Ein Paketbote zu viel!

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Ein (noch nicht gedrehter) Fernseh-„Tatort“ aus Münster

„Wir begrüßen Sie aus dem Millerntor-Stadion in Hamburg zu unserem heutigen Topspiel der Zweiten Fußball-Bundesliga! Zwei Traditionsklubs stehen sich heute gegenüber: …“

Endlich!

Piratenflagge mit Totenkopf und Aufdruck „St. Pauli“

Was tut man nicht alles für seinen Lieblingsverein! (Autor: An-d/Wikimedia Commons)

Kriminalhauptkommissar Frank Thiel hatte seinen letzten „Tatort“ mit viel Klamauk und Klimbim, Jux und Dollerei abgeschlossen. Seine Assistentin Nadeshda Krusenstern wollte ihn noch zu einem Feierabendbier einladen, aber selbst ihre himmelblauen Augen, die ihm verführerisch zuzwinkerten, schafften es nicht, ihn heute zu überreden, und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm konnte er abwimmeln, als sie bis morgen früh die Dienstberichte forderte. Nicht heute, da das Montags-Topspiel der Zweiten Bundesliga mit St. Pauli stattfindet!

Thiel war neidisch — und sauer: Vater Thiel hatte tatsächlich zwei Eintrittskarten für das Spiel ergattern können — und ihn nicht dazu mitgenommen! Durch einen Zufall hatte sein Vater mit seinem Taxi den früheren St.-Pauli-Torwart Volker Ippig gefahren, der ihm zwei Karten geschenkt hatte. Aber anstatt ihn zu dem Spiel mitzunehmen, schwieg sich sein Vater darüber aus, wem er den Vorzug geben wollte. Na warte, Vaddern, werde doch mal die Kollegen vom Ordnungsamt zu dir schicken, denkt er. Und gleich noch die Kollegen vom Rauschgiftdezernat!

Thiel geht zum Kühlschrank, öffnet eine Flasche „Astra“ und macht es sich vor dem Fernseher bequem. Dass das ursprünglich auf St. Pauli hergestellte Bier dort schon lange nicht mehr gebraut wird, stört ihn nicht. Nostalgie und Lokalkolorit ersetzen Wirtschaftskunde, denkt er sich. Für letzteres ist Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne zuständig, der zu allem eine mehr oder weniger hilfreiche Information hat. Für seinen Geschmack eine meist weniger hilfreiche, geradezu überflüssige! In diesem Moment allerdings dringt aus dessen Wohnung nebenan wieder einmal laute Musik. Klassik! Wahrscheinlich wieder dieser Wagner! Pah!

Thiel stellt die Lautstärke seines Fernsehers mittels der Fernbedienung etwas höher und legt seine Füße bequem auf dem Couchtisch ab. So müsste es gehen.

„… Der FC St. Pauli empfängt den VfL Bochum.“

Ein Paketbote mit Paketen

Aber was, wenn ein Paketbote nach dem anderen klingelt? (Microsoft Clip Art)

Lachnummer, diese Bochumer, spätestens seit sie mit ihren Regenbogentrikots aufgelaufen sind! Er grunzt laut in seinem schwarzen T-Shirt mit dem Totenkopf-Aufdruck und mit dem braun-weißen St.-Pauli-Schal um den Hals. Die Chips! Auf seinem Weg zurück in die Küche klingelt es. Hoffentlich nicht Boerne! Als er die Tür öffnet, steht ein Paketbote davor.

„Könnten Sie vielleicht ein Paket für Boerne annehmen?“

„Der ist doch da“, entgegnet Thiel, „hören Sie das nicht?“

„Ja, aber der macht nicht auf.“

„Nich’ mein Problem!“ Thiel knallt die Wohnungstür zu.

„Die Mannschaften kommen aus der Kabine“, hört er aus seinem Wohnzimmer. Was wollte ich gerade noch? Die Chips!

Während er die Packung aufreißt und sich wieder vor den Fernseher begeben will, klingelt es erneut. Leck mich, denkt er, setzt sich und nimmt einen kräftigen Zug aus der Bierflasche, stopft sich eine gute Handvoll Kartoffelchips in seinen Mund und legt die Füße hoch. Es klingelt erneut.

„Himmelarschundzwirn, kann man denn nicht mal …“, flucht er zwischen den Chips in seinem Mund, erhebt sich wieder und reißt die Wohnungstür auf. Ein anderer Paketbote steht davor.

„Könnten Sie vielleicht ein Paket für Boerne …“ Weiter kommt er nicht, da ihm Thiel die Türe vor der Nase zuschlägt. Seit wann sind die so spät noch unterwegs? Oder fällt mir das nur auf, weil ich um diese Uhrzeit sonst meistens noch vor der Kam…, äh, beim Lösen von Kriminalfällen bin?

„In wenigen Sekunden erfolgt der Anstoß. Jetzt, der Schiedsrichter gibt den Ball frei, das Spiel beginnt!“

Noch nichts versäumt, denkt Thiel, und Zeit, noch mal schnell aufs Klo zu gehen. So früh schießen die Preußen nicht, oder so!

Als er von dort zurückkommt, hört er aus dem Wohnzimmer: „Wie konnte Gonther diese hundertprozentige Chance für St. Pauli nur nicht nutzen, den MUSS er doch rein machen!“

Zum Glück gibt es Wiederholungen, freut er sich, als es erneut klingelt. Er ignoriert dieses Geräusch und richtet sich nach dem, das aus dem Wohnzimmer schallt. Es klingelt wieder. Vielleicht diese süße Nadeshda, die das Spiel bei mir …

Es klingelt. Nachdem er in der Wiederholung verfolgt hat, dass sein Lieblingsklub tatsächlich eine hundertprozentige Möglichkeit zu einer frühen Führung leichtfertig vergeben hat, erhebt er sich seufzend wieder. In seinem Flur ist immer noch die Musik aus Boernes Wohnung zu vernehmen. Er öffnet die Tür. Ein weiterer Paketbote steht davor.

„Könnten Sie vielleicht …“

„NEIN, KANN ICH NICHT!“, schreit Thiel und hämmert an Boernes Wohnungstür. Nichts rührt sich. Thiel hämmert und klingelt Sturm. Nichts rührt sich, im Gegenteil: Es scheint, als ob Boernes Wagner sich zu einem musikalischen Inferno steigert.

„Geben Sie her!“ Thiel reißt dem Boten das Paket aus der Hand und knallt seine Tür zu.

„Jetzt ist es passiert: Der VfL Bochum ist mit 1:0 in Führung gegangen!“, hört er.

Thiel hat das Wohnzimmer noch nicht erreicht, als es schon wieder klingelt. Von draußen die Stimme des Paketboten: „Sie müssen hier noch unterschreiben!“

„Kannst mich mal!“, grinst er gemein. Das folgende Klingeln ignoriert er einfach.

Während die Wiederholung der Bochumer Führung läuft, klingelt es wieder. Thiel nimmt die Fernbedienung und stellt die Lautstärke höher. Die Lautstärke des Klingelns scheint sich der des Fernsehapparates anzugleichen: Es klingelt scheinbar lauter und er hört ein Rufen aus dem Hausflur: „HAAALLOO! Hier ist der Paketdienst! Könnten Sie vielleicht …“, dazu der Paketbote von vorher: „Sie müssen hier noch unterschreiben!“ Gleichzeitig klopft noch ein weiterer Paketbote von außen an sein Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss. „Hallo? Könnten Sie vielleicht ein Paket für Boerne …“

Wieso wollen die eigentlich alle zu mir? Hat da etwa jemand die Haustür offen gelassen?

Thiel stürmt zu seiner Wohnungstür, reißt sie auf, stößt die davor wartenden Paketboten zur Seite, poltert die wenigen Stufen zur Haustür hinab und stellt fest, dass diese tatsächlich offen steht. Über den Klingeln hat jemand einen Zettel befestigt:

Pakete für Boerne bitte bei Thiel abgeben! Danke!
Prof. Dr. K.-F. Boerne

Während er das liest, hält ihm der Paketbote, der eben noch an sein Fenster klopfte, ein Paket unter die Nase. Thiel reißt den Zettel ab und stürmt zurück in seine Wohnung.

„Tooor! 2:0 für den VfL Bochum!“

Na warte, Boerne, es reicht! Kriminalhauptkommissar Thiel greift nach seiner Dienstwaffe.

(Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen sind durchaus beabsichtigt! Siehe hier auch, aber nicht nur zum „Tatort“: „Der Mörder ist immer der Gärtner“!)


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