XP ade, Linux juchhe?

Betriebssysteme: Von den Problemen einer Installation von Linux unter Windows

Die Unterstützung für das Betriebssystem Microsoft Windows XP wurde im März eingestellt. Was nun? Ist Linux eine Alternative? Der Autor hat nach mehreren Installationen und Deinstallationen beider Betriebssysteme, die leider nicht freiwillig erfolgten, seine eigene Meinung dazu. Und die spricht leider nicht für Linux, zumindest nicht in den von ihm getesteten Wubi- und Dual-Boot-Varianten.

Bliss (location)

Erkennen Sie ihn wieder? Aufnahme des originalen Hügels im kalifornischen Weinanbaugebiet von Sonoma County, die als Vorlage für den typischen XP-Desktop-Hintergrund „Grüne Idylle“ verwendet wurde (Autor: Simon Goldin, Wikimedia Commons)

Microsoft Windows XP, und das gerade in der Professional-Edition, die der Autor seit dem Erhalt seines ersten eigenen Rechners vor etwa zehn Jahren benutzt, ist bei guter Pflege (etwa regelmäßige Datenträger- und Registrierungsdatenbank-Bereinigung und -Defragmentierung) ein sehr gutes, weil im Großen und Ganzen stabiles Betriebssystem, das einiges verzeiht. Vorher saß er beruflich an Windows-2000- und, soweit er sich erinnern kann, sogar an Windows-98- und Rechnern mit noch älteren Betriebssystemen; seine Weiterbildung zum Mediengestalter für digitale und Print-Medien absolvierte er natürlich an einem Apple Macintosh mit Mac OS X. Er hat also Vergleichsmöglichkeiten, wobei letztere genannte Maschinen schon in puncto Stabilität auch kaum schlagbar waren. Vor nicht allzu langer Zeit kamen noch berufliche Erfahrungen mit Windows 7 dazu, das zwar ebenso sehr stabil herüberkam, allerdings aber teilweise sehr gewöhnungsbedürftig ist, wenn man lange hauptsächlich mit XP gearbeitet hat.

Aufgeklapptes Startmenü von Windows XP (eigenes Werk)

Das aufgeklappte Startmenü von Windows XP in des Autors Benutzerkonto mit der bekannten „grünen Idylle“ … (eigenes Werk)

Microsoft hat sich nach vielen Jahren der Unterstützung für Windows XP entschlossen, diese einzustellen, obwohl ein Großteil der Rechner auf unserer Erde noch mit diesem Betriebssystem läuft und vermutlich auch noch eine ganze Weile laufen wird. Das und die Diskussionen darüber sind dem Autor natürlich nicht entgangen, zumal man ab irgendeinem Zeitpunkt aus allen Medien auf das bevorstehende Ende hingewiesen wurde, und auch nicht der Hype um die Alternative Linux, die ihm im Besonderen von einem guten Freund nahegelegt wurde. Warum also nicht einmal ausprobieren? Gesagt, getan! Doch um es vorwegzunehmen: Nach mehreren Installationen von Linux und von XP und den dazwischenliegenden Deinstallationen muss der Verfasser konstatieren, dass die Ergebnisse enttäuschend waren.

Der Autor entschloss sich für die Dual-Boot-Variante, die es erlaubt, zwei Betriebssysteme gleichzeitig auf einem Rechner zu betreiben: Sie installiert Linux als zweites Betriebssystem neben Windows; nach dem Hochfahren entscheidet der Nutzer, in welches System er sich anmelden möchte. Seine Idee war es, mit Linux seinen Internet-Verkehr auszuüben und mit Windows die dort installierten Programme zu nutzen, die mit Linux nicht kompatibel sind, als das beispielsweise die komplette Adobe Creative Suite inklusive InDesign und Photoshop ist. Dabei kam es ihm durchaus entgegen, dass Linux auch die unter Windows gespeicherten Dateien lesen und beschreiben kann!

Nach längeren und intensiven Recherchen über die Anzahl der vielen verschiedenen Distributionen und Derivate, die für den Neuling zunächst sehr verwirrend erscheint, ihre Eigenschaften und Besonderheiten ging er zunächst mit einer sogenannten „Live-DVD“ von Ubuntu zu Werke, die es nach dem Öffnen erlaubt, dieses Betriebssystem erst einmal auszuprobieren, ohne es gleich zu installieren. Danach erfolgte ein zweiter, noch zögerlicher, aber durchaus interessanter Versuch mit einer Wubi-Installation (Wubi: Windows-based Ubuntu Installer oder Windows Ubuntu Installer) von Ubuntu, die ein Linux-System wie ein Windows-Programm installiert, das wie ein solches unter „Software“ entfernt werden kann. Damit wollte er sich zunächst mit diesem Betriebssystem vertraut machen. Die Tücken von Wubi: Die Sprachpakete wurden nicht komplett heruntergeladen und installiert und es läuft (viel) langsamer als eine feste Installation. (Der Vorteil: Wenn es nicht mehr funktioniert, lässt es sich ganz schnell und problemlos wieder entfernen.) Dann also: volle Kraft voraus und eine Dual-Boot-Installation gewagt!

Aufgeklapptes Startmenü von Windows XP (eigenes Werk)

… und in des Autors Administratorenkonto mit dem Windows-XP-Logo (eigenes Werk)

Um es kurz zu machen: Mal konnte der Autor plötzlich nicht mehr auf Windows zugreifen, mal nicht mehr auf Ubuntu, später nicht mehr auf Linux Mint, für das er sich wegen der Ähnlichkeit mit XP im Aussehen und wegen des dort ebenso vorhandenen Startmenüs entschieden hatte. Mal geriet er im Ubuntu-Anmeldefenster in eine Endlosschleife, aus der es kein Entkommen gab, mal gaukelte ihm Linux Mint die Installation von Ubuntu vor, ohne dass eine Anmeldung möglich war, mal geriet er beim Anmelden bei XP in eine Endlosschleife, aus der es kein Entkommen gab. Da Reparaturen nicht oder kaum möglich waren, zumindest nicht mit einem Ergebnis, mit dem er eins der beiden Betriebssysteme hätte erfolgreich starten können, erfolgte jedes Mal die Neuinstallation von Windows, gefolgt von einem neuen Versuch mit Linux. Keine der Linux-Versionen schaffte es jedoch, länger als vier oder fünf Tage gebrauchsfertig zu bleiben.

Mann mit erhobenem Hammer vor Rechner (Microsoft Clip Art)

Betriebssysteme im Vergleich: Zum Hammer musste der Autor zum Glück nicht greifen! (Microsoft Clip Art)

Insgesamt hat der Autor in den vergangen Wochen Windows XP und natürlich auch alle dort installierten Programme etwa fünf Mal und ein fest installiertes Linux etwa vier oder fünf Mal neu aufsetzen müssen, weil der Zugang entweder zu einem der beiden Betriebssysteme oder gar zu beiden nicht möglich war. Hinzu kamen mehrere Installationen durch Wubi. (Positiver Nebeneffekt allerdings der ersten Neuinstallation von Windows XP: Die Partitionsgröße der beiden Festplatten konnte neu verteilt werden, da sie anfangs für die Systempartition viel zu pessimistisch, sprich: viel zu groß gewählt wurde — sie wäre nie auch nur annähernd voll ausgenutzt worden.)

Nach einer letzten solchen von Ubuntu vor vier Tagen, die zwar nun recht schnell und zudem stabil herüberkam und dessen Sprachpakete auch komplett waren, aber den Zeitraum der Gebrauchsfertigkeit ebenfalls nicht überstand, weil er beim Anmelden erneut in eine Endlosschleife geriet, sagte sich der Autor: Es reicht, Schluss damit! Eine externe Firewall hatte er sich bereits vorher aufgesetzt, und nun läuft XP weiter und weiter, bis auf Weiteres …

Verweise zum Thema:
Die Top-Ten-Distributionen von Linux auf DistroWatch.com
„Wubi“ auf ubuntuusers.de
„Wer hat Angst vorm Pinguin?“ in der LinuxCommunity
„Das Design von Windows XP lebt in Linux weiter (Update)“ auf ComputerBase (vom Autor allerdings nicht getestet)
„Fünf Gründe gegen Linux“ in der PC-WELT
„Die Qual der Wahl. Linux Mint in vier Desktop-Versionen“ in der PC-WELT

Salvador da Bahia

Liebe Sportmoderatoren, Nachrichtensprecher, Reise- und andere Journalisten,

ihr nervt langsam!

Alexius: Fotocollage Salvador da Bahia

Salvador da Bahia, Fotocollage (Autor: Alexius, Wikimedia Commons)

Zum wiederholten Mal habt ihr während der zurzeit in Brasilien stattfindenden Fußballweltmeisterschaft die wunderschöne Stadt Salvador da Bahia als „Salvador de Bahia“ bezeichnet, wie von diversen Sportmoderatorinnen und -moderatoren und sogar aus dem Munde des Nachrichtensprechers von „heute“ im ZDF gehört. Und wenn selbst Reise- und andere Journalisten in ihren Reiseberichten und in anderen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften diese falsche Bezeichnung benutzen, kann man euch allesamt nicht ernst nehmen: Das ist, als würdet ihr von der Stadt Frankfurt am Main als „Frankfurt an Main“ oder, vergleichbarer, „Frankfurt an einem Main“ sprechen oder schreiben, und das geht nun einfach nicht!

Der Unterschied: „de“ ist ein Verweis auf eine unbestimmte Sache, während die weibliche Form „da“ (und auch die männliche „do“ wie etwa in „do Brasil“) sich auf etwas Bestimmtes beziehen, hier nämlich ganz konkret auf die Allerheiligenbucht, portugiesisch: Bahia de Todos os Santos. Seid also froh, dass ihr den vollen Namen dieser Großstadt im Nordosten Brasiliens nicht komplett aussprechen müsst, als der nämlich lautet: São Salvador da Bahia de Todos os Santos!

Die Bezeichnung „Bahia“ als Synonym für die Stadt Salvador da Bahia im brasilianischen Bundesstaat Bahia ist unter Brasilianern allerdings auch sehr gebräuchlich, so wie „Rio“ mit der Großstadt Rio de Janeiro assoziiert wird und nicht mit dem gleichnamigen Bundesstaat.

Wenn man euch weiterhin, nach eurer Aussprache zu urteilen, glauben darf, wird in Brasilien spanisch oder italienisch gesprochen, was jedoch nicht der Fall ist, denn die Landessprache ist (brasilianisches) Portugiesisch. Aber auch in anderen Sprachen tut ihr euch immer wieder schwer, was die Aussprache von Spieler- oder Ortsnamen angeht: Der Autor erinnert sich beispielsweise mit Grausen daran, dass ihr den früheren niederländischen Nationaltorwart Maarten Stekelenburg jahrelang mit Betonung auf der zweiten Silbe seines Nachnamens ausgesprochen habt, da doch die Betonung auf der ersten richtig ist, wobei die Aussprache niederländischer Namen überhaupt ein Kapitel für sich ist! Über eure wiederholt hilflosen Versuche, portugiesische Wörter auszusprechen, um etwas Lokalkolorit zu übernehmen, beispielsweise „boa notte“ anstatt korrekterweise „boa noite“ (ausgesprochen: boa noitschi) für „gute Nacht“, kann man in diesem Zusammenhang meist auch nur müde lächeln, wenn man etwas mit der Landessprache vertraut ist. Bleibt also einfach bei euren Leisten und tut, was ihr könnt, und informiert euch vorher über die richtige Aussprache! Das kann doch nicht zu viel verlangt sein, oder?

Und übrigens: Der wohl bekannteste Strand Copacabana in Rio de Janeiro wird auch nicht in zwei Worten „Copa Cabana“ geschrieben, wie immer wieder und zuletzt beispielsweise in dem Artikel des Journal Frankfurt über brasilianisches Leben in Frankfurt gelesen, denn um einen Pokal (copa) handelt es sich hier nicht. Der wird erst am Ende des Turniers vergeben, und sicherlich nicht für solche journalistischen (Fehl-)leistungen!

(Siehe hier auch „Sambafußball“, „Endspiele“ und „Fahnen“!)

Unser Globus

Die Weimarer Republik, Erich Kästner und unser Globus heute

Unser Globus befindet sich am Rande eines Abgrunds. Das war er auch zur Zeit der Weimarer Republik. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen. Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Oder war das ein Autor von heute, der unsere Zeit beschreibt?

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Karikatur zum Vergleich mit der Weimarer Republik, hier allerdings mit dem Beispiel Griechenlands (Autor: Kostas Koufogiorgos)

Unser Globus befindet sich in politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht am Rande eines Abgrunds. Das war auch zur Zeit der Weimarer Republik schon so, die von 1918 bis 1933 existierte. Es wurde zuletzt oft auf die erschreckenden Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit bis zur Machtergreifung der Faschisten und der Jetztzeit hingewiesen, als da etwa sind: wirtschaftliche Probleme, unsichere Arbeitsplätze, hohe Arbeitslosigkeit, Kluft zwischen Arm und Reich, Spaltung der linken Parteien bzw. eine kaum vorhandene Opposition, zu starker Reichspräsident („Ersatzkaiser“) resp. Bundespräsidentin und eine Verharmlosung von Rechtsextremismus durch die Justiz. Dazu kommen eine sexuell aufgeladene Atmosphäre mit Ausschweifungen, die an Dekadenz grenzten, besonders im Berlin Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre.

Erich Kästner hat den Fall der Weimarer Republik 1930 oder 1931 vorausgesehen. Wüsste man das nicht, man könnte seinen Text für hochaktuell halten. Die Gefahr eines Weltkriegs sah er entgegen vieler Interpretationen allerdings nicht, sondern er hatte Angst vor einem Bürgerkrieg. Doch lesen wir selbst:

»Der Staat unterstützt den unrentablen Großbesitz. Der Staat unterstützt die Schwerindustrie. Sie liefern ihre Produkte zu Verlustpreisen ins Ausland, aber sie verkauft sie innerhalb unserer Grenzen über dem Niveau des Weltmarkts. Die Rohmaterialien sind zu teuer; der Fabrikant drückt die Löhne; der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt; das Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das etwa konsequent? Hat der Wahnsinn etwa keine Methode? [...]«
[...]
»Die Technik multipliziert die Produktion. Die Technik dezimiert das Arbeitsheer. Die Kaufkraft der Massen hat galoppierende Schwindsucht. In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden. In Frankreich jammern die Weinbauern, daß die Ernte zu gut sei. Stellen Sie sich das vor. Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und Andere haben nichts zu fressen! Wenn in so eine Welt kein Blitz fährt, dann können sich die historischen Witterungsverhältnisse begraben lassen.« [...]
[...]
»Wenn das, was unser geschätzter Erdball heute leidet, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie hat die Paralyse. Und sicher ist Ihnen allen bekannt, daß dieser äußerst unerfreuliche Zustand mitsamt seinen Folgen nur durch eine Kur heilbar ist, bei der es um Leben und Tod geht. Was tut man mit unserem Globus? Man behandelt ihn mit Kamillentee. Alle wissen, daß dieses Getränk nur bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten und Tee trinken, denkt man, und so schreitet die öffentliche Gehirnerweichung fort, daß es eine Freude ist.«
[...]
»[...] Wir werden nicht daran zugrunde gehen, daß einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, daß andere besonders dämlich sind. Und nicht daran, daß einige von diesen und jenen mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligten zugrunde. Wir wollen, daß es sich ändert, aber wir wollen nicht, daß wir uns ändern. Wozu sind die andern da?, denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl. Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin Geld, wo wenig ist. Die Schieberei und das Zinszahlen nehmen kein Ende, und die Besserung nimmt keinen Anfang.«
[...]
»Der Blutkreislauf ist vergiftet« [...] »Und wir begnügen uns damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der sich Entzündungen zeigen, ein Pflaster zu kleben. Kann man so eine Blutvergiftung heilen? Man kann es nicht. Der Patient geht eines Tages, über und über mit Pflastern beklebt, kaputt!«

(Erich Kästner im gestrichenen dritten Kapitel „Der Herr ohne Blinddarm“ aus: Der Gang vor die Hunde, das als: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, Berlin 1931, erstveröffentlicht wurde. Dieses Kapitel und das darin enthaltene Gespräch unter Journalisten in einer Weinstube, aus dem zitiert wurde, veröffentlichte er außerhalb des Romans in: 30 neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa, herausgegeben von Wieland Herzfelde, Berlin 1932, ist aber auch in der Neuausgabe, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2013, im Anhang nachzulesen.)

Ein Bett für Edward Snowden

oder (Whistle-)Blowing in the Wind?

I don’t want to live in a world where everything I say, everything I do, everyone I talk to, every expression of creativity and love or friendship is recorded.

(Edward Snowden in einem Video auf Free Snowden)

To sin by silence, when we should protest, makes cowards of men.

(Anfang des Gedichts „Protest“ von Ella Wheeler Wilcox, US-amerikanische Schriftstellerin, * 1850, † 1919, zitiert nach der Ella Wheeler Wilcox Society. Es existiert auch die Version mit dem Anfang „To sit in silence“.)

Unsere Regierung verweigert Edward Snowden weiterhin Asyl. Am kommenden Jahrestag seiner Enthüllungen, am 6. Juni, sollen daher nach Campact Menschen aus ganz Deutschland zeigen, dass er bei ihnen willkommen ist, und als Zeichen der Solidarität ein Schild an die Tür hängen oder einen Aufkleber an ihrem Briefkasten anbringen. Die Botschaft lautet: Sollte er bei uns klingeln, bieten wir ihm ein Bett an. Damit soll der Bundesregierung klargemacht werden, dass wir ihn aufnehmen wollen und es ablehnen, dass sie ihm Schutz verwehrt. Der Autor wirft einen Rückblick auf den Abhörskandal, erläutert die rechtliche Situation Snowdens in Bezug auf das Aufenthaltsrecht und einer Auslieferung an die USA und macht sich Gedanken über diese Aktion, bei der es keineswegs nur um die Person Snowdens geht, er aber auch eine große Gefahr sieht.

Die Aktion „Ein Bett für Snowden“

Die Organisation Campact hat eine neue Aktion online gestellt: „Die Regierung verwehrt Edward Snowden weiter Asyl. Doch am Jahrestag seiner Enthüllungen, am 6. Juni 2014, zeigen Menschen aus ganz Deutschland: Bei uns ist Snowden willkommen. Als Zeichen der Solidarität hängen sie ein Schild an die Tür und bringen einen Aufkleber an ihrem Briefkasten an. Die Botschaft: Sollte Snowden bei uns klingeln, bieten wir ihm ein Bett an. So machen wir gemeinsam klar: Wir Bürger/innen [sic!] wollen Snowden aufnehmen und lehnen ab, dass die Regierung ihm Schutz verwehrt. Bestellen Sie Türschild und Aufkleber. Beides schicken wir Ihnen kostenlos zu, wir freuen uns aber auch über eine Spende.“ (Quelle: „Ein Bett für Snowden“ bei Campact)

Rückblick auf den Überwachungs- und Abhörskandal

Netzwerkkabel

Netzwerke und Server werden überwacht (Microsoft Clip Art)

Wir erinnern uns: Durch die Enthüllungen des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden wurde publik, dass Geheimdienste wie die US-amerikanische National Security Agency (NSA) oder das britische Government Communications Headquarters (GCHQ) Telefonverbindungen, E-Mail- und andere Internetkommunikation überwachen (siehe hier auch „Abhörskandal, war da was?“). So soll die NSA nach Berichten des Nachrichtenmagazins SPIEGEL und des britischen Guardian allein in Deutschland jeden Monat eine halbe Milliarde E-Mails, Chats, Telefonate und SMS überwachen. Selbst persönliche Computer, Router und Modems können betroffen sein, siehe die interaktive Grafik auf SPIEGEL Online. Zudem sollen Vertretungen der EU-Staaten in Washington und New York mit Wanzen abgehört und deren Computersysteme infiltriert worden sein.

Das britische GCHQ habe nach einem Bericht des Guardian mehr als 200 Glasfaserverbindungen über den Atlantik angezapft und dabei eng mit der NSA zusammengearbeitet sowie beim G20-Treffen 2009 in London systematisch Politiker anderer Nationen ausspioniert und abgehört. Es plant dies auch für zukünftige G20- und G8-Treffen. Bei diesen Aktionen geht es nicht nur um vorgebliche Terrorbekämpfung, sondern auch um Wirtschaftsspionage, wie die brasilianische Präsidentin Rousseff im September 2013 in ihrer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen beklagte (siehe hier „Hut ab!“) und Snowden während eines Anfang dieses Jahres vom NDR ausgestrahlten Interviews bekräftigte.

Bereits 2006 veröffentlichte Mark Klein, ein ehemaliger Nachrichtentechniker des US-amerikanischen Kommunikationsunternehmens und Internet-Anbieters AT&T, Informationen über die Kooperation seines vormaligen Arbeitgebers mit der NSA: Letztere konnte sich mittels eines geheimen Splitters in „Room 641A“ in eine zentrale Leitung der AT&T einklinken und den gesamten Datenverkehr abzweigen. Der US-amerikanische Internetaktivist und Spezialist für Computersicherheit Jacob Appelbaum schrieb im Juli 2013 zum Fall Snowden im Magazin SPIEGEL: „Die Informationen, die Klein enthüllte, wurden heruntergespielt, dabei waren sie ein wichtiges Beispiel für das umfassende Spionageprogramm der NSA.“

Gegenwärtige Ermittlungen

Inzwischen ermitteln mehrere deutsche Staatsanwaltschaften wegen des Verdachts auf millionenfache Verstöße gegen deutsches Recht gegen NSA und GCHQ, außerdem haben der Chaos Computer Club, die internationale Liga für Menschenrechte und der Bürgerrechtsverein Digitalcourage nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen die Bundesregierung und Geheimdienstmitarbeiter erstattet. Auch die Einbindung des Bundesnachrichtendiensts (BND) steht infrage; gegen ihn hat ein Hamburger Rechtsanwalt Strafantrag gestellt.

Ohne eine Einladung zum NSA-Untersuchungsausschuss und eine Anhörung Snowdens wissen wir aber immer noch nichts über das volle Ausmaß dieser Überwachung und Bespitzelung, denn es scheint, dass er noch längst nicht alles Material zur Veröffentlichung freigegeben hat.

Geheimnisverrat oder nicht? Reaktionen

Aus Sicht der US-Regierung hat Edward Snowden durch seine Enthüllungen jedoch einen Geheimnisverrat begannen und soll deshalb vor Gericht gestellt werden. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm eine lange Gefängnisstrafe, wenn nicht gar Schlimmeres, auch wenn US-Justizminister Holden erklärte, dass er bei einem möglichen Strafprozess nicht die Todesstrafe fordern werde, und zusicherte, dass dieser auch nicht gefoltert werde. Weil Snowden trotzdem einen unfairen Prozess befürchtet, weil er sich nicht damit verteidigen könne, dass er im öffentlichen Interesse gehandelt habe, da das im US-amerikanischen Anti-Spionage-Gesetz von 1917 nicht vorgesehen sei, hat er in Deutschland und in 20 weiteren Staaten um Asyl gebeten.

Auch Deutschland hat dies abgelehnt, womit sich die scheinbare Empörung der Bundesregierung über den Abhörskandal als pure Heuchelei erweist. Im Gegensatz zur brasilianischen Präsidentin Rousseff, die aus Protest wenigstens einen geplanten USA-Besuch absagte, hatte Merkel bei ihrem Besuch in Washington Anfang Mai mit Präsident Obama quasi gekuschelt, weil sie den diplomatischen Konflikt scheut und eine Beeinträchtigung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA befürchtet. Statt zu protestieren, ließ sie sich den Gemüsegarten des Weißen Hauses zeigen.

Wie brav: Sie ist zu feige, unsere Grundrechte zu verteidigen, obwohl sie sich doch so empört über die Abhöraktionen der Amerikaner und Briten zeigte, wenngleich in einigermaßen voller Empörung („Abhören unter Freunden, das geht gar nicht!“) erst dann, als sich herausstellte, dass auch ihr eigenes dienstliches Mobiltelefon nicht davon verschont wurde! Ein No-Spy-Abkommen mit den USA wurde von der Bundesregierung kurz vor dem Besuch der Kanzlerin wegen Aussichtslosigkeit dem Papierkorb übergeben, wohl auch auf Druck von US-Außenminister Kerry.

Man stelle sich die Empörung vor, dieser gigantische Abhörapparat wäre von einem russischen Geheimdienst gestartet worden!

Die Rolle von Präsident Obama

Auch Obama ist nicht gewillt, diesem Treiben ein Ende zu bereiten: So kam es etwa im Dezember 2013 im Weißen Haus zu einem Treffen zwischen 15 Spitzenvertretern der Computerbranche und dem US-Präsidenten. Dieser kam ihnen jedoch bei der Bitte um größere Zurückhaltung des Staates beim Ausspähen und Überwachen nicht entgegen; ausgerechnet jener Präsident, der auch durch massive Unterstützung aus dem Silicon Valley gewählt wurde!

Weitgehend unbekannt dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass Obama entgegen seinen Beteuerungen in seinem Wahlkampf 2007, es werde unter seiner Präsidentschaft keine Abhörmaßnahmen geben, 2008 noch als Senator aus Illinois im Kongress für deren Ausweitung und ein halbes Jahr darauf als inzwischen gewählter Präsident für schärfere Strafen für Whistleblower stimmte.

Thomas Drake, das erste Opfer

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Thomas Drake 2014 (Autor: Slowking, Wikimedia Commons)

Als Ersten traf es Thomas Drake, einen bis 2008 hohen NSA-Abteilungsleiter und Computerspezialisten, der die Ungesetzlichkeit des Vorgehens nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte und im November 2005 „Staatsgeheimnisse“ an die Baltimore Sun verraten hatte. Deswegen geriet er ins Visier des Federal Bureau of Investigation (FBI), das im November 2007 sein Anwesen durchsuchte und Computer, Dokumente und Bücher beschlagnahmte. 2010 wurde gegen ihn Anklage erhoben, die im Prozess 2011 allerdings in allen Punkten in sich zusammenfiel. Sein Leben war danach trotzdem ruiniert, allein die Rechtsanwaltskosten fraßen fast sein gesamtes Vermögen auf, zudem verlor er seine Pensionsansprüche. 2011 erhielt Drake den Sam Adams Award „für Integrität im Nachrichtendienst“, den Edward Snowden im Jahr 2013 ebenso erhielt, und den Ridenhour Truth-Telling Prize.

Nach den Enthüllungen des NSA-Programms PRISM durch Edward Snowden sagte Drake dem Guardian, dass das von Snowden Offengelegte „nur die Spitze des Eisbergs“ sei.

Enthüller beim GCHQ

Auch beim britischen Geheimdienst gab es Menschen, die in der Vergangenheit Informationen über illegale Tätigkeiten lieferten, wie etwa Katherine Gun, die 2003 mit streng geheimen Unterlagen zu illegalen Aktivitäten während der Invasion des Iraks im gleichen Jahr an die Öffentlichkeit trat, und John „Jock“ Kane, der in seinen Memoiren „GCHQ: The Negative Asset“ Interna über seine über 25-jährige Tätigkeit dort veröffentlichen wollte — sie wurden verboten. Gun wurde 2004 mit dem Sam Adams Award ausgezeichnet.

Asyl für Edward Snowden oder nicht?

Snowden mag gegen Gesetze der USA verstoßen haben, aber er hat sich um die Freiheit und die Bürgerrechte von uns allen verdient gemacht. Trotz eines Auslieferungsabkommens mit den USA könnte die Bundesregierung dessen Überstellung an die USA verweigern, wobei sie sich auf § 4 des Abkommens berufen und auf den Standpunkt stellen könnte, dass seine Aufklärung über die Überwachungsprogramme der NSA und des GCHQ eine „politische Straftat“ im Sinne des Abkommens darstellt. Zudem ist Edward Snowden in Deutschland nicht zur Fahndung ausgeschrieben; ein Eintrag im Polizeifahndungssystem Inpol wäre aber die Voraussetzung für eine Festnahme und für eine Auslieferung an die USA. Auch eine Aufenthaltserlaubnis aus „völkerrechtlichen und dringenden humanitären Gründen“ ist nach § 22 Aufenthaltsgesetz möglich.

Doch von einer Einladung oder gar von der Gewährung von Asyl ist die Bundesregierung weit entfernt, weil dies einen offenen Konflikt mit den USA nach sich ziehen würde. Nach einer neueren Meldung des Magazins SPIEGEL drohen US-amerikanische Rechtsanwälte in einem Gutachten inzwischen sogar dem NSA-Untersuchungsausschuss mit einer Strafverfolgung in den USA, falls er Snowden befragen wolle, weil dies als „kriminelle Verabredung“ gewertet werden könne, wobei es keine Rolle spiele, ob er in Deutschland, Russland oder woanders vernommen werde.

Allerdings sieht der Autor im Falle eines Asyls in Deutschland die große Gefahr, dass er von einem geheimen US-Trupp in die USA entführt werden könnte, wovon die USA im derzeitigen Fall des russischen Asyls wegen mindestens heftigster diplomatischer Verwicklungen wohlweislich Abstand nehmen (siehe hierzu beispielsweise die Kommentare zu „Welcome to Germany, Edward Snowden“ im Campact-Blog). Sein Aufenthaltsrecht dort läuft am 1. August 2014 ab.

Enthüller von Missständen brauchen Schutz

Schutz für Edward Snowden in Deutschland!Doch es geht beileibe nicht nur um Edward Snowden. Schon vor ihm und Drake war „das Programm“ bekannt: Bereits im Dezember 2005 veröffentlichte die New York Times aufgrund anonymer Informationen einen Artikel über die Illegalität der NSA-Überwachungsmaßnahmen, die im Patriot Act von Präsident Bush ihren Ursprung hatten; auch hier waren sogenannte „Whistleblower“ (im Englischen übrigens whistle-blower oder whistle blower) wie etwa der bis 2006 als Jurist im US-amerikanischen Justizministerium angestellte Thomas Tamm die Quelle.

Viele andere große Skandale kamen nur durch Enthüller ans Licht der Öffentlichkeit, es sei hier beispielsweise an Julian Asange, Barrett Brown, Jeremy Hammond, Bradley Manning und Chelsea Tatum erinnert. In Deutschland möchte der Autor in diesem Zusammenhang Günter Wallraff hervorheben. Menschen haben für die Offenlegung von Missständen ihre berufliche Stellung, ihre Karriere, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskiert, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Sie brauchen Schutz, denn es sollte im Interesse von uns allen liegen, dass solche Skandale aufgedeckt werden.

Im Bundestag wurde zwar bereits über einen besseren Schutz von Enthüllern und Informanten beraten, doch die vorherige schwarz-gelbe Koalition hat alle Vorstöße abgelehnt, obwohl sie sich laut dem Antikorruptions-Aktionsplan der G20-Staaten vom November 2010 bis Ende 2012 Regeln zum Schutz für Whistleblower zu erlassen und umzusetzen verpflichtet hatte. Bei der amtierenden Großen Koalition sieht es auch nicht besser aus, siehe oben.

Aufgeschlagenes Bett

Möge Edward Snowden allzeit gut schlafen! (Unmade Bed, Image by © Royalty-Free/Corbis)

„Whistleblower, die sich an eine Behörde, die Presse oder eine Nichtregierungsorganisation (NGO) wenden, um auf Missstände hinzuweisen, müssen durch ein Whistleblower-Gesetz geschützt werden.“ Diesen Appell unterstützt der Autor. Doch bitte in aller Konsequenz, was auch einen Schutz vor geheimen militärischen Aktionen bedeutet, aber ob diesen allein ein Bett bei uns garantiert, ist sehr fraglich!

Dass eine solche Geheimaktion überhaupt in den Bereich des Möglichen gefasst werden muss, sollte uns allerdings zusätzliche Angst machen!