Status der Blogosphäre

Technorati, eine der größten Internet-Suchmaschinen speziell für Weblogs mit (nach eigenen Angaben) 1,2 Millionen registrierten Bloggern, hat, wie in den Jahren zuvor, im Juni 2008 eine Umfrage („State of the Blogosphere“) mit mehr als 1000 teilnehmenden Bloggern geführt. Dabei wurden Blogger aus 66 Ländern in sechs Kontinenten, die in 20 verschiedenen Sprachen schreiben (an anderer Stelle ist sogar von 81 die Rede), befragt. Zur Verteilung: Nordamerika 48, Europa 27, Asien 13, Südamerika 7, Australien 3 und Afrika weniger als ein Prozent.

Da die Umfrage in Englisch geführt wurde und die Mehrheit der (angemeldeten) Technorati-Nutzer in den USA sitzt, ist diese Umfrage für deutsche Blogger zwar mit Vorsicht zu genießen, aber einige Daten fand ich doch so interessant, dass ich diese aus dem englischen Bericht übersetzt habe. Kaum beschäftigt habe ich mich den Ergebnissen, die Blogger betreffen, die in einem kommerziellen Zusammenhang publizieren, also entweder innerhalb eines privaten oder direkt innerhalb eines Firmenblogs.

Laut comScore-MediaMetrix vom August 2008 stehen 77,7 Millionen Blogbesuchern in den USA 75,1 Millionen MySpace- und 41,0 Millionen Facebook-Besucher gegenüber (wobei zu bedenken ist, dass zumindest MySpace auch über die Möglichkeit verfügt, eigene Blogs zu veröffentlichen sowie die anderer einzusehen, zu kommentieren und zu bewerten), nach eMarketer vom Mai 2008 sind die Hälfte aller Internetnutzer auch Blogleser, nach Universal McCann vom März 2008 sogar 77 Prozent.

Auch wenn die Blogosphäre an Größe und Einfluss gewinnt, wird die Unterscheidung zwischen normalen Websites (“mainstream sites”) und Blogs zunehmend schwieriger. Große Blogs übernehmen Charakteristika von normalen Websites und umgekehrt.

Während in den USA „nur“ 57 % der Blogger männlich sind, sind es in Europa und Asien jeweils 73 %, in der Altersgruppe 18 bis 34 Jahre beträgt die Verteilung: 42 % (USA), 48 % (Europa) und 73 % (Asien), ab 35: 58 % (USA), 52 % (Europa) und 27 % (Asien). Singles finden sich vorwiegend in Asien (57 %), gefolgt von Europa (31 %) und den USA (26 %). 44 % im globalen Durchschnitt sind übrigens Eltern.

Blogger sind im Durchschnitt seit drei Jahren aktiv und produzieren dabei über eine Million Einträge pro Tag. In Auflistungen von Top-10-Websites sind Blogs in allen Kategorien vertreten.

Die Hälfte der Befragten ist inzwischen in ihrem zweiten Blog aktiv, als Höhepunkt wurde sogar ein achter genannt und 59 % bloggen seit mindestens zwei Jahren.

Trends, Inhalte (“stories”) und Verhalten (“behaviors”) haben nicht nur Einfluss auf die Blogosphäre, sondern auch auf traditionelle Medien (“mainstream media”).

Blogger sind keine homogene Gruppe: Private (“personal, blog about topics of personal interest not associated with your work”), professionelle (“professional, blog about your industry and profession but not in an official capacity for your company”) und Firmenblogger (“corporate, blog for your company in an official capacity”) haben verschiedene Ziele und benutzen durchschnittlich fünf Themen (“topics”) innerhalb ihrer Blogs. Im Durchschnitt verwenden sie fünf verschiedene Werkzeuge, um Aufmerksamkeit (“traffic”) auf ihren Blog zu lenken, sieben Veröffentlichungswerkzeuge und vier verschiedene Messmöglichkeiten für den Erfolg.

Eine Mehrheit von Bloggern hat Werbung in ihren Blogs, wobei Frauen empfänglicher für diese oder verwandte Links (“affiliate links”) sind; viele derer ohne überlegen für den Fall, dass das Blog wächst, auch bei sich Werbung zuzulassen. Vier Fünftel sind private Blogger, darunter postieren aber ebenso viele Marken- oder Produktbeschreibungen (“brand or product reviews”), davon 37 % häufig, und 90 % schreiben in ihren Blogs über Marken, Musik, Filme und Bücher, die sie lieben oder hassen. Währenddessen strecken Firmen immer häufiger ihre Arme nach Bloggern aus (“Marketers realize that bloggers are creating high quality content and attracting growing, loyal audiences.”): Ein Drittel wurde bereits von Firmen kontaktiert (“have been approached to be brand advocates”). Mehr als die Hälfte der professionellen oder Firmenblogger betreibt zusätzlich ein privates Blog. Doch eine große Mehrheit bloggt aus Spaß, 20 % erhalten etwas Geld dafür und 42 % hoffen, in Zukunft etwas Geld zu bekommen.

Blogger mit Werbung sind fortgeschrittener (“more sophisticated”) in Bezug auf Werkzeuge, Werbeplattformen und Möglichkeiten Leser zu binden (“events to build reader loyalty”), sie investieren auch mehr Zeit und Geld in ihre Blogs.

Unter denen, die keine Werbung auf ihren Seiten haben, herrscht Desinteresse (“lack of interest”) vor, aber auch, dass sie ihre Seiten nicht mit Werbung zugekleistert (“cluttered”) haben wollen (24 %), gleich viele wollen kein Geld mit ihren Blogs machen, einige gaben aber auch an nicht zu wissen, wie sie Werbung betreiben können (5 %), oder sogar, dass ihre Seiten zu wenig Besucher für Werbung haben (21 %). Vier Prozent hoffen, mit dem Bloggen eines Tages Geld zu verdienen. Immerhin 14 % fürchten um ihre Objektivität oder Glaubwürdigkeit, wenn sie Werbung zulassen.

Drei Viertel der Blogger deckt drei oder mehr Themen ab, der Durchschnitt beträgt fünf, wobei es globale Unterschiede gibt: Musik ist in Asien populärer und Politik weniger (Internetzensur!), während Persönliches, „Lifestyle“ und Religion in Europa weniger populär sind.

Persönlicher Ausdruck (“self expression”) und der Austausch von Fachwissen (“sharing expertise”) sind, wen wundert es, die Hauptgründe zum Bloggen, gefolgt von Vernetzung (“networking”) und der Hoffnung auf Eintritt in die Welt der traditionellen Medien. Ein Viertel führt die Hoffnung auf einen Karrierefortschritt und finanzielle Gründe an. Gründe unter „Other“ waren: Aktivismus, Buchveröffentlichung (“book publicity”), persönliche Befriedigung, Selbstpromotion, das Teilen von Leidenschaften, als ein Experte bekannt zu werden und, der Favorit von Technorati, das Backen von halb garen Ideen (“to bake half-baked ideas”).

Interessant ist auch der Umgang mit der eigenen Identität: Die Mehrheit (zwei Drittel) der Blogger gibt sie offen in ihren Blogs an. Zu den Gründen, sie zu verschweigen, gehören vor allem die Besorgnis, dass Familie und Freunde belästigt werden könnten, oder die Furcht vor Missbilligung durch Familie, Freunde oder Arbeitgeber (zwei Prozent gaben übrigens an, wegen eines Blogs schon beruflich degradiert oder sogar entlassen worden zu sein). Die Besorgnis über die eigene Identität ist außerhalb der USA größer: Technorati notierte viele Gründe, warum die wahre Identität dort lieber verschwiegen wird.

Ein Viertel der Blogger verbringt mehr als zehn Stunden pro Woche mit ihren Blogs, wobei Technorati feststellt, dass die einflussreichsten (“most prolific”) mehr als fünf neue Einträge pro Tag vornehmen und damit auch in Index der „Technorati Authority“ ganz oben stehen.

Zu den gebräuchlichsten Möglichkeiten, Datentransfer zu erhalten (“traffic-building strategies”), gehören: Listen von Blogs auf Technorati und Google, Kommentieren in oder Links zu anderen Blogs, Aufführung (“participating”) in einer Blogrolle oder einem Blogverzeichnis (“blog directory”) und das „Taggen“ von Einträgen, um sie leichter auffindbar zu machen. Blogger sind außerdem versiert in der Verlinkung auf anderen Seiten und von dort auf das eigene Blog: Viele haben einen Mittelwert von 29 Links von ihrem Blog auf andere Websites und 30 Links von anderen zu ihrem Blog.

Eine große Mehrheit der Blogger werten (“are tracking”) ihre Besucher und monatlichen Seitenaufrufe aus, nur 5 % gab an nicht zu wissen, wie viele sie haben. Die Hälfte der Blogger zieht mehr als 1000 einzelne Besucher (“unique visitors”) pro Monat an.

Mehrfachantworten waren bei den meisten Fragen möglich, so auch bei der nach dem Maßstäben für den Erfolg des Blogs: 75 % nannten die persönliche Befriedigung, 58 % die Anzahl der Einträge (“posts”) und Kommentare, 54 % die der einzelnen Besucher, 46 % die Verweise von anderen Seiten, 39 % die RSS-Abonnenten und 33 % den Technorati-Rang.

Blogger glauben, dass Blogs immer wichtiger als Informationsquelle werden. Knapp ein Fünftel glaubt, dass Zeitungen die nächsten zehn Jahre nicht überleben werden, etwas mehr als die Hälfte, dass in den nächsten fünf Jahren Blogs eine primäre Quelle für Nachrichten und Unterhaltung sein werden, und 43 % holen sich Nachrichten und Informationen inzwischen mehr aus Blogs als aus anderen Medien. Blogger seien immer (“generally”) die ersten, die neue Web-Technologien und Anwendungen wie RSS und Twitter erlernten (“learned about”).

Der komplette Report: Technorati: State of the Blogosphere / 2008, und wer die diesjährige Umfrage mitmachen möchte: Survey 2009, wozu man nicht bei Technorati angemeldet sein muss. Allerdings sollten mindestens gute Englischkenntnisse vorhanden sein!

Dort angemeldet muss aber leider sein, wer der erste Fan meines Blogs unter Setzfehler on Technorati sein möchte …