Harte Treffer!

Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht ein Video, das Vorurteile bekämpfen soll

Ein Video der Bundesagentur für Arbeit spielt derzeit mit Vorurteilen gegen (Langzeit)arbeitslose. Genauer gesagt: mit dem, was eine bekannte Suchmaschine als Suchvorschläge anzeigt, gibt man Begriffe zum Thema und zu Hartz IV ein. Und diese Suchvorschläge sind keineswegs positiv! Harte Treffer sozusagen, wie auch das Video heißt. Der Film soll Vorurteile bekämpfen und nachdenklich machen.

„‚Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom‘, das wusste schon Albert Einstein“, so heißt es in der Inhaltsangabe des Videos der Bundesagentur für Arbeit „Harte Treffer“, das Ende Januar 2015 veröffentlicht wurde. Es zeigt das Suchfenster einer bekannten Suchmaschine, in das Anfragen wie etwa „Arbeitslose“, „Langzeitarbeitslose“, „Hartz IV Empfänger“ [sic!], auch „mit Behinderung“, eingegeben werden. Dazu werden die in dieser Suchmaschine generierten Suchvorschläge angezeigt. Und die haben es in sich!

Die nach dem Suchverhalten generierten Vorschläge wie „sind Schmarotzer“, „Parasiten“, „Assis“ bis hin zu „der Bodensatz unserer Gesellschaft“ bestätigen, was Untersuchungen schon lange festgestellt haben: Das soziale Klima wird immer eisiger (siehe hier: „Soziales Klima immer eisiger“).

„Besonders hartnäckig halten sich leider auch in unserer Gesellschaft Vorurteile gegen Arbeitsuchende in den Jobcentern. Aber Vorurteile bringen uns nicht weiter, wir müssen umdenken. Einen Beitrag dazu leisten wir mit diesem Film. Einen weiteren mit unserer täglichen Arbeit: Menschen weiterzubringen“, heißt es weiter in der Inhaltsangabe von „Harte Treffer“. Ob Letzteres angesichts von Meldungen wie „Mehr Interesse an Statistiken als an Menschen“, „Fördern und Fordern“, „Almosen“, „Soziokulturelles Leben mit Arbeitslosengeld II“ usw. tatsächlich der Fall ist?

Der Film mag nachdenklich machen, aber ob er langfristig etwas an der öffentlichen Meinung und den bestehenden Vorurteilen, besonders auch an denen der Arbeitgeber (Langzeit)arbeitslosen gegenüber, oder am sozialen Klima überhaupt zu ändern vermag, ist doch sehr fraglich!

Hier können sich geneigte Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen:

(Siehe hier auch „Wahlbeteiligung: Armut wählt nicht!)

Ein Vorstellungsgespräch

Stellen Sie sich ein Vorstellungsgespräch vor. Dort empfängt Sie ein Mann mit dem Downsyndrom, stellt sich als Ihr neuer Chef vor und mäkelt an Ihrer Krawatte herum. Und es wird noch skurriler. Nicht vorstellbar? Doch! Das zeigt ein australischer Kurzfilm.

Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Sie haben ein Vorstellungsgespräch. Dort warten Sie leicht nervös, bis Sie von einem korrekt gekleideten jungen Mann empfangen werden, der das Downsyndrom hat, sich als Ihr neuer Vorgesetzter vorstellt und an Ihrer Krawatte, an Ihrer Getränkewahl und an Ihrem Filmgeschmack herummäkelt. Und es wird noch skurriler. Nicht vorstellbar? Doch! Das zeigt der knapp 12-minütige Kurzfilm „The Interviewer“ („Das Vorstellungsgespräch“) der australischen Filmemacherin Genevieve Clay-Smith, den sie zusammen mit Robin Bryan verwirklichte und der berührt und nachdenklich stimmt:

Falls der Film in dieser Notiz aus irgendeinem Grund nicht funktionieren sollte (Flash aktivieren!), hier die Webseiten, auf denen man ihn sich auch anschauen kann, jeweils wie oben im englischen Original mit deutschen Untertiteln:
„Das Vorstellungsgespräch“ auf ARTE,
„Das Vorstellungsgespräch“ auf ARTE Cinema.
Und falls er bei ARTE nicht mehr verfügbar sein sollte, gibt es ihn noch bei „Das Vorstellungsgespräch“ im Magazin der Jobmensa, einer studentischen Jobbörse. Hier lassen sich die deutschen Untertitel durch französische ersetzen.

(Gern sollte hier auch auf das auf eine ganz andere Art skurrile „Internship Interview“ der englischen Comedy-Gruppe The Hollow Men verwiesen werden, doch leider scheint es für immer aus dem WWW verschwunden zu sein.)

Korrekturassistenten gesucht

In Stellenangeboten stellen sich üblicherweise die Unternehmen vor und die ausgeschriebene Stelle wird beschrieben. Eine Stellenanzeige „Korrekturassistenten gesucht“ gibt allerdings größte Rätsel auf: Es scheint, dass dort viel Arbeit wartet!

Der Autor ist auf Arbeitssuche. Zu diesem Zweck nutzt er nicht nur diverse Stellenbörsen (meist „Jobbörse“ genannt, denn langfristige Stellen scheint es kaum noch zu geben; siehe hier auch „Jobs“!), sondern er hat auch mehrere Suchassistenten (oft „Jobagent“ genannt; siehe vorher) aktiviert, die ihn beim Eintreffen je nach Einstellungen passender Angebote mittels einer E-Mail-Benachrichtigung und einem darin enthaltenen Link informieren.

So erhielt er von der Stellenbörse Indeed das folgend zitierte Stellenangebot der Universität Passau „Korrekturassistenten gesucht“:

Korrekturassistentin/Korrekturassistenten am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Medien- und Informationsrecht
Universität Passau – Passau

LPerhorfestsushor Dr. Kai von Lewinski Medien- ul nfüdr IÖnfffoernmtlaictihoenss Rreecchhtt , Korrekturassistentinnen und Korrekturassistenten

für die Zwischenprüfung im Grundkurs Staatsrecht gesucht

KDoerr rLeekhtursrtaushsils ftüern Ötifnfnenentl icuhneds RKeocrhret,k Mtuerdaisesni – und Informationsrecht sucht wfueniglss klausuren im Grundkurs Staatsrecht.

s tenten für die Zwischenp rjüe–Die Klausuren finden am 30. Mai 2015 und am 11. Juli 2015 statt, die Korrekturzeit beträgt 4 bis 5 Wochen.

Voraussetzungen für eine Bestellung als Korrektor/Korrektorin sind: • MS indestens 6,5 Punkte in der Ersten Juristischen Staatsprüfung (zfeutraneagnt sdntaeircil/h)R ts eoecwrhftüiselr ltem fieisnrtdenesdtaernins e(isno hwaelibte sd iJea hlre tDzitegnesntaznenitt ea lsV Roeracuhstss

nreuetr– Stotur/dKieonrgreäkntgoer)in in B, ektormacmhtt, ddeannnno chal leeirndein Bgse stneullru nfgü ra lsd iKeo rBr.eAk.– oder

• Mindestens 6,5 Punkte in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung. Die Vergütung beträgt 5,30 € pro Klausur. oIndteerr eteslseiefornteis wche nudnetenr s 0ic8h5 b1i/t5te0 9p-e2r2 E2-4M aanil daenn A Lnenhirksat.uKhiel.c k@uni-passau.de

WAninssikean sKciheacfkt,l iche Mitarbeiterin Besucheradresse Gebäude Nikolakloster, R. 521

Innstr. 40, 94032 Passau
Universität Passau

Es scheint, dass hier viel Arbeit wartet, die nicht nur beste Kenntnisse der deutschen Sprache voraussetzt, sondern auch der speziellen Terminologie einer Universität, immerhin einem Bildungsträger! Und auch die Typografie lässt doch hier und da zu wünschen übrig.

(Siehe hier auch „Leerstelle“ und die diversen Fauxpas in Stellenanzeigen unter „Steak’s und etwas mehr …“!)

Schimpfen mit Shakespeare

Wollten Sie nicht schon immer einmal jemanden so richtig gepflegt beschimpfen? Und das geradezu literarisch? Mit Shakespeare? „Schimpfen mit Shakespeare“ gibt Ihnen mit einem Auszug aus „König Lear“ eine Hilfestellung. Der Kabarettist Urban Priol hat es vorgemacht!

Kinglearpainting

Schimpfen mit Shakespeare: König Lear und der Hofnarr (Wiliiam Dyce: King Lear and the Fool in the Storm/National Galleries of Scotland/Wikemedia Commons)

Kennen Sie das? Es gibt Momente, da möchte man einmal jemanden so richtig beschimpfen, gar zusammenstauchen, aber nicht mit den üblichen Schimpfwörtern, sondern sozusagen „gepflegt zur Sau machen“. Es muss diesmal etwas Besonderes sein, was Ihr Gegenüber nicht alle Tage zu Ohren bekommt. Versuchen Sie es doch einmal literarisch, mit Shakespeare! „Schimpfen mit Shakespeare“ gibt Ihnen eine Hilfestellung.

Aus dem Drama „König Lear“, zweiter Aufzug, zweite Szene: Der Graf von Kent herrscht seinen Diener und Haushofmeister Oswald an: „Kerl, ich kenne dich“, worauf dieser präzisiert haben möchte: „Wer bin ich denn?“ (englische Arden-Version: KENT: Fellow, I know thee. OSWALD: What dost thou know me for?).

Darauf der Graf von Kent in vier verschiedenen Versionen, die sich die geneigte Schimpferin resp. der geneigte Schimpfer selbst zusammenstellen kann:

Ein Schurke bist du, ein Halunke, ein Tellerlecker; ein niederträcht’ger, eitler, hohler, bettelhafter, dreiröckiger, hundertpfündiger, schmutziger, grobstrümpfiger Schurke; ein milchlebriger, Ohrfeigen einsteckender Schurke; ein lüderlicher, spiegelgaffender, überdienstfertiger geschniegelter Taugenichts; einer, der aus lauter Diensteifer ein Kuppler sein möchte, und nichts ist, als ein Gemisch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Bastardpetze; einer, den ich in Greinen und Winseln hineinprügeln will, wenn du die kleinste Silbe von diesen deinen Ehrentiteln ableugnest.

(Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, ergänzt und erläutert von Ludwig Tieck)

Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey-rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten, maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten, überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem deinem Titel läugnest.

(Übersetzung von Christoph Martin Wieland)

Als Schurken, als Gauner, als Verzehrer von angebrochenen Speisen, als gemeinen, eingebildeten, seichten, bettelhaften, dreifach-ausgestatteten, hundert Pfund besitzenden, dreckigen Wollstrumpf-Schurken; milchherzigen, prozeßanstrengenden, hurensöhnigen, spiegelgaffenden, überdiensteifrigen, pingeligen Schuft; ein-Koffer-erbenden Knecht; einen, der ein Kuppler sein möchte aus lauter Dienstfertigkeit, und bist du nichts als eine Mischung aus Schurke, Bettler, Feigling, Zuhälter und Sohn und Erbe einer Bastardhündin; einer, den ich zu lautem Winseln schlagen werde, wenn du auch nur die geringste Silbe von deinen Ehrentiteln leugnest.

(Übersetzung von Raimund Borgmaier, Barbara Puschmann-Nalenz, Bernd Santesson und Dieter Wessels)

A knave; a rascal; an eater of broken meats; a
base, proud, shallow, beggarly, three-suited,
hundred-pound, filthy worsted-stocking knave;
a lily-livered, action-taking, a whoreson, glass-
gazing, super-serviceable finical rogue; one-
trunk-inheriting slave; one that wouldst be a bawd
in way of good service, and art nothing but the
composition of a knave, beggar, coward, pandar,
and the son and heir of a mongrel bitch: one
whom I will beat into clamorous whining if thou
deni’st the least syllable of thy addition.

(die englische Arden-Version)

Einige Anmerkungen:
„Tellerlecker“, „Tellerleker“, „Verzehrer von angebrochenen Speisen“, eater of broken meats: Resteesser, also ein Diener oder Bettler
„dreiröckig“, „drey-rokicht“, „dreifach-ausgestattet“, three-suited: Ein Diener bekam von seiner Herrschaft nur drei Anzüge.
„grobstrümpfig“, „Wollstrumpf-Schurke“, worsted-stocking: Feine Herren trugen Seiden- statt Wollstrümpfe.
„milchlebrig“, „weißlebericht“, „milchherzig“, lily-livered: Die Blutleere, also Weiße der Leber, kennzeichnete Mangel an Mut.
„maußköpfig“, „prozeßanstrengend“, action-taking: Jemand, der lieber einen Prozess anstrengt als sich zu duellieren, also ein Feigling.
Alle anderen Ausdrücke wie etwa „spiegelgaffend“ (glass-gazing) dürften selbstredend sein.

Übrigens: Urban Priol hat es u. a. in dem Video seines kabarettistischen Jahresrückblicks „Tilt — Tschüssikowsky 2014“ ab etwa Minute 14:50 vorgemacht, auch wenn er hier Zitate aus „Macbeth“ (die Einleitung), „König Lear“ (der Hauptteil, siehe oben) und „Troilus und Cressida“ (der Schlusssatz) verbindet, wobei ebendieser Schlusssatz seinen eigenen Charme hat:

Der allgemeine Fluch der Menschen, Torheit und Unwissenheit, sei dein in reichlicher Fülle!

(aus Troilus und Cressida, zweiter Aufzug, dritte Szene; Arden-Version: The common curse of mankind, folly and ignorance, be thine in great revenue!).

Welche Übersetzung Priol verwendet hat, erschloss sich dem Autor bislang allerdings nicht. Sein Schlusswort „Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde“ stammt ebenso aus „König Lear“, vierter Aufzug, erste Szene (Arden-Version: ‘Tis the times’ plague, when madmen lead the blind.)

Frohes Gelingen! Über Hinweise auf weitere Fundstellen zum Schimpfen mit Shakespeare oder anderen großen Literaten mit möglichst genauer Quellenangabe (Autor, Werk, Seitenzahl/Akt/Szene) in Form eines freundlichen Kommentars freut sich der Autor dieser Notiz! Und natürlich auch über erfolgte Reaktionen des Gegenübers nach Anwendung …

Holocaust II

Nicht nur angesichts des heutigen Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz möchte der Autor und Betreiber dieser Notizen an einen älteren Beitrag erinnern und einige Lese-, Hör- und Sehtipps geben.

Bundesarchiv Bild 183-R69919, KZ Auschwitz, Brillen

Zeichen des Holocaust, des Massenmords: Ein Berg von Augengläsern in Oswiecim (Auschwitz) (Quelle: Bundesarchiv über Wikimedia Commons)

Heute, am 27. Januar 2015, jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zum siebzigsten Mal. Zudem ist heute Holocaust Memorial Day. Nicht nur aus diesem Anlass, sondern auch wegen der Tatsache, dass laut Umfragen ein großer Teil heutiger Schüler das Wort „Holocaust“ noch nie gehört hat oder damit nichts anfangen kann, was nicht nur eine Bildungslücke darstellt, erlaubt sich der Autor und Betreiber dieser Notizen, auf den hier am 1. April 2012 eingestellten Beitrag „Holocaust“ und auf einige interessante Lese-, Hör- und Seherlebnisse hinzuweisen:

Auschwitz-Birkenau, die offizielle Website in Polnisch und Englisch
Lili Jacob — Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF)
Imperial War Museums mit vielen, teilweise erschütternden Bild- und Tondokumenten zum Ersten, aber natürlich auch zum Zweiten Weltkrieg und zur Befreiung eines Teils der anderen Konzentrationslager durch britische Soldaten.
Der Film „Shoah“ in vier Teilen bei YouTube. Der Film von Claude Lanzmann gilt als ein Meilenstein in der filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, dem Massenmord an den Juden.

Dass der Autor weiterhin das Wort „Massenmord“ dem des „Holocaust“ vorzieht, braucht er nicht erneut zu betonen.