Holocaust II

Nicht nur angesichts des heutigen Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz möchte der Autor und Betreiber dieser Notizen an einen älteren Beitrag erinnern und einige Lese-, Hör- und Sehtipps geben.

Bundesarchiv Bild 183-R69919, KZ Auschwitz, Brillen

Zeichen des Holocaust, des Massenmords: Ein Berg von Augengläsern in Oswiecim (Auschwitz) (Quelle: Bundesarchiv über Wikimedia Commons)

Heute, am 27. Januar 2015, jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zum siebzigsten Mal. Zudem ist heute Holocaust Memorial Day. Nicht nur aus diesem Anlass, sondern auch wegen der Tatsache, dass laut Umfragen ein großer Teil heutiger Schüler das Wort „Holocaust“ noch nie gehört hat oder damit nichts anfangen kann, was nicht nur eine Bildungslücke darstellt, erlaubt sich der Autor und Betreiber dieser Notizen, auf den hier am 1. April 2012 eingestellten Beitrag „Holocaust“ und auf einige interessante Lese-, Hör- und Seherlebnisse hinzuweisen:

Auschwitz-Birkenau, die offizielle Website in Polnisch und Englisch
Lili Jacob — Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF)
Imperial War Museums mit vielen, teilweise erschütternden Bild- und Tondokumenten zum Ersten, aber natürlich auch zum Zweiten Weltkrieg und zur Befreiung eines Teils der anderen Konzentrationslager durch britische Soldaten

Dass der Autor weiterhin das Wort „Massenmord“ dem des „Holocaust“ vorzieht, braucht er nicht erneut zu betonen.

Ausländer

Stimmen aus dem „Tal der Ahnungslosen“

Na ja, also man sieht es ja immer mehr in den Medien, was da passiert in Syrien, das macht mir Sorgen. Und da muss man halt aufpassen, ob das in Deutschland hier nicht auch bald so sein wird.

Eigentlich sollten wir diese Leute, wenn diese Sache dort vorbei ist, wieder in ihr Land zurückschaffen, also im Prinzip: zurückbringen.

Deswegen sehe ich es schon auch so wie die Pegida, dass eben nur die, die Asyl bekommen, die durch politische Verfolgung hierher kommen. Alle anderen sollten vielleicht doch das Land verlassen. Oh Gott, darf ich das überhaupt so sagen?

Klar darf man das so sagen! Sehe das ganz genauso. Man muss einfach gucken, dass man hier nicht alles zulässt, ja. Viele gehen durch die Straßen, ausländischer Herkunft, und vögeln und machen und einfach auch Leute belästigen. Nur weil wir zwei Kriege verloren haben et cetera, muss das nicht heißen, dass wir hier die großen Seelsorger sind für alle und alles dulden müssen.

Die Flüchtlinge, die hierherkommen, denen muss man, wenn sie schon herkommen, eine Perspektive bieten. Und die sind nicht gegeben. Wir haben weder die Arbeitsplätze noch den Platz. Schauen Sie sich doch die westlichen Großstädte an: 70 Prozent, 80 Prozent kann man sagen, sind doch keine Deutschen mehr! Ist das normaler Trend? Ich weiß es nicht. Ich habe nichts gegen andere Nationen und auch nichts gegen andere Kulturen. Aber es kann nicht sein, dass weil die Isis … Die ganzen Bürgerkriege werden von der USA angezettelt und manipuliert. Und die ganzen Wirtschaftsflüchtlinge, die sind ja selber entwurzelt und um ihre Heimat bestohlen.

Man muss die Leute erst einmal aufklären, dass wir kein souveränes Land sind mit keiner souveränen Regierung, dass die Befehle aus Tel-Aviv und Washington kommen! Und die USA wird wieder regiert von einer jüdischen Lobby; das hat nichts mit rechtslastig zu tun!

Wir sind ein besetztes Land. Wir zahlen Stationierungsgebühren in Milliardenhöhe.

Mit welchem Recht wird die Bevölkerung ausgetauscht, obwohl die Bedürfnisse der Wirtschaft und Gesellschaft nicht gegeben sind? Man müsste schon im Mittelmeer die Flüchtlinge abfangen und ihnen den Flüchtlingsstatus verkennen. Siebzig, achtzig Prozent sind keine Deutschen mehr!

Wenn die ganzen Ausländer kommen, müssen die erst einmal isoliert werden, wegen der ganzen Krankheiten. Die kommen hierher, bringen Bazillen und sonst was mit und wir müssen es dann vielleicht ausbaden. Die kommen ja alle unkontrolliert hier herein, vom Gesundheitswesen her gesehen. Weil, ja, wir sind ja ganz anders aufgebaut, irgendwie: In anderen Kontinenten sind andere Krankheiten als in Europa, und wir sind anfälliger für solche Sachen, die dort sind, und genau, die, die herkommen, sind anfälliger vielleicht für solche Krankheiten von uns. Das ist ein ganz normales medizinisches Problem an sich.

Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ich sehe sie immer in der Straßenbahn: im Sommer mit weißen Hemden und weißen Hosen, Bierflaschen in der Hand. Das spricht sich herum: In Deutschland leben wir wie die Made im Speck, dort kriegen wir alles.

Mich stört schon, und das kenne ich, also ich habe es ja selber schon beobachtet, leider, dass auch viele zu uns kommen, die einfach auf unseren Kosten dann auch hier ihren Urlaub verbringen. Oder die teilweise dann im Winter wieder zu ihren Familien gehen, weil es dort wärmer ist, und im Sommer wieder zu uns kommen und von unserem Geld weiterleben. Und das ist das, was mich dann stört.

Ja, wir sehen insgesamt, dass zu viele Ausländer hier nach Deutschland kommen. Es ist bei Dresden jetzt nicht unbedingt so das Problem, hier in Dresden sind noch relativ wenig. Sie hören aber, ich komme aus Süddeutschland und bei uns sind die Städte voll: Stuttgart, wirklich ganze Viertel voll mit Ausländern, die zum Großteil auch keiner Arbeit nachgehen, die klauen, die einbrechen usw.; ich war selbst 15 Jahre bei der Polizei in Baden-Württemberg.

Dass ich gegen die Ausländer bin, dass so viele hier reinkommen. Das ist mein Grund, warum ich hier bin und die kriegen einen Haufen Geld.

Ach. Das ist mir egal, wie viele das sind, aber das sind [in Dresden] schon 0,2 zu viel.

Aber man muss eben, also ich finde, wir sollten aufpassen, dass Deutschland Deutschland bleibt. Wir brauchen hier keine jungen Tunesier, die Asylheime anzünden. Deutschland kann man doch nicht als Einwanderungsland bezeichnen.

Ich habe Angst, dass mir mal der Hals abgeschnitten wird oder der Kopf. Die Salafisten, die haben hier gelernt, die sind zur Bundeswehr gegangen und haben militärische Ausrüstung bekommen und alles und dann sind die nach London gegangen und tun dort die Menschen abschlachten.

Na, ich bin auch nicht dafür, dass hier der Islam eingeführt wird als Staatsreligion. Es soll jeder seine Religion haben und leben können, aber nicht unbedingt, dass das eine Staatsreligion wird.

Die Islamisierung wird von der EU gesteuert.

Ich bin nicht gläubig in dem Sinne, aber ich möchte gern, dass die Kirche im Dorf bleibt und dass wir nicht in irgendeine Moschee rennen müssen zu Weihnachten. Dass wir überhaupt dann noch Weihnachten feiern dürfen. Das wird ja schon witzig. Wahrscheinlich feiern wir das in 20 Jahren nicht mehr, weil wir dann so unterwandert sind und die Deutschen so wenig Prozent auf den Plan bringen. Haben wir nicht genug eigene Sorgen im eigenen Land? Nee. Da holen wir uns noch mehr rein.

Kinder werden Weihnachten nicht beschenkt, weil die Eltern das Geld nicht haben. Daran wird nicht gedacht. Und die sollen, die Politiker sollen mal Asylanten aufnehmen, dann werden die mal sehen, was die unserem Volk hier antun. Viele sind kriminell. Und die Akademiker, die sollen in ihrem Land bleiben, denn dort werden sie nämlich gebraucht. Mal ehrlich. Die EU tut über die Köpfe der Bevölkerung entscheiden, statt zu unserem Volk zu halten. Wir wollen mitbestimmen. Wir haben den Kanal voll. Sage ich Ihnen ganz ehrlich. Bringen Sie mal die Wahrheit und halten Sie mal zu Ihrem Volk.

Angst, soweit würde ich nicht gehen. Aber ich sehe es eben auf dem Straßenbild. Wenn man irgendwie rausgeht, ganz viele Türken. Ich meine, ich komme auch mit vielen gut klar, aber es ist doch zunehmend so, dass man denkt: Sind wir eigentlich noch deutsch in Deutschland?

Nun hören Sie mal auf so, einen Schwachsinn zu erzählen, nun hören Sie doch mal auf, von Angst zu reden! Das ist doch ein Unsinn, den Sie hier von sich geben. Und das war’s jetzt!

Ich bin alt genug. Ich weiß, was hier, was los ist. Ich hab es in der DDR gemerkt, wie sie da alles verdreht haben, und hier wird es genauso wieder verdreht. Genau, das Volk hier unten, das interessiert die gar nicht.

Wir treten ein für die deutschen Flüchtlinge in Not.

Wir berufen uns auf die urburschenschaftlichen Ideale, und dafür stehen wir mit den Fahnen.

Statt „patriotische Europäer“ könnte man auch sagen: „nationale Deutsche“.

Auf alle Fälle, es sind keine, keine, keine Nazis in Nadelstreifen, wie das ein Herr Jäger, Nordrhein-Westfalen, Innenminister, gesagt hat! Gucken Sie sich mal um! Sehen Sie hier irgendwelche — oder sagen wir mal: Das sind doch alles stinknormale Leute, die ihre Sorgen hier zu Recht darstellen wollen.

Die sehen in uns alle Nazis … Das ist es ja! Aber es ist doch nicht so! Hier sind doch nur stinknormale Leute nur.

Wir sind das Volk!

(Zusammengestellt aus den vollständigen Interviews, Teil 1 und Teil 2, mit Teilnehmern einer PEGIDA-Demonstration in Dresden aus der „Panorama“-Sendung „Kontaktversuch: ‚Lügenpresse‘ trifft Pegida“ vom 18. Dezember 2014.
Siehe hierzu hier auch: „O Tannebaum“!)

Favorite Weihnachtsfrieden

Von Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte und ein gigantisches Versagen der Diplomatie. Mehr noch: Diplomatie fand überhaupt nicht statt, zu groß war der Kriegswille! Wenig bekannt ist der sogenannte „Weihnachtsfrieden“, die Weihnachtswaffenruhe zwischen den verfeindeten Soldaten, die so verfeindet gar nicht waren. Und: Auch an Silvester gab es vereinzelt Waffenruhen.

Der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann, war eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte und die „europäische Urkatastrophe“, zudem nicht nur ein gigantisches Versagen jeglicher Diplomatie, sondern Diplomatie fand überhaupt nicht statt. Der Kriegswille war einfach zu groß. Personen und Gruppen, die zur Mäßigung aufriefen, wurden schnell überstimmt und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt. Dem Kriegsbeginn wurde in diesem Jahr durch zahlreiche Gedenkveranstaltungen Rechnung getragen.

Weihnachtsfrieden 1914

Britische und deutsche Truppenangehörige treffen sich während des inoffizellen Weihnachtsfriedens im Niemandsland (Autor: Harold B Robson/Imperial War Museums London)

Wenig bekannt ist der sogenannte „Weihnachtsfrieden“, die Weihnachtswaffenruhe (englisch: Christmas truce, französisch: Trêve de Noël) zwischen den verfeindeten Soldaten, die so verfeindet gar nicht waren, wie sich bei zahlreichen spontanen Verbrüderungen zeigte. Als Papst Benedikt XV. am 7. Dezember 1914 dazu aufrief, wenigstens an Heiligabend, der Nacht, in der die Engel zu Ehren des Jesuskindes gesungen hatten, die Waffen ruhen zu lassen, waren alle am Krieg beteiligten Regierungen dagegen. Trotzdem taten sich an verschiedenen Abschnitten der Westfront etwa 100.000 englische und deutsche, teilweise auch französische Soldaten zusammen, um wenigsten für ein paar Stunden, teilweise auch für einige Tage, die Waffen niederzulegen. Es wurden Andenken, Fotografien, Lebensmittel, Zigaretten und Adressen ausgetauscht, gemeinsame Gottesdienste abgehalten und sogar Fußballspiele sollen stattgefunden haben.

Schon bald nach Bekanntwerden der spontanen Fraternisierungen erklärte der Generalstabschef der kaiserlichen Streitkräfte, dass Soldaten, die ihre Schützengräben zu unkriegerischen Zwecken verlassen würden, vor ein Kriegsgericht zu stellen sind. Auch die englische Führung hatte sich gegen solche Waffenruhen gewandt. Und doch: Nicht nur über Weihnachten, sondern auch an Silvester gab es vereinzelt Waffenruhen! So schrieb der deutsche Student Karl Aldag in einem Brief von der Westfront nach Hause:

Ganz eigenartig war Silvester hier. Es kam ein englischer Offizier mit weißer Fahne herüber und bat um Waffenruhe von 11 bis 3 Uhr zur Beerdigung der Toten. Sie wurde gewährt. Es ist schön, wenn man nicht mehr die Leichen vor sich liegen sieht. Die Waffenruhe aber wurde ausgedehnt. Die Engländer kamen aus ihrem Graben heraus in die Mitte, tauschten Zigaretten und Fleischkonserven, auch Photographien aus mit den Unsrigen, sagten, sie wollten nicht mehr schießen. So herrscht vollständige Ruhe, die einem seltsam vorkommt. Es konnte nicht so weitergehen, und so schickten wir hinüber, sie möchten in den Graben gehen, wir würden schießen. Da antwortete der Offizier, es täte ihnen leid, die Leute gehorchten nicht. Sie hätten keine Lust mehr. […] Sie streiken einfach.

So kam es, dass auch an Silvester die Waffen ruhten, wenigstens zu kriegerischen Zwecken:

Silvester riefen wir uns die Zeit zu und verabredeten, um 12 Uhr [gemeint ist wohl 24 Uhr; der Autor] Salven zu schießen. Der Abend war kalt. Wir sangen Lieder, sie klatschten Beifall (wir liegen 60 bis 70 Meter gegenüber), dazu sangen sie, und wir klatschten. […] Um 12 Uhr knatterten dann Salven von beiden Seiten in die Luft! Dazu ein paar Schüsse von unserer Artillerie. Die sonst so gefährlichen Leuchtkugeln prasselten auf wie ein Feuerwerk, mit Fackeln wurde geschwenkt und Hurra geschrien.

Nun, der Krieg, in dem bis zu diesem Zeitpunkt bereits etwa eine Million Menschen gefallen waren, ging im neuen Jahr weiter und Karl Aldag war zwei Wochen später tot. Über die verheerenden Folgen dieser kontinentalen Katastrophe konnte sich schon damals informieren, wer all die Kriegskrüppel — Amputierte und Soldaten mit verätzten, verbrannten oder weggeschossenen Gesichtern — sah. In der Presse wurden sie totgeschwiegen und sich über die Verbrüderungen empört.

Über 50 Jahre lang interessierte sich kaum jemand für den Weihnachtsfrieden, und wenn, wurde er oft verklärt. Doch eindeutig dürfte sein, dass diese spontanen Fraternisierungen Zeichen von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit, einem unmenschlichen Krieg waren. Keir Hardie, einer der Begründer der Labour Party, der den Ersten Weltkrieg als Pazifist ablehnte und versuchte, dessen Ende durch einen internationalen Generalstreik zu erzwingen, später Unterstützer von Kriegsdienstverweigerern und Organisator von Antikriegs-Demonstrationen, sagte dazu:

Wie kann man so friedfertige Männer ausschicken, sich gegenseitig umzubringen? Sie haben keinen Streit […] Wenn der Krieg vorüber ist […] werden sie alle erkennen, dass die Lügen, die ihnen von ihrer Presse und ihren Politikern aufgetischt wurden, vorsätzliche Irreführung waren […] dass die Arbeiter der Welt nicht als „Feinde“ gegenüberstehen, sondern Genossen sind.

Mögen wir nicht nur im kommenden Jahr, sondern in aller Zukunft hellhörig gegenüber Lügen, Kriegstreiberei und allen vorsätzlichen Irreführungen von und durch Presse und Politiker(n) sein und Menschlichkeit nicht nur in unmenschlichen Zeiten zeigen!

In diesem Sinne: allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!

Literatur und Verweise zum Thema:
Brigitte Hamann: Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten, München u. a. 2004, aus dem die Zitate von Karl Aldag übernommen wurden
Adam Hochschild: To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion, 1914–1918, Boston 2011, deutsch: Der Große Krieg. Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 2013, woraus das Zitat von Keir Hardie übernommen wurde
Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München 2005
Weihnachtsfrieden (Erster Weltkrieg) — Wikipedia
Christmas truce — Wikipedia, the free encyclopedia (englisch)

Favorite Ein Tormann hat Angst

oder Die letzte Aktion des Spiels

Nichts kann sich so schnell verändert haben. Ein einziger Augenblick nachlassender Aufmerksamkeit kann doch ein Schicksal nicht so unwiderruflich besiegeln. Von wegen. Einen Augenblick braucht es, mehr nicht. Danach gibt es kein Zurück.

(aus Tristan Egolf: Monument für John Kaltenbrunner, Frankfurt am Main 2000 u. a.)

Ein Tormann in Aktion

Ein Tormann in Aktion: Hans Tilkowski während der Fußballweltmeisterschaft 1966 im Spiel gegen Argentinien (Autor: El Gráfico/Wikimedia Commons)

Es ist kalt und ungemütlich auf dem Fußballplatz. Den leichten Nieselregen spüre ich nicht nur auf meinem Kopf und in meinem Gesicht, sondern sehe ihn auch wie einen Perlenvorhang im Schein des Flutlichts glitzern. Ich stehe in einem der beiden Tore, ich bin Tormann.

Torhüter sind die Geheimzahl des Fußballs, schrieb einmal ein mir unbekannter Autor. Die Fußballgeschichte ist voll von großen Torleuten. Mein Vorbild war schon seit meiner Kindheit Hans Tilkowski, Tormann unter anderem bei der Fußballweltmeisterschaft 1966, wo er auch beim berühmten Wembleytor, das nicht nur meiner Ansicht nach keins war, und am Ende seiner Karriere bei Eintracht Frankfurt im Tor stand. Seine Vorzüge, die ich mir aneignete, anzueignen versuchte, waren seine Gelassenheit und Ruhe, seine Souveränität und sein Stellungsspiel, dazu sein absolut nüchternes Spiel, das auf Effekte „für die Tribüne“, wie die Effekthascherei unter Fußballern genannt wird, völlig verzichtete. Gefahren erkennen, den Spielverlauf vorausahnen, sich selbst in die richtige Position bringen, zur Not auch außerhalb des Strafraums, und mit einer guten Sprungkraft meine mangelnde Körpergröße ausgleichen, das konnte ich zusätzlich umsetzen.

Viele Torleute waren und sind auch große Typen im Sinne von Originalen und voll von ungewöhnlicher Ausstrahlung. Selbst Literaten waren anscheinend von ihnen fasziniert. So soll sich Jean-Paul Sartre in seiner „Kritik der dialektischen Vernunft“ angeblich mit dem Phänomen des „guten Torwarts“ beschäftigt und Vladimir Nabokov sie in seinen „Erinnerungen“ als „einsame Adler“ bezeichnet haben. Ich weiß es nicht, all diese Bücher habe ich nie gelesen. Ich lese schon gern, bin aber kein Intellektueller; ich spiele gern Fußball und besonders gern als Tormann. Dazu muss man eine Berufung haben, denn Torhüter müssen Wagnisse eingehen, bereit sein, die Fehler anderer auszubügeln, dürfen sich selbst aber keine leisten. Ihr Spiel setzt Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit voraus. Und: Sie dürfen keine Angst haben! Das machte und macht viele von ihnen zu Unikaten. „Über die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ schrieb einst Peter Handke in Verkennung der wahren Umstände. Denn der Elfmeterschütze hat doch viel größere Angst, der Tormann aber nichts zu verlieren: Einen aus solch kurzer Distanz getretenen Schuss kann er eigentlich nur passieren lassen, insbesondere dann, wenn in eine der äußersten Torecken oder gar in den Torwinkel geschossen wird! Trifft der Schütze, ist eingetroffen, womit jeder rechnete, versagt er, ist er der Buhmann und sein Gegner, der Tormann, wenn er den Schuss gehalten hat, ein Held.

Auch Handkes Buch habe ich nie gelesen, nur vor vielen, vielen Jahren den Film im Fernsehen gesehen, damals noch in Schwarz-Weiß bei meinen Eltern, an den ich mich aber nur noch sehr dunkel erinnere. Bislang wurde während eines Spiels nur einmal ein Elfmeter gegen meine Mannschaft gepfiffen. Viele Torleute wählen schon vor dem Schuss eine Ecke, in die sie hechten würden, ich jedoch beobachte die Schützen und warte immer, bis ich sehe, wohin sie den Ball schießen würden, und folge der Flugbahn des Balls. So auch diesmal. Nur leider rutschte ich auf der in Jahren dick gewordenen Kreideschicht, die die Torlinie markierte, weg, sodass ich meine Sprungkraft nicht entfalten konnte. Ich flog zwar in die richtige Ecke, berührte den Ball sogar noch ganz leicht mit der Mittelfingerspitze des Handschuhs, doch konnte ich seine Flugbahn nicht mehr entscheidend verändern, sonst hätte ich ihn um den Pfosten lenken können. Als wir während des Trainings einmal das Elfmeterschießen übten, konnte ich viele parieren, was mir mit jedem gehaltenen Schuss mehr Respekt verschaffte. So viel Respekt, dass ich immer stärker spürte, wie die Schützen mit jedem gehaltenen Schuss mehr Angst bekamen, gegen mich anzutreten — zu viel stand für sie auf dem Spiel!

Doch diesmal habe ich Angst. Nicht vor diesem Spiel, nein, wir liegen mit 1:0 in Führung, sind eindeutig die stärkere Mannschaft, und ein Elfmeter ist nicht in Sicht. Allein: Vor dem Tor des Gegners tun wir uns sehr schwer. Wenn sich das mal nicht rächt! Wer vorne kein Tor schießt, darf sich nicht wundern, wenn er hinten welche kriegt, ist so etwas wie eine unausgesprochene Regel. Allerdings ist der gegnerische Tormann auch sehr gut oder wächst zumindest an diesem Tag über sich hinaus. Ich habe das oft genug erlebt, dass selbst ein mittelmäßiger Torwart gegen einen übermächtigen Gegner über sich hinauswachsen kann. Das war sein Spiel, heißt es danach, oder: das Spiel seines Lebens! Entscheidend ist dabei oft, wenn er schon zu Spielbeginn einen kaum zu haltenden Ball parieren und sich damit auszeichnen kann. Das gibt zum einen ihm selbst mehr Mut und Zuversicht, zum anderen erspielt er sich damit Respekt beim Gegner.

Außer einige Rückpässe meiner Mannschaftskameraden zu stoppen und sie wieder ins Spiel und dabei möglichst an den eigenen Mann zu bringen, habe ich selbst bislang wenig zu tun. Da sich fast alle meiner Mitspieler vorne um den gegnerischen Strafraum befinden, sind wir hinten offen, sodass ich in der Art eines Liberos ein-, zweimal außerhalb meines eigenen Strafraums klären und dabei Kopf und Kragen riskieren muss. Aber obwohl ein Tormann, auch wenn er nicht beschäftigt ist, mit seinen Gedanken nie abschweifen darf, sondern immer hochkonzentriert das Spiel, das sich in jeder Sekunde ändern kann, beobachten muss, bin ich doch mit meinen Gedanken woanders. Meine Freundin hat mich betrogen!

Ich hatte sie eines Abends meinem besten Freund vorgestellt. Wir fuhren zu ihrer Wohnung, nachdem die Kneipe, in der wir uns getroffen hatten, schloss, und ich den Vorschlag machte, dass wir noch zu ihr fahren könnten, falls sie noch nicht schlief. Sie sei oft bis spät in die Nacht auf. Da ich schon oft von ihr erzählt hatte und Dieter sie nun endlich einmal kennenlernen wollte, gefiel ihm die Idee, und nach einem kurzen Anruf vom Telefon der Kneipe aus, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich noch für Besuch offen war, saßen wir kurz darauf in ihrer Wohnung und tranken Wein, hörten Musik. Bald schon spürte ich, wie sich zwischen ihm und Sylvia etwas entwickelte. Es lag etwas in ihren Blicken, in ihren Worten: Blicke, die sie mir so nie zugeworfen, Worte, die sie mir nie so ausgesprochen hatte. Meinen Wink mit dem Zaunpfahl gegen Morgen, dass er und ich nun langsam aufbrechen sollten, ignorierten beide. Da ich sehr müde wurde, verließ ich ihre Wohnung alleine, doch am nächsten Tag sah ich den VW-Käfer meines Freundes, mit dem wir zu ihr gefahren waren, immer noch vor dem Haus stehen. Sie hatten also die Nacht zusammen verbracht!

2:0! Gerade haben wir das 2:0 gemacht! Wer von uns das Tor geschossen hat oder ob es vielleicht sogar ein Eigentor war, kann ich von hier hinten nicht sehen, als Tormann ist man oft weit weg vom Geschehen, aber das lässt sich in der Halbzeitpause in Erfahrung bringen. Es hatte, soweit ich das aus meinem Strafraum — und aus meinen Gedanken — heraus verfolgen konnte, ein Getümmel im gegnerischen Strafraum geherrscht, aus dem heraus das Tor gefallen ist. Ich jubele.

Und erinnere mich an meinen Jubel, nachdem ich zwei der Räder von Dieters Käfer zerstochen hatte. Der Jubel erfüllte damals allerdings nur mein Inneres: Ich wollte niemanden auf meine Aktion aufmerksam machen, weshalb ich es auch bei zwei Rädern beließ. Die anderen beiden befanden sich nämlich auf der Seite der Straße, die zu einsehbar gewesen wäre. Denn auch am übernächsten Tag parkte der Käfer immer noch völlig unbewegt am selben Platz und die Vorhänge ihres Schlafzimmers waren immer noch zugezogen!

Auf dem Platz sehe ich, wie der Torjubel meiner Mannschaftskameraden plötzlich erstirbt und sie sich gestikulierend um den Schiedsrichter scharen. Anstatt auf den Anstoßkreis zu zeigen und damit zu signalisieren, dass ein Tor erzielt wurde, hat er auf Abstoß vom Tor oder Freistoß für den Gegner entschieden, was heißt, dass er das Tor aus irgendeinem Grund nicht gegeben hat. Mist, zu früh gejubelt!

Nachdem nach einigen Tagen meine Wut, Enttäuschung und Trauer, die wechselweise meine Gefühle und Gedanken bestimmten, sich etwas gelegt hatten und ich mich etwas beruhigen konnte, überlegte ich mir weitere Schritte. Ich war nicht so sehr von meinem Freund enttäuscht und wütend auf ihn; ich wusste, dass er sich bei Frauen noch viel schwerer tat als ich, sodass ihm das Glück, nun doch einmal erfolgreich gewesen zu sein, in gewisser Weise sogar zu gönnen war. Ich wollte mich von meiner Freundin trennen, sofort! Wochen später, sein Auto hatte er in der Zwischenzeit irgendwie wieder flottmachen können, jedenfalls parkte es nicht mehr vor ihrem Haus, rief ich ihn an. Ich habe sehr „uncool“ reagiert, war seine erste kühle Reaktion, das mit den Reifen ginge sicherlich auf mich zurück, aber das könne er vielleicht noch verstehen, wenn ich mich überhaupt mal vorher gemeldet und mich dafür entschuldigt hätte, aber so wolle er nichts mehr mit mir zu tun haben, unsere Freundschaft sei hiermit beendet, schloss er das Gespräch, das eher ein Monolog war, sein Monolog, und legte auf.

Meine Gelassenheit und Ruhe, mein nüchternes Spiel habe ich bereits erwähnt? Auch meine für einen Tormann geringe Körpergröße? Bei hohen Bällen aufs Tor kann ich meine gute Reaktion und Sprungkraft einsetzen, aber bei Flanken verbleibe ich meist im Tor und verlasse mich auf die Körpergröße meiner Verteidiger. Ein Rat, den mir ein Trainer während meiner Jugendzeit erteilt hatte. Doch gerade rollt ein erneuter Angriff des Gegners auf mein Tor zu, wobei „rollt“ leicht übertrieben ist: Zwei Gegenspieler, einer davon mit Ball, rennen auf mein Tor zu, verfolgt von einem einzelnen meiner Leute. Der, der den Ball führt, flankt zu seinem Mitspieler, der sich inzwischen freigelaufen hat und die Flanke abnehmen und verwandeln will. Ich muss also aus meinem Tor hinaus und versuchen, die Flanke abzufangen, bevor sie den freien Gegenspieler erreicht.

Gelassenheit, Ruhe und Nüchternheit, das zeige ich nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Leben außerhalb. Manche sprechen sogar von einer gewissen Humorlosigkeit. Bis zu jenem Tag, gestern, als ich Sylvia aufsuchte, nachdem ich bei ihr angerufen und um ein letztes Gespräch gebeten hatte. Ihre anfängliche Verlegenheit wich bald Vorwürfen gegen mich, wie lieblos ich mich ihr gegenüber verhalten und sie damit geradezu in die Arme meines Freundes gedrängt hätte, die in immer aggressiverem und lauterem Ton vorgetragen wurden. Schließlich wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, als ihren Mantel zu greifen, den sie, achtlos wie immer ihrer Kleidung gegenüber — eigentlich hatte mich das schon längst an ihr gestört, fiel mir noch ein —, auf das Sofa geworfen hatte, auf dem wir saßen, und ihn ihr überzuwerfen.

Im Nachfassen gelingt es mir, die Flanke abzufangen und festzuhalten. „Super, Attila!“, höre ich die lobenden Rufe meiner Mannschaftskameraden. Attila ist mein Spitzname, den man mir wegen meiner angeblichen Ähnlichkeit mit irgendeinem Attila-der-Hunnenkönig-Darsteller in irgendeinem Film verliehen hatte, den ich nie gesehen habe und mir als eine Art B-Movie vorstelle, also nichts Erstklassiges, das man gesehen haben muss. Allerdings kam er auch nie irgendwo ins Programm. Nachdem ich noch ein anerkennendes Kopfnicken meines Mannschaftskameraden Sascha erhalten habe, der als Einziger die beiden gegnerischen Angreifer verfolgt hat, schlage ich den Ball aus meiner Hand ab. Das Spiel geht vorne weiter. Bald muss Halbzeit sein. Und jedes Mal, wenn von der benachbarten Ein- und Ausfallstraße Martinshörner herüberschallen, zucke ich zusammen.

Eigentlich wollte ich sie nur beruhigen, selbst einmal zu Wort kommen, aber sie wehrte sich unter ihrem Mantel, sodass ich mich auf sie werfen musste. Sie zappelte unter mir, und ich hörte, wie sie versuchte, etwas zu sagen, das ich jedoch nicht verstand. Bald spürte ich, wie mich die Situation erregte, eine fast unangenehme Erregung, doch irgendwie auch passend, wie ich fand, und nachdem es mir gelang, meine Hose zu öffnen, aber noch bevor ich es schaffte, ihren Unterleib von all den Kleidungsstücken zu befreien, ejakulierte ich bereits auf ihren Mantel. Danach war Stille. Benommen erhob ich mich, rüttelte an ihr, doch sie bewegte sich nicht mehr. Ich ging zum letzten Mal in ihr Bad, wusch die Flecken von meiner Hose ab, und verließ darauf zum letzten Mal die Wohnung, in der ich so glücklich gewesen war, bevor sie Dieter kennenlernte, den ich selbst noch eingeführt hatte. Die Mitbewohnerin ihrer kleinen Dachwohnung, die für einige Tage zu ihren Eltern gefahren war, würde meine Freundin später finden.

Unser zweites Tor ist vom Schiedsrichter aberkannt worden, weil er den Ball nicht im Tor gesehen hat. Eine eindeutige Fehlentscheidung nach Meinung meiner Mannschaft, wie ich während der Halbzeitpause erfahren habe. Besonders Ralf, der Torschütze, war immer noch stinksauer, auch deswegen, weil er selten ein Tor macht. Inzwischen sind wir in der zweiten Halbzeit; wir sind immer noch drückend überlegen, aber ein weiteres Tor für uns will einfach nicht fallen. Am Ende verliert man solche Spiele noch! Nun muss aber bald der Schlusspfiff ertönen, doch eine Halbzeit kann sich unter Umständen endlos in die Länge ziehen, besonders die letzten Minuten. Und ich warte immer noch, bis ich näherkommende Martinshörner höre, als ein weiterer Konter auf mich zukommt. Es müsste eigentlich die letzte Aktion des Spiels sein.

Anja, Sylvias Mitbewohnerin, hat mich heute Morgen angerufen. Sie habe meine Freundin gestern reglos vorgefunden und sofort einen Krankenwagen alarmiert. Wann ich sie zum letzten Mal gesehen habe und ob ich wisse, was während ihrer eigenen Abwesenheit vorgefallen sei?

Statt des Schlusspfiffs schrillt plötzlich der Pfiff des Schiedsrichters, der dabei auf den Elfmeterpunkt zeigt. Den Elfmeterpunkt vor mir, gemäß den Regeln genau 10,9728 Meter von mir entfernt, hier auf diesem kleinen Platz sehr wahrscheinlich weniger. Im Kampf um den Ball habe ich einen Gegenspieler zu Fall gebracht, aber das war doch kein Foul! Ich bin doch eindeutig zum Ball gegangen!

Am heutigen Nachmittag rief Anja nochmals an. Von Sylvia hat sie erfahren, dass die Sache mit Dieter schon nach zwei, drei Tagen wieder vorbei war. Er soll sich ihr gegenüber ziemlich dämlich angestellt haben. Sieht ihm ähnlich, fiel mir im Stillen ein. Aber die Polizei würde nach mir suchen, und wie ich das mit Sylvia nur gemacht haben konnte!

Unsere Proteste helfen nichts. Der gegnerische Elfmeterschütze legt sich den Ball auf den Punkt. Und jetzt vernehme ich endlich auch nahende Martinshörner …

Favorite Vom Verschwinden

Dinge verschwinden, Menschen verschwinden. Manchmal tauchen sie wieder auf, manchmal bleiben sie für immer verschwunden. Menschen verschwinden aus politischen Gründen, Frauen verschwinden aus der Bibel. Der Fall einer verschwundenen Frau aus dem Landkreis Cloppenburg gibt Rätsel auf.

Dinge verschwinden, Menschen verschwinden. Manchmal tauchen sie wieder auf, mal früher, mal später, manchmal bleiben sie aber auch für immer verschwunden. Ist ein Gegenstand verschwunden, haben wir ihn verlegt oder verloren. Wir freuen uns, wenn er wieder auftaucht. Verschwinden Menschen, kann das die verschiedensten Ursachen haben. Laut einer Polizeistatistik verschwinden in Deutschland jedes Jahr etwa 100.000 Menschen, allein in München sucht die Polizei jeden Tag vier bis fünf Personen. Männer sollen „Zigaretten holen“ gehen und verschwinden für immer. Manche Fälle lassen sich nie aufklären. Die Richterin Kirsten Heisig verschwindet in einem Park. Ein paar Tage später findet man ihre Leiche: Sie hatte sich im Tegeler Forst erhängt.

Menschen verschwinden bei Expeditionen, wie etwa Roald Amundsen, und Antoine de Saint-Exupéry während eines Aufklärungsflugs. Aber auch das Verschwindenlassen von Menschen aus politischen Gründen ist bekannt. Einer der ersten systematischen Einsätze der Taktik des Verschwindenlassens wurde 1941 durch Hitlers sogenannten „Nacht-und-Nebel-Erlass“ vom 7. Dezember 1941 begonnen.

Sogar in der Bibel sind Menschen verschwunden. Es gab verschiedene Methoden, gerade Frauen des frühen Christentums aus ihr zu tilgen. Maria Magdalena, Maria aus Magdala, erhielt von Jesus den Auftrag, die Frohe Botschaft zu verkünden, womit sie zur ersten Apostelin, einer Apostola apostolorum (der Apostelin der Apostel), dann in der von Männern besetzten institutionalisierten Kirche zu einer reuigen Sünderin, aus der Büßerin eine Prostituierte und ein laszives Pin-up-Girl der Kunst wurde, und heute vielfach als Ehefrau Jesu empfunden. Junia, eine berühmte Apostelin der Frühkirche, wird unter der Feder des Bibelkommentators Ägidius von Rom wird zu einem Apostel namens Junias. Phöbe, Vorsteherin einer frühen Christengemeinde, wurde als Hilfskraft des Apostels Paulus herunterinterpretiert, Lydia, die erste Christin Europas, geriet fast 2000 Jahre lang in Vergessenheit.

„Eine Frau verschwindet“ ist der Titel eines deutschen Fernseh-Kriminalfilms aus dem Jahr 2012, eine Verfilmung des Romans „Und vergib uns unsere Schuld“ von Claus Cornelius Fischer von 2007, und eines Kriminalromans von John Banville alias Benjamin Black aus dem Jahr 2012. Warum am Donnerstag, 25. Dezember 2014, im Landkreis Cloppenburg eine Frau verschwunden war und am darauf folgenden Freitag wohlbehalten wieder auftauchte, wissen wir nicht.

Nach einer Meldung der Nordwest-Zeitung (NWZ) vom 27. Dezember 2014 „war die 56-Jährige am Morgen mit ihrem Hund zu einem Spaziergang aufgebrochen. Als sie auch nach längerer Zeit nicht wieder auftauchte, begann ihre Familie nach ihr zu suchen, später dann wurde die Polizei alarmiert, die von einer konkrete [sic!] Gefährdung der Frau ausging“.

Schließlich durchsuchten mehr als 300 Einsatzkräfte in verschiedenen Schichten Waldstreifen und Siedlungsgebiete. „Unterstützt wurden die zahlreichen Helfer durch einen Polizeihubschrauber und Diensthunde“, so die NWZ. Gegen 9 Uhr morgens sei Entwarnung gegeben worden: „Die Frau war auf dem Heimweg einer Suchmannschaft in die Arme gelaufen.“ Laut Polizei hatte die Frau die Nacht in einer Hütte verbracht. Was sie dazu veranlasst hat, ist noch unklar. „Die Hintergründe ihres Verschwindens werden aufgearbeitet“, hieß es seitens der Ordnungshüter.

All die obigen Gründe für das Verschwinden zählen in diesem Fall nicht, atmen wir beruhigt auf. Aber wüssten wir nicht doch allzu gern, was sie dazu veranlasst hat, einfach mal auszubüxen? Und das über Weihnachten?