Jobs

Von der Verwendung eines Worts

Wir leben in einer Zeit der Konkurse und Firmenschließungen. Ein Unternehmen kann, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr weitergeführt werden. Dahinter stehen immer auch Arbeitsplätze, die verloren gehen: Oft langjährige Mitarbeiter stehen in Zukunft auf der Straße. Dahinter wiederum steht persönliches Leid. Ist die Verwendung des Worts „Jobs“ in diesem Zusammenhang gerechtfertigt?

Mann hinter Klapprechner auf Bahnsteig

Jobs: heute hier, morgen dort, und immer unterwegs (Microsoft ClipArt)

Im Zusammenhang mit Firmenschließungen ist häufig vom umgangssprachlichen und laxen Wort „Job“ die Rede: „verlieren ihre Jobs“, „stehen Jobs auf dem Spiel“ usw., so gelesen z. B. im Journal Frankfurt im Zusammenhang mit der drohenden Schließung der Frankfurter Rundschau. Haben fest angestellte und langjährige Mitarbeiter, deren Beruf auch Berufung ist (und um solche handelt es sich wohl fast ausschließlich nicht nur bei diesem Beispiel), nun um einen Job, den sie verlieren, oder um einen Arbeitsplatz?

Die Duden-Suche sagt, dass das Wort „Job“ umgangssprachlich ist und sowohl „eine vorübergehende (einträgliche) Beschäftigung (zum Zweck des Geldverdienens)“ als auch „Arbeitsplatz, Stellung, berufliche Tätigkeit, Beruf, Aufgabe“ bezeichnet, die gedruckte Ausgabe des Dudens sagt: „[Gelegenheits]arbeit, Stelle“.

Soweit sich der schon etwas ältere Autor erinnert, gibt es dieses Wort noch nicht sehr lange. Wie so viele im beruflichen Bereich, wurde es aus dem amerikanischen Englisch übernommen. Besonders in den USA haben freiwillige Firmenwechsel jedoch eine ganz andere persönliche und berufliche Bedeutung: Mehrere Arbeitsplatzwechsel werden im Lebenslauf keineswegs negativ, sondern sogar positiv bewertet, sprechen sie doch von einem weiten beruflichen Horizont mit vielen Erfahrungen. Erst im Zeichen veränderter wirtschaftlicher Bedingungen wurden und werden auch hierzulande Arbeitsplätze instabiler, allerdings meist nicht so freiwillig wie in den USA. Die Neigung, anstatt von Arbeitsplätzen von Jobs zu sprechen, nimmt mit der Verbreitung des Worts und der gleichzeitigen Verunsicherung des Arbeitsmarkts in Deutschland zu. Ein Wort der „Krise“ sozusagen, welcher und wessen auch immer!

Ist es nun Verniedlichung oder gar Verharmlosung, von „Jobs“ zu sprechen, wenn langjährige Mitarbeiter gekündigt werden? Um es mal so auszudrücken: Wer einer jüngeren Generation angehört, die keine langjährigen Berufsperspektiven mehr entwickeln kann, neigt eher dazu, von „Jobs“ zu sprechen, weil sie sich kaum vorstellen kann, dass Menschen irgendwo langjährig beschäftigt sein können. Das verschweigt aber das Leid, das über die künftig Arbeitslosen kommt. Einen „Job“ bekommt man immer irgendwo, denkt sich diese Generation wohl. Wer aber seriös journalistisch arbeitet, sollte Abstand von diesem Wort nehmen. Spätestens dann nämlich, wenn der eigene Job zur Disposition steht, merkt man vielleicht den Unterschied!

Armutsrisiken in Deutschland

Der neue Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

Not ist nicht bloß eine Gefahr, sondern sie ist eine Unfreiheit für den, der sie leidet. Eben deshalb ist ihre Beseitigung nicht mehr bloß Sache des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft.

(Gerhard Schröder, ehemaliger Bundesinnenminister, bei der Einführung des Bundessozialhilfegesetzes 1962, zitiert nach „Ein Leben in Würde — mit Hartz IV?“ auf NDR Info anlässlich einer WISO-Themenwoche)

Ein gerechtes Maß ökonomischer und sozialer Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger ist Grundvoraussetzung für sozialen Frieden und eine lebendige Demokratie.

(Seite I des Berichts)

Flaschensammler

Flaschensammler in Frankfurt am Main (Autor: Lindhoff/Journal Frankfurt)

Der mit Stand vom 17. September 2012 vorliegende und über 500 Seiten lange Report „Lebenslagen in Deutschland. Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung“ zeigt eine positive Entwicklung, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Nicht darüber hinwegsehen lässt sich jedoch, dass es nach wie vor erhebliche Ungleichheiten und Armutsrisiken gibt. Die Hartz-Reformen werden dafür nicht verantwortlich gemacht.

Die Entwicklung des Arbeitsmarkts ist in den vergangenen Jahren besonders gut verlaufen, da die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken ist. Auch „die Zahl der Langzeitarbeitslosen verringerte sich im Berichtszeitraum zwischen den Jahren 2007 und 2011 deutlich von 1,73 Mio. auf 1,06 Mio.“ (Seite IV).

Die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes schlägt sich jedoch nicht auf die Niedriglohn- und die Armutsrisikoquote („[...] eine Kennziffer für eine relativ niedrige Position in der Einkommensverteilung. Sie misst den Anteil der Personen, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt“, Seite VI) sowie auf den Vermögensaufbau nieder. „Hier bestehen weiterhin deutliche Ungleichheiten in den Lebenslagen“ (Seite III). Besonders die Privatvermögen sind „sehr ungleich verteilt“: „So verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens [= 53 Prozent] auf sich vereinen. Der Anteil des obersten Dezils [= Zehntelwerts] ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen“, während sowohl die Anteile des unteren als auch des mittleren „6. bis 9. Dezils“ zwischen 1998 und 2008 kontinuierlich gesunken sind (Seiten VIII bis IX und 334). Mit anderen Worten: Das Privatvermögen der Reichen ist trotz Wirtschafts- und Bankenkrise weiter gestiegen, während die Mittel- und Unterschicht über immer weniger private Mittel verfügt.

Sogar dem Staat ergeht es nicht besser: „Dem seit zwei Jahrzehnten fast unvermindert andauernden Abschmelzen der öffentlichen Vermögenswerte stehen [diese] beträchtliche[n] Vermögenszuwächse im privaten Sektor gegenüber [...]. Während das Nettovermögen des deutschen Staates zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Mrd. Euro zurückging, hat sich das Nettovermögen der privaten Haushalte (einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbszweck) von knapp 4,6 auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt. Im Berichtszeitraum zwischen 2007 und 2012 stieg das private Nettovermögen um 1,4 Billionen“ (Seiten XXXIX und 52).

Zudem zeigen sich Ungleichheiten in der Lohn- und Gehaltsentwicklung: „Die Einkommensspreizung hat […] zugenommen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben die unteren 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten reale Entgeltverluste verzeichnet, während die Entwicklung am oberen Ende der Verteilung besonders günstig war. Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“ (Seite XX). Auch Stundenlöhne, „die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen, [...] verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt“ (Seite XXII).

Mangelnde Bildung als Armutsrisiko

„Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Elternhäusern sowie insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund“ sind in Deutschland in Bezug auf Bildung eindeutig benachteiligt, und dies noch zusätzlich, wenn die Eltern erwerbslos sind (wobei hier besonders Familien mit Migrationshintergrund vertreten sind), da von ihnen oft eine negative Signalwirkung auf die eigenen Kinder ausgeht. Dazu ist „das deutsche Bildungssystem […] weniger als andere europäische Bildungssysteme [...] in der Lage, benachteiligte Kinder [...] zu fördern und damit familiär bedingte Bildungsungleichheiten auszugleichen“ (Seite XII). „Das Gutachten des [Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung] WZB kommt [...] zu dem Schluss, dass es für diejenigen, die aus ungelernten Arbeiterpositionen kommen, zunehmend schwierig wird, relativ zum Rest der Bevölkerung einen Aufstieg zu erreichen“: „Kommt man aus ungelernten Arbeiterhaushalten, hat man ein erhöhtes Risiko, selbst ungelernt zu bleiben“ (Seite 63 ff.). Ähnliches gilt für den Schulbesuch: Bildungsstand und soziale Situation der Eltern sind entscheidend für die Schulwahl nach der Grundschule. „Demnach erhöht ein fehlender oder niedriger Bildungsabschluss des Vaters und insbesondere ein fehlender oder niedriger Bildungsabschluss der Mutter die Chance, dass auch ihr Kind nach der Grundschule kein Gymnasium besucht“ (Seite 93).

Neu am 4. Armuts- und Reichtumsbericht ist, dass seit 2011 erstmals „belastbare Zahlen“ über funktionalen Analphabetismus in Deutschland vorliegen. Nach einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erhobenen Studie können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren keine zusammenhängenden Texte lesen oder schreiben (Seite 244 ff.).

Kinder als Armutsrisiko

Kinder verstärken im Normalfall das Armutsrisiko nicht. „Allerdings führen besondere Lebenslagen [...] wie die fehlende oder zu geringe Erwerbsbeteiligung der Eltern oder Krisen wie Trennung und Scheidung oftmals zu einem relativ geringen Einkommen. Beim Zusammenkommen verschiedener Faktoren können sich Armutsrisiken in den verschiedenen Lebenslagen gegenseitig verstärken [...]. Überdurchschnittlich oft betroffen von Armutsrisiken sind Alleinerziehende und deren Kinder sowie Familien mit Migrationshintergrund“ (Seite XXV), wobei Letztere „etwa doppelt so häufig armutsgefährdet [sind] wie Familien ohne Migrationshintergrund“ (Seite 119). Umgekehrt lässt sich von der Lebenslage der Eltern auf die der Kinder schließen: „Je früher und je länger ein Kind Armutserfahrungen macht, desto gravierender sind die Folgen für seine Lebenssituation heute und sein [sic!] Zukunftschancen morgen. [...] insbesondere Kinder aus nicht [in] Vollzeit erwerbstätigen Einelternhaushalten [verharren] überdurchschnittlich lange in einer Einkommensposition unterhalb der Armutsrisikoschwelle“ (Seite 70).

Krankheit als Armutsrisiko

Eine benachteiligte Lebenssituation ist nicht zwangsläufig Ursache für eine schlechtere Gesundheit. „Dennoch kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass Personen mit niedrigen Einkommenspositionen stärker von gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen sind bzw. ihren gesundheitlichen Zustand schlechter einschätzen, als Menschen mit mittleren oder hohen Einkommenspositionen“ (Seite XXXII). „Krankheit wiederum erhöht das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung“ (Seite XXXIII] und „Arbeitslosigkeit hat auch eine klar erwiesene kausale Wirkung auf das Wohlbefinden von Menschen. [...] Kein anderer Faktor hat in Deutschland eine vergleichbare negative Wirkung auf das Wohlbefinden“, was damit zusammenhängt, dass „in Deutschland der Stellenwert der Arbeit weit über das Materielle hinaus [reicht] und Dimensionen [umfasst], die persönliches Wohlbefinden ebenso betreffen wie das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl des Einzelnen“ (Seiten 200 bis 201).

Niedriglöhne als Armutsrisiko

„Knapp ein Viertel der abhängig Beschäftigten beziehen einen relativ niedrigen Bruttostundenlohn, der unterhalb von zwei Dritteln des mittleren Stundenlohnes liegt. Dieser Anteil ist seit 2000 bis 2007 von gut 20 Prozent kontinuierlich auf rund 24 Prozent angestiegen und schwankt seitdem bei rund 23 Prozent“ (Seite VIII), d. h., dass „in Deutschland über 3,5 Mio. Menschen für einen Bruttostundenlohn von weniger als sieben Euro“ arbeiten (Seite 205). Nimmt man als Niedriglohnschwelle einen Stundenlohn in Höhe von 9,15 Euro, wie es das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) berechnet, so „arbeiteten im Jahr 2010 deutschlandweit 7,92 Millionen Menschen“ für maximal einen solchen Stundenlohn (Seite 327).

Inwieweit Beschäftigung im Niedriglohnsektor Auswirkungen auf das Armutsrisiko hat, sei schwer zu ermitteln, da es sich „nur im Haushaltskontext und bei der Gesamtbetrachtung der persönlichen Lebenssituation der Betroffenen und ihrer Familien bewerten“ lässt. Festzustellen ist jedoch, dass „Berechnungen des [Instituts der deutschen Wirtschaft Köln] IW-Köln zeigen, dass etwa 16 Prozent der Beschäftigten mit einem Niedriglohn über ein Einkommen verfügen, das unterhalb der Armutsrisikoschwelle liegt“ (beide Seite 330), „wobei mit 62,7 Prozent überwiegend Frauen in dieser Beschäftigungsform arbeiteten“ (Seite 329).

Langzeitarbeitslosigkeit als Armutsrisiko

„Langzeitarbeitslosigkeit ist eine der gravierendsten Ursachen für Armut in Deutschland und eine große Herausforderung.“ Obwohl die Zahl der Arbeitslosen insgesamt zurückgegangen ist, „verbleiben zunehmend Personen mit Vermittlungshemmnissen in der Arbeitslosigkeit“: „Von den Langzeitarbeitslosen hat knapp die Hälfte keine abgeschlossene Berufsausbildung“ (alle Seite 359).

Hartz-Reformen kein Armutsrisiko

Der Bericht sieht „entgegen der allgemeinen Wahrnehmung“ in den Hartz-Reformen kein verstärktes Armutsrisiko: „Die im Zuge der so genannten Hartz-Reformen umgesetzten Änderungen im Transfersystem hatten genauso wie die Einführung des Elterngelds nach den Berechnungen des [Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung] IAW […] keine substanziellen Folgen für die Gesamtverteilung der Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland“. Für das Nettoäquivalenzeinkommen werden Größe und Zusammensetzung der Haushalte und „sowohl altersspezifische Bedarfe als auch Einsparungen gegenüber einem Einpersonenhaushalt berücksichtigt“ (Seite 318). Dessen tatsächlicher „Ungleichheitsanstieg zwischen 1999 und 2005“ kann nicht mit den Hartz-Reformen begründet werden, weil er sich „kontinuierlich über den ganzen Zeitraum vollzog, während das häufig als Ursache vermutete ‚Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt‘ [= Hartz IV] erst im Jahr 2005 eingeführt wurden [sic!]“ (Seite 324).

Materielle Deprivation

„In Deutschland sind fünf Prozent der Bevölkerung von erheblicher materieller Deprivation betroffen“ (Seite 340). Diese „wird auch umschrieben als Grad des Ausschlusses von mehr oder weniger großen Teilen eines allgemein akzeptierten Lebensstandards. [...] Deprivation und relativ geringes Einkommen treten nicht automatisch gemeinsam auf“, wofür es „zahlreiche Gründe“ gibt, z. B., „dass Deprivation erst nach einer längeren Phase mit geringem Einkommen zeitverzögert auftritt, wenn auch Ersparnisse aufgebraucht sind“ (Seite 341).

Kritik am Bericht

Die Bundesregierung ist durch Beschlüsse des Bundestages aufgefordert, regelmäßig in der Mitte einer Legislaturperiode einen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen, der mit dem 4. Armuts- und Reichtumsbericht mit Stand vom 17. September 2012 den Ministern und Verbänden zur Abstimmung vorliegt. Der Berichtszeitraum umfasst die Jahre von 2007 bis 2011 und, je nach verfügbarer Datenlage, bis 2012. Die entfachte Diskussion, etwa über die Verteilung des Wohlstands in Deutschland, zeugt von großem Interesse. Kritik kam von den Gewerkschaften, weil im überarbeiteten Entwurf vom 21. November 2012 kritische Sätze fehlen und Hinweise auf unbequeme Fakten verschwunden sind.

Weitere Informationen

Beide Versionen des Berichts als PDF-Dateien gibt es auf der Seite über „neue Armut in Deutschland“ bei Sozialpolitik aktuell; siehe in diesen Notizen hier z. B. auch „Was tun? Über Sinn und Wandel menschlicher Arbeit“, „Soziales Klima immer eisiger“, „Kleines Hartzgedicht“ und „Soziokulturelles Leben mit Arbeitslosengeld II“. Dieser Artikel erschien in einer gekürzten und einfacheren Zusammenfassung ohne Zitate auch auf Mainperspektiven. Das Bild (zum Vergrößern bitte anklicken) wurde mit freundlicher Genehmigung des Journal Frankfurt veröffentlicht und stammt aus dem dortigen Artikel „Tafelwasser für Flaschensammler“ von Alicia Lindhoff.

Junge Alte

von Cornelia Tiedemann

Die Tür ist fest verschlossen,
der Raum ist still und leer.
Die Arbeit macht verdrossen,
die Stille lastet schwer.

Von draußen kommt ein Lachen
durch Türritz oder Wand.
Es warten tausend Sachen,
die Nerven sind gespannt.

Kollegen, die erzählen,
genaues hört man nicht.
Man kann es sich nicht wählen,
das Alter des Gesichts!

Gehört man zu den Alten,
ist zu melden nicht mehr viel,
man muss nur stumpf aushalten —
die Rente ist das Ziel!

Ideen soll man nicht bringen,
denn das ist unbequem,
man soll nur Leistung bringen,
nur das ist angenehm!

Da geht der Geist spazieren,
so sehr man sich bemüht.
Man kann nur noch verlieren,
aufgeben wärʼ verfrüht.

Was bleibt den jungen Alten
in der Monotonie,
als tapfer auszuhalten,
nicht kämpfen oder fliehʼn!

Mit Wochen, die vergehen,
sinkt der Schaffensmut.
Fehler werden gesehen —
nie ist was gut genug!

Wie die Zeit so schwindet,
schwindet Gehen als Option.
Mit über 50 findet
man kaum mehr neuen Lohn!

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin, bei der auch die Urheberrechte liegen.)

Fachkräftemangel?

NIST Precision engineering research

Seit Langem beklagen deutsche Wirtschaftsunternehmen einen gravierenden Fachkräftemangel. Ihr Ruf nach Spezialisten aus dem Ausland wird immer lauter. Auf der anderen Seite suchen jedoch beispielsweise Elektro-Ingenieure, Diplom-Chemiker oder IT-Spezialisten händeringend eine Stelle. Was ist dran am Fachkräftemangel?

Als „Fachkräftemangel“ wird ein Zustand bezeichnet, während dem Arbeitsplätze für Mitarbeiter mit speziellen Kenntnissen nicht besetzt werden können, weil solche Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden sind. Verschiedene Wirtschaftsverbände beklagen immer wieder, dass für offene Stellen keine qualifizierten Fachkräfte gefunden werden können. Der Ruf nach Fachkräften führt beispielsweise dazu, dass immer mehr junge Leute ein technisches Studium beginnen. Für einige Bereiche gibt es dadurch inzwischen schon mehr Absolventen als Arbeitsplätze, so in einem Beitrag von Michael Haselrieder für das ZDF-Heute-Journal vom 29. November 2012. Auch Professor Dr. Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stellt ebendort fest, dass es derzeit keinen allgemeinen und flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt. Lediglich in einigen Regionen und Branchen gäbe es Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, sonst seien genügend Arbeitskräfte vorhanden. Laut einer Studie des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) konnten im Jahr 2011 92 Prozent aller offenen Fachkräftestellen sofort besetzt werden (IAB-Arbeitspanel 2000 bis 2011). Warum also der beklagte Mangel, wenn es teilweise ein Überangebot an qualifizierten Bewerbern gibt?

Bonin folgert, „[...] dass man verhindern will, dass die die Löhne steigen, also wenn Fachkräfte knapp sind, führt das zu Lohnsteigerungen und das reduziert die Gewinne der Unternehmen.“ Oder anders ausgedrückt: Ein Überangebot an Fachkräften drückt die Lohnkosten. Also alles künstlich aufgebauscht? Brauchen wir Zuwanderung aus dem Ausland?

Deutsche Fachkräfte sind nicht billig. Selbst, wenn sie zurzeit arbeitslos sind, möchten sie nicht (weit) unter Wert arbeiten. Das wissen Arbeitgeber. Also wird in einigen Bereichen mit dem Ruf nach Fachkräften ein Überangebot erzeugt, während in anderen Bereichen der Ruf nach Fachkräften aus dem Ausland immer lauter wird. Bereits heute arbeiten jedoch viele ausländische hoch Qualifizierte im Niedriglohnbereich oder sind arbeitslos, weil ihre Abschlüsse hierzulande nicht anerkannt werden. Haben sie doch eine Stelle, erhalten sie meist weniger Lohn als ihre deutschen Kollegen. So werden die Lohnkosten gedrückt. Die Forderungen der Wirtschaft nach längerer Lebensarbeits- und Wochenarbeitszeit und nach Ausweitung der Zuwanderung liegen so letztlich nur im Interesse der Arbeitgeber. Alternativen wie die Umverteilung der Arbeit, etwa durch Arbeitszeitverkürzung, oder die Verstärkung des Weiterbildungsangebots für ältere Arbeitnehmer werden kaum diskutiert, und allzu leicht wird übersehen, dass die Gehälter nicht nur bei Fachkräften in den letzten Jahren kaum gestiegen sind.

Berücksichtigt man auch die demografische Entwicklung in Deutschland, so ist ein akuter Fachkräftemangel erst in etwa zehn bis fünfzehn Jahren zu erwarten, wenn immer weniger junge Arbeitskräfte nachwachsen.

Link zum Thema:
siehe den mit vielen Pro- und Contra-Verweisen sehr ausführlichen Wikipedia-Artikel „Fachkräftemangel“

(Zuerst veröffentlicht am 19. Dezember 2012 bei mainperspektiven.de: „Was ist dran am Fachkräftemangel?“)

Favorite Was tun?

Baustelle

Über Sinn und Wandel menschlicher Arbeit

Dein Leben war Arbeit.

(Grabsteininschrift auf einem Berliner Friedhof, gezeigt in der Ausstellung)

Wenn das Leben köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.

(Grabsteininschrift nach Psalm 90.10, gefunden bei Volker Hamp)

Man hat Arbeit oder man hat keine. Im ersteren Fall oft zu viel, oft auch schlecht bezahlt, sodass man davon nicht leben kann. Und Arbeitslosigkeit kann ganz schnell jeden treffen. „Was tun? Über den Sinn menschlicher Arbeit“, eine Ausstellung im Frankfurter Senckenberg-Naturmuseum, zeigte, dass sich unsere Arbeitswelt in den letzten Jahren rasant verändert hat und dass diese Veränderungen noch längst nicht abgeschlossen sind. Das bedeutet auch, dass wir unser Verständnis von „Arbeit“ überdenken müssen.

Zunächst einige Zahlen und Fakten aus der Ausstellung, die vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden konzipiert und in Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem dortigen Historischen Museum gezeigt wurde: Die Anzahl der Erwerbstätigen lag 2011 so hoch wie nie in der Geschichte der Bundesrepublik, womit sich auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden erhöht hat, so seit 2009 um 4 Prozent. Doch unsere Jahresarbeitszeit sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich, was man sich als Vollbeschäftigter, der bis in die Abendstunden und am Wochenende arbeitet, kaum vorzustellen vermag. Diese Entwicklung ist auf den steigenden Anteil von Teilzeit- und Kurzarbeit sowie von 400-(Mini-) oder 1-Euro-Jobs zurückzuführen (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB). Auch die Anzahl der geleisteten Überstunden pro Woche sinkt beständig: von 3 Stunden 17 Minuten im Jahr 1970 bis auf nur noch 56 Minuten 2011 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Da wir insgesamt gesehen mehr Freizeit haben und haben werden, steigt die Zahl der Beschäftigten in der sogenannten „Freizeitindustrie“.

Wer als Vollbeschäftigter glaubt, dass er für seine gestiegene Arbeitsleistung auch besser entlohnt wird oder die Gehälter an die Inflationsrate angepasst wurden, wird zumindest hierzulande seit Langem enttäuscht. Die Lohn- und Gehaltsentwicklungen einiger ausgewählter Länder von 2000 bis 2009: Norwegen +25,1 %, Republik Korea +18,3 %, Großbritannien +14,0 %, Dänemark +10,7 %, Schweiz +9,3 %, Frankreich +8,6 %, Japan +1,8 %, Deutschland −4,5 % (Quelle: International Labor Organization ILO, Global Wage Database).

Nicht verifizieren konnte der Autor die in der Ausstellung genannten Zahlen des Statistischen Bundesamts zu den Konsumausgaben, nach denen die Ausgaben für Haustiere steigen, die für Nahrungsmittel, Verkehr und Freizeit seit 2007 zurückgehen.

Die Zahl der Krankmeldungen in Tagen sinkt seit Jahren, demgegenüber hat sich die Zahl derer aufgrund psychischer Störungen in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, was nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass sich die Diagnosemöglichkeiten verbessert haben und es kein Tabu mehr ist, sich eine psychische Störung einzugestehen. Für viele Beschäftigte ist der Leistungs- und Zeitdruck am Arbeitsplatz nicht mehr auszuhalten.

Die Einkommensentwicklung und die Beschäftigungsquote sind unter Personen mit Hochschulabschluss am besten. Doch laut PISA-Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD fällt es in kaum einem von PISA erfassten Land schwerer, seinen gesellschaftlichen Status zu verlassen, als in Deutschland.

Die Zukunft der Arbeit

Experten prognostizieren einen Arbeitskräftemangel in 20 Jahren, besonders Fachkräfte werden schon heute gesucht. Wir werden uns weiter in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft entwickeln, die Zahl der Beschäftigten in der Industrie wird sich nur noch leicht steigern, die derer in der Landwirtschaft sogar ab- und Altersarbeit zunehmen (Quellen: Prognos, Eurostat, OECD). Dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse werden zunehmend durch befristete ersetzt werden, was für viele schon heute die Regel ist. Dies führt zu einer Infragestellung der eigenen Lebensentwürfe, denn die gesellschaftliche Anerkennung durch einen lebenslang ausgeübten Beruf wird nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.

Arbeit versus Erwerbsarbeit

Bisher wurde hier nur von „Arbeit“ im Sinn von „Erwerbsarbeit“ gesprochen, das heißt von einer Leistung gegen ein Entgelt, das den Lebensunterhalt sichern soll, und die für die meisten Menschen den Mittelpunkt des Lebens darstellt (siehe auch den Begriff „Arbeit“ im Wiki-Wörterbuch Wiktionary und die Begriffserklärungsseite „Arbeit“ in der freien Enzyklopädie Wikipedia). Und die einzige Form von Arbeit, die gesellschaftlich gewürdigt wird. Doch wie verhält es sich mit Familien- und Hausarbeit oder ehrenamtlicher Tätigkeit? Oder anders gefragt: Warum wird solch notwendigen Arbeiten die gesellschaftliche Anerkennung versagt?

Familien- und Hausarbeit

Familien- und Hausarbeit gehorcht nicht den Regeln der Erwerbsarbeit, weil sie als nicht produktiv gilt und nicht entlohnt wird. Damit erfährt sie keine gesellschaftliche Anerkennung, doch wenigstens eine persönliche Bestätigung im familiären Bereich. Dem vielfach geäußerten Ruf nach einer Entlohnung halten Kritiker jedoch entgegen, dass familiäre Beziehungen einer wirtschaftlichen Denkweise unterzogen werden würden.

Ehrenamt

Während Familien- und Hausarbeit keine gesellschaftliche Anerkennung erfährt, so verhält es sich mit ehrenamtlichen Tätigkeiten etwas anders. Sie bieten vielen, auch arbeitslosen Menschen die Möglichkeit, „etwas Sinnvolles“ zu tun, weshalb sie mit einem hohen persönlichen Mehrwert verbunden sind. Kritiker des Ehrenamts bemängeln jedoch, dass wegen der hauptsächlichen Ausübung im sozialen Bereich der Staat sich aus seiner ihm ursprünglich angestammten sozialen Verantwortung entlässt und die dafür vorgesehenen Gelder anderen Zwecken wie etwa der Rüstung widmen kann. Zudem entsteht eine Situation, in der zwar auf der einen Seite Millionen Menschen ohne Arbeit sind, auf der anderen Seite aber Ehrenamtliche diesen die Arbeit wegnehmen, und zwar freiwillig und unbezahlt. Schließlich bleibt festzuhalten, dass ganze Bereiche wie das Gesundheits- und Sozialwesen ohne Ehrenamtliche nicht mehr funktionieren würden.

Der Wunsch nach Anerkennung

Der Wunsch nach Anerkennung ist eine wichtige Triebfeder menschlichen Tuns und wird schon in frühester Kindheit in uns entwickelt. Die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz hängt oft damit zusammen, dass dort nicht genügend Anerkennung erfahren wird, auch in finanzieller Hinsicht, und die Unzufriedenheit in der Arbeitslosigkeit damit, dass keine Anerkennung mehr erfahren wird. In unserer von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Gesellschaft zählt ein Mensch nur, wenn er von einem gesellschaftlichen Nutzen ist, und der bedeutet nun einmal, eine Arbeit im Sinn einer „Erwerbsarbeit“ zu haben und mit ihr und durch sie den allgemeinen Wohlstand zu mehren, also produktiv zu sein.

Autorität

Während der Arbeit kann man sich beweisen: Sich in einer Sache gut auszukennen, gebraucht und für seine Leistung bewundert zu werden, Macht und Autorität auszustrahlen, kann eine ähnlich starke Faszination ausüben wie der Wunsch nach Anerkennung. Doch wenn Berufe nur nach ihrem gesellschaftlichen Ansehen und dem Wunsch nach Autorität ausgewählt werden und nicht nach Interessen und Neigungen, ist der Arbeitsplatz kein Ort der persönlichen Entwicklung mehr, sondern nur noch einer der Autorität.

Solidargemeinschaft und Konkurrenzkampf

Eine Gesellschaft ist auch eine Solidargemeinschaft, in der über Sozialversicherungen und den „Generationenvertrag“ der Wohlstand gleichmäßig geteilt und sich um solche gekümmert werden sollte, die aus unterschiedlichen Gründen auf Unterstützung angewiesen sind. Doch da unser Kranken-, Renten- und Sozialversicherungssystem in einer Zeit entstand, in der vom Modell einer lebenslangen Erwerbsarbeit ausgegangen wurde, das schon heute nicht mehr gültig ist, bedroht die sogenannte „Prekarisierung“ weiter Teile der Bevölkerung die Solidargemeinschaft.

Nicht oder allenfalls in einigen der in der Ausstellung gezeigten Interviews erwähnt wurde, dass der Konkurrenzkampf unter Arbeitnehmern, resultierend aus der Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, zugenommen hat und noch zunehmen wird. Die Finanzkrise, die Globalisierung und die Auslagerung von Arbeitsplätzen in „billigere“ Länder, die immer noch hohen Arbeitslosenzahlen und steigende Leiharbeit verschärfen die Lage. Dies führt ebenfalls dazu, dass die Solidargemeinschaft bröckelt, aber auch dazu, dass die Existenzangst paradoxerweise besonders unter den Besserverdienenden steigt und nicht etwa bei denen, die bereits unter prekären Verhältnissen leben (siehe hier auch „Soziales Klima immer eisiger“).

Fazit

Arbeit im Sinn von „Erwerbsarbeit“ ist ungleich verteilt: Viele arbeiten freiwillig/gezwungen länger als gesetzlich vorgeschrieben, viele unfreiwillig kürzer oder gar nicht. Die Erwerbsarbeit wird gespalten in „gute“ und „schlechte“ Arbeit, unsere Gesellschaft in Hoch- und Minderlöhner, oft gilt: „Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit!“

Die arbeitslose Existenz wird von Amts wegen unter Verhältnissen vorgeführt, mit denen niemand tauschen möchte: „Der arbeitsethische Gebrauchswert der Arbeitslosen besteht darin, dass es sie gibt, dass sie gar nicht umhin können, zu Mitwirkenden einer großen gesellschaftlichen Inszenierung zu werden, deren kathartischer Effekt in der sozialen Abschreckung besteht: lieber miserable Arbeit als solch soziales Siechtum!“ (Wolfgang Engler: „Die Entmündigung des Bürgers“, Berliner Zeitung vom 19. Februar 2005).

Tätigkeiten, die nicht dazu dienen, den gesellschaftlichen Wohlstand zu mehren, keinen allgemeinen Nutzen haben und nicht effizient sind, sind überflüssig oder Privatsache. Glück, Anerkennung, aber auch Autorität und gute Bezahlung sind im gebräuchlichen Sinn der Erwerbsarbeit allenfalls persönlicher Mehrwert. Und jeder, der ohne Arbeit dasteht, gerät in den Verdacht, ein Parasit, ein Faulenzer und an seiner Lage selbst schuld zu sein. Allein das Ehrenamt wird noch als Arbeit und gesellschaftlich anerkannt, ohne vergütet zu werden. Damit stellt es trotz aller berechtigter Kritik ein Vorbild für Arbeiten dar, deren Anerkennung nicht dem ökonomischen Profitdenken der Erwerbsarbeit folgt und die zudem einen hohen persönlichen Sinn stiften.

Heute haben zwar so viele Menschen einen festen Arbeitsplatz wie nie zuvor, doch dieser ist auch so gefährdet wie nie zuvor. Nicht nur Wirtschafts-, Banken- und Finanzkrisen (die nächste wird schon prognostiziert!), auch die Globalisierung (in deren Folge schon heute Menschen weltweit mal hier, mal da beschäftigt sind), der Klimawandel und die Endlichkeit der Ressourcen (ganz zu schweigen davon, dass die Absatzmärkte igendwann gesättigt sein werden) machen es notwendig, dass Unternehmer flexibel auf sich ändernde Anforderungen reagieren müssen. Arbeitnehmer ebenso: Befristete, Teilzeit- und Kurzarbeit werden weiter anwachsen. Denkbar ist auch, dass die Zahl der Arbeitslosen wieder zunehmen könnte. Eine Tendenz zu mehr freier Zeit ist schon jetzt absehbar und wird sich weiter verstärken. Zudem wird es immer Menschen geben, für die unser Erwerbssystem keine Verwendung hat.

Unser Verständnis von Arbeit im Sinn von (lebenslanger) Erwerbsarbeit wird immer mehr infrage gestellt werden und irgendwann in seiner heutigen Form, in der wir von einer Leistung gegen ein Entgelt sprechen, das den Lebensunterhalt sichern soll und die den Mittelpunkt des Lebens darstellt, nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Damit begründet, bedarf unser Versicherungssystem einer dringenden Revision. Schon heute können immer mehr Ruheständler nicht mehr von ihrer Rente leben, Altersarmut breitet sich aus.

Haus-, Familien- und ehrenamtliche Arbeit stellen gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten dar, die eine neue Würdigung auch in finanzieller Hinsicht erfahren sollten. Ohne hier einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle das Wort reden zu wollen (Kritiker befürchten u. a., dass dies auf eine unfreiwillige Subvention der Unternehmer hinauslaufen könnte), bedeuten diese Veränderungen dessen ungeachtet, dass neue Formen des Unterhalts und des Auskommens gefunden und der Zusammenhang zwischen Arbeit und Einkommen aufgelöst werden müssen.

Doch die Dominanz der Wirtschaft und ihrer Interessen leitet nicht nur unser Leben, sondern schon längst auch die Politik, die dadurch entmachtet wird bzw. sich selbst entmachtet. Unsere Bedürfnisse werden von der Wirtschaft und ihrem Sprachrohr, der Werbung bestimmt, politische Entscheidungen werden wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. So sind zurzeit weder von der Wirtschaft noch von der Politik Lösungen im Hinblick auf eine tragfähige Zukunft der (Erwerbs-)Arbeit und ihrer Entlohnung zu erwarten.

Alternative Möglichkeiten der Lebensplanung sind aber schon jetzt gefragt, die dem Leben einen Sinn geben. Es gilt, sich von der Arbeit zu emanzipieren!

Weitere Informationen zur Ausstellung

Pressetext der Bundesagentur für Arbeit
Besprechnung des Hessischen Rundfunks
Begleitprojekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Nicht zur Ausstellung, aber auch interessant

Pressemeldung des DGB zum DGB-Index Gute Arbeit zu Stress am Arbeitsplatz mit der Möglichkeit, die kompletten Ergebnisse der Repräsentativumfrage 2011 zu den Themen „Arbeitshetze — Arbeitsintensivierung — Entgrenzung“ als PDF herunterzuladen

Literatur zum Thema

Wolfgang Engler: „Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft“, Aufbau, Berlin 2005
Dieter Schnack, Thomas Gesterkamp: „Hauptsache Arbeit? Männer zwischen Beruf und Familie“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996