Kaffee aus Togo

(Nein, nicht vom unsäglichen Kaffee oder Coffee „to go“ — manchmal findet man sogar ein „Café to go“: Kann man dann also gleich den ganzen Laden mitnehmen? — soll hier die Rede sein, dazu gibt es inzwischen viele andere Blogs, sondern tatsächlich von Kaffee aus Togo, dem Land!)

Vom Kaffeegenuss in Kaffee anbauenden Ländern

Unsere Weltwirtschaftsordnung schafft Merkwürdigkeiten, die es teilweise schon gab, bevor der Begriff der Globalisierung in unseren Sprachgebrauch trat: In Togo wird auch Kaffee angebaut. Aber was bekommen Sie, wenn Sie dort einen Kaffee bestellen? Pulverkaffee!

Carte Coffea robusta arabic

Weltkarte des Kaffeeanbaus: r = Anbau von Robusta-Kaffee, m = Anbau von Robusta- und Arabica-Kaffee, a = Anbau von Arabica-Kaffee; zum Vergrößern anklicken (Wikimedia Commons)

Unsere Weltwirtschaftsordnung schafft Merkwürdigkeiten, die es teilweise schon gab, bevor der Begriff der Globalisierung in unseren Sprachgebrauch trat. Und manche dieser Merkwürdigkeiten zeigen sich erst dann in vollem Ausmaß, wenn man sich in dem Land aufhält, in dem diese auftreten. In dem kleinen westafrikanischen Land Togo wird unter anderem auch Kaffee angebaut. Nicht viel, doch ausreichend für die Bevölkerung und für die Touristen, wenn man Röstereien bauen und das Produkt im Lande selbst verarbeiten würde. Wahrscheinlich bliebe sogar noch etwas für den Export übrig. Allein: Dem ist nicht so! Und, wie ich später erfuhr, nicht nur in Togo, sondern auch in den Nachbarstaaten.

Bestellen Sie in Togo mal eine Tasse Kaffee! Was glauben Sie, was Sie dann bekommen werden? Kaffee aus Togo?

Eine Karaffe mit heißem Wasser, Zucker, Milch und eine Dose dieses einschlägig bekannten wasserlöslichen, pulverisierten Kaffeeextraktes, das hierzulande nicht zu Unrecht keinen guten Ruf genießt und deren Herstellerfirma auch in Afrika durch die aggressive Vermarktung und die Unzulänglichkeit eines Säuglingsernährungsmittels für einen Skandal sorgte! Und zudem ist das Getränk noch nicht einmal so billig, wie man es in einem Land erwarten würde, in dem die Rohstoffe dafür, nämlich die Bohnen, angebaut werden.

Togo exportiert all seinen Kaffee, um ihn dann verarbeitet und zu wahrscheinlich überhöhten Preisen wieder importieren zu müssen! Somit bezahlt es seine Auslandsschulden, während die einheimische Bevölkerung nichts davon hat, weil etwa keine Arbeitsplätze zur Veredelung der Bohnen geschaffen werden und das Getränk für sie zu teuer ist, um es selbst genießen zu können. Und Sie als Tourist oder im Lande Beschäftigter auch nicht, es sei denn, Sie mögen einen solchen Extrakt, halten sich vielleicht in einer Luxusunterkunft auf, haben Beziehungen oder bringen ihn sich von zu Hause mit.

Von dort nämlich, wo Sie den Kaffee billiger (und besser) bekommen können: aus Europa nämlich!

Zum Nach- und Weiterlesen: „Das volle Verwöhnaroma mit der Würze Ostafrikas“ auf Ouagadougou-Blog, zudem lassen sich weitere Beispiele bei Eingabe des Markennamens dieses Instant-Kaffees oder von „kaffee“ und des Landes Togo bei der Suchmaschine des Vertrauens finden, darunter allerdings auch viele Suchergebnisse, die auf den Kaffee aus „to go“ verweisen.

Nachtrag und Aktualisierung vom 27. Januar 2016

Die Fixierung des Exports von Rohstoffen ist ein koloniales Erbe, das Togo mit allen anderen Staaten Afrikas bis heute teilt. Später verordnete der Internationale Währungsfonds (IWF) den Ländern als Gegenleistung für ihre Kredite ein Strukturanpassungsprogramm nach den Regeln marktwirtschaftlicher Prinzipien, was konkret bedeutete: Stärkung der Privatwirtschaft, Reduzierung aller staatlichen Leistungen, Privatisierung der Energie- und Wasserversorgung und anderer ehemals verstaatlichter Betriebe, Einbindung in den Weltmarkt, also Öffnung der Märkte durch Absenken der Zölle, Erleichterungen von ausländischen Direktinvestitionen, Ausbau des Exports bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Produktion für den heimischen Markt, dazu meist Steuerfreiheit oder wenigstens -erleichterungen für ausländische Unternehmen. So sollten wirtschaftliche Stabilisierung und Wachstum erreicht werden und mit den durch den Export erwirtschafteten Devisen die Schulden abbezahlt werden.

Nestlé ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika präsent. Heute betreibt die „größte Molkerei“ des Kontinents, wie Nestlé in Ghana genannt wird, 30 Produktionsstandorte, hauptsächlich in den westafrikanischen Staaten, aber auch in Äquatorial-Afrika. Dort werden Milchprodukte, Schokolade, Fertigsuppen und Saucen aus afrikanischen Produkten für den europäischen und den afrikanischen Markt hergestellt. 2014 habe Nestlé in seinen afrikanischen Unternehmen einen Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden Schweizer Franken erzielt, berichtete die Financial Times in Juni 2015. (Quelle: „Der andere Vertrag. EPAs — Freihandelsabkommen zwischen Europa und Afrika“ von Nora Bauer, Deutschlandfunk, 26. Januar 2016)

Ob der Pulverkaffee, den man in Togo bekommt, tatsächlich Kaffee aus Togo ist, der auch dort verarbeitet wurde, ist zwar trotzdem fraglich, Tatsache ist aber, dass diese Art von Neokolonialismus die Menschen in die Armut treibt — und in die Flucht nach Europa, wo afrikanische Flüchtlinge auf süditalienischen Tomatenplantagen arbeiten, von denen die Tomaten als billiges Tomatenmark nach Afrika gelangen, wo wiederum die dortigen Anbauer der Schwemme europäischer Waren nicht mehr standhalten können, arbeitslos und zur Flucht nach Europa gezwungen werden, wo sie in Italien …

(Siehe hier auch „Einfache Fahrt“ und „Ein Film wurde wahr“, und noch eine Reisegeschichte aus Togo: „African Whisky“!)


Kommentare

Kaffee aus Togo — 6 Kommentare

  1. Das ist leider mit vielen Produkten so. Es ist traurig.

    Ich habe mal vor vielen Jahren das Buch „Vom Mythos des Hungers“ gelesen, das mir sämtliche Illusionen zu gerechter Wirtschaft, Armut, so genannten Drittweltländern etc. geraubt hat. Das Buch ist zwar jetzt schon Jahrzehnte alt, aber das meiste (vor allem das dahinter stehende Prinzip) dürfte immer noch voll gültig sein. Ob es eine neuere Auflage gibt, weiß ich nicht. („Vom Mythos des Hungers“ von Joseph Collins, Frances Moore Lappé)

  2. Das Buch, welches als Quelle für mein im Ouagadougou-Blog zitiertes Referat diente, hieß „Hunger und Profit. Agrobusiness in Afrika“ von Barbara Dinham und Colin Hones (Heidelberg & Brazzaville 1986).
    Danke für’s Verlinken!

  3. Der Begriff „Kaffeeersatz“ ist mißverständlich, er wird gemeinhin für Kaffeesurrogate wie Malzkaffee, Kornkaffee etc. verwendet. Löslicher Kaffee besteht aus Bohnenkaffee.
    Ich mag Instant-Coffee auch nicht, aber vermutlich sind die Trinkgewohnheiten in vielen Ländern derartig ausgeprägt, dass du auch bei inländischer Verarbeitung keinen Bohnenkaffee erhalten hättest. Wie in dem anderen Blogbeitrag beschrieben, wurde in Tansania versucht eine Fabrik für löslichen Kaffee zu gründen. Röstkaffee wäre wesentlich einfach zu produzieren gewesen.
    Aber vielleicht hast du ja einen Zukunftsmarkt entdeckt – man müsste mal mit einer Röstmaschine nach Togo reisen. 🙂

  4. Pingback: Togo – Bunaa

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