Favorite Bergab

Im Brote meines Angesichts
schmilzt der Tag dahin.
Kam einst aus dem großen Nichts
und geh’ auch bald dorthin.

Verfüge nicht kein Weltenreich,
ist mir auch kein Schloss.
Reichtum ist mir, ach, so gleich,
es folgt mir auch kein Tross.

Ein jeder Tag ist einerlei,
die Farbe blättert ab
und Zeit verrinnt wie Blei.

Ein Grau mir große Zweifel gab,
das Glück ist zweierlei:
Es geht doch stets bergab.

Blumen, ein Haiku

Die Blumen gepflückt
und in den Fluss geworfen.
Sehe ihnen nach.

(Inspiriert durch den Satz: „Ich gehe so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in einen Strauß und — werfe sie in den vorüberfließenden Strom und sehe ihnen nach, wie sie leise hinunterwallen.“ Aus Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Siehe hier auch „Sag es mit Blumen!“, „140 Zeichen (23)“ und Artikel 3 in „Die Statuten des Menschen“!)

Zur Erhöhung der Konfusion

Aktualisierungen unter Ubuntu sind manchmal rätselhaft!

Linux Ubuntu ist ein gutes Betriebssystem. Manchmal allerdings stellt es vor Rätsel, beispielsweise in Beschreibungen notwendiger Aktualisierungen, die dazu geeignet sind, die „Konfusion zu erhöhen“.

Linux Ubuntu ist schon ein tolles Betriebssystem, in dem ich mich nach vielen Anfangsschwierigkeiten (siehe „XP ade, Linux juchhe?“) sehr heimisch fühle. Als Zweitsystem gedacht, bin ich hier (ja, jetzt auch!) öfter zugange als im ursprünglichen und noch vorhandenen anderen Betriebssystem. Manchmal allerdings stellt es mich vor Rätsel. Beispielsweise in den Beschreibungen von notwendigen Aktualisierungen oder von Installationen überhaupt, die dazu geeignet sind, die „Konfusion zu erhöhen“.

Sie werden vermutlich stattdessen das [Hier wird der jeweilige Name der Komponente genannt.] Paket haben wollen, aber dieses Paket wurde bereitgestellt, um Ihre Auswahlmöglichkeiten und/oder Konfusion zu erhöhen,

heißt es dort zuweilen, wie etwa im folgenden Bildschirm-Schnappschuss:

Text der Anwendung

Zur Erhöhung der Konfusion? (Ausschnitt des Bildschirm-Schnappschusses des Textes zur Erklärung des Paketes aus der Synaptic-Paketverwaltung; eigenes Werk)

Nun, liebe Ubuntu-Entwickler/-innen, dies ist euch trefflich gelungen: eine Aktualisierung bzw. eine Installation, nur um eine Auswahlmöglichkeit und/oder die Konfusion zu erhöhen?

Die Konfusion ist perfekt!

(Siehe hier auch „Proprietäre vs. Open-Source-Software“, „140 Zeichen (10)“ und, damit Sie nicht zu viele Programme installieren, „Installierte Programme“!)

Mit dem Obstkorb ist es nicht getan!

Für das Wohlgefühl am Arbeitsplatz: das Feelgood Management

Schale mit Obst

Mit dem Obstkorb ist es nicht getan, aber mit Feelgood Management? (Microsoft Clip Art)

Hurra, darauf haben wir alle gewartet: das Feelgood Management, ein neues Berufsfeld, das Wohlgefühl an den Arbeitsplatz bringen soll! Eine Firma gibt sich als Sprachrohr dafür. Brauchen wir das wirklich?

Ein neues Berufsfeld erscheint auf dem Arbeitsmarkt: das Feelgood Management. Feelgood Manager sollen „Teil eines neuen Werte-Verständnisses von Unternehmen“ sein und „sich engagiert um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter [kümmern], damit sie einen guten Job machen können. Bevorzugt werden Feelgood Manager von Firmen eingestellt, die ihre Mitarbeiter als Mensch und Leistungsträger wahrnehmen und wertschätzen“, ist bei GOODplace zu lesen, die sich offensichtlich zum Sprachrohr dieses neuen Berufsbildes erhoben haben. Endlich, haben wir darauf nicht alle gewartet?

Laut deren Seiten und deren Blog „gibt es in Deutschland zwischen 80 und 100 Menschen, die den zukunftorientierten [sic!] Beruf des Feelgood Managers ausüben — Tendenz steigend“. Damit und mit den vielen Presse-Berichterstattungen in 2015 sei „das Thema Feelgood Management angekommen“, wo allerdings auch immer. Jedenfalls sind auf den Seiten von GOODplace, wie sie sich selbst schreiben, nur relativ kleine und (mir) unbekannte Firmen genannt, die sich einen Feelgood Manager leisten (können und wollen).

Sie sollen „zentrale Ansprechpartner in puncto Unternehmenskultur“ sein und „gut für das Betriebsklima, sorgen neben einer Wohlfühl-Arbeitsathmosphäre, für die Verbesserung der internen Kommunikation sowie für den internen Arbeitsfluss (Flow). Sie schaffen Gemeinschaftserlebnisse und darüber Identifikation mit dem Unternehmen“, preisen sie sich selbst, leider unter nicht ganz korrekter Anwendung von Kommata.

„Feelgood Management — nur ein Hype oder eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit?“, fragt GOODplace dann auch selbst und kommt natürlich auch selbst zu dem Schluss, dass es angesichts „in vielen Unternehmen knirscht es gewaltig. Mitarbeiterfluktuation, Fachkräftemangel, kaum Nachwuchs, Innovationsstau durch mangelnde Wertschätzung der Mitarbeiter, verkrustete Arbeitsstrukturen, hierarchisches Führungsdenken, nicht erkanntes Mitarbeiterpotential [sic!]“ eine Lösung sein kann (wörtlich, also nicht muss!). „Mit dem Obstkorb und Kickertisch ist es [nämlich; Einfügung des Verfassers] noch nicht getan. Das Wohlergehen von Mitarbeitern ist von viel mehr abhängig und ein wichtiger Motivationsfaktor im Unternehmen.“ Das Berufsbild und die Anforderungen an das Berufsbild des Feelgood Managers werden auf deren Seiten ausführlich vorgestellt.

Nun, in mir reift nach alldem die Erkenntnis, dass das Feelgood Management sich doch noch nicht so eingeführt hat, wie es GOODplace gern hätte: Die aufgeführte Zahl von „80 bis 100 Menschen“ scheint im Vergleich mit der Anzahl der ebenfalls genannten Firmen, die sich einen solchen Mitarbeiter/eine solche Mitarbeiterin bisher leisten, reichlich hoch gegriffen. Und, das Wichtigste: Unternehmen, die einen Feelgood Manager resp. eine Feelgood-Managerin nötig hätten, kämen nie auf die Idee, eine/n solchen einzustellen! Und dort, wo alles zufrieden läuft, braucht man solche nicht.

Dass Mitarbeiter/-innen nicht auch noch nach Feierabend oder am Wochenende, manchmal sogar im Urlaub erreichbar sein müssen, ist eine Erkenntnis, die sich bei immer mehr Unternehmen langsam ebenso durchsetzt, wie dass die Anzahl der Überstunden begrenzt und das Angebot an flexiblen Arbeitszeiten vorhanden sein sollte. So entsteht der Eindruck, dass Firmen wie GOODplace entweder auf Züge aufspringen wollen, die nie abfahren, weil sie auf einem Abstellgleis stehen (Firmen wollen nicht), oder auf Züge, die schon längst abgefahren sind (Firmen bemühen sich auch ohne Feelgood Management um angenehme Arbeitsatmosphäre).

Aber Hauptsache, man schafft neue Arbeitsplätze, und wenn es nur die einer Handvoll Feelgood-Manager sind!

Siehe hier beispielsweise auch „Geisteswissenschaftler gesucht!“, „Arbeit, unsere Religion?“, „Korrekturassistenten gesucht“, „Was tun?“, „Outsourcing“, „Azubi oder Praktikant?“, „Der leere Topf“, „Das Peter-Prinzip“, „Stechuhren“ und „Pfirsiche“!)

Favorite Über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt

Die Rede von Robert F. Kennedy nach der Ermordung von Martin Luther King

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Robert F. Kennedy im Mai 1968 (Autor: R. W. Rynerson/ Wikimedia Commons)

Eine Rede von Robert F. Kennedy über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt, gehalten einen Tag nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King, ist es wert, (wieder) entdeckt und (neu) gelesen zu werden.

Vor einigen Tagen habe ich den Film „Bobby — Der letzte Tag von Robert F. Kennedy“ (auch: „Bobby — Sie alle hatten einen Traum“) von Emilio Estévez aus dem Jahr 2006 gesehen. Während des Abspanns hörte man Auszüge aus seiner beeindruckenden Rede „On the Mindless Menace of Violence“, „Über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt“, die er am 5. April 1968, einen Tag nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. gehalten, hatte.

Schon Robert F. Kennedys Rede am Tag von dessen Ermordung am 4. April ist unbedingt lesens- und hörenswert! Gegebenenfalls soll auch sie hier eines Tages in einer eigenen Übersetzung zugänglich gemacht werden. Hier aber der komplette Text der Rede, die sich im Original auf Wikisource nachlesen lässt (hier die MP3-Datei, die für die Übersetzung verwendet wurde), und nicht nur dann, wenn wir dabei „Amerikaner“ durch das Wort „Menschen“ ersetzen, ahnen wir, wie zeitlos sie ist, denn die sinnlose Bedrohung durch Gewalt existiert auch heute in vielerlei Form:

Dies ist ein Zeitpunkt der Schande und des Leides. Es ist kein Tag für Politik. Ich habe mir diese Möglichkeit, meinen einzigen Termin heute, vorbehalten, um über die sinnlose Bedrohung durch Gewalt in Amerika zu sprechen, die wieder auf unser Land und ein jedes unserer Leben abfärbt.

Es ist nicht nur die Sache einer Rasse. Die Opfer der Gewalt sind schwarz und weiß, reich und arm, jung und alt, berühmt und unbekannt. Sie sind, und das ist das Wichtigste, menschliche Wesen, die von anderen menschlichen Wesen geliebt und gebraucht wurden. Niemand — unabhängig davon, wo er lebt oder was er tut — kann davor sicher sein, das nächste Opfer eines sinnlosen Akts des Blutvergießens zu werden. Und noch geht dies in unserem Land weiter und weiter und weiter.

Warum? Was hat Gewalt jemals erreicht? Was hat sie jemals geschaffen? Keines Märtyrers Grund kann jemals durch die Kugel eines Attentäters befriedigt werden. Kein Unrecht ist jemals durch Aufstände und zivilen Ungehorsam gelöst worden. Ein Heckenschütze ist nur ein Feigling, kein Held; und ein unkontrollierter und unkontrollierbarer Mob ist nur die Stimme des Wahnsinns, nicht die Stimme des Volkes.

Wann immer eines Amerikaners Leben durch eines anderen Amerikaners Hand unnötigerweise genommen wurde — entweder im Namen des Gesetzes oder in Missachtung des Gesetzes, durch nur einen oder durch eine Bande, kaltblütig oder aus Leidenschaft, in einem Anfall von Gewalt oder als Reaktion auf Gewalt — wann immer wir an dem Gewebe des Lebens ziehen, das jemand mühselig und unbeholfen um sich und seine Kinder gewoben hat, wann immer wir dies tun, ist das ganze Land geschwächt.

„Unter freien Menschen“, sagte Abraham Lincoln, „kann es keine erfolgreiche Anfechtung einer Wahl durch eine Kugel geben, und diejenigen, die solch eine Anfechtung ausüben, sollen sich darüber im Klaren sein, dass sie ihren Fall verlieren und dafür bezahlen werden.“

Dennoch tolerieren wir anscheinend ein höheres Gewaltniveau, das unsere gemeinsame Menschlichkeit und unseren Anspruch auf eine Zivilgesellschaft gleichermaßen ignoriert. Wir akzeptieren still Zeitungsmeldungen über das Abschlachten von Zivilpersonen in weit entfernten Ländern. Wir verherrlichen das Morden in Filmen und auf Fernsehbildschirmen und nennen es Unterhaltung. Wir machen es Menschen aller Abstufungen geistiger Zurechnungsfähigkeit einfach, sich Waffen und Munition jeder Art, die sie sich wünschen, beschaffen zu können.

Zu oft ehren wir Großtuerei und Wutgeschrei und die Ausübung von Gewalt; zu oft entschuldigen wir diejenigen, die willens sind, ihr Leben auf den zerstörten Träumen von anderen menschlichen Wesen aufzubauen. Einige von den Amerikanern, die im Ausland Gewaltlosigkeit predigen, scheitern damit hierzulande. Einige, die andere beschuldigen zu randalieren oder zu Aufständen angestachelt zu haben, haben sie durch ihr eigenes Verhalten dazu eingeladen.

Einige suchen nach Sündenböcken, andere suchen nach Verschwörungen, aber so viel sollte klar sein: Gewalt erzeugt Gewalt, Unterdrückung führt zu Vergeltung, und nur eine Läuterung unserer ganzen Gesellschaft kann diese Krankheit aus unseren Seelen vertreiben.

Denn es gibt eine andere Art von Gewalt, langsamer, aber genauso tödlich zerstörerisch wie der Schuss oder die Bombe in der Nacht. Dies ist die Gewalt der Institutionen: Desinteresse und Untätigkeit und Verfall. Dies ist die Gewalt, die den Armen zusetzt, die die Beziehungen zwischen Menschen vergiftet, weil ihre Haut unterschiedliche Farben hat. Es ist die langsame Zerstörung eines Kindes durch Hunger, durch Schulen ohne Bücher und Häuser ohne Heizung im Winter. Dies ist die Brechung eines Mannes Seele durch die Verwehrung der Möglichkeit, dass er als ein Vater und als ein Mann inmitten von anderen Männern dastehen kann. Und auch das betrifft uns alle.

Denn wenn du einen Menschen lehrst, seinen Bruder zu hassen und zu fürchten, wenn du lehrst, dass er wegen seiner Farbe oder wegen seines Glaubens oder wegen seiner politischen Vorstellungen, die er vertritt, ein geringerer Mensch ist, wenn du lehrst, dass die, die anders sind als du, deine Freiheit oder deinen Job oder dein Zuhause oder deine Familie bedrohen, dann lernst du außerdem, anderen nicht als Mitbürger, sondern als Feind zu begegnen, den man nicht in Zusammenhalt, sondern in Bezwingung trifft, unterjocht und beherrscht.

Wir lernen zuletzt, unsere Brüder als Fremde zu sehen, fremde Menschen, mit denen wir eine Stadt teilen, aber keine Gemeinschaft; Menschen, mit uns in einer gemeinsamen Behausung, aber nicht in einer gemeinsamen Anstrengung verbunden. Wir lernen, nur eine gemeinsame Furcht zu teilen, nur einen gemeinsamen Wunsch, sich voneinander zurückzuziehen, nur einen gemeinsamen Impuls, Meinungsverschiedenheit mit Gewalt zu begegnen. Für all das gibt es keine endgültigen Antworten.

Doch wissen wir, was zu tun ist. Es ist, wahre Gerechtigkeit zwischen unseren Mitbürgern zu erreichen. Die Frage ist nicht, welche Programme wir umzusetzen suchen sollten. Die Frage ist, ob wir in unserer eigenen Mitte und in unseren eigenen Herzen die Herrschaft menschlicher Absichten finden können, die die schrecklichen Wahrheiten unserer Existenz anerkennen wird. Wir müssen die Einbildung unserer falschen Unterscheidungen, den falschen Unterscheidungen zwischen den Menschen, zugeben und lernen herauszufinden, dass unser eigener Fortschritt in der Suche des Fortschritts für alle liegt. Wir müssen uns in uns darauf einlassen, dass die Zukunft unserer Kinder nicht auf dem Unglück anderer aufgebaut werden kann. Wir müssen uns daran erinnern, dass dieses kurze Leben durch Hass oder durch Rache weder geadelt noch bereichert wird.

Unsere Leben auf diesem Planeten sind zu kurz, die Arbeit, die getan werden muss, ist zu wichtig, als dass diese Haltung in unserem Land noch länger gedeihen darf. Natürlich können wir sie nicht mit einem Programm oder einem Entschluss verbieten. Aber wir können uns daran erinnern, auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist, dass jene, die mit uns zusammenleben, auch unsere Brüder sind, dass sie denselben kurzen Augenblick des Lebens mit uns teilen, dass sie, genau wie wir, nichts weiter als die Möglichkeit suchen, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen, so viel Zufriedenheit und Erfüllung wie möglich zu finden.

Sicherlich kann dieses Band des gemeinsamen Schicksals, dieses Band des gemeinsamen Ziels anfangen, uns etwas zu lehren. Sicherlich können wir zumindest daraus lernen, auf die um uns herum als Mitmenschen zu sehen, und sicherlich können wir damit beginnen, ein wenig mehr daran zu arbeiten, uns unsere Wunden zu verbinden und in unseren Herzen auch wieder Brüder und Landsleute zu werden.

Tennyson schrieb in „Ulysses“:
[…] that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das Zitat aus „Ulysses“ in der Übersetzung von Ferdinand Freiligrath:
[…] was wir sind, das sind wir!
Ein einz’ger Wille heldenhafter Herzen,
Durch Zeit und Schicksal schwach gemacht, doch stark
Im Ringen, Suchen, Finden, Nimmerweichen!

Zwei Monate nach dieser Rede wurde Robert F. Kennedy in der Hotelküche seiner Wahlkampfzentrale im Ambassador Hotel in Los Angeles durch einen palästinensischen Fanatiker ermordet.

Favorite Zum Wandel unserer Begrüßungskultur

Händeschütteln

Das wäre wahre Begrüßungskultur! (Microsoft Clip Art)

Wir Deutsche haben schon immer gerne andere begrüßt und willkommen geheißen. Schon im letzten Jahrhundert. Wir wollten die ganze Welt begrüßen. Nun aber schlägt unsere Willkommens- und Begrüßungskultur um. Oder stimmte damit früher schon etwas nicht? Ein (teilweise sarkastischer) Kommentar zum Wandel unserer Willkommens- und Begrüßungskultur.

Zur Geschichte unserer Willkommens- und Begrüßungskultur

Wir Deutsche begrüßen gern. Wir haben eine regelrechte Begrüßungskultur entwickelt, gern auch Willkommenskultur genannt. Wenn wir im letzten Jahrhundert beginnen, haben wir ab 1914 Luxemburger, Franzosen und Belgier begrüßt. In deren eigenen Ländern. Vorher hatten wir bereits Menschen in verschiedenen afrikanischen Ländern begrüßt, noch etwas früher sogar Menschen in China. Alle in deren Ländern. Nett von uns, nicht wahr?

Nun, unsere Begrüßungen erregten leider nicht nur Wohlgefallen. Die Menschen in China und in Afrika wurden bald von anderen Menschen begrüßt, und die Schäden, die unsere Begrüßungskultur vor allem im Westen angerichtet hatte, kamen uns teuer zu stehen. Vielen Deutschen gefiel das nicht, sodass wir bald einen neuen Herrscher hatten, der von vielen nicht nur gewählt, sondern auch — herzlichst begrüßt wurde, natürlich!

Germans at Polish Border (1939-09-01)

Begrüßungskultur? Deutsche Soldaten stellen am 1. September 1939 die Zerstörung eines polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach. (Hans Sönnke/ Wikimedia Commons)

Bald darauf begrüßten wir unsere österreichischen Nachbarn (viele sagten sogar: Landsleute), natürlich auch in deren eigenem Land und sehr zur Freude vieler Einheimischer, um wiederum kurz darauf unsere polnischen Nachbarn willkommen zu heißen. Da uns das nicht reichte, machten wir uns nach Norwegen, in die Niederlande, wiederum nach Belgien und Frankreich und in viele andere Länder auf, um schließlich noch weiter in den Osten vorzudringen. Unsere Willkommenskultur brauchte Platz! Mit England klappte dies zwar nicht so ganz, wir konnten dort nur unsere Bomben zum Gruße abwerfen, aber dafür war der Willkommenszug gen Osten ein Höhepunkt unserer Begrüßungskultur, ebenso wie die Tatsache, wie wir unsere jüdischen und andere (uns) fremden Mitbürger begrüßten, die uns plötzlich auffielen, obwohl sie schon jahrzehntelang mitten unter uns weilten. Dass unsere Form von Willkommenskultur so arg missverstanden wurde — nun: Geschichte! Wir mussten infolge nur noch unsere eigenen Landsleute begrüßen und willkommen heißen, die zu Millionen aus dem Osten zu uns kamen (was allerdings schon damals keineswegs immer und ohne Konflikte funktionierte), obwohl und weil wir heftig geschrumpft worden waren.

Unsere heutige Willkommens- und Begrüßungskultur

Seitdem sind wir bescheidener geworden. Wir haben unsere Gastarbeiter, die für uns die Drecksarbeit erledigten, begrüßt oder es wenigstens versucht: Der millionste erhielt immerhin ein Moped! In östlichen Teil unseres Landes klappte es mit der Integration von Tausenden von ausländischen Leiharbeitern und Studenten mindestens ebenso mangelhaft, um nicht zu sagen: so gut wie gar nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen. (Dies soll hier keineswegs unerwähnt bleiben, weil viele im Osten, ihr Misstrauen Fremden gegenüber entschuldigend, vorbringen, dass wir im Westen doch schon Erfahrungen mit Gastarbeitern hätten, sie aber in dieser Hinsicht immer völlig unbeleckt gewesen seien und daher nie eine Möglichkeit gehabt hätten, ihre Willkommenskultur anzubringen!)

Wir begrüßen ansonsten nur noch ausländische Herrscher, mit denen wir wirtschaftliche Beziehungen anstreben, gleich, um welchen Preis, oder denen wir Technik und Waffen liefern, damit diese damit wiederum die Völker in ihrer Nachbarschaft begrüßen können — oder auch einmal das eigene Volk. Wir begrüßen unsere eigenen Politiker und Wirtschaftsbosse, die mitunter auch zusammenarbeiten, um uns den letzten Groschen aus dem Hemd ziehen zu können. Unsere bankrotten Banken! Von einem kleineren Zwischenfall in Jugoslawien, wohin wir unbedingt noch einmal hinfliegen mussten, abgesehen, „engagieren“ wir uns seit 1999 aber auch in Afghanistan und neuerdings liefern wir „Aufklärung“ in Syrien.

Weil aber ein paar von uns ein schlechtes Gewissen ob so viel Wohlwollens bekommen haben, begrüßen wir inzwischen auch solche Menschen, die vor den Auswirkungen unserer Begrüßungskultur aus ihren Ländern geflohen sind. Besonders wenig herzlich werden sie allerdings von jenen willkommen geheißen, die vor nicht allzu langer Zeit selbst in den Genuss sogar eines Begrüßungsgeldes kamen, als sie vom westlichen Teil unseres Landes begrüßt wurden, nachdem ihnen ihre eigenen Herrscher nicht mehr willkommen gewesen waren. Dafür aber ihre westlichen Nachbarn — zu Tausenden, in deren Land! Mit aller oft gegenseitigen Abneigung.

Unsere Begrüßungskultur schlägt jedoch langsam um. Nicht nur unsere östlichen (inzwischen nennen wir sie nicht mehr Nachbarn, sondern:) Mitbürger, auch im Westen unseres Landes melden sich, gefragt oder meist ungefragt, aber fast immer hasserfüllt, immer mehr Menschen, denen unsere Willkommenskultur zu viel wird. Dass dies häufig Menschen sind, denen unsere „Begrüßungskultur“ noch im vorigen, aber auch in diesem Jahrhundert durchaus willkommen, sozusagen mindestens „begrüßenswert“ war, ist durch deren Argumentation augenfällig, ebenso deren Herkunft (siehe den Absatz vorher). Man mochte und möchte zwar schon immer gern Menschen in deren Ländern überfallen bzw. besuchen, doch wenn diese zu uns kommen, noch dazu in Massen und dauerhaft …

Der derzeitige Umschlag unserer Begrüßungskultur, sofern denn eine (aufrichtige!) überhaupt stattgefunden hat (das mag spätestens jetzt bezweifelt werden), ist dem Verhalten einiger derjenigen geschuldet, die in den Genuss unserer Willkommenskultur kamen, indem sie vor den Auswirkungen auch unserer Begrüßungskultur (Technik und Waffen, siehe weiter oben!) geflohen sind. Ein Teil von ihnen bringt nämlich eine Art eigene Begrüßungskultur mit, die da heißt: Meine eigene Kultur und damit meine Religion gelten auch hier, im fremden Lande!

Wohin das führt, müssten angesichts unserer Geschichte (und oftmals auch der der Flüchtlinge) eigentlich alle wissen. Nur leider ist es so, dass gerade viele unserer „eigenen“ Ablehnungsschreier das vergessen zu haben scheinen. Und unsere „Gäste“ es nicht wissen (können). Hier tut Aufklärung not, Bildung. Und die sollte sich keineswegs nur an Letztere richten, sondern auch und gerade an unsere rechtspopulistischen bis stramm rechten Hassprediger!

Der Gedanke an sogenannte „Parallelgesellschaften“, die sich etwa in Form von Zwangsheiraten, Unterdrückung von Frauen, einer eigenen Justiz usw. äußert, macht vielen zurecht Angst. Sie sind abzulehnen, ohne Wenn und Aber! Punkt und Ausrufezeichen! Angst macht vielen aber genauso, wenn rechtspopulistische bis stramm rechte Hassprediger sich plötzlich für Frauenrechte breitmachen, denen sie bislang mindestens schnurzpiepegal waren. Wir erinnern uns: Frauen wurden noch im letzten Jahrhundert gern als Gebärmaschinen für die Rekrutierung von möglichst männlichem Nachschub an Trägern unserer Begrüßungskultur gebraucht. Vor nicht allzu langer Zeit noch sollten Frauen mittels der sogenannten „Herdprämie“ von einer Verwirklichung im Berufsleben abgehalten und zurück zu den drei Ks (Kinder, Küche, Kirche) geführt werden, was im Grunde eine Fortsetzung der früheren Idee darstellt. Übles Sexualverhalten und Sexismus gab und gibt es jeden Tag, und beileibe nicht nur von „arabisch aussehenden Männern“! Hat sich früher einmal jemand von den rechten Demagogen dazu gemeldet? Nein, nie!

Die jetzt gern geforderten Verschärfungen des Asylrechts, gar dessen Abschaffung, Zuwanderungsgrenzen, Grenzschließungen, Ausweisungen usw. sind nicht nur verfassungswidrig, sondern auch schwer bis unmöglich umzusetzen. Aus gutem Grund! Wer sich in diese Richtungen äußert, steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Daher ist ihnen mindestens genauso viel Misstrauen entgegenzubringen wie gegenüber jenen, die mit den Errungenschaften unserer Kultur, nämlich mit Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, gleichen Rechten für Männer und Frauen usw. nichts anfangen können oder sie gar ablehnen!

Abzulehnen sich weiterhin (sexuell motivierte) Gewalt jeder Art, aber auch die vielerorts entstehenden Zusammenrottungen sich selbst so nennender „besorgter Bürger“ oder gar Bürgerwehren, die bereits dazu übergegangen sind, Jagd auf Ausländer machen, um angeblich „Volkes Wille“ durchzusetzen, oder zu Brandstiftung greifen. Sie sind nicht weit von den von ihnen selbst kritisierten Parallelgesellschaften mit einer eigenen Rechtsprechung entfernt!

Weitere Verweise

Kommentar von Anja Reschke: „Knicken wir jetzt ein?“, ARD-Sendung „Panorama“ vom 8. Januar 2016
Kommentar von Antonia Baum: „Die Angriffe von Köln: Wären sie nur nicht so dumm“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vom 10. Januar 2016
„Aus der Lebenswelt einer Frau“ auf Blogrebellen vom 11. Januar 2016
Ein Staat — Zwei Welten?“, Beitrag aus der ZDF-Sendung „Zoom“ vom 10. Dezember 2015 (28 Minuten, 54 Sekunden)
Hier: „Der Nazi in uns“, „Heimat“, „Schlechte Deutschkenntnisse“, „Sprachenkenntnisse“, „Das Leben hier ist nicht einfach!“ und die Einträge in der Kategorie „fremd“!)

Favorite Father Forgive

Von Versöhnung inmitten Zerstörung — Coventry und Propst Richard Howard

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Die Ruine der Kathedrale von Coventry zwei Tage nach den Luftangriffen vom 14./15. November 1940 (War Office official photographer, Taylor / Imperial War Museums)

Die mittelenglische Industriestadt Coventry war im Zweiten Weltkrieg Ziel mehrerer Angriffe der deutschen Luftwaffe. Dabei starben Hunderte von Menschen, fast die gesamte Stadt wurde zerstört. Auch die Kathedrale. Doch der Propst der Kirche Richard Howard setzte auf Versöhnung, noch während des Krieges. Seine Worte „Father forgive“, „Vater, vergib“, und der Akt der Vergebung wirken dort bis heute — und in alle Welt.

Coventry ist eine kleine, aber bedeutende Industriestadt etwa mitten in England. Ursprünglich siedelte sich die Tuchindustrie dort an, später kam die Uhrenproduktion und ab Mitte der 1880er-Jahre zunächst die von Fahrrädern, ab dem Beginn des neuen Jahrhunderts die von Motorrädern und Nutzfahrzeugen und ab den 1920er-Jahren die von Flugzeugmotoren hinzu. Wie schon im Ersten Weltkrieg, wurde auch im Zweiten die Industrie von der zivilen auf die militärische Produktion „umgerüstet“. Die damals rund 238 000 Einwohner (andere Zahlen sprechen von 320 000 oder mehr) mussten nach der Logik des Krieges damit rechnen, Ziel deutscher Luftangriffe zu werden.

Die „Operation Mondscheinsonate“ und weitere Luftangriffe

Nach mehreren kleineren Bombardements von Juli bis Oktober 1940 war Coventry am Abend des 14. November 1940 Ziel der mit dem zynischen Namen versehen „Operation Mondscheinsonate“ und damit des verheerendsten Angriffs. Im Licht des Vollmondes sollten besonders Fabriken und die Infrastruktur der Stadt getroffen werden, die Beschädigung von Wohngebieten und Kulturgütern wurde in Kauf genommen. Um 19.00 Uhr heulten die Sirenen, um 19.15 Uhr begann der Angriff, der in mehreren Wellen erfolgte. Dabei wurden zunächst die Strom-, Gas- und Wasserversorgung sowie das Telefonnetz schwer beschädigt, Straßen durch Krater unpassierbar gebombt und die Feuerwache zerstört, was, alles zusammengenommen, die Rettungs- und Löscharbeiten so gut wie unmöglich machte. Bald brannte es in beinahe jeder Straße.

Gegen 20.00 Uhr stand auch die mittelalterliche (St Michael’s) Kathedrale von Coventry in Flammen. Zunächst gelang es der Feuerwehr, das erste Feuer zu löschen, doch spätere Treffer und der ausbrechende Feuersturm entfachten es erneut. Die Sandsteinwände glühten rot, flüssig gewordenes Blei, mit dem auch viele Dächer in der Stadt gedeckt waren, behinderte die Löscharbeiten nicht nur hier. Währenddessen sollen die Glocken des Glockenturms, der unbeschädigt blieb, unbeirrt geläutet haben. Um Mitternacht erreichte der Bombenangriff seinen Höhepunkt, um 6.15 Uhr am nächsten Morgen signalisierten die Sirenen Entwarnung.

Bei dem Angriff, während dem die Luftwaffe insgesamt etwa 500 Tonnen Sprengbomben, 50 Luftminen und 36 000 Brandbomben abwarf, kamen mindestens 568 Menschen ums Leben, mehr als 1000 wurden verletzt. Viele Menschen konnten unter den völlig zerstörten Häusern nicht geborgen werden. Es wurden etwa drei Viertel der Industrieanlagen, die unglücklicherweise zwischen den Wohngebäuden standen, zerstört, im Stadtzentrum blieb kaum ein Gebäude unbeschädigt: 60 000 wurden bei dem Angriff getroffen, davon 41 500 Privathäuser. Ebenfalls getroffen oder zerstört wurden zwei Krankenhäuser, zwei Kirchen und eine Polizeistation. Die Kathedrale von Coventry wurde bis auf den Westturm und die äußeren Wände zerstört. Es war der erste Angriff in der modernen Kriegsgeschichte, mit dem die komplette Auslöschung einer Stadt und die bewusste Tötung von Zivilisten in Kauf genommen wurde. Ziel war es, neben der Zerstörung der Industrie, die überlebende Bevölkerung und damit auch den Rest des Landes zu demoralisieren. Der Feuerschein der brennenden Stadt soll bis an die Kanalküste zu sehen gewesen sein.

Doch dieser verheerende Schlag sollte nicht der einzige Luftangriff auf die Stadt bleiben: In den Nächten vom 8. zum 9. und vom 10. zum 11. April 1941 sowie am 3. August 1942 folgten weitere. Insgesamt starben bei allen Luftschlägen auf Coventry mehr als 1200 Menschen, die meisten Todesopfer aller deutschen Luftangriffe in England.

A wrecked bus stands among a scene of devastation in the centre of Coventry after the major Luftwaffe air raid on the night of 14-15 November 1940. H5593

Ein zerstörter Linienbus im nach den Luftangriffen vom 14./15 November 1940 zerstörten Zentrum von Coventry (War Office official photographer, Taylor / Imperial War Musuems)

Propst Richard Howard: FATHER FORGIVE

Schon wenige Tage nach dem Angriff vom 14. auf den 15. November, dem (Coventry) Blitz, der englischen Bezeichnung, soll sich der Propst der Kathedrale Richard Howard einen Scheit verkohlten Holzes genommen und damit FATHER FORGIVE (nach „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“, Lukas 23, Vers 34, Jesu Worte am Kreuz) auf die verbliebene Wand hinter dem Altar gemalt haben, später ließ er die Worte dort einmeißeln und aus den verkohlten Dachbalken ein Holzkreuz und aus drei Zimmermannsnägeln ein Nagelkreuz herstellen.

Während in Deutschland die Worte „coventrieren“ oder „coventrisieren“ vermutlich von Joseph Goebbels geprägt wurden und ihren Platz in einer Reihe von NS-Euphemismen erhielten, war der Versöhnungsgedanke von Propst Richard Howard noch nicht beendet. Als er von der BBC die Einladung erhielt, Weihnachten 1940 eine Radioansprache inmitten der Ruinen zu halten, nutzte er die Gelegenheit, um noch während des Krieges für eine Versöhnung mit dem Feind für die Zeit nach dem Krieg und für eine bessere, „dem Christkind ähnlichere Welt“ zu werben:

What we want to tell the world is this: that Christ born again in our hearts today, we are trying, hard as it may be, to banish all thoughts of revenge […] We are going to try to make a kinder, simpler, a more Christ-Child-like sort of world in the days beyond this strife […]

(zitiert nach Coventry City Council: Father Forgive. Coventry’s stories of peace and reconciliation)

Die Predigt und Bilder der zerstörten Kirche wurden in die ganze Welt gesendet und zu einem Symbol der Aggression der Nazis.

Nach dem Krieg: der Beginn der Versöhnungsarbeit

Bald nach dem Krieg begann Richard Howard, seine Botschaft umzusetzen: Er gründete Städtepartnerschaften mit Kiel und dem ähnlich getroffenen Dresden, in den Ruinen der Kathedrale und im 1956 begonnenen und 1962 abgeschlossenen Neubau entstand ein Ort der Versöhnung. Seit 2011 besitzt die Kathedrale von Coventry auch den „offiziellen“ Status als Versöhnungszentrum und als Ort des Gedenkens an alle Opfer von Kriegen, nicht nur der vergangenen. Auch Flüchtlinge, Opfer von Vergewaltigungen und Landminen, Kindersoldaten und Umweltschäden durch Kriege usw. sind Themen einer Dauerausstellung und während der jährlichen Gedenkveranstaltungen im November.

Das alte Holzkreuz ist heute noch in der neuen Kathedrale zu sehen, ein Duplikat im Altarraum der Ruine der alten, das inzwischen als „Nagelkreuz von Coventry“ bekannte Kreuz der alten Kathedrale befindet sich heute im Neubau. Ein weiteres Nagelkreuz wurde 1988 als Zeichen der Versöhnung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin gespendet, die ebenfalls durch Luftangriffe zerstört worden war und wegen der architektonischen Konzeption (Erhaltung als Ruine und benachbarter Neubau) als „Schwesterkirche“ der Kathedrale von Coventry angesehen werden kann. Auch St. Nikolai in Kiel (schon 1947) und die Frauenkirche in Dresden (2005) erhielten Kopien. Heute befinden sich auf der ganzen Welt sogenannte „Nagelkreuzgemeinden“ oder -zentren, beispielsweise in Hamburg, wo die ehemalige, durch alliierte Bombardements zerstörte Hauptkirche St. Nikolai zum Mahnmal St. Nikolai und „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945“ (um)gewidmet wurde.

FATHER FORGIVE und die Versöhnung heute

Coventry Cathedral burnt cross

Das Holzkreuz aus den zerstörten Dachbalken in der Ruine der Kathedrale. Auf der stehen gebliebenen Außenwand hinter dem Altar ist immer noch FATHER FORGIVE zu lesen. (sannse / Wikimedia Commons)

Aus einem höllischen Inferno und einer Zeit tiefsten (und berechtigten!) Deutschenhasses kam damals eine der tiefsten und christlichsten Vergebungsbotschaften, die Großbritannien je gehört hat, und die versöhnlichen Taten und der Glaube eines einzelnen Menschen, des Propstes Richard Howard, wirken bis heute auch außerhalb des Landes. In diesem Jahr wurde der 75. Jahrestag des Bombardements von Coventry begangen. FATHER FORGIVE, diese Worte sind noch heute hinter dem Altar der Ruine zu lesen. Und am Ende dieses Artikels der Text des im Jahr 1959 formulierte Versöhnungsgebet von Coventry, das an jedem Freitagmittag um 12.00 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry gebetet wird:

„Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ [aus Römer 3, Vers 23]
Darum beten wir:
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse, Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist, Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet, Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen, Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge, Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht, Vater, vergib.
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott, Vater, vergib.
„Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.“ [aus Epheser 4, Vers 32]
AMEN

(offzielle deutsche Übersetzung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.)

In diesem Sinn wünscht der Autor allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!

Verweise zum Thema

Coventry Cathedral
CWN – News & Information for Coventry & Warwickshire: The Coventry Blitz
BBC News: The Coventry Blitz: ‘Hysteria, terror and neurosis’ vom 13. November 2015, eine äußerst informative Multimedia-Seite des Senders
Blitz. The Bombing of Coventry November 1940 auf YouTube (A Timewatch Special, 58 Minuten, 14 Sekunden)
Ronalds Notizen: „Weihnachtsfrieden“ über ein Wunder im Ersten Weltkrieg
Ronalds Notizen: „The Night before Christmas“ über den Umgang mit Fremden
Ronalds Notizen: „Straßen mit Liebe gefüllt“ über das Festhalten am eingeschlagenen Weg nach einer Bedrohung
Ronalds Notizen: „Vergebliche Liebesmüh’“ über ein Museum, das zum Teil auch Kriegserlebnisse darstellt

Wärmeabschläge, die -zuschläge sind

Die oft seltsamen Berechnungen der Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

Die Wege der Berechnung der Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts sind oft undurchsichtig. So auch beim Autor. Er erhält nämlich ab dem kommenden Jahr „Wärmeabschläge“ — gemeint sind Wärmezuschläge —, und das in Monaten, in denen gar nicht geheizt wird!

Wie die Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts berechnet werden, ist oft undurchsichtig. Und manchmal gibt es Abstriche, die eine(n) den Kopf schütteln oder gar die Faust ballen lassen. So etwa im Falle einer guten Freundin: Ihr noch nicht volljähriger Sohn verdiente sich etwas Taschengeld mit dem Austragen von kostenlosen Zeitungen hinzu — wer will es ihm verdenken, wenn seine Mutter mit den spärlichen Leistungen auskommen und auch er ständige Einschränkungen erfahren muss. Doch was tat das zuständige Jobcenter? Diesen „Verdienst“, der zudem mit etwa 150 Euro noch unterhalb der Bemessungsgrenze für zulässiges Nebeneinkommen liegt, auf ihre Leistungen anrechnen!

Ein Ofen (Microsoft Clip Art)

Wärmezuschläge für das Heizen im August? Die Berechnungen der Jobcenter sind oft unergründlich! (Microsoft Clip Art)

Aber auch ich wundere mich über meinen neuen Bescheid der „Bewilligung der Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“. Dieser teilt mir nämlich mit, dass ich im kommenden Jahr keine monatlich einheitlichen Beträge mehr erhalte, was mich natürlich stutzig machte. Bei genauerer Betrachtung des diesmal immerhin elfseitigen Bescheids fällt auf: Ich erhalte ab dem kommenden Jahr sogenannte „Wärmeabschläge“, womit eigentlich und praktisch Wärmezuschläge gemeint sind, denn in verschiedenen Monaten erhöht sich der Regelbedarf plus der Bedarf für Unterkunft und Heizung um sechs Euro pro Monat. Diese Wärmeabschläge hängen mit der Jahresabrechnung meines Strom- und Gasanbieters zusammen, nur wie, das erschließt sich mir nicht.

Denn die noch genauere Betrachtung des Bescheids verwirrt umso mehr: Von Januar bis April entfallen diese Wärmeabschläge, im Mai kommt ein Wärmeabschlag hinzu, wird also zu einem Wärmezuschlag, in den Monaten Juni und Juli finden wieder die Wärmeabschläge Anwendung, im August gibt es wieder sechs Euro mehr und von September bis Dezember entfallen sie wieder.

Fällt Ihnen etwas auf?

Diese mal Wärmeabschläge, mal eigentlich Wärmezuschläge, folgen keinerlei logischen Regeln! Anstatt dass in der Heizperiode von Oktober bis April die Wärmeabschläge, die ja Wärmezuschläge darstellen, zur Anwendung kommen, sind das die Monate Mai und August. August! Üblicherweise einer der heißesten Monate des Jahres! Und der Mai war die letzten Jahre, soweit ich mich erinnere, keineswegs so, dass man den Ofen auf Hochtouren hätte bringen müssen.

Aber wahrscheinlich ist das mit den Wärmeabschlägen so gemeint, dass ich mir im August drei oder vier Eisbällchen mehr kaufen kann, denn ob sechs Euro mehr im Monat die gewünschte Wärme tatsächlich herbeiführten, würden sie in der Heizperiode gezahlt, wäre sehr fraglich. Also vielen Dank für das Eis!

(Siehe hier beispielsweise auch „Fördern und Fordern“, „Almosen“, „Soziokulturelles Leben mit Arbeitslosengeld II“ und „Kleines Hartzgedicht“!)

The Night before Christmas

Ein wunderbarer Kurzfilm zu Weihnachten — und ein Ohrwurm!

Festliche Weihnachts-Lichterketten, ein geschmückter und beleuchteter Weihnachtsbaum im Garten, ein Kaminfeuer drinnen im Haus und ein weiterer geschmückter Weihnachtsbaum mit aufwändig verpackten Geschenken, ein weihnachtlich dekoriertes Wohnzimmer, ein Umschlag mit der Aufschrift „Dear Santa“, während eine wunderschöne, auf einem Klavier eingespielte Melodie den Film nicht nur begleitet: The Night before Christmas, die Nacht vor dem Fest!

Doch plötzlich: Die Melodie wird ins Bedrohliche, Düstere, Unheimliche variiert, eine schwarz-behandschuhte Hand öffnet die Haustür von außen, ein Fremder unter einer dunklen Kapuze schleicht ins Haus …

Mehr soll hier nicht verraten werden über den wunderbaren Kurzfilm (5 Minuten, 8 Sekunden) „The Night before Christmas“ von DC Kasundra (nur, dass es bei dem Fremden nicht um den Nikolaus handelt), der ohne Worte, nur mit dem musikalischen Thema auskommt und zeigt — nun, das soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden, schauen sie selbst!


 
Wem danach die Melodie nicht mehr aus den Ohren geht: Das Lied ist ursprünglich ein uraltes ukrainisches Neujahrs-Volkslied mit dem Titel „Shchedryk“ (Щедрик, gesprochen schtschedrik), das von einer Schwalbe handelt, die in ein Haus fliegt, um den Menschen darin ein reiches neues Jahr zu verkünden. Ihm werden magische Kräfte zugeschrieben.

Besonders in den USA und in Kanada ist es seit den 1920er-Jahren als „Carol of the Bells” oder auch „The Bell Carol“ als Weihnachtslied bekannt und mit einem völlig anderen Text versehen worden, der auf die slawische Legende zurückgeht, dass um Mitternacht des Tages, als Jesus geboren wurde, alle Glocken auf der Erde von selbst anfingen zu läuten. Für „The Night before Christmas“ wurde die Melodie von Gene Hodsdon neu arrangiert. Wer sie noch einmal hören möchte, findet „Carol of the Bells“ von David Hicken als Pianosolo eingespielt, und das ursprüngliche Lied mit ukrainischem Text findet sich bei „Shchedryk (Carol of the Bells)“ vom Bel Canto Choir Vilnius, alle auf YouTube.

In diesem tieferen Sinn des Kurzfilms „The Night before Christmas“ und natürlich auch der verschiedenen Versionen des Lieds wünscht der Autor und Betreiber dieser Notizen allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest und schon einmal ein glückliches neues Jahr! Und denken Sie daran: Sie sind (mit all dem, was Sie besitzen,) nicht allein!

(Siehe die ausführlichen, aber englischen Informationen zu „Shchedryk“ bei Mykola Leontovych und Peter J. Wilhousky mit weiteren kurzen Hörbeispielen des Lieds aus verschiedenen Ländern und hier beispielsweise auch „Weihnachtszeit“, „O Tannebaum“ und „Weihnachtsfrieden“!)

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scheis auslender

scheis auslender, kommentiert Maik auf Facebook, wen das mer werden,wird hir balt kein deutsch mer gesprochen !!!!

(Siehe hier beispielsweise auch „Verdammte Lügenpresse!“, „Flüchtlinge: Ende der Flüchtlingskrise“, „Schlechte Deutschkenntnisse“, „Ausländer“ und „Wohin korrekte Grammatik führt“!)

Der Kampf um Hitlers „Mein Kampf“

Nach Ablauf des Urheberrechts: (kommentierte) Neuauflage oder nicht?

Am 31. Dezember 2015 laufen die Urheberrechte an Hitlers „Mein Kampf“ aus, die bis dahin der Freistaat Bayern innehat. Bislang hatte dieser jeglichen Neudruck verweigert. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte plant für Anfang Januar 2016 eine wissenschaftlich-kommentierte Neuausgabe des berüchtigten Buches. Sinnvoll oder nicht?

Wie generell bei allen Publikationen 70 Jahre nach dem Tod ihres Autors, verfallen auch bei Hitlers „Mein Kampf“ die Urheberrechte nach Ablauf der Regelschutzfrist von 70 Jahren. In diesem Fall am 31. Dezember 2015. Rein urheberrechtlich dürfte es also ab dann jeder drucken und zu Geld machen. Dies will das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit einer kommentierten Neuausgabe verhindern..

Seit der Gründung des IfZ Anfang der 1950er-Jahre in München lagern dort Hitlers und des Franz-Eher-Verlags (Franz Eher Nachf. Verlag, des Zentralverlags der NSDAP) Nachlass und machen es zur größten und ältesten deutschen Forschungseinrichtung über die NS-Zeit. Schon seit 2007 bestehen Gedanken über eine historisch-kritische Ausgabe, und im Juli 2009 kündigte das Institut an, auch ohne Genehmigung der bayerischen Regierung mit den vorbereitenden Arbeiten für eine wissenschaftliche Edition zu beginnen. Im April 2012 versprach jene jedoch, sie mit 500 000 Euro unterstützen zu wollen. Nach einem Besuch in Israel nahm Ministerpräsident Horst Seehofer im Dezember 2013 diese Entscheidung aber wieder zurück, obwohl seit dem Sommer 2012 bereits sechs Historiker mit zeitweise über 60 Hilfskräften an dem Projekt arbeiteten. Zur Begründung wurden Gespräche mit Holocaust-Opfern und deren Angehörigen genannt, die gezeigt hätten, dass ein wie auch immer gearteter Nachdruck großen Schmerz auslösen würde und dass aus Respekt vor diesem Leid eine wissenschaftliche Edition im Auftrag des Freistaats Bayern nicht gedruckt werden solle.

Zur Geschichte von „Mein Kampf“

Erstausgabe von Mein Kampf

Die Erstausgabe von „Mein Kampf“, Juli 1925, ausgestellt im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Anton Huttenlocher/Wikimedia Commons)

Nach einem missglückten Putschversuch, der alle Zutaten für eine Schmierenkomödie hätte, wären nicht mehrere Menschen dabei getötet worden, wurde Adolf Hitler im Februar 1924 wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft und zu einer Geldbuße in Höhe von 200 Goldmark verurteilt. Während seiner Haft begann er mit der Niederschrift von „Mein Kampf“, auch aus kommerziellem Interesse, weil er dringend Geld brauchte. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Dezember 1924 wurde die Niederschrift mit dem zweiten Teil fortgesetzt, bis schließlich im Juli 1925 der erste und im Dezember 1926 der zweite Band in einer Erstauflage von je 10 000 Exemplaren erschienen. 1933 wurde zusätzlich eine Ausgabe in Blindenschrift herausgegeben. Erst, nachdem ab 1930 eine einbändige „Volksausgabe“ erschien und diese ab 1936 von vielen Standesämtern deutschen Brautpaaren anstatt der Bibel geschenkt wurde, stieg die Auflage schlagartig an: bis 1939 auf 5,45 Millionen und bis 1944 auf 10,9 Millionen. Insgesamt sollen davon bis 1945 12 Millionen oder sogar mehr Exemplare (darüber gibt es unterschiedliche Zahlen) gedruckt worden sein.

Bis 1945 erschienen mehrere Übersetzungen, darunter ins Französische. Obwohl Hitler selbst dafür alle frankophoben Passagen gestrichen hatte, überwog in Frankreich das Misstrauen, sodass dort 1939 eine unautorisierte, weil ungekürzte französische Übersetzung erschien, worauf man sich empört über Hitlers frankophobes Gedankengut zeigte — und wogegen Hitler als Privatmann erfolgreich klagte. Laut einer Dokumentation des Senders Arte vom 15. Dezember 2015 hätte übrigens Hitler das Buch nicht geschrieben, wenn er während der Niederschrift schon gewusst hätte, dass er eines Tages zum Reichskanzler gewählt werden würde. Und das Schandwerk wurde in Folge kaum lektoriert. Beim Stil hätten sich die Lektoren des Franz-Eher-Verlags mitunter durchgesetzt, politische Themen wie Frankreich als Erbfeind, der Plan eines Eroberungskrieges gegen Russland und der radikale Antisemitismus seien jedoch unangetastet geblieben. Besonders der ideologische Kern, also sein Judenhass, seine Lebensraum-Ideologie und die antidemokratische Einstellung, sind es, die bis heute als die anrüchigsten Themen von „Mein Kampf“ gelten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 setzten die Alliierten den Freistaat Bayern zum Erbverwalter Hitlers und des NSDAP-Parteiverlags ein, da der Diktator bis zu seinem Tod am Prinzregentenplatz 16 in München gemeldet war. Bayern kämpft seither weltweit mit allen juristischen Mitteln gegen Neudrucke des volksverhetzenden Werkes. Doch oft vergeblich: In Kroatien, Russland, sogar in Indien und im arabischen Raum erschienen Neuauflagen, die mitunter zu regelrechten Kassenschlagern mit mehreren zehntausend verkauften Exemplaren wurden. Auch ins Hebräische wurde es übersetzt. Im Internet ist „Mein Kampf“ in mehreren Sprachen vertreten (man gebe einfach „mein kampf kaufen“ in eine beliebige Suchmaschine ein!), und der spanische iTunes Store bot seit November 2009 eine Übersetzung unter dem Titel „Mi Lucha“ zum Verkauf an. Die Ausgabe war mit einem Hakenkreuz als Umschlagbild versehen — und mit einer Altersfreigabe ab neun Jahren!

In den USA darf es ganz legal verkauft werden, wie dort auch das Zeigen von Hakenkreuzen und des sogenannten „Hitlergrußes“ nicht strafbar sind. Doch nicht nur das: In Großbritannien und den USA darf das Buch sogar weiterhin gedruckt werden, weil der Eher-Verlag in den 1930er-Jahren die englischsprachigen Rechte verkaufte, worauf sich der heutige Herausgeber Random House beruft! (Dass sich Random House übrigens pikanterweise im Besitz der deutschen Bertelsmann SE & Co. KGaA befindet und somit ein Fall für das bayerische Finanzministerium wäre, an das die Verwaltung von Hitlers Nachlass und damit auch von „Mein Kampf“ übergeben wurde, aber nichts gegen Bertelsmann unternahm, sei hier nebenbei bemerkt.) Und 2005 wurde in Aserbaidschan ein Strafverfahren gegen den Verleger der aserbaidschanischen Ausgabe des Buches eingestellt, da es in Aserbaidschan kein Gesetz gibt, das den Druck von „Mein Kampf“ verbietet.

In Deutschland blieb das Werk jedoch verboten, ein Urteil allerdings, das der Bundesgerichtshof 1979 aufhob: Das Buch sei älter als die Bundesrepublik und könne sich daher als „vorkonstitutionelle“ Schrift nicht gegen ihre Verfassungs- und Rechtsordnung richten. Auch ein Angebot antiquarischer Exemplare zum Kauf ist nicht nach § 86a StGB (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) strafbar, selbst wenn auf dem Einband ein Hakenkreuz abgebildet ist, denn das Buch diene „heute in erster Linie als Mittel der Unterrichtung über Wesen und Programm des Nationalsozialismus“, sodass der Band auch in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild angeboten werden darf (Bundesgerichtshof, Az.: 3 StR 182/79 (S) vom 25. Juli 1979). Lediglich der Neudruck des Buches bleibt nach dem Urheberrecht weiter unzulässig — aber eben nur noch bis zum 31. Dezember 2015!

Der originale Bleisatz von „Mein Kampf“ soll übrigens von einem amerikanischen Soldaten in einem symbolischen Akt dem Feuer übergeben worden sein, aus dessen Schmelze am 6. Oktober 1945 angeblich die ersten Druckplatten der Süddeutschen Zeitung gegossen wurden.

Die Neuauflage von „Mein Kampf“

Bereits 1959 forderte Theodor Heuss, der erste deutsche Bundespräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, eine wissenschaftlich-kritische Neuausgabe als warnendes Beispiel für alle Deutschen und als Mittel gegen eine Renaissance hitlerischer Vorstellungen. Damals gab es allerdings gute Gründe dagegen: Zu frisch war die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, zu groß die Gefahr einer durch alte und neue Nazis zum Kult erhobenen Ausgabe und zu wichtig ein symbolisches Verbot.

Vermutlich würde um „Mein Kampf“ heutzutage keinerlei Aufhebens mehr gemacht, wäre dessen Autor nicht 1933 zum Reichskanzler und später zum Diktator mit all seinen bekannten Folgen aufgestiegen. Erst die Umsetzung der radikalen, menschenverachtenden und kriegstreiberischen Ideen machte es zu einem gefährlichen Buch. Deshalb greift die kommentierte Ausgabe zu einem Mittel, das bei Texteditionen selten ist: Sie verweist darauf, was aus den hetzerischen Passagen während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde, zum Beispiel, wie aus Hitlers Phrasen zur Eugenik nach 1933 ein Euthanasieprogramm zur Tötung geistig und körperlich Behinderter entstand. Sie erklärt, wo die Ursprünge der Rassentheorie liegen, und entlarvt Punkte von Hitlers Argumentation gegen die Weimarer Republik als reine Mythen. Vor allem aber sollen die wissenschaftlichen Anmerkungen und Ergebnisse der Forschung dem Originaltext auf Augenhöhe begegnen und nicht etwa in Fußnoten verschwinden. Deshalb werden die Erläuterungen in der kommentierten Ausgabe anders gedruckt werden als der Originaltext.

Der Münchner Historiker und Leiter des Projekts Christian Hartmann glaubt nicht, dass jemand, der das Buch heute liest, dadurch zum Nazi wird. „Wir wissen, dass die Öffentlichkeit großes Interesse an ‚Mein Kampf‘ hat. Schlimm wäre es nur, wenn im Januar tatsächlich jemand „Mein Kampf‘ als billiges Taschenbuch veröffentlicht und Hitler plötzlich in den Bestsellerlisten auftaucht. Der Gedanke, dass jemand mit diesem Buch Geld verdient, macht mich wütend“, sagte er in einem Gespräch mit dem Magazin Nr. 25/2015 der Süddeutschen Zeitung.

Nun sieht es so aus, als käme Heuss’ Idee endlich zur Ausführung.

Weitere Verweise

„Mein Kampf“ in der Wikipedia (siehe dort besonders den Absatz „Rezeption“ und da den Zeitraum ab 1945),
„Mein Kampf“ in der Metapedia (siehe dort besonders den Abschnitt „Rechtslage heute“),
SWR 2: „Die wissenschaftlich kommentierte Neuausgabe: Hitlers ‚Mein Kampf‘“ vom 15. Dezember 2015,
Handelsblatt: „Nazi-Zeit im Unterricht: Hitlers ‚Mein Kampf‘ soll an Schulen eingesetzt werden“ vom 18. Dezember 2015,
Themenseite „Hitlers ‚Mein Kampf‘: Er ist wieder da“ im Bayerischen Rundfunk mit vielen weiteren Verweisen,
Jüdische Allgemeine: „Hitler mit Fußnoten“, ein Kommentar vom 3. Mai 2012.
Siehe hier beispielsweise auch „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (12)“ und „Der Nazi in uns“!