Fukushima 3.11

Fessenheim und Tihange, zwei Kernkraftwerke in unmittelbarer Nähe zu Deutschland, die in den letzten Monaten immer wieder in die Schlagzeilen kamen. Doch was macht eigentlich Fukushima? Fukushima 3.11, wie Japaner die Katastrophe nennen, jährt sich heute, am 11. März, zum fünften Mal. Zeit für eine Aktualisierung eines hier früher veröffentlichten Artikels!

Fukushima Daiichi I reactor unit 4 by Digital Globe

Fukushima Daiichi, Reaktor 4, am 16. März 2011 (Digital Globe/ Wikimedia Commons)

Um die Dreifachkatastrophe mit Erdbeben, Tsunami und dem Super-GAU von Fukushima, die mindestens 18 000 Menschenleben forderte und die sich am heutigen 11. März zum fünften Mal jährt, scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Jedenfalls ist in den hiesigen Medien kaum noch etwas darüber zu vernehmen. Doch wenn hierzulande anscheinend die Überzeugung herrscht, dass dort alles seinen geregelten Gang geht, muss dem tatsächlich nicht so sein. Medien, besonders aus den USA, aber auch Greenpeace berichten über Unfähigkeiten des Betreibers, die Arbeitsbedingungen dort und über Radioaktivität im Pazifik, die bereits massive Auswirkungen auf die Meeresfauna zeigt. Fukushima 3.11 (fukushima san ten ichi ichi), wie Japaner die Katastrophe in der Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant nennen (übrigens wird Fukushima nicht auf der dritten, wie hierzulande oft gehört, sondern auf der zweiten Silbe betont), und immer noch kein Ende also, und Zeit für eine Aktualisierung des hier früher veröffentlichten Artikels „Fukushima Daiichi und kein Ende“ vom 17. Dezember 2013!

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete im Oktober 2013 über schlechte Arbeitsbedingungen bei schlechter Bezahlung und über die Gefahr, dass involvierte Mitglieder der mafiösen japanischen Organisation Yakuza radioaktives Material entwenden könnten; siehe „Special Report: Help wanted in Fukushima: Low pay, high risks and gangsters“. Dass die japanische Mafia bei der Anheuerung der Arbeiter immer noch eine Rolle spielt, zeigt die SWR-Reportage „Arbeiter in japanischen Atomkraftwerken: Atom Gypsies“ (Audio, 23 Minuten, 50 Sekunden) vom 7. März 2016: Der Journalist Shun Kirishima glaubte den offiziellen Berichten über die Lage im AKW Fukushima nicht und heuerte als Arbeiter an, wo er in einem hoch radioaktiven Bereich eingesetzt wurde.

Majia’s Blog, das Weblog eines Universitätsprofessors für politische Ökonomie und Biopolitik, berichtete ebenfalls im Oktober 2013 über massive Veränderungen in der Fauna des Pazifischen Ozeans, so etwa über das Schmelzen von Seesternen, die bereits an den Küsten Alaskas und Kaliforniens feststellbar sind; siehe „Animal Anomalies: Is the Fukushima Daiichi Disaster a ‘Tipping Point’?“ mit vielen Verweisen auf seine Quellen. Auch Bürgerstimme, ein Netzwerk freier Journalisten, wies bereits im Dezember 2013 auf die Gefahr von radioaktiv verseuchtem Wasser im Pazifik und die Folgen für die Gesundheit hin; siehe „Fukushima: Radioaktives Wasser im Pazifik“.

Wie die Umweltorganisation Greenpeace, die nicht nur die Kontamination an Land, sondern vor allem auch in den Gewässern vor der Küste Fukushimas misst, kürzlich berichtete, ist diese Gefahr noch längst nicht gebannt. Seit 2011 sind 1,4 Millionen Tonnen verseuchtes Kühlwasser angefallen; was davon nicht auf dem Kraftwerksgelände lagert, landet im Pazifik. Nie zuvor ist mehr radioaktives Material in das Ökosystem Meer gelangt als mit der Katastrophe von Fukushima, und verstrahltes Wasser aus der Umgebung wird noch in Hunderten von Jahren in den Ozean gespült werden! Und diese Gefahr ist noch keineswegs gebannt: Täglich werden hunderte Tonnen Wasser zur Kühlung der Reaktoren in die Anlage gepumpt, ohne die weitere Kernreaktionen drohen würden. Inzwischen sind hierbei etwa 320 000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser angefallen, das in Stahltonnen auf dem Gelände des Kernkraftwerks lagert oder bereits in den Pazifik abgelassen wurde.

Ein weiteres Problem: Wo wird das Land die bislang 9 Millionen Kubikmeter Atommüll lagern, die bei den Dekontaminierungsarbeiten angefallen sind und der sich derzeit provisorisch an mehr als 50 000 Standorten stapelt, wobei in den kommenden Jahren noch weitere Millionen Tonnen Strahlenmüll hinzukommen werden?

Obwohl Japans Regierung den Rückzug aus der Atomenergie versprach und drei Ex-Manager des AKW-Betreibers von Fukushima anklagen will, ein japanisches Gericht zudem befand, dass zwei Reaktoren in Takahama als nicht sicher für den Betrieb gelten und stillgelegt werden mussten, fährt sie zur gleichen Zeit einen weiteren Atomreaktor wieder hoch. Und das, obwohl nach Fukushima 3.11 alle 48 kommerziell arbeitenden Atomreaktoren vom Netz genommen wurden und Japan zwei Jahre lang sehr gut ohne Atomstrom ausgekommen war! Zudem wurde die Berichterstattung über Fukushima 3.11 stark eingeschränkt. Mit Takahama 4 sind inzwischen nun vier Reaktoren wieder in Betrieb. Laut Greenpeace will die japanische Regierung viele von den 160 000 Menschen, die nach der Katastrophe ihre Häuser verlassen mussten, in Gegenden zurücksiedeln, die noch immer stärker verstrahlt sind als das Sperrgebiet um Tschernobyl!

Fukushima 3.11 und kein Ende also, aber die Erde ist zu klein für Atomkatastrophen!

Weitere Informationen
Greenpeace: Energiewende Japan
tagesschau.de: „Nach Reaktorkatastrophe in Japan: ‚Dann strahlt nur noch dein Grab‘“ vom 10. März 2016
tagesschau.de, Weltbilder: „Fukushima fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe“ (Video, 9 Minuten, 18 Sekunden) vom 10. März 2016
Sonderseite von SWR2: „Fukushima: Fünf Jahre nach Atomkatastrophe“ mit einer Sammlung von Beiträgen des Senders
SWR2-Archivradio: „Atomkatastrophen Tschernobyl & Fukushima“ mit einer Sammlung vieler interessanter, teilweise historischer Tondokumente wie z. B. den Reden von Helmut Kohl, Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Michail Gorbatschow nach Tschernobyl sowie die Reaktionen nach Fukushima
Und immer noch aktuell: „Die Fukushima-Lüge“, eine ZDF-Dokumentation von Johannes Hano von 2014


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