„Kreative“ retten die Wirtschaft!

Mai 5th, 2012

Man höre und staune: Werber, Pardon: „Kreative“, treten an, um unsere Wirtschaft zu retten:

Kreativität rückt mehr und mehr in den Fokus der Unternehmen. Schon jetzt liefern Kreative Antworten auf drängende Fragen unserer Gesellschaft. Sie entwickeln neue Geschäftsmodelle, begeistern Menschen mit ihren Ideen und liefern neue Methoden, wo alte Prinzipien an ihre Grenzen stoßen.

Hört, hört, das hätte man diesen Werbefuzzis, Pardon: „Kreativen“, gar nicht zugetraut!

Stefan Scheer, Präsidiumsmitglied des Art Directors Club für Deutschland (ADC) e. V. und „Creative Director“ der Agentur Scheer nach dem Artikel „Vorboten einer neuen Ökonomie“ im IHK WirtschaftsForum [sic!], Heft 05.12, Seite 30, weiter: Während des ADC-Festivals vom 9. bis 13. Mai 2012 in Frankfurt am Main, das unter dem Motto „Ideen sind das Geld von morgen. Kreative als Vorboten einer neuen Ökonomie“ (!), stattfindet, könne man sich „ein Bild davon machen, wie Kreative ihren Beitrag zu einer neuen Ökonomie leisten“.

Donnerwetter, wir sind gespannt! Und, so vollmundig und in maßloser Selbstüberschätzung sie wieder einmal tönen, erwarten wir, dass „Kreative“ kreative Beiträge zur sogenannten „Bankenkrise“ leisten, etwa in einer Imagekampagne zur Ehrenrettung der Bankenwelt, zumal die Deutsche Bank Partner des ADC ist:

Wir behandeln Ihr Geld wie unser eigenes! Ihre Bank

Oder für die Jobcenter:

Man lebt auch nur von Luft und Liebe! Wir kümmern uns, Ihre Jobcenter

Um den Konsum zu fördern und die Wirtschaftskrise zu bewältigen:

Kaufen Sie, solange sie noch können! Die deutsche Wirtschaft

Zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit:

Bei uns arbeiten nur die Besten! Gehören Sie dazu! Ihre Arbeitgeber

Und wir hoffen, dass wenigstens einer der Vorträge, die bei diesem Werbertreffen, Pardon: „Kreativentreffen“, gehalten werden, regen Zulauf findet (zitiert nach dem Programm): „‚Sinn statt Geld‘: Dr. David Bosshart erklärt, wie Kreative zu Gestaltern von Sinn, Bedeutung und Glück werden.“

Sinn statt Geld? Das muss es sein! Besser hätten wir es auch nicht ausdrücken können!

Aber hoffentlich geht dieser Schuss mal nicht nach hinten los, liebe „Kreative“, und, was eine Konsequenz aus diesem Vortrag sein könnte, ihr schafft euch selbst ab …

(Siehe auch „Reklame“ und „Der ADC und Schlingensief“!)

Einkaufsverhalten

April 23rd, 2012

Stencil shopping cart

Vom Missverhältnis zwischen dem Wert einer Küche und dem Lebensmitteleinkauf

Dass wir Deutsche diejenigen in Europa sind, die zwar am meisten für ihre Wohnungseinrichtungen und besonders für die Küche ausgeben, aber am wenigsten von allen Europäern für den Kauf von Lebensmitteln, dürfte bekannt sein. Welch ein geradezu lächerliches Missverhältnis, noch zumal, wenn man das Einkaufsverhalten so mancher Leute verfolgt!

Es sind im Supermarkt immer wieder Leute zu beobachten, die alles, was irgendwie eingeschweißt und fest verpackt ist, also etwa Käse, Wurst, Fleisch, aus dem Regal oder der Kühltruhe nehmen und in den Einkaufswagen werfen — manchmal locker aus dem Handgelenk, wie man eine Frisbeescheibe wirft, manchmal von oben herab, aber immer lustlos, lieblos, als ob Lebensmittel etwas wären, was man notgedrungen, aber ungern einkaufen muss.

Man möchte von diesen Leuten nicht zum Essen eingeladen werden, weil man befürchten muss, dass auch die Mahlzeit ebenso lust- und lieblos zubereitet wird, und kann sich ihre Küchen gut vorstellen: vollgestopft mit allem technischen Schnickschnack inklusive Mikrowelle! Dann sehnt man sich in die alte Küche irgendeines Italieners, Spaniers oder Portugiesen, der seine Lebensmittel nicht abgepackt gekauft hat, sie liebevoll behandelt, weil Essen mehr ist als Nahrungsaufnahme, und weiß, dass das Mahl bei ihm schmeckt, so einfach es auch sein mag.

Und man fragt sich, warum Koch-Shows im deutschen Fernsehen so beliebt wie zahlreich sind …

Der Saal

April 22nd, 2012

(Sommersonnenwende, zehnter Teil)

Eine seltsame Stimmung breitet sich in ihm aus, eine Art ruhiger Vorahnung, als hätte er das schon einmal erlebt. Auch die Atmosphäre im Raum ist ruhig, gedämpft, die Leute unterhalten sich ruhig, völlig aggressionslos. Emotionslos? Einige von ihnen sind seltsam angezogen, fast schon kostümiert, obwohl es bis zum Karneval noch lange hin ist: altertümliche Anzüge an einigen Männern und ebensolche, wenngleich leicht frivole Kleider an den Frauen, darunter auch Kleidungsstücke aus den 1950er- und 60er-Jahren. Er weiß wirklich nicht, wer von all den Leuten hier Partygäste sind und wer nicht, und „Marieluise“ ist zumindest in diesem Teil der Gaststätte nirgends zu sehen. So beschließt er, anstatt den Wirt nach der Party zu fragen, der sich ohnehin wieder dieser schönen rothaarigen Frau zugewandt hat, sein Glas zu nehmen und in Richtung des Saals zu schlendern.

Auf dem Gang dorthin kommt ihm eine Frau entgegen, die ihn mit einem Hallo grüßt, doch bevor er etwas erwidern kann, ist sie schon an ihm vorbei. Ihre Stimme erinnert ihn an jemand, doch ihr Aussehen kommt ihm völlig unbekannt vor. Er schaut ihr nach, doch sie ist schon um die Ecke in Richtung des Schankraums, aus dem er gerade kommt, verschwunden. Werde bestimmt später noch das Vergnügen haben, sie kennenzulernen, denkt er und geht weiter.

Je näher er dem Saal kommt, desto mehr erkennt er die Musik, die er die ganze Zeit schon im Hintergrund vernommen hatte: Es sind alles Musikstücke aus seiner Jugend, Endsechziger-Westcoast-Sound aus den USA, Siebzigerjahre-Rock der psychedelischen Art und Folk-Rock aus England, Krautrock, dazwischen aber auch Leichteres, was sich damals so Pop nannte. Als er ihn betritt, fühlt er sich auch noch durch die Lightshow mit diesen bunten, plasmaartigen Tropfen, die an eine der Wände projiziert wird, zurück in Zeiten, die lange vorbei sind. Der Raum ist sonst fast dunkel, nur ein paar vereinzelte Kerzen und eine altertümliche Stehlampe in einer Ecke versuchen ihn zu erhellen. Es sind nicht sehr viele Leute hier; manche bewegen sich langsam zur Musik, andere sitzen in sich versunken (träumend? Wartend?), nur wenige unterhalten sich. Nicht nur der Rauch von Zigaretten liegt in der Luft, und er kann nur mühsam einzelne Gesichter erkennen.

Als sich seine Augen an das dämmrige Licht gewöhnt haben, meint er sehen zu können, dass hier anscheinend ausschließlich Frauen anwesend sind. Und inzwischen haben sich die Blicke von wenigstens einigen von ihnen ihm zugewandt …

(Fortsetzung folgt.)

Benzinpreise

April 2nd, 2012

Abgase (Foto: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei)

Es gibt Themen, von denen ich nie gedacht hätte, sie hier einmal zu behandeln. Eins davon sind die Benzinpreise, über deren Höhe sich gerade wieder heftig aufgeregt wird.

Aber es gibt mir zu denken, wenn ich täglich irgendwo mindestens ein Kraftfahrzeug sehe, das mitunter minutenlang und bis zu länger als einer halben Stunde mit laufendem Motor steht, sei es, um zu telefonieren, sei es, um es warmlaufen zu lassen (ja, auch das gibt es noch immer!), sei es, um sich darin von der Freundin zu verabschieden, sei es, um etwas am Straßenrand einzukaufen, sei es, um etwas zu entladen, sei es, um darin auf jemanden zu warten, und zwar Fahrzeuge aller Klassen, Alter und Zustände.

Den Vogel schoss kürzlich abends ein Wagen mit polnischem Kennzeichen ab, der in einem Wohngebiet verschlossen und mit abgezogenem Zündschlüssel geparkt stand — mit laufendem Motor, vom Fahrer weit und breit keine Spur!

Solange ich stehende Autos mit laufendem Motor sehe, können die Benzinpreise einfach noch nicht hoch genug sein!

Holocaust

März 30th, 2012

Bundesarchiv Bild 183-R69919, KZ Auschwitz, Brillen

Ich kann das Wort nicht mehr hören: Holocaust.

Es wird seit dem gleichnamigen Film inzwischen ausschließlich verwendet, um etwas auszudrücken, wofür einem die Worte fehlen, fehlen sollten. Aber die Benutzung eines Fremdworts erscheint wie eine Ausflucht, eine Ersetzung, fast schon wie ein Euphemismus für das, was das Wort eigentlich bedeutet: „Tötung einer großen Anzahl von Menschen“. Es macht das Grauen darüber erträglich, anonymisiert quasi das Entsetzen, das sich beim Sprechen über diese „größte moralische und demographische Katastrophe in der modernen europäischen Geschichte“ (der Historiker Timothy Snyder) einstellt.

Warum benennen wir es nicht mit dem Wort, das „Holocaust“ am besten ersetzt? Nämlich schlicht und einfach mit „Massenmord“!