Soziales Klima immer eisiger
Sonntag, Dezember 12th, 2010Das gesellschaftliche Klima hierzulande wird immer eisiger. Die Angst vor sozialem Abstieg wird vor allem unter Besserverdienern so stark, dass sie zu einer aggressiven Stimmung gegen Hilfsbedürftige führt. Dies ergab eine Untersuchung, die das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung IKG der Universität Bielefeld durchgeführt hat.
Wie Olivia Schoeller in der Frankfurter Rundschau, S-Ausgabe vom 4./5. Dezember 2010 auf Seite 6 die Ergebnisse zusammenfasst, steigt die Zahl der Deutschen, „die mit Abneigung auf Fremde und Menschen blickten, die nicht als Leistungsträger dieser Gesellschaft gelten.“ Dabei sei es „bemerkenswert […], dass vor allem unter Besserverdienern die aggressive Stimmung gegenüber Hilfsbedürftigen zugenommen hat.“
Während die Angst vor sozialem Abstieg bisher hauptsächlich Menschen mit niedrigerem Einkommen betraf, haben zunehmend Besserverdiener mit einem Einkommen von mehr als 2500 Euro netto „das Gefühl, dass sie heute weniger als ihren gerechten Anteil erhalten“ und „zu den Verlierern zählen“. Dies sei vor allem auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurückzuführen. Zusätzlich interessant ist hierbei, dass auch bei Menschen, die sich politisch in der Mitte oder gar links einordnen, die Islamfeindlichkeit zugenommen hat.
In einer nach der Quelle des IKG angefertigten Grafik der Frankfurter Rundschau wird ersichtlich, dass es unter den Armen („unter 650 Euro“) und den Schichten mit einem niedrigen Einkommen („650 bis 1299 Euro“) zwischen dem letzten und diesem Jahr nur einen geringen Anstieg „rechtspopulistischer Meinungen“ gibt, bei den mittleren Einkommen („1300 bis 2598 Euro“, sic!) eine gleich bleibende Tendenz. In keiner anderen Gruppe wie bei den Besserverdienenden („ab 2598 Euro“, sic!), „die rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen“, ist der Anstieg jedoch so deutlich, obwohl sie insgesamt noch hinter den anderen Einkommensgruppen zurückliegt, ergab die repräsentative Umfrage von 2000 Menschen. Dies könne nicht an den Debatten um Thilo Sarrazin, seinen Thesen und dem Erscheinen seines Buchs „Deutschland schafft sich ab“ liegen, da diese Langzeitstudie schon vorher durchgeführt wurde, doch er „traf […] offenbar auf diese Stimmung.“
„Insgesamt stellt die Studie eine Entsolidarisierung und eine Ökonomisierung der Gesellschaft fest“, folgert die Autorin des Rundschau-Artikels, und weiter: „Vor allem die Besserverdiener würden in Krisen immer häufiger den Wert eines Menschen in dessen Leistung messen.“ Wilhelm Heitmeyer, Leiter des IKG und Herausgeber der unter dem Titel „Deutsche Zustände“ auch in Buchform erschienenen Langzeitstudie (hierzu Folge 8, 2010), spricht gar von einem „eisigen Jargon der Verachtung durch die Eliten“.
Dass das soziale Gefüge unserer Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet und -bricht, ist schon seit Längerem spürbar, und es bleibt abzuwarten, ob, bis und wie dieser „Jargon der Verachtung“ auch in die Tat umgesetzt wird und wie die Verachteten darauf reagieren werden, falls sie nicht schon vorher reagieren …
(Nachtrag vom 13. Dezember 2011: siehe auch Studie: Sozialforscher warnt vor „Klassenkampf von oben“ | Politik | ZEIT ONLINE und die dort verlinkten weiteren Artikel zum Thema!)