Favorite Tränen

Tränen. Diesmal sind es Tränen. Tränen.
Versuche, etwas zu erklären, etwas verständlich zu machen.
Denn du liebst ihn. Deshalb Tränen.
Oh, wie das schmerzt!
Mit denselben Augen, die jetzt weinen, liebst du ihn.

Die Nacht ist so dunkel; zünde dir eine Zigarette an. Sprich darüber.
Nein, ich sehe, es schmerzt zu sehr.
Bleibe hier, etwas Musik … was Worte nicht sagen können, auch nicht tröstende Worte.

Jetzt ist niemand mehr da.
Was kann ich dazu noch sagen?
Was einmal unausgesprochen ward, bleibt für immer unvergessen.

Arbeit, unsere Religion?

Arbeit ist unser Leben. Unser Leben ist Arbeit, und unsere Arbeit ist unsere Religion. Auch wenn wir immer unzufriedener damit sind. Glauben Sie nicht? Machen Sie einen Test!

BaustelleArbeit ist unser Leben. Auch wenn laut einer kürzlich vom Meinungsforschungs- und Beratungsinstitut Gallup veröffentlichten Umfrage 70 Prozent der Deutschen „Dienst nach Vorschrift“ machen und die restlichen 30 Prozent sich in Arbeitnehmer aufteilen, die engagiert und hoch zufrieden und solche, die völlig unglücklich sind und „innerlich gekündigt“ haben, und auch wenn laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nur noch für 35 Prozent der Firmen und für 62 Prozent der Beschäftigten Tarifverträge gelten, erheben wir die Arbeit in einen Status ähnlich einer religiösen Verehrung.

Unser Leben ist Arbeit, und unsere Arbeit ist unsere Religion. Punkt? Fragezeichen? Ausrufezeichen? Glauben Sie nicht? Sie finden im Folgenden Aussagen, die auf Religion zutreffen. Überprüfen Sie, ob sie auch auf Ihr Berufsleben zutreffen, und ersetzen Sie das Wort „Religion“ durch „Arbeit“:

Religion

    stiftet Sinn
    begründet Werte
    verlangt Opfer
    fordert Unterwerfung
    verspricht Segnungen
    begründet Gemeinschaft
    schafft Abhängigkeit
    setzt ein Bekenntnis voraus
    vermittelt Orientierung
    erwartet Hingabe
    gibt ein Heilsversprechen
    formuliert Gebote
    schafft Heilige
    erklärt Heilige zu Vorbildern
    verehrt Märtyrer
    ist der höchste Zweck, dem Menschen dienen können

Na, wie viele Punkte haben Sie „angekreuzt“? Was davon trifft auch auf (Ihre) Arbeit zu?

Ach ja, das wäre hier beinahe vergessen worden: Aus einer Religion resp. Kirche kann man exkommuniziert werden. Auch aus der Arbeit!

Andererseits: Die Gefahr, durch Religion an einem Burn-out-Syndrom oder einem (psycho)somatischen Leiden zu erkranken, wie sie in der oder durch die Arbeitswelt immer häufiger vorkommen, dürfte relativ gering sein.

(Mit Dank an die Frankfurter Rundschau für ihre hervorragenden Themenschwerpunkte, nach „Gerechtigkeit“ diesmal zum Thema „Arbeit“, aus der die Idee und der „Fragebogen“ übernommen wurden! Siehe auch „Arbeit. Unsere Religion“ von Daniel Baumann aus der Frankfurter Rundschau vom 27. März 2015, Druckausgabe vom 28./29. März 2015, und in diesen Notizen „Was tun?“ über Sinn und Wandel menschlicher Arbeit.)

Der Nazi in uns

Studie belegt: Rechtsextreme Einstellungen sind weit verbreitet!

Die eigene Feindseligkeit gegen wohnungslose Menschen, arbeitslose Menschen, Menschen mit Behinderung, Ältere, sozial schwache und arme Gruppen schützt nicht davor, einmal selbst zu diesen Gruppen zu gehören.

(Aus der Studie, Seite 17)

Seit den Geschehnissen um den Ort Tröglitz in Sachsen-Anhalt, aber auch seit dem Komplex um die NSU-Morde, dem Aufkommen und Erstarken von Parteien und Organisationen wie der AfD und PEGIDA sind Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit Themen, die in unterschiedlicher Form gesellschaftliche Tendenzen widerspiegeln. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt Auskunft darüber. Und kommt zu dem Ergebnis, dass rechtsextreme Einstellungen insgesamt zwar zurückgegangen, aber schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind!

Lynchmord 1889

Opfer eines Lynchmords im Süden der USA im Jahre 1898. Bald hier auch und wieder? (Autor: L. Horgan, Jr. über Wikimedia Commons)

Unverhohlene Drohungen von Rechtsextremisten gegenüber Politikern, Haus- und Hotelbesitzern, die Flüchtlingen Unterkunft gewähren wollen, Rücktritt eines ehrenamtlichen Bürgermeisters in Tröglitz und kurz darauf Brandstiftung in der dort geplanten Asylunterkunft, die es allerdings auch schon vorher an anderen Orten gab, das Aufkommen und Erstarken von Parteien und Organisationen wie der Alternative für Deutschland (AfD) und den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) usw.: Es hat den Anschein, dass fremdenfeindliche Einstellungen überhandnehmen. Dass Tröglitz übrigens 1937 von den Nationalsozialisten als Arbeitersiedlung für die Beschäftigten einer Fabrik, die synthetisches Flugbenzin herstellte, gegründet wurde und dass sich zwischen diesem Ort und zwei Nachbargemeinden ein Konzentrationslagerkomplex befand, der dem KZ Buchenwald unterstand, soll hier nur nebenbei erwähnt werden, da die Geschehnisse dort kein Einzelfall in der Bundesrepublik (und nicht nur dort) sind und, so steht zu befürchten, bleiben werden.

Dass und wie der Komplex um die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und der möglichen Beteiligung von Staatsschützern auf die gesamtdeutsche Gesellschaft nachwirkt, spiegelt sich auch in den Ergebnissen der repräsentativen Befragung wieder, die der diesjährigen „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zugrunde liegt, die nach 2006, 2008, 2010 und 2012 die fünfte der Stiftung ist, die sich mit rechtsextremen Einstellungen in Deutschland befasst, und die unter dem Titel „Fragile Mitte — Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ von Andreas Zick und Anna Klein im selben Jahr in Bonn herausgegeben worden ist. Als Partner für diese neue Studie diente das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, bis 2012 war es die Universität Leipzig. Sie soll hier kurz zusammengefasst werden.

Zum Rahmen und zu den Definitionen

In dieser Zusammenfassung der Untersuchung soll nicht auf die Methodik und die Datengrundlage der Analysen eingegangen werden, die in dieser Studie selbst aber sehr wohl erläutert werden. Ebenso wenig wird hier auf zu detaillierte Umfrageergebnisse, etwa Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, Männern und Frauen oder Aufsplitterung nach Altersgruppen, Bildungsniveaus oder gesellschaftlichen Positionen eingegangen, es sei denn, dass sie geradezu auffallend sind. Nicht berücksichtigt werden hier auch beispielsweise die „Sonderauswertung Antisemitismus 2014“ oder Kapitel 5 „Mitten in einer entleerten Demokratie?“, das hier eventuell später in einem eigenen Beitrag behandelt werden wird. Eine zu detaillierte Wiedergabe würde hier den Rahmen sprengen: Die Studie umfasst immerhin über 170 Seiten! Bei besonderem Interesse empfiehlt sich die komplette Lektüre des originalen Werkes. Eventuell kann jedoch bei Anfrage über einen Kommentar als Antwort darauf auf einzelne Punkte näher eingegangen werden.

Zur der Studie zugrunde liegenden Definition von rechtsextremen Einstellungen zählen „die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus sowie antisemitische, ausländerfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen […]“ (Seite 34). Zudem seien rechtsextreme Orientierungen durch die beiden zentralen Ideologien der Ungleichwertigkeit und der Gewaltakzeptanz gekennzeichnet, wobei Gewaltbilligung und -bereitschaft hier signifikant stärker ausgeprägt seien (Seite 46 ff.).

Themenstellung der Studie

Bei den Studien „ging es weniger zentral um die Frage, wie sehr eine Mitte anfällig für Gedanken, Affekte und Verhaltensintentionen ist, die eigentlich dem rechtsextremen Milieu zuzurechnen sind, sondern inwieweit die Integrität und Gleichwertigkeit von Gruppen und Personen, weil sie bestimmten Gruppen angehören, infrage gestellt wird“ (Seite 13). Dabei sei durch eine langjährige Beobachtung von Vorurteilen, Diskriminierungen, antidemokratischen Mentalitäten, Feindseligkeiten und rechtsextremen Milieus eine hinreichende Belegbarkeit für die These geschaffen worden, „dass weite Teile der deutschen Gesellschaft anfällig dafür sind, andere Gruppen und ihre Mitglieder als ungleichzeitig, minderwertig anzusehen oder sogar für ‚überflüssig‘ zu halten, sei es aus einer erlernten unbewussten Antipathie oder weil die Ungleichwertigkeit benötigt wird, um eine demokratiegefährdende Ideologie zu rechtfertigen […]“, und „dass sich insbesondere dort rechtsextreme Milieus ausbilden können, wo Ungleichwertigkeiten schon vorhanden sind“ (Seite 14). Zudem „gelingt es Menschenfeindlichkeit im für eine demokratische Gesellschaft schlechtesten Fall, sich zu normalisieren und so zu erscheinen, als sei ihre Akzeptanz nicht nur normal, sondern geradezu geboten“ (Seite 16).

Diese „Normalisierung“, „also die ‚Kraft des Normalen‘, die dazu führt, dass rechtsextreme Einstellungen und Menschenfeindlichkeiten in weiten Teilen der Gesellschaft und vor allem in einer normtragenden Mitte akzeptiert, unterstützt oder sogar erzeugt werden“ (Seite 16), soll im vorliegenden Band besonders interessieren.

Wenn Bürgerinnen und Bürger, die selbst nicht rechtsextremen Milieus angehören oder sich sogar davon distanzieren, die Einstellungen dieser Milieus teilen, dann erfüllt sich ein Ziel der extrem rechten Gruppen: die Bestätigung der Annahme, dass man den Volkswillen und Volksmeinungen vertreten würde.

(Aus der Studie, Seite 18).

Nicht nur das Wort vom „unbeteiligten Mitläufer“ bekommt so einen neuen Sinn, sondern so arbeiten Organisationen wie PEGIDA und die Partei AfD den Rechten geradezu in die Hände, wenn sie denn nicht schon von solchen unterwandert sind, denn es gäbe „keine rechtsextremen Orientierungen ohne Menschenfeindlichkeit, aber es gibt Menschenfeindlichkeit auch ohne die Zugehörigkeit zu rechtsextremen Parteien, Organisationen und Milieus“. Mit anderen Worten: Auf Gruppen bezogene Menschenfeindlichkeit eint Menschen quer durch die Gesellschaft (Seiten 18 und 19)!

Zuwanderung und Menschenfeindlichkeit

Im Hinblick auf die Zuwanderung stelle sich die Frage, „wer überhaupt in das Haus hinein und an seinem Schutz partizipieren darf“. Dabei sei zu beobachten, dass humanistische, zivile und demokratische Werte und Normen für die Menschen immer weniger relevant seien, sondern vielmehr zögen „immer mehr Wertmaßstäbe der Wirtschaft beziehungsweise Wirtschaftlichkeit, Effizienz und eines überbordenden Individualismus in die Debatte über den Wert und die Gleichheit von Gruppen ein“. Es habe sich „ein marktkonformer und -förmiger Extremismus [Auszeichnung laut Quelle] eingeschlichen, der insbesondere Feindseligkeiten gegenüber den ‚Überflüssigen‘, also jenen Gruppen, die vermeintlich nicht die harten wirtschaftlichen Faktoren erfüllen, rechtfertigt“ (alle Seite 19).

Solche ökonomischen Orientierungen würden von der rechtspopulistischen Propaganda aufgegriffen werden, die ihre „demokratiefeindliche Agitation mit dem Verweis auf die große Bedeutung einer nationalen Wirtschaftsautonomie, auf die Bedrohung liberaler Freiheiten für den Einzelnen, auf die Bedrohung durch scheinbare Fremdgruppen und mit der Forderung von Strafen für alle, die nicht ‚normal‘ sind“, betrieben, wobei „auch massive Ungleichwertigkeitsideologien über angeblich ‚schmarotzende‘ Gruppen im Land angeboten“ und damit suggeriert werde, „dass die Grenzen um das Haus verletzt werden und die Zäune und Hecken angesichts bedrohlicher Überfremdung hochgezogen werden müssten“ (alle Seite 20).

Dort, wo die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit besonders stark ist, dort, wo es Überschneidungen zwischen den Überzeugungen rechtsextremer Milieus und der Bevölkerung, insbesondere der gesellschaftlichen Mitte, gibt und/oder Bürger den Rechtsextremismus nicht wahrnehmen oder ihm — aus welchen Gründen auch immer — nicht entgegenwirken möchten, ist die Gefahr des Rechtsextremismus am größten.

(Aus der Studie, Seite 32)

Dann nämlich würden Normen der Gleichwertigkeit erodieren, demokratische Regeln brechen und Zivilcourage blockiert werden. Und weiter: „Diese Beobachtung ist das wesentliche Motiv der Studie, die wir hier vorlegen. Eine demokratisch verfasste Gesellschaft, wie die der Bundesrepublik Deutschland, muss die Frage nach Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und rechtsextremen Überzeugungen in all ihren Nischen und Ecken, aber auch in ihrer Mitte stellen. Würde die Frage nur auf radikale Milieus beschränkt, wäre das wissenschaftlich irreführend, weil kein radikales Milieu sich ohne ein es akzeptierendes Umfeld so lange aufrechterhalten kann“ (Seiten 32 und 33)!

Rechtsextremismus als Syndrom

Neonazi-Skinhead

Rechtsextremismus zeigt sich keineswegs nur so! (Autor: Marek Peters über Wikimedia Commons)

„Rechtsextremismus ist menschenfeindlich“, heißt es im Vorwort (Seiten 9 und 10), und weiter: „Die verschiedenen Ausprägungen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind Bestandteile rechtsextremer Orientierungen, weil Rechtsextremismus im Kern eine Ideologie der Ungleichwertigkeit ist, seine ideologische Legitimation also — anders als etwa der Linksextremismus — aus Selbstaufwertung durch Abwertung anderer bezieht. Rechtsextremismus im Kontext der Mitte-Studien heißt also extremes Denken: radikaler Ökonomismus, Europafeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit — häufig in Verbindung mit Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft“, wobei mit „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit […] Feindseligkeiten gegenüber Gruppen, die in einer Gesellschaft als schwach, abweichend, minderwertig oder zum Beispiel unpassend bezeichnet werden und ein hohes Diskriminierungsrisiko aufweisen“, gemeint ist (Seite 18). Zudem könne gar von einem „Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ gesprochen werden, „weil die Feindseligkeit gegenüber einer bestimmten Gruppe in der Regel mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Feindseligkeiten gegen andere Gruppen einhergeht“. So können „beispielsweise Personen mit fremdenfeindlichen Einstellungen auch vermehrt zu sexistischen Meinungen oder zu abwertenden Meinungen gegenüber wohnungslosen Menschen tendieren“ (Seite 62).

Dass die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen nach Wahlpräferenz bei den Wählerinnen und Wählern der NPD besonders deutlich ist, wird nicht überraschen. „Jedoch ist auch unter den Wähler_innen [sic!] der Alternative für Deutschland (AfD) ein überdurchschnittliches Ausmaß an Zustimmung zu chauvinistischen und ausländerfeindlichen Aussagen sowie Aussagen, die den Nationalsozialismus verharmlosen, festzustellen.“ Aber auch bei Wählern der etablierten Parteien befänden sich Zustimmungswerte zu ausländerfeindlichen Positionen, sodass es zwar „also sehr wahrscheinlich [ist], dass Personen, die rechtsextreme Parteien wählen würden, auch ein entsprechendes Meinungsbild aufweisen, Personen mit rechtsextremen Einstellungen wählen jedoch nicht zwangsläufig rechtsextreme Parteien“ (Seite 47).

Auch wenn Rechtsextremismus von einer großen Mehrheit der Bevölkerung als bedrohlich wahrgenommen wird, sind doch „mehr als 50 % der Befragten der Meinung, das Problem werde in den Medien hochgekocht. Auch fühlt sich nur knapp die Hälfte der Befragten persönlich verantwortlich, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun. Mit Blick auf die Strategien zeigt sich, dass knapp 50 % der Meinung sind, es sei am besten die Rechtextremen [sic!] zu ignorieren.“ Dabei seien es interessanterweise „allem die jüngeren Befragten bis 30 Jahre, die meinen, Rechtsextremismus werde in den Medien hochgekocht, die sich nicht persönlich verantwortlich fühlen und die es auch am wenigsten dringend finden, etwas gegen Rechtsextremismus zu unternehmen“ (Seiten 55 und 56)!

Ebenso interessant ist, „dass im Jahr 2008 — also bevor der Terror des NSU bekannt wurde — eine höhere Sensibilität für Rechtsextremismus in der Bevölkerung vorhanden war als im Jahr 2014 […]. Demnach fanden im Jahr 2008 noch mehr Befragte eine Zunahme des Rechtsextremismus bedrohlich und stimmten der Aussage: ‚Gegen den Rechtsextremismus muss man dringend etwas unternehmen‘ wesentlich häufiger zu, während weniger Befragte der Meinung waren, es sei am besten, die Rechten gar nicht zu beachten“ (Seite 55 ff.)! Die ermittelte Tatsache, „dass knapp 50 % der Befragten der Meinung sind, es sei am besten, die Rechtsextremen zu ignorieren“, deute „zum Beispiel auf eine weit verbreitete Abwehrhaltung gegenüber dem Problem hin“ (Seite 10).

„Dabei sind rechtsextreme Einstellungsmuster unter Ostdeutschen etwas stärker verbreitet als unter Westdeutschen. Ältere Befragte über 60 Jahre und Jüngere unter 30 teilen rechtsextreme Einstellungen stärker als Personen im mittleren Alter“ (Seite 58), wobei es überraschen mag, dass die (Nach)kriegserfahrungen der älteren Befragten offensichtlich nur eine geringe Rolle spielen!

Menschenfeindlichkeit im Alltag

Pegida-Demonstration in Dresden am 5.1.2015 (16268578241)

Links- oder rechtsextreme Demonstration? PEGIDA-Aufmarsch in Dresden am 5. Januar 2015. Wie sich die Inhalte doch gleichen können! (Autor: Pancho5 über Wikimedia Commons; zum Vergrößern bitte anklicken!)

Im Alltag zeige sich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit u. a. daran, dass „knapp die Hälfte der Befragten langzeitarbeitslosen Menschen [unterstellten], dass sie nicht wirklich an einem Job interessiert seien“. Auch seien „mehr als ein Drittel der Befragten der Ansicht, es gäbe zu viele Ausländer in Deutschland. Ressentiments gegen Roma und Sinti finden wir in der Meinung von 38 % der Befragten, diese Gruppen neigten zu Kriminalität. Dass der Staat bei der Prüfung von Asylanträgen großzügig sein sollte, meint hingegen nur eine Minderheit. Die Forderung ‚Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden‘, ist für gut 30 % der Befragten zustimmungsfähig, und immerhin 12 % positionieren sich durch die Zustimmung zu der Aussage ‚Die Weißen sind zurecht führend in der Welt‘ offen rassistisch“ (Seite 66).

Übrigens sei auf Gruppen bezogene Menschenfeindlichkeit keinesfalls ein männliches Phänomen, „im Gegenteil ließe sich zeigen, dass Frauen fremdenfeindliche Einstellungen und abwertende Einstellungen gegenüber Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen sowie Sinti und Roma häufiger vertreten als Männer“, und, nebenbei bemerkt, seien Frauen „auch nicht weniger sexistisch eingestellt als Männer sondern mehr“ (12,3 gegenüber 9,3 Prozent, Seite 74)!

Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, die zudem in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet sei (siehe hierzu allerdings die hier unter „Soziales Klima immer eisiger“ zitierte Studie, nach der diese Abwertung hauptsächlich von Besserverdienern gehegt wird!), „die Abwertung von homosexuellen Menschen sowie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Islamfeindlichkeit finden wir in der Gruppe der Jüngeren häufiger als bei Befragten zwischen 30 und 60 Jahren“ (Seite 75), was auch daran liegen könne, dass Jüngere noch karrierebewusster denken als Ältere.

Selbst bei Personen, die sich links oder eher links positionieren, stoßen menschenfeindliche Einstellungen, etwa die Abwertung von langzeitarbeitslosen oder asylsuchenden Menschen, auf breite Zustimmung. Zwar ist auch hier gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unter politisch rechts stehenden Befragten am weitesten verbreitet, die Abwertung schwacher Gruppen zieht sich jedoch durch alle politischen Lager […].

(Aus der Studie, Seite 76)

Gewaltbereitschadft in der Bevölkerung

Neonazistiefel

Nicht nur hierdurch zeigt sich rechtsextreme Gewalt: Stiefel eines Neonazis! (Microsoft Clip Art)

Eine der erschreckendsten Ausprägungen von Menschenhass und Fremdenfeindlichkeit stellten die Bereitschaft und die Billigung von Gewalt dar, die, wie bereits oben geschildert, unter Trägern rechtsextremer Orientierungen signifikant stärker ausgeprägt seien. So seien „knapp 14 % der Befragten der Meinung, dass Gewalt gegen politische Verantwortliche unter Umständen gerechtfertigt sein kann, Gewalt gegen Einwanderer halten immerhin 12 % der Befragten für gerechtfertigt. Noch mehr Befragte geben an, sie seien unter bestimmten Umständen selbst bereit, Gewalt anzuwenden“. Insgesamt stelle sich die Situation so dar, „dass mehr als 10 % der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland offen Gewalt billigen und/oder selbst dazu bereit wären, Gewalt anzuwenden“, wobei das Gewaltpotential in bestimmten, allerdings nicht präzisierten Situationen sogar noch höher liegen würde (Seite 48 ff.).

Es stellt sich folgendes Bild dar: Personen, die eine Diktatur befürworten, seien mehr als dreimal so gewaltbereit wie Befragte, die keine Diktatur befürworteten, und Befragte, die antisemitisch eingestellt seien, billigten Gewalt fast siebenmal häufiger als nicht antisemitisch eingestellte Befragte. Auch im Hinblick auf die Ausländerfeindlichkeit seien die Unterschiede signifikant: Solchermaßen eingestellte Personen billigten Gewalt häufiger und seien selbst auch häufiger gewaltbereit. Auch bei chauvinistisch und sozialdarwinistisch eingestellten Personen sowie bei Befragten, die den Nationalsozialismus verharmlosen würden, seien die Gewaltbilligung und -bereitschaft signifikant stärker ausgeprägt. Rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung gehen also, das sei hier wiederholt, mit einer höheren Gewaltakzeptanz einher!

Rückgang menschenfeindlicher Einstellungen

Mit den bisher durch die Friedrich-Ebert-Stiftung ermittelten Daten ließe sich die Entwicklung rechtsextremer Einstellungen zwischen 2002 und 2014 nachzeichnen. Dabei sei, auch wenn es viele besorgte Menschen überraschen mag und es Untersuchungen und Statistiken beispielsweise der Antonio-Amadeo-Stiftung gibt, die anderslautendes erwarten lassen, „festzustellen, dass rechtsextreme Einstellungen insgesamt zurückgegangen sind […]. Im Vergleich zum Jahr 2012 wird allen Dimensionen seltener zugestimmt, außer der Befürwortung einer Diktatur. Besonders deutlich — und in diesem Ausmaß überraschend — ist die stark rückläufige Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen. Aber auch chauvinistische Einstellungen und antisemitische Einstellungen sind stark zurückgegangen [Allerdings heißt es auf Seite 82: „lediglich Antisemitismus, Sexismus und die Abwertung von behinderten Menschen bleiben relativ konstant“!]. Die Zustimmung zu allen Dimensionen des rechtsextremen Einstellungsmusters erreicht 2014 Vergleich zum Jahr 2002 den tiefsten Wert“ (Seiten 43 und 44). Dagegen sei „noch bis 2012 für den Osten Deutschlands ein dramatischer Anstieg (Verdopplung seit 2002) zu verzeichnen gewesen“ (Seite 142).

Während nur die Zustimmung zur „Einforderung von Etabliertenvorrechten als einzige Facette der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit signifikant [anstieg]“ (Seite 83, siehe aber auch den vorigen Absatz!), könne der Rückgang menschenfeindlicher Einstellungen aber auch daran liegen, dass die öffentlichen Diskussionen um die NPD und die Terrorzelle NSU sowie ihre Ächtung auf vielen Ebenen der Gesellschaft und nicht zuletzt die Erkenntnis darüber, wie ungestört die Attentäter agieren konnten, die Öffentlichkeit für die Menschenfeindlichkeit, die dem Rechtsextremismus innewohnt, sensibilisiert hätten (Seite 83). Allerdings erfolge die Zustimmung zu menschenfeindlichen Meinungen „keinem einfachen linearen Auf- oder Abwärtstrend“, weil Ereignisse wie etwa die ökonomische Krise 2008 zu Schwankungen im Meinungsbild führen können (Seite 82). Auch könne dieser Rückgang „eine Folge der als positiv wahrgenommenen wirtschaftlichen Entwicklung“ oder „darauf zurückzuführen sein, dass nach der Aufdeckung des NSU rechtsextreme Einstellungen gesellschaftlich verstärkt geächtet und deshalb weniger offen kommuniziert werden“ würden (Seite 142).

All dies hieße „jedoch nicht, dass sich ein normativer Konsens der Ächtung rechtsextremer Überzeugungen in dem Sinne durchgesetzt hätte, dass der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft damit grundsätzlich behoben wäre. Vielmehr müssen wir fragen, ob dieser sich nicht nur subtiler äußert, gerade weil eine gesellschaftliche Norm gegen Rechtsextremismus besteht“ (Seite 43 ff.).

Insgesamt legen die Befunde nahe, dass die zunehmende soziale Spaltung, die mit einer schrumpfenden Mittelschicht einhergeht […] eine Gefahr für die Demokratie darstellen kann. […] Wenn Prekarisierung auf der einen und wachsender Reichtum einiger Weniger auf der anderen Seite die sozioökonomische Mitte aufzehren, sind demokratische Grundorientierungen gefährdet.

(Aus der Studie, Seite 42)

Und: „Rechtsextreme Einstellungen sind in der sozioökonomischen Mitte am wenigsten verbreitet, was das Schrumpfen eben dieser sozioökonomischen Mitte besonders problematisch macht“ (Seite 142)!

Weitere Verweise zum Thema

Wikipedia: Rechtsextremismus in Deutschland,
Blue Eyed“ von Bertram Verhaag, ein Film über Jane Elliot und ihr Menschenexperiment über Ausgrenzung (hier nur eine Art Vorspann, der komplette Film ist gebührenpflichtig),
Der Rassist in uns“, Blog-Eintrag mit Film von ZDF neo/ZDF über ein freiwilliges Anti-Rassismus-Training mit Selbstversuch, basierend auf der Idee von Jane Elliot,
Vorwort — Was können wir gegen Diskriminierung tun?“, Unterseite des vorigen Eintrags (manche Kommentare hierzu sprechen für sich!),
Auch ich bin Deutschland“, Kampagne der Deutschlandstiftung Integration.

Siehe hier auch „Ausländer“, „O Tannebaum“ und das Gedicht „Fremde“ sowie „Linksruck?“ zu einer Untersuchung, die einen völlig anderen Trend beobachtet!

Willkommensdrunk

Der Autor liest vieles aus der Weltgeschichte, was ihm geradezu die Nackenhaare sträubt. Da braucht er nicht auch noch Sprachverlotterung. Und manches verschlägt ihm auch hier den Atem, wie etwa eine E-Mail eines Touristikunternehmens. Vor allem der offerierte „Willkommensdrunk“ hat es ihm angetan!

Sprachverlotterung überall, sprachlich und schriftsprachlich! So muss man vieles lesen, was einer/einem geradezu die Nackenhaare sträubt, wenn man auf Stil, korrekte Schreibweise und gute Typografie wert legt. Aber manches verschlägt einem den Atem, wie etwa eine E-Mail der Ahrner Touristik, die unter der Überschrift „Besser u. günstiger wirds [sic!] nicht“ ein Angebot des Ferienhotels Schwarzbachhof in Luttach/Ahrntal, Südtirol, bewirbt (Bild zum Vergrößern bitte anklicken):

Bildschrim-Schnappschuss E-Mail Ahrner Touristik

Bildschirm-Schnappschuss der E-Mail von der Ahrner Touristik (eigenes Werk)

Donnerwetter, bei diesem Angebot muss man einfach zuschlagen, auch wenn man nicht weiß, was das „Frühstück.-“, das „Fala-Dinner-Life“, der, die oder das im Ausschnitt des Bildschirm-Schnappschusses leider nicht mehr sichtbare „kl. Merende am Nachmittag“ so alles beinhalten und ob man den „Partnern-Langlauf“ unbedingt mitmachen will, aber die „Prämium Card“, der „Anschluß mit Balkon“, „3/4 [der?] Pension“ und vor allem der „Willkommensdrunk“ entschädigen bestimmt für vieles! Und sozusagen als Erholung für die Augen nach der Lektüre dieser elektronischen Post, die doch stark in Richtung Augen- und damit Körperverletzung tendiert!

Wäre in diesem Sinne übrigens eine Ermäßigung möglich?

(Siehe hier zu weiteren Sprachschludereien beispielsweise auch „Steak’s und etwas mehr …“, wo dieses Angebot auch eingestellt wurde, und zur fehlenden und damit missverständlichen Verwendung von Bindestrichen besonders „Würfel Zucker“!)

Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (10)

Zweimal Hartz: Parallelen von Reformen des Arbeitsmarkts in zwei Jahrhunderten

Der Name Peter Hartz sagt vielen etwas, nicht nur Arbeitslosen: Namensgeber der vier Hartz-Gesetze und ehemaliges VW-Vorstandsmitglied. Doch wussten Sie, dass die nach ihm benannten Reformen des Arbeitsmarkts einen Vorgänger haben, der — welch verblüffende Parallele! — sogar den gleichen Nachnamen trug, nämlich Gustav Hartz? Lesen Sie hier über die weiteren Gemeinsamkeiten zwischen einem Politiker der Weimarer Republik des 20. und dem ehemaligen Manager des 21. Jahrhunderts, beschrieben in einem neuen Buch von Christoph Butterwegge.

Peter Hartz und seine Reformen

Peter Hartz war ehemaliges Vorstandsmitglied des Volkswagen-Konzerns, aber auch wegen der Verwicklung in den Skandal um sogenannte „Lustreisen für Manager“ vor Gericht. Geradezu berühmt wurde er jedoch als Leiter der durch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder eingerichteten „Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“, kurz „Hartz-Kommission“ genannt, und als Namensgeber der vier dort erarbeiteten Hartz-Gesetze, die zu umfassenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und besonders in den Lebenslagen von Arbeitslosen führte, die diese in die Armut trieb und noch treibt.

Über die Auswirkungen und das Für und Wider dieser „Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ (Hartz I bis IV) ist, auch hier, viel geschrieben und diskutiert worden, weshalb an dieser Stelle nicht erneut darauf eingegangen werden soll. Fest steht, dass Ex-Kanzler Schröder am 14. März 2003 im Bundestag seine „Agenda 2010“ verkündete und dass am 1. Januar 2005 das Kernstück der sogenannten „Reform“, das unter dem Namen „Hartz IV“ berühmt-berüchtigt werden sollte, in Kraft trat. Übrigens gegen Kritiker, nicht nur aus der Opposition, sondern auch von den Gewerkschaften und vom linken Flügel der SPD, die einen massiven Sozialabbau voraussahen! Selbst Peter Hartz stellte in seinem 2007 erschienenen Buch „Macht und Ohnmacht“ im Nachhinein fest:

Herausgekommen ist ein System, mit dem die Arbeitslosen diszipliniert und bestraft werden.

Gustav Hartz, sein Vorläufer

Doch schon vor Peter gab es Gustav Hartz, Politiker der rechtsnationalen bis -extremen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die sich ab Ende der 1920er-Jahre mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) zusammentat, um die Weimarer Republik zu stürzen. Gustav Hartz zeigte in seinem Buch „Irrwege der deutschen Sozialpolitik und der Weg zur sozialen Freiheit“ von 1928 verblüffende, allerdings auch erschreckende Parallelen zu den Hartz-Reformen.

Auch eben jener Gustav Hartz witterte bereits Missbrauch von Sozialleistungen und beklagte „die Bleigewichte des Bürokratismus“. Beispielsweise sollte die Sozialversicherung à la Bismarck durch persönliches Zwangssparen ersetzt werden — kommt uns das nicht bekannt vor? Das Wort „Reform“ scheint er ebenso geliebt zu haben, wobei er, wie auch Schröder, verstärkte Zwangsmaßnahmen und Sanktionen im Sinn hatte. Hartz’ des Älteren Parole von der „eigenverantwortlichen Selbsthilfe“ folgte jedoch damals wie heute keineswegs eine Ermächtigung zu Eigenverantwortlichkeit, sondern eine Politik der Entmündigung und der Einschneidung von Rechten, und selbst das Wort „Kunde“ für die Erwerbslosen in der Arbeitsvermittlung benutzte er schon!

Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe hat allerdings nicht Hartz, weder Gustav noch Peter, und auch nicht Ex-Kanzler Schröder, sondern Franz von Papen, Reichskanzler von damals, erfunden. Auch er erklärte damals, den Sozialstaat durch Reformen in der Substanz erhalten zu wollen, demontierte ihn aber Schritt um Schritt. Die Folgen sind bekannt.

Christoph Butterwegge deckt auf

Der Politikwissenschaftler und Autor Prof. Dr. Christoph Butterwegge, ehemaliges SPD-Mitglied und 2012 kurzzeitig als Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch, zeigt in seinem neuen Buch „Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere Republik?“ neben einer Chronik und einer Bilanz mit seiner umfangreichen Materialsammlung, wie aktuell viele Elemente der Arbeitsmarktpolitik aus der späten Weimarer Republik und dem Dritten Reich sind oder es noch werden können und wie erschreckend die Parallelen zur Gegenwart sind. „Gerhard Schröders ‚Agenda 2010‘ ist mit der Denkschrift ‚Aufstieg oder Niedergang‘, auch herausgegeben im vorigen Jahrhundert vom Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI), dem Spitzenverband der industriellen Unternehmerverbände, fast identisch“, so Butterwegge, und weiter:

Die Vorschläge, mit denen Unternehmerverbände und Politiker das System der sozialen Sicherung verschlanken wollen, gleichen den schon damals diskutierten und ergriffenen Maßnahmen teilweise bis ins Detail. […] Die Allparteienregierung machte es gestern und die „Große Koalition“ macht es heute genauso.

Fazit und Literatur

Sollten wir doch nicht aus der Geschichte gelernt haben? Hoffen wir, dass solche Gemeinsamkeiten nicht bis zur letzten Konsequenz führen, aber PEGIDA und AfD lassen schon einmal grüßen!

Literatur zum Thema:
Christoph Butterwegge: Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere Republik?, Weinheim 2015,
derselbe: Verblüffende Parallelen. Hartz in Weimar, Der Freitag vom 12. Januar 2007.
Siehe hier auch zu weiteren Parallelen „Unser Globus. Die Weimarer Republik, Erich Kästner und unser Globus heute“!

Linksruck?

Eine Studie zeigt: Ein Linksruck geht durch Deutschland! Kapitalismuskritik und das Plädieren für eine Revolution bestimmen unsere Einstellungen. Sollten wir da etwas nicht mitbekommen haben?

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Freien Universität Berlin zeigt einen Linksruck in Deutschland und dass linksextreme Positionen weit verbreitet sind. „[…] mehr als 60 Prozent der Befragten [hielten] die Demokratie nicht für eine echte Demokratie, da die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen hätten“, und „knapp 30 Prozent (Ostdeutschland 35 Prozent; Westdeutschland: 28 Prozent) gaben an, sie könnten sich eine wirkliche Demokratie nur ohne Kapitalismus vorstellen“. Und es kommt noch erstaunlicher: „Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen hielten den Sozialismus/Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei, und 42 Prozent gaben an, dass für sie soziale Gleichheit aller Menschen wichtiger sei als die Freiheit des Einzelnen.“

Angesichts von NSU-Terror, ausländer- und islamfeindlichen PE- und anderen -GIDA-Aufmärschen und dem Erstarken der Alternative für Deutschland (AfD) verwunderlich, aber immerhin sah ein „großer Anteil der Befragten (18 Prozent) […] die Gefahr eines neuen Faschismus’ in Deutschland“, auch wenn „18 Prozent“ mal eben eigentlich nicht so viel sind. Der eigentliche „Hammer“ aber: „Ein Fünftel der Bevölkerung (Ostdeutschland: 24 Prozent; Westdeutschland: 19 Prozent) hielt eine Verbesserung der Lebensbedingungen durch Reformen nicht für möglich und plädierte für eine Revolution.“

Schwer zu glauben, dieser Linksruck, sehr schwer! Sollten in uns kleine Revolutionäre schlummern, quasi als „linke Schläfer“, die nur darauf warten, eingesetzt zu werden, um unsere Republik mithilfe von soundsoviel Prozent der Bevölkerung in ein sozialistisches Paradies zu verwandeln? Mitautor Klaus Schroeder, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Mitautor der Studie, relativiert in einem Gespräch jedoch selbst: „Es gibt eben einen gewissen Zeitgeist, der mit Willy Brandt schon einmal nach links gerückt war, mit Helmut Kohl dann eher nach rechts. Und jetzt mit Merkel eben deutlich nach links. Die Leute denken dann zwar links, wählen aber trotzdem Merkel.“

Aha, der viel beschworene „Zeitgeist“! Aber zumindest Letzteres werden wir vermutlich bis in alle Ewigkeit weiter tun, denn Revolutionen fallen ja bekanntlich vom Himmel …

Verweise zum Thema:
die Studie auf den Seiten der Freien Universität Berlin,
ein Interview mit Klaus Schroeder: „Die gesellschaft ist nach links gerückt“ in DIE ZEIT,
DIE WELT: „Mehrheit vermisst echte Demokratie in Deutschland“.
Siehe hier aber auch die vielen Einträge, besonders unter der Kategorie „Politik und Gesellschaft“, die anderes als die Ergebnisse dieser Studie nahelegen.