Archive for the ‘Liebe und Beziehungen’ Category

Wintersonnenwende

Donnerstag, Mai 19th, 2011

(Sommersonnenwende, siebter Teil)

Wintersonnenwende, denkt er, als er durch die bedeckte Vollmondnacht geht. Die Sonne hat die geringste Mittagshöhe über dem Horizont erreicht, die Tage werden wieder länger.

Nachdem er im Verhältnis zu seinen sonstigen Kleidungsgewohnheiten ungewöhnlich lange überlegt hatte, was er anziehen sollte (heute durfte es doch mal wieder der Sakko mit passender Weste und ein gutes Hemd sein), gönnte er sich noch einen kleinen Imbiss als Grundlage und ein gutes Glas Rotwein.

Danach hatte er sich ein Taxi bestellt, aber während der Fahrt beschlossen, sich nicht bis zur angegebenen Adresse fahren zu lassen, sondern schon vorher auszusteigen und noch ein wenig die Vollmondnacht zu genießen, auch wenn der Himmel bewölkt war und sich der Mond nur hin und wieder zwischen den Wolken zeigte.

Sie wohnt anscheinend in einer Gegend, in die es ihn selten gezogen hat. Oder nie. Ein Stadtteil, der früher ein typisches Arbeiterviertel war und der inzwischen angefangen hat, „hip“ zu werden, wie er gehört hatte und jetzt selbst sehen kann: frisch verputzte und sanierte Häuser, vor denen der eine und andere teure Wagen steht, darunter oft ein „Hausfrauenpanzer“, wie er diese für eine Stadt völlig unpassenden und stets pieksauberen Geländewagen nennt, die meist von verheirateten Frauen gefahren wurden, um damit ihre Kinder von der Schule abzuholen und Biolebensmittel einzukaufen. Irgendwie lächerlich …

Zwischen den sanierten Häusern gibt es jedoch immer wieder solche, die sicher seit Jahrzehnten nicht mehr gestrichen worden waren, mit alten Holzfenstern, an deren Rahmen kaum mehr Farbe zu erkennen ist, nicht nur wegen der Dunkelheit. In manchen Straßen stehen noch diese alten Bogenlampen mit den grünen Masten, die an Gaslampen erinnern und um diese Uhrzeit reduziert und trüb brennen. Und am Himmel zeigt sich inzwischen immer öfter der Vollmond, der die Wintersonnenwende in diesem Jahr zu einem fast schon magischen Erlebnis werden lässt.

Er freut sich langsam auch auf die Wiederbegegnung mit seiner Bekanntschaft, wenngleich die Unsicherheit und eine gewisse Nervosität in ihm noch die Oberhand haben. Inzwischen musste er schon ziemlich in der Nähe der auf der Einladung angegebenen Adresse sein.

Plötzlich hört er eine Stimme hinter sich.

„Eyalderhastemanekippe?“, nuschelt es von schräg hinter ihm.

(Fortsetzung: Der Joint oder Muss Nutte sein)

Verregneter Dienstag

Dienstag, Februar 22nd, 2011

Ein verregneter Dienstag

lastet schwer auf meinem Verstand,

lähmt er doch die Sinne,

den Kopf und die Hand.

Ein verregneter Dienstag.

Die schweren Wolken ziehen geschwind.

Dein Bild ist in ihnen,

deine Haare im Wind.

Wörter der Liebe

Sonntag, Februar 13th, 2011

… oder Liebe meine Wörter!

Verbindung (Microsoft Clip Art)

Nein, nicht um die Wörter geht es hier, die wir einem geliebten Menschen zuflüstern – und die Sprache der Liebe ist immer leise, man höre nur das wunderschöne Lied „Speak Low (when you speak love)“ von Kurt Weill und Ogden Nash! Der US-amerikanische Psychologe und Sprachwissenschaftler James W. Pennebaker von der Universität von Texas in Austin zählte Wörter in vierminütigen sogenannten „Speed-Datings“, während denen Partnersuchende sich für vier Minuten gegenübersitzen, um Gemeinsamkeiten herauszufinden. In einer zweiten Studie untersuchte er über zehn Tage lang das Chat-Verhalten von Paaren. Dabei kam er zu überraschenden Erkenntnissen.

Auch wenn sich alle Paare in der ersten Studie über dieselben Themen ausfragten (was studierst du, woher kommst du, wie findest du die Uni), so klangen ihre Gespräche bei näherer Untersuchung doch völlig anders und es zeigten sich Unterschiede in der „language synchrony“, wie es Pennebaker ausdrückt. Nicht die eigentlichen Inhalte waren entscheidend dafür, wie sich Paare verstehen, sondern die sogenannten „Funktionswörter“ oder Synsemantika, die zwar zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören und deren Benutzung eine gewisse soziale Kompetenz voraussetzt, die aber keine eigentliche Bedeutung haben. Im Englischen machten Co-Autor der Studie Pennebaker und Kollegen Wörter wie „the“ (der, die, das), „a“ (ein), „be“ und „will“ (alle Formen von sein), „anything“ (alles, etwas), „that“ (das, rückbezüglich), „him“ (sein) und „and“ (und) aus. Die Paare, deren Sprechweise und Gebrauch dieser Wörter sich am stärksten ähnelte, wollten sich mehr als viermal so oft nochmals treffen als die, bei denen dies nicht der Fall war.

Eine ähnliche Tendenz zeigten die Ergebnisse der zweiten Studie: 80 Prozent der Paare, deren Schreibstil sich ähnelte, chattete nach drei Monaten immer noch, gegenüber etwa 54 Prozent, die sprachlich nicht harmonierten.

Da Menschen ihren Sprachstil nicht bewusst synchronisieren, sind anscheinend weniger die Inhalte wichtig, sondern wie wir sie sagen. Pennebaker sagt dazu: „What’s wonderful about this is we don’t really make that decision; it just comes out of our mouths.“

Doch eine Untermauerung der These „Gleich und Gleich gesellt sich gern“?

Links zum Thema
Die komplette Studie als PDF: Psychological Science: Language Style Matching Predicts Relationship Initiation and Stability
Zusammenfassung: College of Liberal Arts, the University of Texas at Austin: The Language of Young Love: The Ways Couples Talk Can Predict Relationship Success
JWP home page, Pennebakers Internetauftritt, Department of Psychology, the University of Texas at Austin
Beziehung: Die Sprache der Liebe - News - FOCUS Online, 26. Januar 2011
Kolumne: Nüchtern? | Times Mager - Frankfurter Rundschau, 6. Februar 2011
Synsemantikum – Wikipedia
YouTube - Kurt Weill Sings and plays “Speak low”, leider nicht den kompletten Text und das komplette Lied
Ronalds Notizen: Gleich und Gleich …

The Snows

Samstag, Februar 5th, 2011

The snows they melt the soonest
When the winds begin to sing
And the corn it ripens faster
When the frost is settling in
And when a woman tells me
That my face she’ll soon forget
Before we part away to come
She’s bound to follow yet

The snows they melt the soonest
When the winds begins to sing
And the swallow flies without a thought
As long as it is spring
But when spring goes and winter blows
My love and I’ll be fine
Put all your pride and follow me
Across the raging main

The snows they melt the soonest
When the winds begins to sing
And the bee that flew in summer’s shone
In winter can not sting
And I’ve seen a woman’s anger melt
Between the night and dawn
So it’s surely not a heart of pain
To knock a woman’s scorn

So don’t you bid me farewell here
No farewell I’ll receive
For you shall lie with me my love
And you’ll kiss and cuddle me
But I wait here ’til the woodcock calls
And will autumn take the wind
The snows they melt the soonest
When the winds begin to sing

(altes britisches Volkslied, dessen genaue Herkunft und Autor nicht ganz geklärt zu sein scheint, hier angesichts der Winde und den Resten von Schnee draußen zitiert nach einem unbetitelten Album von The Furey Family von 1977)

Die Einladung

Freitag, Dezember 17th, 2010

(Sommersonnenwende, sechster Teil)

Er hatte sie nach dieser Nacht nicht mehr gesehen. Nicht, dass er nicht gewollt hätte, aber sie hatte sich nicht mehr gemeldet. Auch beim Spanier war sie nicht mehr erschienen, wie ihm der Wirt, der ihre Unterhaltung an diesem Abend verfolgt hatte, auf seine Nachfrage berichtete, ebenso im Park, wo er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Ja, sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf! Er versuchte zwar, sie aus seinen Gedanken zu verdrängen, doch es wollte ihm auf Dauer nicht gelingen. Dabei war diese Nacht keineswegs nur harmonisch und schön für ihn gewesen!

„Es gefiel ihm, seine kleinen Laster und Extravaganzen zu haben, sich als außerbürgerlich, als Sonderling oder Genie zu fühlen, doch hauste und lebte er, um es so auszudrücken, niemals in den Provinzen des Lebens, wo keine Bürgerlichkeit mehr existiert“, so wie viele in seiner Wohngegend: Lehrer, Studienräte, Universitätsprofessoren, Freiberufler, Künstler, Werber und andere aus einer gehobenen Mittelschicht mit Hang zu stilvollen Altbauten, in denen sie vermehrt Eigentumswohnungen kauften, während ihre Frauen tagsüber mit ihren Hausfrauenpanzern unterwegs waren, wie er die Geländewagen nannte, die andauernd mit laufendem Motor irgendwo herumstanden, während die Kinder ein- oder ausgeladen wurden oder sie telefonierten, was beides mitunter mehrere Minuten oder gar länger dauern konnte. Und so wunderte sie sich etwas über seine Wohnung, die für ihren Geschmack doch ein wenig zu konservativ eingerichtet und zudem mit vom Rauch vergilbten Wänden versehen war.

Er zitierte weiter aus dem „Steppenwolf“, wie vorher diesmal aus dem „Tractat vom Steppenwolf“ („Nur für Verrückte!“). So definierte er ihr Gegenüber das Bürgerliche als „nichts andres als der Versuch eines Ausgleiches, als das Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen den zahllosen Extremen und Gegensatzpaaren menschlichen Verhaltens“, bevor sie ihm mit einem langen Kuss den Mund verschloss und sich auf ihn legte. „Mir scheint, dass du ein wenig Abwechslung brauchst …“

Danach war sie verschwunden. Nicht gleich danach; er bemerkte ihr Verschwinden erst, als er zum morgendlichen Wasserlassen auf die Toilette gehen musste. Auf dem Küchentisch fand er später einen Zettel:

Lieber „Bernhard“ oder wie auch immer Du heißt,
ich melde mich wieder!
Gruß,
„Marieluise Fleißer“
(Du erinnerst Dich, hihihi …)

was aber bisher nicht geschehen war.

Der Herbst ging ohne sie vorbei, ohne dass sie sich gemeldet hatte, aber ungewöhnlich mild in diesem Jahr, und der Winter nahte, es wurde kälter. Auch in seinem Herz! Als er jedoch eines Tags in seinen Hausflur tritt, findet er dort auf dem Boden ein auf dunkelrosa Papier gedrucktes Flugblatt vor, das unter der Haustür hindurchgeschoben worden war und das er zunächst als unerwünschte Werbung in den Altpapierbehälter werfen will. Er liest:

Einladung!

Zur Wintersonnenwende und der gleichzeitig längsten Vollmondnacht des Jahres am 21. Dezember möchte ich Dich herzlich zu einer Party einladen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du kommst!

Gruß

und dann die handschriftliche Unterschrift „Marieluise“ in Anführungszeichen sowie eine Adresse …

(Fortsetzung: Wintersonnenwende)