führen zu können – was, nebenbei bemerkt, auch auf Arbeitslose zutrifft, die ebenso stark von Vereinsamung bedroht sind. Und irgendwann wächst die jetzige Generation der „digitalisierten“ Einsamen nach. Wie sangen schon The Beatles in „Eleanor Rigby“, einem Lied, das den Zustand der Einsamkeit so treffend beschreibt: „Ah, look at all the lonely people“ …

Gesundheit und Abhilfe

Dass Einsamkeit auch gesundheitliche Probleme hervorruft, dürfte außer Frage stehen. Sie schlägt unter Anderem, welche Ironie, auf das Herz! Einsamkeit tötet (früher), lässt sich mit Fug und Recht behaupten. Aber was hilft gegen Einsamkeit? Eine Beziehung? Freunde? Geselligkeit? Doch auch eine gesellige Runde unter Arbeitskollegen oder Freunden, eine Beziehung oder gar eine Ehe, selbst die Liebe kann einen nicht vor Einsamkeit schützen.

Was uns helfen kann, ist Verbundenheit. In diesem Wort steckt „verbinden“, womit keine Internetverbindung gemeint ist! Verbundenheit ist Anteilnahme am Leben anderer, das über reines Interesse hinausgeht, und kann am ehesten über eine andere Person hergestellt werden. Das setzt allerdings voraus, dass die Außenwelt für unsere Innenwelt auch erreichbar sein muss, und das ungefiltert durch digitale Medien! Und, so paradox es klingen mag, über und durch das Alleinsein, das Allein-sein-Können!

Alleinsein – müssen ist das Schwerste, Alleinsein – können das Schönste.

(aus Hans Krailsheimer: Kein Ausweg ist auch einer)

„Es ist ein herrlich Ding um die Einsamkeit! Aber wir brauchen immer ein Wesen, dem wir sagen können: ‚Es ist ein herrlich Ding um die Einsamkeit!‘“ schrieb der Dichter Friedrich von Matthisson 1832. Oder, um es mit Goethe aus einem seiner Briefe an Charlotte von Stein zu sagen: „Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.“ Ob er hier allerdings um den Unterschied zwischen der Einsamkeit und dem Alleinsein gewusst oder die Begriffe synonym verwendet hat, wissen wir nicht. Aber wann haben wir eigentlich zuletzt einen Brief oder wenigstens eine Karte geschrieben?

Können wir das überhaupt noch?

Verweise zum Thema:
DIE WELT: Was Alleinsein von Einsamkeit unterscheidet
DIE WELT: Warum man trotz vieler Freunde einsam sein kann
Umfrage auf Statista: Häufige Einsamkeit – Zustimmung
Malte Welding: Epidemie der Einsamkeit mit weiteren Verweisen
Berliner Zeitung: Leben in Zeiten von Facebook: Gemeinsam allein im Internet
Das Single-Dasein: Thema des Monats: Einsamkeit. Single-Haushalte und die Fröste der Freiheit
AARP: Loneliness among Older Adults: A National Survey of Adults 45+ (PDF, 393,1 KB, englisch)
Johannes Bannwitz: Emotionale und soziale Einsamkeit im Alter. Eine empirische Analyse mit dem Alterssurvey 2002 (Diplomarbeit im Fach Soziologie, PDF, 1,5 MB)
The Last Psychiatrist: A Generational Pathology: Narcissism Is Not Grandiosity (englisch)
Ronalds Notizen: Zwitschern
Ronalds Notizen: Bin gut angekommen
Ronalds Notizen: 140 Zeichen (13)

Unser Globus

Die Weimarer Republik, Erich Kästner und unser Globus heute

Unser Globus befindet sich am Rande eines Abgrunds. Das war er auch zur Zeit der Weimarer Republik. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen. Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Oder war das ein Autor von heute, der unsere Zeit beschreibt?

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik, hier allerdings mit dem Beispiel Griechenlands (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Unser Globus befindet sich in politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht am Rande eines Abgrunds. Das war auch zur Zeit der Weimarer Republik schon so, die von 1918 bis 1933 existierte. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen, als da etwa sind: wirtschaftliche Probleme, unsichere Arbeitsplätze, hohe Arbeitslosigkeit, Kluft zwischen Arm und Reich, Spaltung der linken Parteien bzw. eine kaum vorhandene Opposition, zu starker Reichspräsident („Ersatzkaiser“) resp. Bundespräsidentin und eine Verharmlosung von Rechtsextremismus durch die Justiz. Dazu kommen eine sexuell aufgeladene Atmosphäre mit Ausschweifungen, die an Dekadenz grenzten, besonders im Berlin Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre.

Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Wüsste man das nicht, man könnte seinen Text für hochaktuell halten. Die Gefahr eines Weltkriegs sah er entgegen vieler Interpretationen allerdings nicht, sondern er hatte Angst vor einem Bürgerkrieg. Doch lesen wir selbst:

»Der Staat unterstützt den unrentablen Großbesitz. Der Staat unterstützt die Schwerindustrie. Sie liefern ihre Produkte zu Verlustpreisen ins Ausland, aber sie verkauft sie innerhalb unserer Grenzen über dem Niveau des Weltmarkts. Die Rohmaterialien sind zu teuer; der Fabrikant drückt die Löhne; der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt; das Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das etwa konsequent? Hat der Wahnsinn etwa keine Methode? […]«
[…]
»Die Technik multipliziert die Produktion. Die Technik dezimiert das Arbeitsheer. Die Kaufkraft der Massen hat galoppierende Schwindsucht. In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden. In Frankreich jammern die Weinbauern, daß die Ernte zu gut sei. Stellen Sie sich das vor. Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und Andere haben nichts zu fressen! Wenn in so eine Welt kein Blitz fährt, dann können sich die historischen Witterungsverhältnisse begraben lassen.« […]
[…]
»Wenn das, was unser geschätzter Erdball heute leidet, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie hat die Paralyse. Und sicher ist Ihnen allen bekannt, daß dieser äußerst unerfreuliche Zustand mitsamt seinen Folgen nur durch eine Kur heilbar ist, bei der es um Leben und Tod geht. Was tut man mit unserem Globus? Man behandelt ihn mit Kamillentee. Alle wissen, daß dieses Getränk nur bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten und Tee trinken, denkt man, und so schreitet die öffentliche Gehirnerweichung fort, daß es eine Freude ist.«
[…]
»[…] Wir werden nicht daran zugrunde gehen, daß einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, daß andere besonders dämlich sind. Und nicht daran, daß einige von diesen und jenen mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligten zugrunde. Wir wollen, daß es sich ändert, aber wir wollen nicht, daß wir uns ändern. Wozu sind die andern da?, denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl. Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin Geld, wo wenig ist. Die Schieberei und das Zinszahlen nehmen kein Ende, und die Besserung nimmt keinen Anfang.«
[…]
»Der Blutkreislauf ist vergiftet« […] »Und wir begnügen uns damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der sich Entzündungen zeigen, ein Pflaster zu kleben. Kann man so eine Blutvergiftung heilen? Man kann es nicht. Der Patient geht eines Tages, über und über mit Pflastern beklebt, kaputt!«

(Erich Kästner im gestrichenen dritten Kapitel „Der Herr ohne Blinddarm“ aus: Der Gang vor die Hunde, das als: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, Berlin 1931, erstveröffentlicht wurde. Dieses Kapitel und das darin enthaltene Gespräch unter Journalisten in einer Weinstube, aus dem zitiert wurde, veröffentlichte er außerhalb des Romans in: 30 neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa, herausgegeben von Wieland Herzfelde, Berlin 1932, ist aber auch in der Neuausgabe, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2013, im Anhang nachzulesen.)

Arbeitsstelle — alles nur geträumt

Als Langzeitarbeitsloser, der zudem auf die Sechzig zugeht, noch eine Arbeitsstelle zu bekommen? Ein Lottogewinn scheint machbarer! Dafür aber im Traum, wie dem Autor geschehen.

Träumender Mann

Arbeitslose träumen anders als jemand, der eine Arbeitsstelle hat! (Microsoft Clip Art)

Es ist bekanntermaßen heutzutage äußerst schwer, als Langzeitarbeitsloser eine Arbeitsstelle zu bekommen. Selbst nur einen Job. Noch dazu, wenn man rapide auf die Sechzig zugeht (siehe hier z. B. auch „Junge Alte“), wie der Autor dieser Notiz. Da scheint selbst ein Lottogewinn machbarer zu sein. Der Autor aber spielt und tippt nicht. Stattdessen träumte er des Nachmittags, als er sich noch einmal aufs Ohr legte, davon, dass sich seine frühere Vorgesetzte, Chefin eines kleinen Verlags, der leider insolvent wurde — er war dort in bequem verteilter Teilzeit als Sachbearbeiter Redaktion und Layout mit dem Editieren von Manuskripten, der Bearbeitung der eingesandten Bilder und der Erstellung der Typografie und dem Vorlayout auf den Musterseiten zweier verschiedener Zeitschriften tätig —, ihn kontaktierte. Sie hatte eine neue Geschäftsidee für einen neuen Verlag, Geld und gleich ein altes Haus angemietet, in dem die Verlags- und außerdem Wohnräume beherbergt waren, die allerdings noch modernisiert und eingerichtet werden mussten, und da sie sich früher gut verstanden, war sie auf ihn zurückgekommen.

Da muss man also träumen, um wieder eine Arbeitsstelle zu erhalten!

Doch weil der Autor dem etwas nachhelfen will, verweist er hier nochmals auf seine Bewerbungsseiten und auf seinen eigenen Internetauftritt, dessen Typografie demnächst auch etwas verändert werden soll, hoffend, dass er nicht auf den nächsten Traum von einer Arbeitsstelle warten muss.

Favorite Gedanken beim Eintritt in eine leerstehende Wohnung

Das alte, aufgebrochene Schloß bietet mir keinen Widerstand, als ich die Türe öffne. Grelles Licht empfängt mich beim Eintreten, das klare Nachmittagslicht läßt die teilweise frisch geweißten, kahlen Wände erleuchten, so daß ich meine Augen zunächst einmal zukneifen muß. Wie um der Öde dieses Zimmers in der inzwischen leerstehenden Wohnung zu entgehen, laufe ich ans Fenster. Hinter unzähligen anderen, fremden Dächern neigt sich die Sonne dem Untergange. Wie oft schon schaute ich hier oben vom Dachgeschoß hinaus, über diese Dächer, im Anblick des Sonnenunterganges, in freudiger Erwartung ihrer Rückkehr, beim Anblick des Vollmondes oder um einfach auf die Straße zu schauen, wenn sich meine Gedanken etwas eingeengt fühlten!

Ich setze mich auf eine Bank. Was läßt mich noch einmal hierher zurückkommen? Nur Sentimentalität?

Unwirklich ragen meine ausgestreckten Beine in den leeren Raum. Dreck liegt auf dem Fußboden, einige Kartons stehen noch herum, Abfalltüten — all das läßt den Raum schmutzig erscheinen, unbehaglich, traurig. Ich stehe unwillkürlich auf und gehe in das andere Zimmer, knipse eine alte Stehlampe an, die, wie im wahrsten Sinn des Wortes, stehengeblieben ist, und setze mich auf einen alten, wackligen Stuhl. An der Wand neben mir hängt noch die große Fototapete mit einem Wald. Der Anblick dieses Zimmers erschüttert mich, es kommt mir ohne die vertraut gewordenen Möbel fremder vor als das andere. Gleich neben mir lagen einmal die Matratzen zum Schlafen, auf denen auch ich einige gefühlvolle Nächte verbracht hatte.

Mir wird plötzlich kalt. Ich stehe auf und nehme mir einen alten Mantel, den sie an einer Türklinke hängen ließ. Für kurze Zeit wird er mich erwärmen, aber gegen die äußere Kälte dieser Räume wird auch er nicht entgegenwirken können.

Doch nicht nur die jetzt fehlenden Möbel belebten diese Wohnung, vielmehr noch vermisse ich die altbekannten Gesichter. Sie waren es, die mir hier eine zweite Heimat voll satter Glückseligkeit, kindlicher Unschuld, entspannter Ruhe, Intimität und tiefem Vertrauen, aber auch voll von Schuld, Zank, Trauer und Verlangen offenbarten. Aber all das war Leben! Manchmal glaube ich sogar, hier erst angefangen haben zu leben, denn ich lernte hier zu lieben, nicht mehr oberflächlich, sondern tief und hoffnungslos. Der Reiz des Neuen trieb mich oft hierher, vielleicht zu oft, doch wer kann das beurteilen?

Für mich zählten die Erfahrungen, alle, auch die schlechten, die ich irgendwie auch machen wollte, mußte, und aus Sicht dieser Erfahrungen bereue ich keine Stunde, die ich hier verbrachte. Wir hatten uns alle weiterbewegt, trotz kurzer Phasen des Stillstandes, und auch von jetzt an werden wir uns weiterbewegen, wieder unabhängig voneinander, denn wir gehen nun wieder verschiedene Wege. Aber das, was uns hier verband, zählt einzig, mit den Erfahrungen, die wir aneinander und miteinander machten, und wird uns, so glaube ich, auch weiterhin verbinden, mag dazwischen auch die größte geographische Entfernung liegen.

(Dieser schon sehr alte Text wurde in der alten Rechtschreibung verfasst und nach reiflicher Überlegung aus historischen Gründen in dieser belassen. Siehe dazu hier auch inhaltlich passend „Gedanken über Trennungen …“!)