Archiv der Kategorie Sprache und Austausch

Zwangseinweisungen

Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt vor, dass Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten erlaubt sind. In Deutschland jedoch dürfen Menschen zwangsweise eingewiesen werden, wenn Fachleute annehmen, dass sie eine Gefahr für sich oder andere darstellen. Wie ist das möglich?

Diese UN-Konvention gilt seit 2009 auch hierzulande, doch bei ihrer Umsetzung in nationales Recht wurde die Vorgabe durch Einfügen eines einzigen Wortes ausgehebelt: Statt „Eine Freiheitsentziehung aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt“ heißt es nun „Eine Freiheitsentziehung allein aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt.“ Eine Änderung der vorher angewandten und umstrittenen Praxis wird so umgangen …

Quelle:
medienhandbuch.de: „Welche Themen werden von den Medien nicht gebracht?“

Kommt

Kommt, reden wir zusammen,
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen,
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun —
du einsamst, keine Büste
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah die Klippen,
du kennst dein schwaches Boot —
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

(Gottfried Benn, 1955; siehe dazu auch Robert Gernhardt: „Wie arbeitet der Lyrikwart? Gottfried Benn wird verbessert“!)

Trauerfeier, Teil 2

Dass das Wort „Trauerfeier“ ein Widerspruch in sich darstellt, haben wir schon abgehandelt (siehe „Trauerfeier“). Manche jedoch nehmen diesen Begriff sehr wörtlich und lösen damit den Widerspruch auf.

„Meine innig und über alles geliebte Frau ist ganz plötzlich und unerwartet von uns gegangen“, schreibt „in tiefer und stiller Trauer“ ein Thomas D. in einer Todesanzeige, um diese dann ganz unvermittelt in eine Kontaktanzeige umzuwandeln und auf seinen plötzlichen und unerwarteten neuen Status als Single zu verweisen:

„(38 Jahre, 182 cm) verw., schl., attr., intell.
romant., sinnl., humorv., reist gern, gut situiert, Nichtr.
jetzt täglich zu erreichen ab 18 Uhr
Handynummer …“

So trauert und feiert man gleichzeitig und nutzt zudem die Gunst der Stunde!

(Zitiert nach der gezeigten Todesanzeige in Felix Helbig: „Happy End“, Frankfurter Rundschau, Druckausgabe vom 31. September/1. November 2009, der wiederum aus „Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen“ von Matthias Nöllke und Christian Sprang, Köln 2009 zitiert.)

Principiis obsta

Wir wehren oder widerstehen den (Wieder-)Anfängen von Faschismus und Neonazismus, aktiver Sterbehilfe, Mobbing in der Schule, dem diabetischen Fuß, Krankheitserregern bei Wirbellosen, dem EU-Reformvertrag von Lissabon, Vandalismus in Hollenstedt und was man nicht sonst noch unter den Ergebnissen einer Suchmaschine im World Wide Web findet: principiis obsta, je nach Übersetzung wehre, sträube dich oder widerstehe am Anfang, im oder den Anfängen, im oder dem Beginn!

Hin und wieder wird es Cicero zugeschrieben, so bei „Wehret den Anfängen!“ im S.P.Q.R.-Lateinservice, aber auch wenn sein Satz: „… die anständigen Bürger sind auf irgendeine Art träger, kümmern sich nicht um die Anfänge politischen Unheils …“ immer noch aktuell sein dürfte, taucht „principiis obsta“ dort wörtlich nicht auf. Trotzdem wird er gerne als Urheber bezeichnet, wie etwa bei blogtaku42: „Wehret den Anfängen!“ oder bei Lobotomize your Brain: „*ZENSIERT*“, der sich, wie im Netz leider nicht unüblich, auf unüberprüfte vermeintliche „Tatsachen“ stürzt und einfach auf den vorher genannten Blogger verweist. Weitere (falsche) Verweise auf Cicero lassen sich in Foren und sogar in einer Petition aus der Schweiz zuhauf finden!

Also nicht von Cicero! Von Brecht stammt es übrigens auch nicht.

Denn müsste es eigentlich „widerstehe der Liebe“ heißen, wenn man es im Kontext liest!

Es war der römische Dichter Publius Ovidius Naso, genannt Ovid, der es in seinen „Remedia amoris“ (Heilmittel gegen die Liebe) verwendete. Dort beschreibt er Mittel und Wege, um sich aus einer Beziehung zu lösen, sich wieder zu „entlieben“, etwa weil die Liebesqualen zu stark sind. Sozusagen ein „Fifty Ways to Leave Your Lover“ der Antike.

Im in den Versen 79 bis 114 beschriebenen Fall geht es darum, die Liebe bereits im Anfangsstadium zu unterbinden. Die betreffende Stelle ab Vers 91 lautet, zitiert nach Projekt Gutenberg-DE:

Principiis obsta: sero medicina paratur,
Cum mala per longas invaluere moras.
Sed propera, nec te venturas differ in horas:
Qui non est hodie, cras minus aptus erit.

Widersteh’ im Beginn. Zu spät bereitet man Mittel,
Wann das Übel erst stark wurde durch langen Verzug.
Eile und schiebe die Cur nicht auf für künftige Zeiten.
Wer nicht heute geschickt, morgen noch minder es ist.

Aber bekanntlich lässt sich ja alles, was für die Liebe gilt, auch auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen und umgekehrt, „denn für die Ritterfahrt gilt das, was für die Liebe gilt: Sie macht einander alles gleich“ (Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote von La Mancha) …

Trauerfeier

Auch so ein Wort, das es in sich hat: Trauerfeier. Ein Wort, das ein Widerspruch in sich ist. Trauert man noch oder feiert man schon? Dazu passt dann auch der Leichenschmaus …

Dank an „Trauerfeier“ bei L y r i k s p ( l ) i t t e r für diesen Hinweis!